Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Ja, gibt es denn dieses Rußland? Nach meiner Ansicht, existiert es so, wie du, Wladimir, es siehst, nicht.«
»Ach, wie ihr mir zum Halse heraushängt«, sagte Makarow und trat mit der Gitarre zum Fenster, während der Diakon eigensinnig weiterkanzelte.
»Gotteshäuser haben wir, aber eine Kirche fehlt. Die Katholiken glauben alle römisch, wir dagegen synodisch, uralisch, taurisch und, weiß der Satan, wie noch ...«
»Aber weshalb? Weshalb, Samgin?«
»Wie jede Ideologie, sind die religiösen Anschauungen...«
»Wissen wir«, sagte in grobem Ton der Diakon. »Mein Sohn ist auch Marxist. Er versprach einmal, ein Dichter zu werden, ein Nekrassow, statt dessen behauptet er jetzt, daß der landlose Bauer nicht fähig sei, an den Gott des Dorfreichen zu glauben. Nein, nicht darum handelt es sich. Das ist in Wahrheit das Elend der Philosophie. Die wirkliche Philosophie des Elends aber hörten wir, der Herr Samgin und ich, ja vor drei Tagen. Der Philosoph war unansehnlich, aber man muß sagen, daß er es meisterhaft verstand, den wahren Kern aller und jeder Beziehungen bloßzulegen, indem er zeigte, daß der verborgene Mechanismus unseres Daseins die krasse Blutgier ist. Dreimal hörte ich ihn und versuchte mit ihm zu streiten, vermochte aber die Gewalt seines Denkens nicht niederzuringen. Meinen Sohn kann ich bei allen seinen Schachzügen in die Enge treiben, diesen Mann aber nicht.«
Der Diakon lächelte breit und beifällig.
»Ich rede nicht zum Vergnügen. Ich bin ein wißbegieriger Mensch. Wenn ich mit einem mir nahestehenden, aber einer unruhigen Auffassung vom Dasein huldigenden Laien zusammentreffe, gebe ich ihm zwei, drei Stöße in der meinem Sohn so teuren marxistischen Richtung. Und immer zeigt es sich, daß der Laie die Anfangsgründe dieser Lehre gewissermaßen schon unter der Haut trägt.«
»Der Marxismus ist also eine Hautkrankheit?« rief Ljutow erfreut aus.
Der Diakon lächelte.
»Nein, ich sagte doch: unter der Haut. Können Sie sich die Freude meines Sohnes vorstellen? Er bedarf ja sehr der geistigen Freuden, dieweil er der Kraft zum Genüsse körperlicher beraubt ist. Er leidet an der Schwindsucht, und seine Beine sind gelähmt. Er war in der Sache Astyrews verhaftet und hat im Kerker seine Gesundheit eingebüßt. Vollständig eingebüßt. Tödlich.«
Der Diakon seufzte geräuschvoll und schlug mit einer Nuance von Verwegenheit vor:
»Wolodja, sollten wir nicht einen Punsch genehmigen?«
Ljutow sprang auf, schrie:
»Ich weiß, Diakon, weshalb wir alle ein zersplittertes und einsames Volk sind«, und rannte hinaus.
Der Diakon glättete sein Haar mit beiden Händen, zupfte sich am Bart und sagte darauf mit leiser Stimme:
»Der Frühling pocht ans Fenster, meine Herren Studenten.«
Das sagte er deshalb, weil vom Dach ein Stück tauenden Eises herabfiel und gegen das Eisen der Fensterfassung dröhnte.
Ljutow stürzte mit einer Flasche Champagner in der Hand ins Zimmer. Ihm folgte mit weiteren Flaschen ein rosiges, üppiges Stubenmädchen.
»Bereite ihn!« sagte er dem Diakonus. Doch weshalb die Russen das einsamste Volk der Welt seien, vergaß er zu erzählen, und niemand erinnerte ihn an seine Absicht.
Alle drei verfolgten aufmerksam den Diakon, der die Ärmel aufschürzte und dabei ein nicht sehr sauberes Hemd und die seltsam weiße und wie die einer Frau glatte Haut seines Arms entblößte. In vier Teegläsern mischte er Porter, Kognak und Champagner, schüttete Pfeffer in das trübschäumende Naß und forderte auf:
»Nehmet ein!«
Klim trank mutig, wenngleich er schon nach dem ersten Schluck fand, daß das Getränk widerwärtig war. Doch er war entschlossen, in nichts hinter diesen Menschen, die eine so unglückliche Vorstellung von sich besaßen und sich so aufreizend im Gestrüpp der Gedanken und Worte verirrt hatten, zurückzustehen. Unter dem brandigen Geschmack schaudernd, dachte er sekundenlang nochmals daran, daß Makarow sich nicht beherrschen und Lida verraten würde, wie er sich betrank, und daß Lida sich die Schuld geben würde. Mochte sie sich nur schuldig fühlen.
Eine Viertelstunde später flog er, während sein Körper auf einem Stuhl saß, gleich einer Schwalbe durch das Zimmer und redete in das dreibärtige Gesicht mit den ungeheuren Augen hinein:
»Ihre Gedanken scheinen Ihnen schillernd von Bedeutung und so weiter. Aber es sind überaus banale Gedanken.«
»Halten Sie ein, Samgin!« schrie Ljutow. »Dann ist das ganze Rußland eine Banalität. Das ganze!«
»Auch Christus, den wir angeblich lieben und hassen. Sie sind ein überaus schlauer Mensch. Aber Sie sind ein naiver Mensch, Diakon. Und ich glaube Ihnen nicht. Ich glaube niemand.«
Klim fühlte sich flammend. Er wollte eine Menge verletzender, aber entwaffnend richtiger Worte sagen, wollte diese Menschen zum Schweigen bringen. Er bat sogar, müde der Entrüstung:
»Wir sind alle sehr einfache Menschen. Lassen Sie uns einfach leben. Lebt einfach ... wie die Tauben, Sanftmütig!«
Sie lachten schallend und schrien.
Dann fuhr Ljutow ihn in einem mit windschnellen Rossen bespannten Schlitten durch die Straßen, und Klim sah, wie die Telegraphenmasten zum Himmel emporhüpften und darin die Sterne umrührten wie Stückchen Orangenschale in einer Bowle. Dies währte vier Tage und Nächte. Dann lag Klim bei sich zu Hause im Bett und ließ die einzelnen Momente des langen Albtraumes an seinem Auge vorüberziehen.
Am tiefsten und dauerhaftesten hatte die Gestalt des Diakons sich in sein Gedächtnis eingegraben. Samgin fühlte sich mit seinen Reden behaftet wie mit Teer. Da stand der Diakon mit der Gitarre in der Hand mitten im Zimmer und sprach von Ljutow, der ganz plötzlich mit so verzweifelt aufgerissenem Mund, als stieße er einen lautlosen und um so furchtbareren Schrei aus, aufs Sofa gesunken und eingeschlafen war.
»Er säuft selbstmörderisch. Marx ist ihm schädlich. Auch mein Sohn zwingt sich gewaltsam, an Marx zu glauben. Ihm mag man es verzeihen. Er ist erbittert auf die Menschen wegen seines zerstörten Lebens. Einige sind gläubig aus dummer, kindischer Tapferkeit: der Kleine fürchtet die Dunkelheit, geht aber auf sie los, weil er sich vor den Kameraden schämt, schlägt sich blutig, um zu zeigen, daß er kein Feigling ist. Einige glauben aus Hast, aber die meisten aus Angst. Diese letzteren achte ich gering ...«
Und wiederum – er hatte es endlich aufgegeben, Makarow im Gitarrespiel zu unterweisen – fragte er Klim:
»Haben Sie Sinn für Musik?«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, schwärmte er, während er mit den Fingern auf seine Knie trommelte:
»Wenn sie mich aus dem geistlichen Stand ausstoßen, werde ich in eine Glasfabrik gehen und mich mit der Erfindung eines gläsernen Musikinstrumentes beschäftigen. Sieben Jahre schon frage ich mich: warum wird Glas nicht zur Musik verwandt? Haben Sie in Winternächten, wenn Schneestürme brausen und man nicht einschlafen kann, zugehört, wie die Fensterscheiben singen? Ich habe wohl tausend Nächte diesem Gesang gelauscht und bin auf den Gedanken gekommen, daß gerade Glas und nicht Metall oder Holz uns die vollkommene Musik geben wird. Alle Musikinstrumente sollten aus Glas gemacht werden, dann würden wir ein Paradies der Töne erhalten. Ich werde mich unbedingt diesem Werk widmen.«
Ein schwärmerisches Lächeln milderte das knochige Gesicht des Diakons, und Klim schien es, als habe der Diakon sich das alles eben erst ausgedacht.
Noch zwei oder drei Begegnungen mit dem Diakon, und Klim stellte ihn in eine Reihe mit dem dreifingrigen Prediger, mit dem Menschen, dem es gefiel, wenn man die Wahrheit »von sich gab«, mit dem lahmen Welsjäger, mit dem Hausmeister, der absichtlich den Staub und Unrat der Straße den Sträflingen vor die Füße fegte und mit dem mutwilligen alten Bauarbeiter.