Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Nehmt diesen fest, es ist ein Taschendieb.«
Zwei von den Polizisten entführten den Blatternarbigen in die Tiefe des Hofes. Der dritte sagte zu Klim:
»Heute haben die Spitzbuben Feiertag!«
Jetzt trieb man einen Mann mit einem Album in den Hof. Er trampelte mit den Füßen, tippte den Soldaten mit einem Bleistift vor die Brust und schrie empört, mit fremdem Akzent:
»Du hast kein Recht!«
Er schrie in deutscher, französischer und rumänischer Sprache, aber der Polizist fächelte ihn von sich wie Rauch, streifte von seiner rechten Hand den neuen Handschuh und entfernte sich, eine Zigarette rauchend.
»Also gut!« radebrechte drohend der Mann und begann rasch mit dem Bleistift in sein Album zu schreiben, wobei er sich breitbeinig an die Wand lehnte.
Man trieb einen alten Mann auf den Hof, der rote Luftballons feilbot, ihre ungeheure Traube schaukelte über seinem Haupt. Der nächste war ein anständig gekleideter junger Mann, dessen Wange mit einem schwarzen Tuch verbunden war. In großer Verlegenheit lief er, ohne jemanden anzusehen, in den Hintergrund des Hofes und verschwand um eine Ecke. Klim hatte Verständnis für ihn, auch er war verlegen und kam sich an diesem Ort dumm vor. Er stand im Schatten, hinter einem Stapel Kisten mit Lampengläsern, und hörte dem trägen Geplauder der Polizisten und des Taschendiebes zu.
»Podolsk ist weit von uns entfernt«, erzählte seufzend der Taschendieb.
Sperlinge hüpften über den Hof, Tauben hockten auf den Fenstersimsen und blickten bald mit dem einen, bald mit dem anderen Fischauge gelangweilt hinunter.
In dieser Lage blieb Klim denn auch so lange, bis das feierliche Geläute zahlloser Glocken ertönte. Markerschütternd dröhnte das Hurra aus tausend Kehlen, durchdringend schmetterten Fanfaren, brüllten die Trompeten der Militärkapelle, rasselten die Trommeln, und unaufhörlich folgte sich das ohrenbetäubende Geheuclass="underline"
»Hurra!«
Als sich diese ganze Wut gelegt hatte, betrat der geckenhafte Gehilfe des Polizeihauptmanns, gefolgt von einem glattrasierten Mann mit dunkler Brille, den Hof, verlangte Klims Papiere und übergab sie dem Mann mit der Brille. Dieser überflog sie, nickte mit dem Kopf in der Richtung zum Tor und sagte trocken:
»Können gehen.«
»Ich – begreife nicht«, wollte Samgin protestieren. Aber der Mann mit der Brille drehte ihm den Rücken und sagte:
»Man hat Sie auch nicht darum gebeten, zu begreifen.«
Verletzt trat Klim auf die Straße hinaus, die Menge erfaßte ihn, riß ihn mit sich fort und trieb ihn nach kurzer Zeit geradewegs in Ljutows Arme.
Wladimir Petrowitsch Ljutow befand sich im Zustand hochgradiger Trunkenheit. Er bewegte sich in der unnatürlich strammen Haltung eines Soldaten vorwärts, schwankte aber hin und her, rempelte entgegenkommende Fußgänger an und belästigte die Frauen mit einem frechen Lächeln. Er ergriff Klims Arm, drückte ihn fest an seine Hüfte und sagte ziemlich laut:
»Gehen wir zu mir Mittag essen. Trinken wir. Man muß trinken, mein Lieber. Wir sind ernste Leute, wir haben die Pflicht, vier Fünftel unserer Seele zu vertrinken. Aus voller Seele zu leben wird einem in Rußland von allen streng verboten. Von allen – von der Polizei, von den Pfaffen, von den Lyrikern und Prosaisten. Wenn wir aber vier Fünftel versaufen, reicht der Rest aus, um pornographische Bilder zu sammeln und einander Zoten aus der russischen Geschichte zu erzählen. Da hast du unsere Aussichten fürs Leben.«
Ljutow war offensichtlich zu einem Skandal aufgelegt. Dies beunruhigte Klim sehr. Er versuchte, seinen Arm loszureißen, aber ohne Erfolg. Da zog er Ljutow in eine der Nebengassen der Twerskaja-Straße, Dort begegneten sie einer schnellen Mietsequipage. Doch als sie in dieser dahinflogen, sprach Ljutow, während er das dichte Gedränge der lebhaften, festlich geputzten Menschenmenge betrachtete, mit noch lauterer Stimme auf den blauen Rücken des Kutschers ein:
»Na, wir freuen uns, was? Empfangen den Gesalbten des Herrn? Er hat die anständigen Leute zum Rang von Idioten gesalbt, aber das macht nichts! Wir jauchzen. Da hast du's! Jauchze, Jesaja ...«
»Hör auf!« bat Klim leise und streng.
»Ein Jammer, Bruder! Schau hin: das russische Volk, der Träger Gottes, bewirtet sich mit Konfekt auf Kosten des Zaren. Ergreifend! Wie sie Konfekt lutschen, die Nachkommen des streitbaren Moskauer Volkes, desselben, das der Fahne Bolotnikows, Otrepjews, des Diebs Tuschinski und Kosma Minins folgte und später Michail Romanow zujubelte, das Stepan Rasin und Pugatschow Gefolgschaft leistete und bereit war, Bonaparte auf den Schild zu heben. Ein streitbares Volk! Nur für die Dekabristen und für die Männer des ersten März stritt es nicht!«
Klim sah auf den steinernen Rücken des Kutschers und fragte sich, ob der wohl diese betrunkene Rede höre? Aber der Kutscher wiegte sich sicher auf dem Bock und stieß warnende und tadelnde Rufe aus, wenn Leute über den Fahrdamm liefen.«
»Achtung! He! Achtung! Wohin rennst du, Bruder?«
Zu Hause erwarteten Ljutow Gäste: die Frau, die ihn in der Sommerfrische besucht hatte, und ein schöner, solide gekleideter blonder Herr mit einer Brille und einem kleinen Bärtchen.
»Kraft«, sagte er, während er Samgin überaus liebenswürdig die Hand drückte. Die Frau lächelte gezwungen und nannte den Namen von tausend russischen Frauen:
»Maria Iwanow.«
»Ich glaube, wir sind uns schon begegnet«, erinnerte Klim, aber sie antwortete ihm nicht.
Ljutow wurde mit einem Schlage nüchtern, sein Gesicht verfinsterte sich, und er lud seine Gäste nicht sehr höflich zu Tisch ein. Sie nahmen die Einladung an, worauf Ljutow noch nüchterner wurde. Klim, der zu erraten suchte, wer diese Menschen waren, studierte unauffällig den Blonden. Es war ein sehr wohlerzogener Mann. Von seinem bleichen, kühlen Gesicht verschwand fast niemals ein Lächeln, gleich liebenswürdig für Ljutow, das Dienstmädchen und den Aschenbecher. Beim Sprechen spannte er unter dem heller Schnurrbart seine sehr roten Lippen so einstudiert präzis, daß es schien, als bewegten sich sämtliche Härchen an seinen Schnurrbartspitzen im Takt. Dieses Lächeln hatte etwas Allumfangendes. Er schenkte es leutselig sowohl dem Messer wie dem Salz. Aber Samgin vermutete dahinter Verachtung für alles und alle. Der Mann aß wenig, trank maßvoll und sagte die gewöhnlichsten Dinge, von denen keine Spur im Gedächtnis zurückblieb. Er sagte, auf den Straßen sei eine Menge Menschen, die zahlreichen Flaggen trügen sehr zur Verschönerung der Stadt bei, und bemerkte ferner, daß die Bauern und Bäuerinnen aus den umliegenden Dörfern in Scharen zum Chodynka-Feld zögen. Er genierte anscheinend den Hausherrn sehr. Ljutow beantwortete sein ständiges Lächeln damit, daß er ebenfalls gezwungen und krampfhaft den Mund krümmte, war aber in der Unterhaltung mit ihm kurz angebunden und trocken. Die Frau sagte während des ganzen Mittagsmahl dreimaclass="underline" »Ich danke Ihnen« und zweimaclass="underline" »Danke!«. Hätte sie dabei nicht in ihrer sonderbaren Art gelächelt, so würde man gar nicht gemerkt haben, daß auch sie – wie andere Leute – ein Gesicht besaß.
Sobald man mit dem Essen fertig war, sprang Ljutow auf und fragte:
»Nun?«
»Bitte«, sagte der Blonde galant. Sie verließen im Gänsemarsch das Zimmer: voran der Hausherr, hinter ihm der Blonde, lautlos, als gleite sie über Eis hin, folgte die Frau.
»Ich bin gleich zurück«, versprach Ljutow und überließ ihn dem Nachdenken darüber, wie es möglich war, daß Ljutow mit einem Schlage nüchtern werden konnte. Spielte er wirklich nur geschickt den Betrunkenen? Und was veranlaßte ihn eigentlich, mit Revolutionären Umgang zu pflegen?