Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
Klim sah die Leute an. Sie saßen alle schweigend da. Sein Nachbar hatte sich vorgebeugt und rollte sich eine Zigarette. Diomidow war verschwunden. Gurgelnd kochte das Wasser in den Kesseln. Die schnurrbärtige Frau spülte im Zuber Labmägen und Kuhdärme, im Ofen zischten feuchte Holzscheite. Die Flamme im Lampenglas zitterte und hüpfte empor, der gesprungene Zylinder rußte. In dem tiefen Zwielicht erschienen die Menschen unförmig und unnatürlich wuchtig.
»Was heißt das: ›Welt‹, wenn man es richtig ansieht?« fragte der Mann und warf mit den drei Fingern eine Schlinge in die Luft. »Die Welt ist Erde, Luft, Wasser, Stein und Holz. Ohne den Menschen ist dies alles ohne jede Notwendigkeit.«
Klims Nachbar zog an seiner Zigarette und fragte:
»Woher weißt du denn, Jakow Platonitsch, was notwendig ist und was nicht?«
»Wüßte ich's nicht, würde ich's nicht sagen. Unterbrich mich nicht. Wenn ihr alle hier anfangen wolltet, mich zu belehren, würde nichts als Unsinn bei der Sache herauskommen. Lächerlichkeit. Ihr seid viele und ich der einzige Schüler. Nein, da ist es schon besser, ihr lernt und ich – lehre.«
»Gewandt, wie?« flüsterte der lächelnde Nachbar Klim zu, wobei er seine Wange mit warmem Rauch überzog.
Unterdessen fuhr der Lehrer maßvoll und ruhig fort, in das Dunkel hineinzustoßen.
»Der Stein ist ein Dummkopf. Das Holz ist gleichfalls ein Dummkopf. Und jegliches Gewächs hätte keinen Sinn, wenn nicht der Mensch wäre. Aber sobald dieses dumme Material berührt wird von unseren Händen, haben wir Häuser, bequem zum Wohnen, Straßen, Brücken und vielerlei Sachen, Maschinen und Ergötzlichkeiten gleich dem Damespiel oder den Karten oder musikalischen Trompeten. So ist es. Ich war ehedem Sektierer, dann jedoch begann ich einzudringen in die wahre Philosophie des Lebens und durchdrang sie bis auf den Grund, dank der Hilfe eines Unbekannten.«
»Der ›erklärende Herr‹, erinnerte sich Klim. Aus der Finsternis reckte sich ein von Blattern zerwürfeltes Gesicht, und eine erkältete Stimme bat heiser:
»Erzähle von Gott...«
Jakow Platonowitsch hob mit der dreifingrigen Hand die Lampe empor, musterte mit zugekniffenen Augen den Bittenden und sagte:
»Hier lehre ich. Ich weiß, wann Gott an der Reihe ist.«
Darauf wandte er sich von neuem an Samgin:
»Die Gelehrten haben bewiesen, daß Gott vom Klima, von der Witterung abhängt. Wo das Klima gleichmäßig ist, da ist auch Gott gut, in kalten und heißen Gegenden aber haben wir einen grausamen Gott. Das muß man verstehen. Heute wird es hierüber keine Belehrung geben.«
»Er hat Angst vor Ihnen«, flüsterte Klims Nachbar ihm zu und spie auf den Stummel seiner Zigarette.
Der Philosoph tat mit der verstümmelten Hand einen energischen Strich quer über den Tisch und vertiefte sich unter Umblättern der Seiten in das Buch.
Samgin fühlte sich krank, verblödet, einem grauenhaften Traum preisgegeben. Wenn man ihm erzählt hätte, was er sah und hörte, würde er es nicht geglaubt haben. Immer wütender kochte das Wasser in den Kesseln und erfüllte den Keller mit dumpfriechendem Dampf. Die schnurrbärtige Frau wühlte klatschend in den schwarzen Fetzen Leber und Lunge in den Zubern und spülte die Mägen, indem sie sie umstülpte wie schmutzige Strümpfe. Sie schaffte in gekrümmter Haltung und sah aus wie eine Bärin. Am Ofen schnarchte jemand laut, schleifte mit den Füßen über den Boden und stieß hallend mit dem Kopf gegen den Verschlag. Der Prediger sah ihn unter der vorgehaltenen Hand an und sagte, ohne zu lächeln und ohne Unmut:
»Schone deinen Schädel, vielleicht brauchst du ihn einmal.«
Seine dreigefingerte Hand, einer Krebsschere ähnlich, zappelte über dem Tisch und erweckte eine Empfindung des Grauens und Ekels. Widerwärtig war der Anblick des flachen, obendrein von der Dunkelheit verwischten Gesichts und der Ritzen, in denen matt die berauschten Augen schimmerten. Empörend der selbstgefällige Ton, empörend die offenkundige Verachtung für die Zuhörer und ihr unterwürfiges Schweigen.
»Vom himmlischen Zaren wollen wir herabsteigen zum irdischen...«
Nach sekundenlangem Schweigen kratzte der Lehrer sich den Bart und beschloß:
»...Elend.«
Klims mitteilsamer Nachbar flüsterte ihm freudig zu:
»Er wird jetzt vom Zar Hunger anfangen...«
»Wir alle leben nach dem Gesetz des Wettstreits miteinander, darin äußert sich eben unsere eigentliche Dummheit.«
Seine an Beilhiebe gemahnenden Worte ließen Klim ironisch denken:
»Wenn Kutusow das hören könnte!«
Aber dennoch war es kränkend, zu beobachten, wie das Kellermännchen verzerrt und frech den wohlbekannten, wenn auch Klim feindlichen Gedankengang Kutusows bloßlegte.
»Nehmen wir aufs Korn unseres Auges und Verstandes den folgenden Vorfalclass="underline" es kommen zum jungen Zaren einige wohlmeinende Leute und schlagen ihm vor: ›Du, Eure Hoheit, solltest aus dem Volke einige kluge Leute wählen zur freien Beratung darüber, wie man das Leben besser einrichten könnte.‹ Er aber antwortet ihnen: ›Das ist ein unsinniger Einfall!‹ Und der ganze Schnapshandel befindet sich in seinen Händen. Ebenso alle Steuern. Das ist es, worüber man nachdenken muß...«
»Gewandt, wie?« fragte mit heißem Flüstern Klims Nachbar. Und, sich heftig die Hände reibend:
»Ein Minister, der Hundesohn!«
»Glauben Sie ihm?«
»Wie soll man ihm denn nicht glauben? Er gibt die Wahrheit von sich.« Nachdem der Prediger noch zehn Minuten gesprochen hätte, griff er mit seiner Krebsschere eine schwarze Uhr aus der Tasche, wog sie auf der Handfläche, klappte das Buch zu, schlug damit auf den Tisch und erhob sich.
»Für heute ist's genug! Denkt darüber nach.«
Alle rührten sich, und der Blatternarbige stieß mit lauter Stimme hervor: »Wir danken, Jakow Platonitsch.«
Jakow nickte ihm zweimal zu, erhob die Nase, schnupperte und schnitt eine Grimasse, während er sagte:
»Glafira! Ich habe dich doch gebeten: weiche die Labmägen nicht in heißem Wasser ein. Nützen tut es nicht, und es verbreitet Gestank.«
Als Klim, der auf die Tür zuging, ihn einholte, faßte er ihn am Ärmel und sagte spöttisch:
»Sehen Sie, Herr, meine Schwester fabriziert Speise für die Armen. Eine wohlriechende Speise, he? Jaja. Dabei erhält man in Testows Garküche...«
»Entschuldigen Sie, ich muß fort«, unterbrach ihn Klim.
In die kräftige Kälte der Straße emportauchend, holte er so tief Atem, wie er konnte. Ihm schwindelte und vor den Augen flimmerte es grün. Die niederen, verwitterten Häuschen und die Schneehügel, der leere Himmel über ihnen und der Eismond, alles erschien für einen Augenblick grün, mit Schimmel bedeckt und faulig. Samgin schritt hastig aus und schüttelte sich, um den übelkeiterregenden Gestank des verdorbenen Fleisches aus seiner Nähe zu vertreiben. Es war noch nicht spät, soeben endete der Abendgottesdienst. Klim beschloß, bei Lida vorzusprechen und ihr alles mitzuteilen, was er gesehen und gehört hatte, sie mit seiner Empörung anzustecken. Sie mußte wissen, in welcher Umgebung Diomidow lebte, mußte begreifen, daß seine Bekanntschaft nicht ohne Gefahr für sie war. Doch als er, bei ihr im Zimmer, ironisch und angewidert seine Erlebnisse zu schildern begann, fiel das Mädchen ihm nur befremdet in die Rede:
»Aber ich weiß dies alles ja, ich war selbst dort. Ich glaube, ich erzählte dir, daß ich bei Jakow gewesen bin. Diomidow ist dort und lebt mit ihm, oben. Erinnerst du dich: ›Das Fleisch singt – wozu lebe ich?‹«
Während sie zerstreut eine Haarnadel gerade- und wieder zusammenbog, fuhr sie sinnend fort:
»Gewiß, dies alles ist sehr primitiv und widerspruchsvoll. Aber meiner Meinung nach ist es ja nur das Echo jener Widersprüche, die du hier beobachtest. Und es scheint überall das gleiche zu sein.« Sie brach die Haarnadel entzwei und fügte leise hinzu: