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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Du, Christus, zürne uns nicht.

Wir haben dich nicht vergessen.

Auch hassend lieben wir dich.

Im Haß auch dienen wir dir.«

Tief und geräuschvoll aufseufzend, sagte der Diakon:

»Und das ist der Schluß.«

»Das kann niemand verstehen!« schrie Ljutow. »Niemand! Dieses ganze europäische Gelichter wird niemals den russischen Diakonus Jegor Ipatjewski verstehen, der dem Gericht übergeben ist wegen Schmähung der Religion und Gotteslästerung, begangen aus Liebe zu Gott! Kann ihn auch gar nicht verstehen!«

»Das ist wahr, ich liebe Gott sehr«, sagte der Diakon einfach und überzeugt. »Aber meine Forderungen an ihn sind strenge: er ist kein Mensch, man braucht ihn nicht zu schonen.« »Halt! Wenn es ihn aber nicht gibt?«

»Die das behaupten, irren sich.«

Jetzt mischte sich Makarow ein.

»Es gibt keinen Gott, Vater Diakon«, sagte er, ebenfalls sehr überzeugt. »Es gibt ihn nicht, weil alles dumm ist!«

Ljutow winselte, während er die Streitenden aufeinander hetzte, und sagte zu Samgin:

»Wissen Sie, weshalb er vor Gericht gekommen ist? In seinen Gedichten wirft die Mutter Gottes in einem Gespräch mit dem Teufel diesem vor: ›Warum hast du mich dem schwachen Adam überlassen, als ich Eva war? Als dein Weib hätte ich ja die Erde mit Engeln bevölkert!‹ Wie finden Sie das?«

Klim lauschte sowohl seiner erregten, bohrenden Stimme wie dem hohlen Baß des Diakons:

»Natürlich, das dröhnt mit Posaunenschall, wenn ein kleines Menschlein das Weltall eine Dummheit nennt, nun und dennoch ist es lächerlich ...«

»Das Weib ist dumm beschaffen ...«

»Darin bin ich mit Ihnen einverstanden. Überhaupt scheint es, als sei das Fleisch auf Widersprüche gegründet, aber vielleicht nur deshalb, weil die Wege seiner Vereinigung mit dem Geiste uns noch unbekannt sind ...«

»Ihr Kirchlichen verhöhnt das Weib ...«

Ljutow stieß Klim an und kreischte begeistert:

»Wer würde es wagen, von Gott so zu reden, wie wir?«

Klim Samgin hatte niemals ernsthaft über das Dasein Gottes nachgedacht. Ihm fehlte das Bedürfnis dafür. Und jetzt fühlte er sich angenehm berauscht, wünschte Musik, Tanz, Lustbarkeit.

»Man sollte irgendwohin fahren«, schlug er vor. Ljutow warf sich aufs Sofa, zog die Füße zu sich heran und fragte grinsend:

»Zu Mädels? Aber Sie sind doch wohl Bräutigam? Wie?«

»Ich? Nein«, sagte Klim und fügte, sich selbst unerwartet, hinzu:

»Dieselbe Geschichte wie bei Ihnen ...«

Sogleich glaubte er auch, daß es so sei, etwas riß in seiner Brust und erfüllte ihn mit dem Qualm beißender Trübsal. Er begann zu schluchzen. Ljutow umarmte ihn und suchte ihn auf jede Weise zu trösten, wobei er liebevoll Lidas Namen aussprach. Das Zimmer schaukelte wie ein Boot, an der Wand leuchtete silbrig gleich einem Wintermond das Zifferblatt der Uhr von Moser und schwang in sichelförmigem Bogen wie ihr Pendel.

»Du mißfielst mir sehr«, sagte Klim, aufschluchzend.

»Allen mißfalle ich.«

»Du bist ein Revolutionär!«

»Alle sind wir Revolutionäre ...« »Also hat Konstantin Leontjew recht: man muß Rußland einfrieren.«

»Dummkopf!« sagte Ljutow erschrocken. »Dann wird es in Stücke springen wie eine Flasche.«

Und rief aus:

»Übrigens, zum Henker mit ihm! Mag es in Stücke springen, damit Ruhe wird!«

Dann saßen alle vier auf dem Sofa. Im Zimmer wurde es eng. Makarow füllte es mit Zigarettenrauch, der Diakon mit dem dichten Nebel seiner Baßstimme. Man konnte kaum atmen.

»Die Seelen sind voll des Leides, der Geist aber ist sehr verzagt ...«

»Mach halt an dieser Stelle, Diakonus!«

»Das Leben ist kein Gefilde, keine Wüstenei, man kann nirgends haltmachen.«

Die Worte hämmerten gegen Samgins Schläfen, versetzten ihm Stöße.

»Ich erlaube nicht, daß man die Wissenschaft schmäht,« schrie Makarow.

In den Diakon kam Bewegung. Er begann, sich langsam aufzurichten. Als er, lang und dunkel, wie ein unheimlicher Schatten, mit dem Kopf gegen die Decke stieß, knickte er ein und fragte aus der Höhe herab:

»Und wie gefällt Ihnen dies?«

Schwingend wie ein Glockenklöppel, brüllte er, dröhnte er mit ganzer Macht:

»Den an Gottes Existenz Zweifelnden – Anathema!«

»Anathema! Anathema!« sang durchdringend, mit Begeisterung Ljutow. Der Diakon echote feierlich mit Grabesstimme: »Anathema!«

»Schweigt!« gröhlte Makarow.

Des Diakons Gebrüll betäubte Klim und stieß ihn in eine dunkle Leere hinab. Aus ihr trug Makarow ihn wieder empor.

»Steh auf! Es ist die fünfte Stunde!«

Samgin erhob sich langsam und setzte sich auf das Sofa. Er war bekleidet, nur Rock und Stiefel waren ausgezogen. Das Chaos und die Gerüche im Zimmer führten in seinem Gedächtnis sogleich die verbrachte Nacht wieder herauf. Es war finster. Auf dem Tisch, inmitten von Flaschen, brannte in zweifarbigem Licht eine Kerze. Ihr Wiederschein fing sich sinnlos im Innern einer leeren Flasche aus weißem Glas. Makarow zündete ein Streichholz nach dem andern an. Sie flammten auf und erloschen. Er beugte sich über die Kerzenflamme, stieß eine Zigarette hinein, löschte unversehens das Licht und schimpfte:

»Teufel nochmal!«

Dann fragte er:

»Du glaubst also, Lida hat sich in diesen Idioten verliebt?«

»Ja«, sagte Klim, fügte jedoch nach zwei oder drei Sekunden hinzu. »Wahrscheinlich ...«

»Na ... geh, wasch dich.«

Es gelang ihm, die Kerze anzuzünden. Klim bemerkte, daß seine Hände heftig zitterten. Beim Fortgehen blieb er auf der Schwelle stehen und sagte leise:

»Der Diakon hat da vorhin was von der Mutter Gottes, dem Teufel und dem schwachen Menschen Adam hergesagt. Sehr schön! Eine gescheite Bestie, dieser Diakon.«

Er malte mit dem Feuer der Zigarette Zeichen in die Luft und sagte:

»Nicht Christus und nicht Abel braucht die Menschheit. Sie braucht Prometheus-Antichrist.«

»Das ist glänzend gesagt!«

Er warf die Zigarette heftig auf den Fußboden und ging hinaus.

Ein kahlköpfiger Greis mit einer Beule auf der Stirn half Klim beim Waschen und führte ihn dann wortlos hinunter. Dort, in einem kleinen Zimmer, saßen beim Samowar drei ernüchterte Menschen. Der Diakon, in dieser Nacht noch magerer geworden, glich einem Gespenst. Seine Augen erschienen Klim nicht mehr so ungeheuer groß wie gestern. Nein, es waren die ziemlich gewöhnlichen, wässerigen und trüben Augen eines bejahrten Säufers. Auch sein Gesicht war im Grunde alltäglich. Solchen Gesichtern begegnete man nur allzu häufig. Hätte er sich seinen dreifachen Bart abnehmen und die wellige Lämmerwolle auf seinem Kopf scheren lassen, er wäre einem Handwerker ähnlich gewesen. Ein Mensch wie aus einem Witz. Er redete auch in der Sprache der Erzählungen Gorbunows.

»Die Gitarre verlangt einen träumerischen Charakter.«

»Kostja, hör auf, die Gitarre zu martern«, sagte Ljutow, eher befehlend als bittend.

Klim schlürfte mit Gier den starken Kaffee und erriet: Makarows Rolle bei Ljutow war die häßliche Rolle des Schmarotzers. Schwerlich vermochte dieser verkrampfte und pöbelhafte Schwätzer jemand ein Gefühl aufrichtiger Freundschaft einzuflößen. Da begann er auch schon wieder, die gelangweilte Zunge zu wetzen:

»Ja, wie soll man das verstehen, Diakon, wie soll man es verstehen, daß du, ein reinblütiger russischer Mensch, ein Wesen von ungewöhnlichster Farbigkeit, an Langeweile leidest?«

Der Diakonus schüttete Salz auf ein Stück Roggenbrot, hustete dumpf und antwortete:

»Die Langeweile hat mit echt russischem Wesen nichts zu tun. Die Langeweile macht allen Menschen zu schaffen.«

»Aber welche?«

»Auch Voltaire langweilte sich.«

Und augenblicklich, gleich einem Haufen Hobelspäne, loderte ein Streit auf. Ljutow hüpfte auf seinem Stuhl in die Höhe, klatschte mit der Hand auf den Tisch und kreischte. Der Diakon erdrosselte sein Geschrei kaltblütig mit wuchtenden Worten. Während er mit dem Messer das verstreute Salz ebenmäßig über den Tisch strich, fragte er:

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