Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Nein, lassen Sie«, bat Diomidow, zog den Mantel aus, streichelte liebevoll den eigensinnigen Ärmel und schlüpfte jetzt rasch und gewandt in den Mantel Während er ihn mit den ungleichen Knöpfen schloß, erklärte er:
»Er liebt fremde Hände nicht. Die Sachen, wissen Sie, haben auch ihren Charakter.«
Er knetete seine Mütze in der Hand und sagte:
»In sehr starkem Maße haben sie ihn. Besonders die kleinen und jene, die man so häufig in die Hand nimmt. Zum Beispiel Instrumente: die einen lieben Ihre Hand, die anderen nicht, und Wenn Sie sie fallen lassen! Ich zum Beispiel mag eine Schauspielerin nicht leiden, sie aber gibt mir eines Tages eine antike Schatulle zum Ausbessern. Eine ganz unbedeutende Reparatur. Sie werden es nicht glauben: ich habe mich lange geplagt und konnte damit nicht zurechtkommen. Die Schatulle ergab sich nicht. Bald schnitt ich mir den Finger, bald klemmte ich die Haut ein, bald verbrannte ich mich am Leim. So habe ich sie denn nicht ausbessern können. Denn die Schatulle wußte, daß ich ihre Herrin nicht liebe.«
Als er weg war, fragte Klim Lida, was sie dazu sage.
»Er ist ein Dichter«, sagte das Mädchen in einem Ton, der jeden Widerspruch ausschloß.
Über die Widerspenstigkeit der Dinge sprach Diomidow häufig.
»Die kleinen Gegenstände sind ungehorsamer als die großen. Einen Stein kann man vermeiden, man kann ihm ausbiegen. Vor dem Staub aber kann man sich nicht retten. Man muß mitten hindurch. Ich liebe es nicht, kleine Gegenstände zu machen«, seufzte er, schuldig lächelnd, und man konnte glauben, dieses Lächeln glühe nicht im Innern seiner Augen, sondern breche sich von außen her in ihnen. Er machte lächerliche Entdeckungen:
»Wenn man sich nachts von einer Laterne entfernt, wird der Schatten immer kürzer und verschwindet schließlich ganz. Dann scheint mir, daß auch ich nicht mehr da bin.«
Wenn Klim ihn neben Lida sah, empfand er ein aus Verständnislosigkeit und Ärger zusammengesetztes Gefühl.
Doch meldete sich die Eifersucht immer noch nicht, wenngleich Klim eigensinnig fortfuhr zu glauben, daß er Lida liebe. Dennoch wagte er es, ihr zu sagen:
»Dein Hang zur Romantik wird dich zu nichts Gutem führen.«
»Was ist das: das Gute?« fragte sie halblaut. Sie furchte dabei die Stirn und blickte ihm in die Augen. Während er sich achselzuckend zu einer Antwort sammelte, sagte sie:
»Ich glaube, die Beziehungen zwischen Männern und Frauen können niemals ›das Gute‹ sein. Sie sind unvermeidlich, aber Gutes ist nicht in ihnen. Die Kinder? Du und ich, wir beide waren Kinder, aber ich kann heute noch nicht begreifen, wozu wir beide auf der Welt sind.« Zuletzt schien es Samgin, daß er alles und alle ausgezeichnet verstehe, nur sich selbst nicht. Schon ertappte er sich nicht selten dabei, daß er sich beobachtete wie einen Menschen, den er wenig kannte und der ihm gefährlich war.
Moskau rüstete zum Empfang des jungen Zaren, schminkte sich asiatisch grell und übermalte seine allzu garstigen Runzeln wie eine bejahrte Witwe, die einem neuen Ehestand entgegensieht. Es lag etwas Tolles und Krampfhaftes in dem Bestreben der Menschen, den Schmutz ihrer Behausungen zu übertünchen, als hätten die Moskauer, plötzlich sehend geworden, sich beim Anblick der Risse, Flecken und anderen Zeichen schmutzigen Alters an den Wänden der Häuser erschrocken. Hunderte von Malern strichen mit langen Pinseln die Fassaden der Gebäude an und schwebten an Seilen, die von fern wie dünne Fäden aussahen, akrobatisch unerschrocken in der Luft. Auf den Balkons und in den Fenstern der Häuser waren Dekorateure beschäftigt, farbenprächtige Teppiche und Kaschmirschals herauszuhängen, prunkvolle Rahmen für zahllose Bildnisse des Zaren zu schaffen und seine Gipsbüsten mit Blumen zu schmücken. Überall sprangen Rosetten, Girlanden, Schleifen und Kronen in die Augen, glänzten in Goldschrift die Worte »Gott schütze den Zaren« und »Sonne dich im Ruhm, russischer Zar«. Die Nationalflagge wehte zu Tausenden von den Dächern, ragte aus allen Spalten, in die man nur eine Fahnenstange hineinklemmen konnte.
Die rote Farbe, aufreizend in ihrer Grellheit, dominierte. Ihre Leuchtkraft entzündete noch stärker die ausdruckslose Gefügigkeit der weißen, während die düsteren blauen Streifen das blendende Feuer der roten Farbe nicht zu dämpfen vermochten. Hier und dort hingen Baumwollstoffe aus den Fenstern auf die Straße herab und verliehen den Fenstern das seltsame Aussehen, als neckten quadratische Münder einander mit roten Zungen. Einige Häuser waren in solchem Übermaß geschmückt, daß es schien, als hätten sie ihr Inneres nach außen gekehrt und in patriotischer Ruhmsucht ihre fleischigen Eingeweide und Fettgewebe bloßgelegt. Von Sonnenaufgang bis Mitternacht hasteten die Menschen durch die Straßen, doch noch heftiger beunruhigt waren die Vögeclass="underline" während des ganzen Tages schwirrten über Moskau Schwärme von Krähen und Tauben, die angstvoll vom Zentrum der Stadt zur Peripherie wechselten. Es sah so aus, als sausten chaotisch Tausende von schwarzen Weberschiffchen durch die Luft und wirkten an einem unsichtbaren Gewebe. Die Polizei wies eifrig unzuverlässige Elemente aus der Stadt und durchsuchte die Dachböden der Häuser in jenen Straßen, die der Zar passieren mußte. Marakujew, der es nur schlecht verstand, zu heucheln, als glaube er nicht an das, was er sagte, berichtete: der Auftrag für die Illumination des Kremls sei Kobosew übergeben, demselben Käsehändler, von dessen Laden in der Sadowaja Straße in Petersburg aus man beabsichtigte, die Mine unter der Equipage Alexanders II. explodieren zu lassen. Kobosew sei als Vertreter einer ausländischen pyrotechnischen Firma in Moskau und werde am Krönungstage den Kreml in die Luft sprengen.
»Natürlich sieht das sehr nach einem Märchen aus«, sagte Marakujew lächelnd, sah aber die Anwesenden mit solchen Augen an, als glaube er, dieses Märchen könne in Erfüllung gehen. Lida warnte ihn zornig:
»Lassen Sie es sich nicht einfallen, in Onkel Chrisanfs Gegenwart davon zu schwatzen.«
Onkel Chrisanf trug eine überaus festliche Miene zur Schau. Seine polierte Glatze glänzte feierlich, und ebenso glänzten seine spiegelblank geputzten Lackschuhe. In seinem flachen Gesicht wechselte unaufhörlich ein Lächeln der Begeisterung mit einem Lächeln der Verlegenheit ab. Seine Äuglein schienen gleichfalls geputzt. Sie glühten wie zwei Lämpchen, entzündet in der aufnahmefreudigen Seele des Onkels.
»Moskau jubelt«, murmelte er und spielte nervös mit den Quasten seines Gürtels. »Hat sich als Bojarin herausgeputzt. Moskau versteht zu jubeln! Denkt nur: mehr als eine Million Arschin Draperien wurden verbraucht!«
Und da ihm einfiel, daß allzu laute Begeisterung unschicklich sei, berechnete er:
»Zweihundertfünfzigtausend Hemden. Eine Armee kann man damit bekleiden!«
Er bemühte sich, den jungen Leuten zu beweisen, daß er der bevorstehenden Feierlichkeit ironisch gegenüberstehe, doch das gelang ihm schlecht. Er fiel aus dem Ton und die Ironie machte dem Pathos Platz.
»Zum zweiten Male bin ich Zeuge, wie das große Volk seinen jungen Führer empfängt«, sprach er und wischte sich die nassen Augen. Als er sich bei dieser Rührung ertappte, kräuselte er die Lippen zu einem spöttischen Lächeln.
»Götzenanbetung natürlich, ›Kommet, auf daß wir unseren Zaren und Gott anbeten!‹ Hm, ja! Und trotzdem muß man es sich ansehen. Nicht der Zar ist interessant, sondern das Volk, das ihn mit seinen Wünschen und Hoffnungen bekleidet.«
Er rief Diomidow auf die Straße, aber der lehnte zögernd ab.
»Wissen Sie, ich liebe keine Menschenansammlungen.«
»Na, mein Lieber, das sind aber Dummheiten«, empörte sich Onkel Chrisanf. »Was heißt das: ich liebe keine?«
»Sehen Sie, das hat keinen Platz in mir, die Liebe zum Volk«, gestand Diomidow schuldbewußt. »Wenn ich ehrlich sagen solclass="underline" was geht mich das Volk an? Im Gegenteil, ich ...«
»Du hast den Verstand verloren!« schrie Onkel Chrisanf. »Bist du ein Narr? Was heißt das: hat keinen Platz? Was soll das bedeuten – hat keinen Platz?«