Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Klim meinte, es wäre schön, wenn ein mächtiger und schrecklicher Jemand diese Menschen anfahren würde:
»Was soll der Unfug?« Nicht nur jene Menschen allein bedurften dieses drohenden Zurufs. Auch Ljutow brauchte ihn. Den Zuruf verdienten auch viele Studenten. Aber diese Erscheinungen der Straße, der unterirdischen Keller und des Albtraumes empörten Klim ganz besonders durch ihren Mutwillen. Wenn bei Onkel Chrisanf der lustige Student Marakujew und Pojarkow mit ihrem Freund Preis, einem kleinen, eleganten Juden mit feinem Gesicht und Samtaugen, einen Wettstreit über die Wahrheit der Volkstümlerbewegung und des Marxismus begannen, hörte Samgin diesem Wortgefecht beinahe gleichmütig und bisweilen mit Ironie zu. Nach einem Kutusow, der, langen Reden abgeneigt, geizig, doch unwiderstehlich, zu sprechen wußte, erschienen diese hier ihm als Schuljungen, ihre Diskussionen als Spiel und ihre hitzige Kampflust darauf berechnet, Warwara und Lida zu verführen.
»Jedes Volk ist die Verkörperung einer einmaligen geistigen Eigenart!« schrie Marakujew. In seinen nußbraunen Augen brannte wilde Begeisterung. »Sogar die Völker der romanischen Rasse unterscheiden sich auffallend voneinander, jedes stellt eine psychische Individualität für sich dar.«
Pojarkow, bestrebt, eindringlich und gelassen zu sprechen, ließ seine gelblichen Augäpfel blitzen, aus denen reglos die dunklen Pupillen starrten, stemmte seinen Bauch gegen den kleinen Preis, drängte ihn in eine Ecke und schraubte ihn dort zwischen seine kurzen, zornigen Sätze:
»Der Internationalismus ist eine Erfindung denationalisierter und deklassierter Leute. Die Welt wird regiert vom Gesetz der Evolution, das die Verschmelzung des Unverschmelzbaren ausschließt. Der sozialistische Amerikaner erkennt den Neger nicht als Genossen an. Die Zypresse wächst nicht im Norden. Beethoven ist in China unmöglich. In der Pflanzen- und Tierwelt gibt es keine Revolution.«
Alle diese Tiraden waren Klim mehr oder weniger vertraut. Sie schreckten nicht, reizten nicht auf, und in den Antworten des kleinen Preis lag sogar etwas Tröstliches. Er entgegnete sachkundig, mit Zahlen, und Klim war bekannt, daß eine genaue Rechnung Grundregel der Wissenschaft war. Im allgemeinen erweckten Juden nicht die Sympathien Samgins, doch Preis gefiel ihm. Er ließ die Reden Marakujews und Pojarkows gelassen über sich ergehen, betrachtete sie offensichtlich als etwas so Unvermeidliches, wie anhaltender Herbstregen. Er sprach ein auffallend reines Russisch, ein wenig trocken und im Ton eines Professors, dem seine Vorlesungen bereits langweilig geworden sind. In seinen festgefügten Sätzen fehlten vollständig die den Russen so teuren überflüssigen Worte, sie hatten nichts Blumenreiches, Kokettierendes, sondern etwas, was man greisenhaft nennen konnte und was gar nicht zu seiner hellen Stimme und zum festen Blick seiner Samtaugen paßte. Als Marakujew wie ein Feuerwerk aufzischte und abbrannte, und Pojarkow, der den ganzen Vorrat seiner abgehackten Sätze verbraucht hatte, Preis mit seinen ungleichfarbigen Augen hartnäckig fixierte, sagte er:
»Das alles mag schön sein, aber es ist nicht die Wahrheit. Die unbestrittene Wahrheit bedarf der Verschönerung nicht. Sie lautet schlicht und einfach: ›die ganze Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Klassenkämpfen.‹«
Klim Samgin empfand nicht das Bedürfnis, die Wahrheit, die Preis verkündete, zu prüfen, dachte nicht darüber nach, ob man sie anzunehmen oder abzulehnen hatte. Doch da er sich im Verteidigungszustand wußte und im Ziehen der Schlüsse aus dem, was er vernahm, ein wenig voreilig war, fand er in dem, ihm so fatalen »Kutosowismus« bereits eine wertvolle Eigenschaft: der »Kutosowismus« vereinfachte das Leben bedeutend, da er die Menschen in gleichartige Gruppen einteilte, die durch die Linien durchaus verständlicher Interessen streng voneinander geschieden waren. Handelte jeder gemäß dem Willen seiner Klasse oder Gruppe, so war es, wie schlau er seine wahren Wünsche und Absichten auch hinter den blumigen Geweben der Worte verstecken mochte, jederzeit möglich, den Kern seines Wesens – die Kraft der Gruppen- und Klassenbefehle – zu entlarven. Möglich, daß gerade der »Kutosowismus«, und nur er allein, es erlaubte, die vielen gespenstischen Menschen, wie der Diakon, Ljutow, Diomidow und andere, zu begreifen, ja mehr noch: vollkommen aus dem Leben zu entfernen. Doch hier tauchten eine Reihe schwieriger Fragen und Erinnerungen auf:
»Im Interesse welcher Gruppe oder Klasse lebt der gepflegte und solide Preis?«
Ihm fiel die überaus boshafte Frage Turobojews an Kutusow ein:
»Und wie nun, wenn die Klassenphilosophie sich nicht als Schlüssel zu allen Lebensrätseln erweist, sondern nur als Dietrich, der die Schlösser verdirbt und zerbricht?«
Es hallte die schreckeneinflößende Stimme des Diakonus:
»Man wird meinem gelähmten Sohn zustimmen, wenn er sagt: ›Einst glich die Revolution einem spanischen Abenteuerroman, einem gefahrvollen, aber äußerst angenehmen Spiel in der Art der Bärenjagd, heute jedoch ist sie eine tiefernste Sache geworden, rastlose Arbeit vieler einfachen Leute.‹ Dieses letztere gehört natürlich in den Bereich der Prophezeiung, ist aber nicht ohne Sinn. In der Tat: man hat alle Lungen mit der ansteckenden Atmosphäre vollgepumpt, und Beweis ihrer ansteckenden Wirkung sind nicht nur wir, die hier versammelten Trunkenbolde, allein.«
Die Zahl dieser Erinnerungen und Fragen nahm zu. Sie wurden immer widerspruchsvoller und verwickelter. Da er sich seiner Ohnmacht, Klarheit in dies Chaos zu bringen, bewußt wurde, dachte er mit Entrüstung:
»Aber ich bin doch nicht dumm?«
Daß er nicht dumm war – davon überzeugte ihn seine Fähigkeit, das Falsche, Fadenscheinige und Lächerliche an den Menschen zu entdecken. Er war sicher, unbeirrbar und scharf zu sehen: Die Moskauer Studenten tranken mehr als die Petersburger und waren leidenschaftlichere Freunde des Theaters. Die Menschen von der Wolga stellten die größte Zahl von Revolutionären. Pojarkow war ohne Zweifel sehr böse, lächelte aber, um seine Bosheit nicht zu zeigen, auf unnatürliche Weise und behandelte alle mit übertriebener Liebenswürdigkeit. Preis sah auf die Russen wie Turobojew auf die Bauern. Wenn Marakujew nicht so lustig wäre, würde es allen klar sein, daß er dumm war. Warwara trank sogar ihren Tee mit tragischer Pose. Onkel Chrisanf war ausgesprochen dumm, und er wußte es selbst.
»Ich bin ein guter Mensch, aber ohne Begabung«, pflegte er zu sagen. »Das ist das Rätselhafte! Einem guten Menschen sollte auch Talent gegeben sein, mir aber ist keins zuteil geworden.«
Die Zahl dieser Beobachtungen vermehrte sich rasch, Samgin gab sich keinem Zweifel bezüglich ihrer Richtigkeit hin. Er merkte, daß sie ihm eine immer sicherere Stellung unter den Menschen gaben. Schlimm war nur das eine, daß jeder Dinge sagte, die eigentlich Samgin selbst aussprechen sollte. Jeder bestahl ihn. So sagte Diomidow:
»Die Welt ist des Menschen Feind.«
In diesen paar Worten vernahm Klim sein eigenes Glaubensbekenntnis. Ärgerlich empfahl er Diomidow:
»Gehen Sie in ein Kloster.«
»Du hast ihn nicht verstanden«, sagte Lida mit einem strengen Blick, während Diomidow sein Gesicht mit den Händen bedeckte und durch die Finger hindurch murmelte:
»Auch das Kloster ist ein Käfig.«
Klim machte in letzter Zeit die Wahrnehmung, daß Lida den Requisitenmacher wie ein kleines Kind behandelte und sich Sorgen machte, ob er auch aß und trank und sich warm kleidete. In Klims Augen erniedrigte diese Fürsorge sie.
Diomidow war offenkundig anormal. Davon überzeugte Samgin endgültig eine seltsame Szene: Der Tischler und Requisitenmacher verließ Lida und zog seinen alten Mantel über. Er hatte bereits den linken Arm in den Ärmel gesteckt, konnte aber den rechten nicht finden und kämpfte lächelnd mit dem Mantel, den er dabei heftig schüttelte. Klim beschloß, ihm zu Hilfe zu kommen.