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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Und er zog energisch den Jüngling mit sich in die lärmerfüllten Straßen. Klim ging ebenfalls, auch Marakujew, der jedoch ein wenig ratlos lächelte.

In den Fenstern, auf den Balkons tauchte immer wieder das blinde Gipsgesicht des Zaren auf. Marakujew fand, der Zar sei stupsnäsig.

»Er ähnelt dem jungen Sokrates«, bemerkte Onkel Chrisanf.

Auf den Straßen patrouillierten besorgt nagelneue Polizisten, die bald die Maler, bald die Hausknechte anschrien. Auf hochgewachsenen Pferden sprengten ungewöhnlich große Reiter in Helm und Rüstung einher. Die einförmig runden Gesichter schienen aus Stein, die vom Kopf bis zu den Füßen gepanzerten Leiber erinnerten an Samoware. Die Beine der Reiter hingen wie etwas nicht zu ihnen Gehörendes zu beiden Seiten herab. Wolken von Straßenjungen begleiteten die bronzenen Kentauren und krähten unermüdlich ihr Hurra! Ohrenbetäubend schrien auch die Erwachsenen beim Anblick der geschniegelten Kavalleriegardisten: Ulanen und Husaren, die mit ebenso schreienden Farben bemalt waren wie das hölzerne Spielzeug der Heimarbeiter in der Sergius-Vorstadt.

Hurrarufe begrüßten vier götzenhaft unbewegliche Mongolen in Brokatgewändern. Sie saßen in einem Kabriolett und sahen einander aus geschlitzten Äuglein an. Einer von ihnen – er hatte aufgestülpte Nasenlöcher und einen offenen zahnlosen Mund – lächelte ein totes Lächeln. Sein gelbes Gesicht war wie aus Messing.

»Da sieh«, schärfte Onkel Chrisanf Diomidow wie einem kleinen Jungen ein, »ihre Vorfahren haben Moskau angezündet und gebrandschatzt, die Enkel aber neigen sich vor ihm.«

»Aber sie neigen sich ja gar nicht, sie sitzen da wie Eulen bei Tageslicht«, murmelte Diomidow, der struppig, schwarz von Kohlenruß und mit von Bronzepulver vergoldeten Händen neben ihm stand. Er hatte erst am Morgen seine Arbeit bei der Ausschmückung Moskaus beendet.

Mit besonders großem Jubel empfingen die Moskauer den Botschafter Frankreichs, der, umgeben von einer glänzenden Suite, zum »Berg der Anbetung« fuhr.

»Siehst du?« belehrte Onkel Chrisanf. »Franzosen. Auch die haben Moskau zerstört, in Brand gesteckt. Und nun ... Wir tragen Böses nicht nach ...«

Man begrüßte eine Gruppe englischer Offiziere. An der Spitze schritt, mit den Bewegungen eines Automaten, ein unnatürlich langer Mann mit einem Gesicht aus drei Knochen, einem weißen Tropenhelm auf dem langen Schädel und einer Menge Orden auf der schmalen und flachen Brust. »Ich liebe die Briten nicht«, sagte Onkel Chrisanf.

Der Oberpolizeimeister Wlassowski jagte vorüber. Er hielt sich am Gürtel seines Kutschers fest. Ihm folgte, unter Bedeckung, Großfürst Sergius, der Onkel des Zaren. Chrisanf und Diomidow entblößten die Köpfe. Auch Samgin hob unwillkürlich die Hand zur Mütze, doch Marakujew, der sich abgewandt hatte, tadelte Chrisanf: »Schämen Sie sich nicht, einen Homosexuellen zu grüßen?«

»Hurra!« schrien die Moskauer. »Hurra!« Darauf sprengten wieder die seifig schäumenden Rosse Wlassowskis vorüber. Der Kutscher hielt sie im Galopp an. Der Polizeimeister schwenkte im Stehen die Arme, schrie zu den Fenstern der Häuser hinauf, zu den Arbeitern, Polizisten und Straßenjungen, und nachdem er genug geschrien hatte, ließ er sich in die Polster der Equipage fallen und trieb durch einen Stoß in den Rücken des Kutschers von neuem die Pferde an. Sein Schnurrbart, der sich drohend sträubte, bog sich zum Nacken hinauf.

»Hurra!« schrie das Volk ihm nach. Diomidow beklagte sich, ängstlich zwinkernd, mit leiser Stimme bei Klim:

»Er ist einfach toll. Ja, sie sind alle toll geworden. Als erwarteten sie das Ende der Welt. Und die Stadt ist wie geplündert. Die Beute ist aus den Fenstern hinausgeschleudert worden und hängt nun herab. Und sie alle sind ohne Erbarmen. Was brüllen sie nur? Was für ein Feiertag ist dies denn? Es ist Irrsinn.«

»Märchenhafter, wunderbarer Irrsinn, du Narr«, verbesserte ihn Onkel Chrisanf, der mit weißer Farbe bespritzt war, und lachte selig.

»Es müßte feierlich und still sein«, murmelte Diomidow.

Samgin gab ihm stillschweigend recht, da er fand, daß dem ruhmsüchtigen Lärm des eitlen Moskau gewisse würdige Noten fehlten. Allzu häufig und planlos brüllten die Menschen Hurra, allzu aufgeregt hasteten sie, und es waren viele unangebrachte Scherze und Spötteleien zu hören. Marakujews scharfem Blick entging weder das Alberne noch das Lächerliche, und er teilte es Klim mit solcher Freude mit, als sei er, Marakujew, selbst der Schöpfer des Lächerlichen.

»Sehen Sie«, er deutete auf ein Transparent, dessen goldene Inschrift: »Möge dein Weg zu Rußlands Ruhm und Glück leicht sein« mit dem Stück eines Firmenschildes schloß, das die gleichfalls goldenen Buchstaben: »& Co.« aufwies.

In den letzten Tagen kolportierte Marakujew aufdringlich abgeschmackte Anekdoten über die Tätigkeit der Verwaltung, der Stadtduma und der Kaufmannschaft, doch man durfte mit Recht argwöhnen, daß er sie selbst erfand. Man fühlte die Mache, und durch ihre Plumpheit trat etwas Gekrampftes und Trübsinniges hindurch.

»Na ja«, sagte er Lida, »das Volk freut sich. Übrigens, was für ein Volk ist das eigentlich? Das Volk ist – dort!«

Mit ausholender Gebärde zeigte er aus irgendeinem Grunde nach Norden und glättete heftig mit der flachen Hand sein lockiges Haar.

Doch wenn Klim Samgin auch viel Unangenehmes und beleidigend Unpassendes bemerkte und hörte, schwang in ihm trotzdem die aufregende Erwartung, daß jetzt gleich, von irgendwoher aus den zahllosen, mit Menschen vollgepfropften Straßen etwas Unerhörtes und Wunderbares erscheinen würde. Er schämte sich, sich zu gestehen, daß er den Zaren zu sehen wünschte, doch dieses Verlangen erwachte wider seinen Willen, entfacht von der Anstrengung vieler tausend Menschen und der prahlerischen Verschwendung von Millionen. Diese Anstrengung und diese Großzügigkeit verführten zu der Annahme, es müsse ein ungewöhnlicher Mensch erscheinen, ungewöhnlich nicht nur, weil er der Zar war, sondern weil Moskau in ihm besondere geheimnisvolle Kräfte und Eigenschaften ahnte. »Katharina die Große starb im Jahre 1796«, erinnerte Onkel Chrisanf. Samgin sah klar, daß der Moskauer an das Nahen großer Ereignisse glaubte, und es war offenkundig, daß er diesen Glauben mit Tausenden teilte. Auch er fühlte sich imstande zu glauben, daß morgen der wunderbare und vielleicht gewalttätige Mann erschien, auf den Rußland ein ganzes Jahrhundert wartete, und der vielleicht gewaltig genug war, den geistig zerknitterten, verwahrlosten Menschen drohend zuzurufen:

»Was soll der Unfug?«

An dem Tage, da der Zar vom Peterspalais her in den Kreml einzog, hielt Moskau gebannt den Atem an. Seine Massen wurden von zwei Ketten Soldaten und zwei Linien der Ochrana, gebildet aus einer Auslese loyalster Einwohner, gegen die Mauern der Häuser gedrückt. Die Soldaten waren von unbeugsamer Standhaftigkeit und wie aus Eisen geschmiedet, die Agenten der Ochrana zum größten Teil stämmige, bärtige Männer mit sehr breiten Rücken. Sie standen Schulter an Schulter und drehten die straffen Hälse hierhin und dorthin, um die drängenden Menschen hinter ihnen mit argwöhnischen und strengen Blicken zu mustern.

»Ruhe!« kommandierten sie.

Und häufig geschah es, daß irgendein Unruhiger, den die Erwartung oder etwas anderes allzusehr erregt hatte, sich, von ihren Ellenbogen vorwärtsgestoßen, plötzlich in einen Hof gedrängt fand. Dies ereignete sich auch mit Klim. Ein schwarzbärtiger Mensch maß Samgin mit einem finsteren Blick aus seinen dunklen Augen und trat ihm eine Minute später mit dem Absatz seines Stiefels auf die Zehen. Klim zog heftig den Fuß fort und stieß ihn dabei mit dem Knie in den Hintern. Der Mann nahm es übel.

»Was für Ungehörigkeiten erlauben Sie sich da, Herr? Und tragen auch noch eine Brille!«

Es glaubten auch noch zwei andere, übelnehmen zu müssen. Ohne von seinen Erklärungen Notiz zu nehmen, trieben sie ihn, geschickt und rasch manövrierend, in einen Hof, in dem sich drei Polizeisoldaten aufhielten. An der Vortreppe, auf dem nackten Erdboden, schnarchte laut ein dürftig gekleideter und offenbar betrunkener Mensch. Einige Minuten später stieß man noch ein Individuum, einen jungen Mann in einem hellen Anzug, mit blatternarbigem Gesicht, auf den Hof. Derjenige, der das besorgte, sagte den Soldaten:

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