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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Oben wird geschrien, unten hört man es und legt es auf seine Weise aus. Es ist mir nicht recht verständlich, was dich empört.«

Aber ihr ruhiger Ton kühlte Klims Entrüstung bedeutend ab.

»Und ich verstehe nicht recht, was dich bei Diomidow so anzieht«, stammelte er.

Lida sah ihn mit zusammengerückten Brauen an.

»Er gefällt mir.«

Klim schwieg in Erwartung des Augenblicks, wo in ihm die Eifersucht zu sprechen anfangen würde.

»Manchmal bedauere ich es, daß er zwei Jahre älter ist als ich. Ich wünschte, er möchte fünf Jahre jünger sein. Ich weiß nicht, warum.«

»Du siehst, ich schweige immer«, hörte er ihre nachdenkliche und feste Stimme. »Mir scheint, wenn ich redete, wie ich denke, so würde es... entsetzlich sein! Und lächerlich. Man würde mich davonjagen. Unbedingt würde man mich davonjagen. Mit Diomidow kann ich über alles reden, wie ich möchte.«

»Und mit – mir?« fragte Klim.

Lida seufzte und bedeckte die Augen.

»Du bist klug, verstehst aber etwas nicht. Die Nichtverstehenden gefallen mir besser als die Verstehenden, doch du... bei dir ist es anders. Du kritisierst treffend, aber es ist dir zum Handwerk geworden. Man langweilt sich bei dir. Ich glaube, auch du wirst dich bald langweilen.«

Die Eifersucht meldete sich nicht, doch Klim fühlte, wie seine Zaghaftigkeit vor Lida, das Gefühl der Hörigkeit, verschwand. Solide, im Ton des Älteren, bemerkte er:

»Es ist durchaus zu verstehen, daß du endlich lieben mußt, aber die Liebe ist etwas Reales, und du hast dir diesen Jungen ja erdacht.«

»Du hast den Charakter eines Schulmeisters«, sagte Lida mit offenkundigem Ärger, ja mit Spott, wie Samgin herauszuhören glaubte. »Wenn du sagst ›ich liebe dich‹, klingt es, als sagtest du: ›Ich liebe es, dich zu belehren‹.«

»Meinst du?« murmelte Klim, gewaltsam lächelnd. »Mir dagegen scheint, du möchtest glauben, daß du Diomidow gängeln darfst wie eine Schulmeisterin.«

Lida schwieg. Samgin blieb noch einige Minuten, verabschiedete sich trocken und ging. Er war erregt, meinte aber für sich, ihm wäre vielleicht angenehmer zumute, wenn er sich noch heftiger erregt gefühlt hätte.

In seinem Zimmer auf dem Tisch fand Klim einen dicken unfrankierten Brief mit der kurzen Aufschrift »An K. I. Samgin«. Sein Bruder Dmitri teilte ihm mit, er sei nach Ustjug verschickt worden, und bat, ihm Bücher zu senden. Der Brief war kurz und trocken, dafür das Verzeichnis der Bücher lang und mit langweiliger Genauigkeit und Angabe der vollständigen Titel, Verleger und des Jahres und Ortes des Erscheinens verfaßt. Die meisten Bücher waren in deutscher Sprache.

»Ein Buchhalter«, dachte Klim feindselig. Nach einem Blick in den Spiegel löschte er sogleich das spöttische Lächeln in seinem Gesicht aus. Sodann fand er, daß sein Gesicht traurig aussah und eingefallen war. Nachdem er ein Glas Milch getrunken hatte, entkleidete er sich ordentlich, legte sich ins Bett und fühlte plötzlich, daß er sich selbst leid tat. Vor seine Augen trat die Gestalt des »wohlgebildeten« Jünglings, sein Gedächtnis wiederholte seine linkischen Reden.

»Ich habe ein anderes Gefühl.«

»Vielleicht besitze auch ich ›ein anderes Gefühl‹«, dachte Klim, der sich um jeden Preis trösten wollte. »Ich bin kein Romantiker«, fuhr er fort, im dunklen Gefühl, daß der Pfad der Tröstung irgendwo ganz nahe war. »Es ist dumm, dem Mädchen zu zürnen, weil sie meine Liebe nicht zu schätzen wußte. Sie hat sich einen schlechten Helden für ihren Roman gewählt. Er wird ihr nichts Gutes geben. Es ist durchaus möglich, daß sie für ihre Schwäche grausam bestraft werden wird, und dann werde ich...«

Er beendete seine Gedanken nicht, da er eine leichte Anwandlung von Verachtung für Lida empfand. Dies tröstete ihn sehr. Er schlief ein mit der Gewißheit, daß der Knoten, der ihn mit Lida verknüpfte, zerhauen sei. Durch den Schlaf hindurch dachte Klim sogar:

»War denn ein Junge da? Vielleicht war gar kein Junge da?« Doch schon am Morgen erkannte er, daß er sich getäuscht hatte. Draußen vor dem Fenster strahlte die Sonne, festlich tönten die Glocken, aber alles war trist, weil der »Junge« existierte. Diese Tatsache wurde von ihm mit voller Deutlichkeit empfunden. Bestürzend grell, blendend beleuchtet vom Sonnenlicht, saß auf dem Fenster Lida Warawka, und er lag vor ihr auf den Knien und küßte ihre Beine. Welch strenges Gesicht hatte sie damals und wie wunderbar leuchteten ihre Augen! Es gab Augenblicke, wo sie unwiderstehlich schön sein konnte. Es schmerzte zu denken, daß Diomidow ...

In diesen unerwarteten und kränkenden Gedanken brachte er den Tag hin. Abends erschien Makarow mit offenstehendem Hemd, zerzaust, mit geschwollenem Gesicht und roten Augen. Klim hatte den Eindruck, daß sogar die schönen, festen Ohren Makarows weich geworden waren und herabhingen wie bei einem Pudel. Er roch nach dem Wirtshaus, war jedoch nüchtern.

»Wolodjka ist aus dem Kubangebiet angekommen und trinkt schon den dritten Tag wie ein Feuerwehrmann«, erzählte er, während er mit den Fingern die Schläfen rieb und seine zweifarbigen Haarwirbel glättete. »Ich habe ihm in seiner Trübsal Gesellschaft geleistet, aber ich kann nicht mehr! Gestern besuchte ihn sein Freund, der Diakon, da bin ich weggelaufen. Jetzt bin ich wieder auf dem Wege zu ihm. Wladimir macht mir Sorge, er ist ein Mensch von unberechenbaren Entschlüssen. Laß uns zusammen hingehen. Ljutow wird sich freuen. Er nennt dich einen Doppelpunkt, hinter dem etwas zwar noch Unbekanntes, auf jeden Fall aber Originelles folgen wird. Du wirst auch den Diakon kennenlernen, eine interessante Type. Und vielleicht wirst du Wolodjka ein wenig abkühlen. Gehen wir?«

Klim war neugierig zu sehen, wie der fatale Mensch litt.

»Ich werde mich betrinken«, dachte er. »Makarow wird es Lida berichten.«

Eine Stunde später schritt er über den blanken Fußboden eines leeren Zimmers vorbei an Spiegeln, die zwischen fünf Fenstern hingen, an Stühlen, die steif und langweilig an den Wänden aufgereiht waren. Zwei Gesichter schauten mißbilligend auf ihn herab: das Gesicht eines zornigen Mannes mit einem roten Band um den Hals und einer eigelben Medaille im Bart – und das Gesicht einer rotbäckigen Frau mit fingerdicken Brauen und erwartungsvoll herabhängender Lippe.

Sie stiegen eine innere Treppe in zwei schmalen und finsteren Windungen hinauf und betraten ein dämmeriges Zimmer mit niedriger Decke und zwei Fenstern. Im Winkel des einen wimmerte der blecherne Ventilator der Luftklappe und trieb eine krause Welle frostiger Luft ins Zimmer.

Inmitten des Raums stand Wladimir Ljutow in einem langen, bis an die Kniekehlen reichenden Nachthemd, hielt stehend eine Gitarre am Griff und taumelte, wobei er sich auf sie stützte, wie auf einen Regenschirm. Schwer atmend, fixierte er die Eintretenden. Unter dem aufgeknöpften Hemd hoben und senkten sich die Rippen, es war seltsam zu sehen, daß er so knochig war.

»Samgin?« rief er fragend, mit geschlossenen Augen, aus und breitete ihm die Arme entgegen. Die Gitarre fiel zu Boden und schlug an. Der Ventilator antwortete ihr mit einem Winseln.

Es war für Klim zu spät, sich den Umarmungen zu entziehen: Ljutow schraubte ihn zwischen seine Hände, hob ihn empor und küßte ihn mit nassen, heißen Lippen, während er stammelte:

»Dank ... Ich bin sehr ... sehr ...«

Er schleifte ihn zu einem Tisch, der mit Flaschen und Tellern beladen war, goß mit bebender Hand Schnaps in die Gläser und rief:

»Diakon, komm herein! Er gehört zu uns.«

Im Winkel ging eine unsichtbare Tür auf, in ihr erschien, düster lächelnd, der gestrige fahle Diakonus. Im Schein zweier großer Lampen bemerkte Samgin, daß der Diakon drei Bärte hatte: einen langen und zwei kürzere. Der lange entwuchs dem Kinn, die beiden anderen fielen von Ohren und Wangen herab. Sie waren kaum sichtbar auf dem fahlen Leibrock.

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