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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Störe nicht«, sagte Makarow.

Klim lächelte immer noch in gewisser Erwartung des Lächerlichen. Der Diakon glotzte zur Wand, auf einen dunkeln Stich in goldenem Rahmen und sprach hallend:

»›Ich war dort‹, spricht Christus trauernd.

Aber Thomas lächelt leise:

›Alle waren wir dort unten.‹

Christus sieht ins Erdendunkel,

Nikolaus, den Seligen, fragt er:

›Wer liegt trunken dort am Wege,

Schläft er, oder ist's ein Toter?‹

›Nein, Wassili aus Kaluga

Liegt und träumt von besserm Leben‹,

Spricht der selige Nikolaus.«

Ljutow hatte die Augen geschlossen, schüttelte heftig seinen wüsten Kopf und lachte lautlos. Makarow schenkte zwei Gläser voll Schnaps, trank das eine selbst aus und reichte das andere Klim.

»Christus, gnädiglich gelaunt,

Senkt als Taube sich zur Erde.

Tritt vor Waßjka: ›Ich bin Christus,

Hast du mich erkannt, Wassili?‹

Waßjka kniet vor Christus nieder,

Tief ergriffen, weinend fast.

›Herrgott‹, stammelt er, ›wie traurig,

Heut hab ich dich nicht erwartet.

Wärst du in der Früh erschienen,

Hätt das Volk dich schon empfangen,

Unser ganzer Kreis von Shisdrinsk.

Glocken hätten dir geläutet.‹

Schmunzelt Jesus in sein Bärtchen,

Spricht voll Milde zu dem Bauern:

›Kam nur schnell zu dir, Wassili,

Wollte deine Wünsche wissen.‹«

Ljutow streckte Samgin die linke Hand entgegen und flüsterte, während er mit der rechten Takt schlug, pfeifend:

»Hören Sie!«

»Waßjka, staunend, riß den Mund auf,

Denn das Glück raubt ihm die Sprache.

Flüstert endlich, Speichel schluckend:

›Herrgott, gib mir einen Rubel,

Einen nur, der nie sich ändert,

Ausgegeben doch nicht schwindet,

Unvergänglich auch beim Wechseln.‹«

»Genial!« rief Ljutow und warf die Hände empor, als werfe er dem Diakon etwas vor die Füße, der aber, die Augenbrauen gramvoll geneigt, ein Beben im dreifachen Bart, sprach:

»Geld führ ich nicht mit auf Reisen,

Thomas ist mein Schatzverwalter,

Er trat jetzt an Judas' Stelle.«

Ljutow konnte nicht länger zuhören. Er hüpfte, wand sich, verlor die Pantoffeln, klatschte mit nackten Sohlen auf den Boden und schrie:

»Was sagen Sie dazu? Wie? Was sagen Sie?«

Er hob sein Gesicht und die geballten Fäuste zur Decke und sang in dem näselnden Ton eines alten Kirchensängers:

»Den unvergänglichen Rubel gib mir, Herrgott! Nein, der Thomas, was? Der Skeptiker Thomas an Stelle des Judas, was?«

»Mach dem Krampf ein Ende, Wolodjka«, sagte grob und mit lauter Stimme Makarow, der sich Schnaps eingoß. »Genug der Raserei«, fügte er wütend hinzu.

Ljutow riß sich vom Diakon, den er umarmte, los, stürzte sich auf Makarow und umarmte den:

»Du bist immerfort um meine Würde besorgt? Nicht nötig, Kostja! Ich weiß, es ist nicht nötig. Wozu, hol's der Teufel, brauche ich Würde, was soll ich damit? Und du sollst dem dreschenden Ochsen das Maul nicht verbinden, Kostja!«

Samgin war so verwundert, daß er die Fassung verlor. Er sah, daß das schöne Gesicht Makarows sich verfinstert hatte, daß er hart die Zähne fest zusammenbiß und daß seine Augen naß waren.

»Du weinst doch nicht?« fragte er, unsicher lächelnd.

»Was sonst? Soll ich etwa lachen? Das ist durchaus nicht zum Lachen, Bruder«, sagte Makarow schroff. »Das heißt, vielleicht ist es lächerlich – ja ... Trink, Wißbegieriger, der Teufel weiß es, wir Russen, können wohl nur Wodka trinken, mit wahnsinnigen Worten alles zerbrechen und verstümmeln, grausig über uns selbst spotten und überhaupt ...«

Er machte eine resignierende Bewegung mit der Hand.

Klim fühlte sich in einer eigentümlichen Lage. Unter der Wirkung des getrunkenen Schnapses und der sonderbaren Verse verspürte er plötzlich einen Andrang von Traurigkeit. Durchsichtig und leicht, wie die blaue Luft eines sonnigen Tages im Spätherbst, rief sie, ohne zu beschweren, den Wunsch hervor, allen etwas Herzliches zu sagen. Das tat er denn auch, während er mit dem Glas in der Hand dem Diakon gegenüberstand, der in gekrümmter Haltung ihm vor die Füße sah.

»Sie sind sehr originell in Ihren Versen. Und überraschend. Ich gestehe, ich erwartete etwas Komisches.«

Der Diakon straffte sich und erhellte sein dunkel gerötetes Gesicht mit einem Lächeln seiner beinahe farblosen Augen.

»Mit Komischem kann ich auch dienen. Es ist ja eine lange Dichtung, sechsundachtzig Verse. Ohne Komisches geht es bei uns nicht, es würde unwahr sein. Ich habe zum Beispiel gewiß mehr als tausend Menschen beerdigt, aber eines Begräbnisses ohne komischen Zwischenfall entsinne ich mich nicht. Richtiger gesagt, ich erinnere mich nur der scherzhaften. Wir sind ja ein Volk, das auch auf dem bittersten Weg über einen Witz stolpert!«

Ljutow, der sich unter Verrenkungen aufs Sofa fallen ließ, schrie und bat:

»Laß, Kostja! Das gute Recht des Aufruhrs, Kostja ...«

»Weiberaufruhr! Hysterie. Geh, gieß dir kaltes Wasser über den Kopf.«

Makarow stellte den Freund ohne Anstrengung auf die Füße und führte ihn hinaus. Der Diakon aber erzählte auf Klims Frage, was denn nun Waßjka aus Kaluga mit dem unvergänglichen Rubel gemacht habe, mit nachdenklicher Miene:

»Christus kehrt in den Himmel zurück, bittet Thomas um den Rubel und wirft ihn Waßjka hinunter. Waßjka beginnt zu saufen und zu bummeln, – natürlich, wie könnte es anders sein?«

»›Waßjka trinkt und ißt und buhlt,

Schenkt Harmonikas den Burschen,

Zaust die Greise an den Barten,

Brüllt, daß man's im Umkreis hört:

›Spuck auf euch, ihr Erdenmenschen!

Ich kann sündigen, ich kann büßen,

Alles tu ich, wie ich's will.‹«

»›Christus ist mein Busenfreund.

Immer ist für mich geöffnet

Und bereit das Paradies.‹«

Aber der berüchtigte Wolgaräuber Nikita, der erfahren hat, woher Waßjkas beständiger Rubel stammt, stiehlt ihm die Münze, schleicht sich nach Diebesart in den Himmel und spricht zu Christus: »Du, Christus, hast es verkehrt gemacht. Ich begehe für einen Rubel allwöchentlich schwere Sünden, und du hast ihn dem Faulenzer und Schürzenjäger geschenkt, das ist nicht schön von dir!«

Ljutow kehrte zurück, mit glattgekämmtem Haar, in Hose und Kittel.

»Den Schluß, den Schluß mußt du erzählen!« schrie er.

Der Diakon lächelte erstaunt:

»Ja, ich erzähle doch! Christus gibt Nikita recht: ›Richtig‹, sagt er, ›ich habe mich in meiner Herzenseinfalt geirrt. Ich danke dir, daß du die Sache in Ordnung gebracht hast, obgleich du ein Räuber bist. Bei euch auf der Erde‹, sagt er, ›ist alles derartig durcheinander geraten, daß man sich nicht mehr zurechtfinden kann. Mag sein, daß du recht hast. Es heißt, dem Teufel in die Hand arbeiten, wenn Güte und Einfalt schlimmer als Diebstahl sind.‹ Er klagt, als Nikita von ihm Abschied nimmt: ›Schlecht lebt ihr, habt mich ganz vergessen.‹ Und Nikita sagt dann:

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