Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Ipatjewski«, sagte unentschlossen der Diakon, während er schmerzhaft fest mit knochigen Fingern Samgins Hand zusammenpreßte, und bückte sich langsam, um die Gitarre aufzuheben. Makarow, der die Pforte schloß, schrie den Hausherrn an:
»Willst du dir eine Lungenentzündung holen?«
»Kostja, ich ersticke!«
Die stürmischen Augen Ljutows umkreisten bald Samgin, ohne Kraft, sich auf ihn einzustellen, bald den Diakon, der sich langsam wieder aufrichtete, als fürchte er, daß das Zimmer nicht hoch genug für seinen langen Körper sein könnte. Ljutow sprang wie ein Versengter am Tisch umher, wobei ihm die Pantoffeln von den nackten Füßen fielen. Als er sich auf einen Stuhl setzte, beugte er den Kopf bis zu den Knien herab und streifte schwankend die Pantoffeln über. Es war rätselhaft, weshalb er nicht vornüber fiel und mit dem Kopf aufschlug. Während er mit den Fingern die aschgrauen Haare des Diakons aufwühlte, winselte er:
»Samgin! Ein Mensch ist das! Kein Mensch mehr, ein Tempel! Beten Sie dankbar die Macht an, die solche Menschen erschafft!«
Der Diakon stimmte andächtig die Gitarre. Als er sie gestimmt hatte, stand er auf und trug sie in eine Ecke. Klim sah vor sich einen Riesen mit breiter, flacher Brust, Affenhänden und dem knochigen Gesicht eines, der um Christi willen das Kreuz der Einfalt auf sich genommen hat. Aus den dunklen Höhlen in diesem Gesicht blickten entrückt ungeheure, wasserhelle Augen.
Ljutow schenkte in vier große Gläser goldschimmernde Wodka ein und erklärte:
»Polnische Starka! Trifft ohne Fehlschuß. Trinken wir auf das Wohl Alina Markowna Telepnews, meiner gewesenen Braut! Sie hat mich ... Sie hat sich mir verweigert, Samgin! Hat sich geweigert, mit Seele und Leib zu lügen. Ich verehre sie tief und aufrichtig – hurra!«
Nach zwei Gläsern des ungewöhnlich schmackhaften Schnapses erschienen sowohl der Diakon wie Ljutow Klim schon weniger ungeheuerlich. Ljutow war nicht einmal sehr berauscht, sondern nur auf eine wütende Weise gefühlsselig. In seinen schielenden Augen loderte so etwas wie Verzückung. Er schaute sich fragend um, und seine Stimme sank plötzlich, wie aus Angst, zu einem Flüstern herab. »Kostia!« schrie er. Man muß doch eine schöne Seele haben, um auf so viel Geld zu verzichten?«
Makarow drängte ihn grinsend zum Sofa und redete ihm sanft zu:
»Du mußt dich setzen, bleib ruhig sitzen.«
»Halt! Ich bin – viel Geld und nichts weiter! Und dann bin ich auch – ein Opfer, das die Geschichte selbst darbringt – für die Sünden meiner Väter.«
Er blieb mitten im Zimmer stehen, streckte die Arme aus und erhob sie über seinen Kopf, wie ein Badender, der im Begriff ist, ins Wasser zu springen.
»Irgendwann einmal wird eine gerechte Menschheit auf der Erde wohnen, sie wird auf den Plätzen ihrer Städte Denkmäler von wunderbarer Schönheit errichten und auf ihnen verzeichnen ...«
Er keuchte, zwinkerte mit den Augen und winselte:
»Und wird auf ihnen verzeichnen: ›Unseren Vorläufern, die für die Sünden und Irrtümer ihrer Väter mit dem Leben zahlten‹. Sie wird es verzeichnen!«
Klim sah, wie Ljutows Beine unter seinem Hemd gegeneinander schlugen und war darauf gefaßt, aus seinen verrenkten Augen Tränen fließen zu sehen. Doch dies geschah nicht. Nach dem Ausbruch verzweifelten Entzückens wurde Ljutow plötzlich nüchtern, beruhigte sich, gehorchte den inständigen Bitten Makarows und setzte sich auf das Sofa, wobei er mit dem Ärmel des Hemdes sein unvermittelt und heftig schwitzendes Gesicht abtrocknete. Klim fand, daß der Kaufmannssohn in recht ergötzlicher Weise litt. Er erregte in ihm keinerlei gute Gefühle, erregte auch kein herablassendes Mitleid. Im Gegenteil, Klim hatte den Wunsch, ihn zu reizen, um zu erfahren, wohin dieser Mensch sich noch versteigen, in welche Tiefe er sich noch hinabstürzen konnte. Er setzte sich neben ihn auf das Sofa.
»Was Sie von den Denkmälern sagten, war sehr schön ...«
Ljutow drehte seinen Kopf herum und streifte ihn mit einem entzündeten Blick. Er wackelte mit dem Rumpf und streichelte sich mit den Handflächen die Knie.
»Man wird Denkmäler errichten«, sagte er überzeugt, »Nicht aus Barmherzigkeit. Dann wird für Barmherzigkeit kein Raum sein, weil es unsere Hautkrankheiten nicht mehr geben wird. Man wird die Denkmäler errichten aus Liebe für die ungewöhnliche Schönheit der Wahrheit der Vergangenheit. Man wird sie verstehen und ehren, diese Schönheit ...«
Am Tisch wies der Diakon Makarow im Gitarrenspiel an und sagte im tiefsten Baß:
»Krümmen Sie die Finger stärker. Hakenartiger ...«
»Sie werden mich entschuldigen«, begann Klim, »aber ich sah, daß Alina ...« Ljutow hörte auf, sich die Knie zu streicheln und verharrte in gebückter Haltung.
»Sie ist im Grunde kein kluges Mädchen.«
»Das Weibliche in ihr ist klug ...«
»Mir scheint, sie ist unfähig, zu verstehen, wofür man liebt.«
Ljutow warf sich heftig gegen die Lehne des Sofas zurück.
»Was hat das ›wofür?‹ damit zu schaffen?« fragte er und blickte Klim mit einem versengenden Blick ins Gesicht. »Wofür? fragt der Verstand. Der Verstand ist gegen die Liebe – gegen jede Liebe! Wenn ihn die Liebe übermannt, entschuldigt er sich: ich liebe um der Schönheit, um der lieben Augen willen, eine Dumme um der Dummheit willen. Dummheit kann man auch mit einem anderen Namen taufen. Dummheit hat viele Namen ...«
Er sprang auf, trat an den Tisch, packte den Diakon bei den Schultern und bat:
»Jegor, sag das Gedicht vom unvergänglichen Rubel her ... bitte!«
»In Anwesenheit eines Fremden?« sagte fragend und verlegen, mit einem Blick auf Klim, der Diakon. »Obzwar wir einander ja schon begegnet sind ...«
Klim lächelte liebenswürdig.
»Seit meiner Jugend bin ich vom Trieb, zu dichten, besessen, doch schäme ich mich vor aufgeklärten Menschen, vom Gefühl meiner Dürftigkeit durchdrungen.«
Der Diakon tat alles langsam, mit wuchtender Behutsamkeit. Nachdem er ein Stückchen Brot reichlich mit Salz bestreut hatte, legte er eine Zwiebelscheibe auf das Brot und hob die Schnapsflasche mit solcher Anstrengung vom Tisch, als stemme er ein Zweipudgewicht. Während er sich sein Glas vollschenkte, kniff er das eine seiner ungeheuren Augen zu, während das andere vortrat und einem Taubenei ähnlich wurde. Wenn er die Wodka ausgetrunken hatte, öffnete er den Mund und sagte hallend:
»Hoh!!«
Und bevor er das Zwiebelbrot in den Mund legte, roch er, die Flügel seiner langen Nase kräuselnd, daran wie an einer Blume.
Ljutow hielt die rechte Hand warnend erhoben. Zwischen den Fingern der Linken zerriß er kräftig sein ungleichmäßig sprossendes Bärtchen. Makarow, der am Tisch stand, bestrich andächtig eine Semmel mit Kaviar. Klim Samgin auf dem Sofa lächelte, in Erwartung von etwas Unanständigem und Lächerlichem.
»Nun denn«, sagte der Diakon und begann gedehnt, sinnend und leise:
»Als der Herr Jesus den Schlaf nicht fand.
Schritt er die himmlische Straße entlang,
Schritt von einem zum anderen Stern.
Mit dem Herrn Jesus gingen nur zwei:
Nikolaus der myrlikische Bischof
und der Apostel Thomas, sonst niemand.«
Es kostete Anstrengung, ihm zuzuhören. Die Stimme hallte dumpf, kirchenmäßig, zerdrückte und dehnte die Worte und machte sie auf diese Weise unverständlich. Ljutow stemmte die Ellenbogen in die Hüften und dirigierte mit beiden Händen, als wiege er ein Kind in Schlaf, und manchmal schien es, als streue er aus ihnen etwas hin:
»Denkt unser Herrgott hohe Gedanken,
Blickt hinab: die Erde dreht sich,
Wie ein Kreisel die schwarze Kugel,
Satan peitscht sie mit eiserner Kette.«
»Nun?« fragte Ljutow Klim mit einem Zwinkern, sein Gesicht bebte in einem harten Krampf.