Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
An dem schmeichelnden Blick des spaßigen Menschen war deutlich zu sehen: er wünschte sehr, daß Klim mitkäme, und war schon überzeugt, daß Samgin zusagen würde.
»Es ist schrecklich interessant. Das muß man wissen«, sagte er. »Die Brille nehmen Sie lieber ab. Bebrillte Leute liebt man dort nicht.«
Klim wollte es ablehnen, gemeinsam mit einem Polizeihauptmann etwas zu hören, was schlimmer als Revolution war, aber die Neugier entkräftete die Vorsicht. Sogleich tauchten noch gewisse andere, nicht ganz klare Überlegungen auf und ließen ihn sagen:
»Geben Sie mir die Adresse. Vielleicht komme ich.«
»Es ist besser, ich hole Sie ab, um Sie hinzugeleiten.«
»Nein, beunruhigen Sie sich nicht.«
Am Abend irrte Klim durch die Gassen in der Nähe des Sucharew-Turms. Verschwenderisch streute der Mond sein Licht. Der Frost steifte sich. In rascher Folge tauchten dunkle Menschen auf, gekrümmt, die Hände in den Ärmeln oder Taschen geborgen, ihre verzerrten Schatten hüpften über die Schneegruben. Die Luft bebte kristallisch unter dem Tönen zahlloser Glocken. Die Abendmesse wurde eingeläutet.
»Interessant, in welchem Milieu dieser Schwachkopf wohl lebt?« dachte Klim. »Sollte etwas passieren, das schlimmste, was mir zustoßen könnte, ist, daß sie mich aus Moskau ausweisen. Nun und wenn schon? Ich werde eben ein bißchen leiden. Das ist jetzt Mode.«
Da, endlich, über einem alten Tor das bogenförmig geschweifte Schild: »Kwasfabrik«. Klim trat auf den Hof. Er war eng mit Haufen von schneebedeckten Körben vollgepackt. Hier und dort ragten Flaschenböden und -halse aus dem Schnee. Das Mondlicht brach sich in dem dunklen Glas in einer Unzahl formloser Augen.
Im Hintergrunde des Hofes erhob sich ein langes, tief im Erdboden fußendes Gebäude. Es war zweistöckig oder wollte es sein, aber zwei Drittel der zweiten Etage waren entweder abgebrochen oder nicht fertig gebaut. Die Türen, breit wie Tore, verliehen dem unteren Stockwerk das Aussehen eines Pferdestalls, in dem Rest des zweiten schimmerten trübe zwei Fenster, unter ihnen, im ersten, flammte ein Fenster so grell, als brenne hinter seinen Scheiben ein Holzfeuer.
Klim Samgin, der den Wunsch verspürte, den Hof zu verlassen, klopfte mit dem Fuß an die Tür. In der Tür öffnete sich ein unauffälliges, schmales Pförtchen, und ein unsichtbarer Mann sagte mit hohler Stimme, das »O« stark betonend:
»Vorsichtig. Vier Stufen.«
Darauf befand Samgin sich auf der Schwelle einer zweiten Tür, geblendet von der grellen Flamme eines Ofens. Der Ofen war gewaltig, in ihm waren zwei Kessel eingebaut.
»Was zögern Sie? Treten Sie ein«, sagte eine dicke Frau mit einem schwarzen Schnurrbart, die ihre Hände so fest an einer Schürze abrieb, daß sie knirschten.
In dem kellerartigen Raum mit bogenförmiger Decke war es dämmerig. Er war erfüllt mit einer feuchten Wärme, getränkt von einem stickigen Geruch von verdorbenem Fleisch und Dung. Am Ofen, in einem hölzernen Waschzuber, wässerten Kuhmägen. Ein anderer ebensolcher Zuber war mit blutigen Klumpen Lebern, Lungen gefüllt. Längs der Wand standen sechs Bottiche, hinter ihnen, im Winkel, saß auf einer Kiste, mit Nacken und Rücken an die Wand gelehnt, die langen, dünnen Kamelbeine weit von sich gestreckt, ein Mann in einem grauen Leibrock. Er löste mit Anstrengung seinen Nacken von der Wand, reckte seinen langen Hals und sagte mit leiser Baßstimme:
»Apotheker?«
»Warum glauben Sie, ich sei ein Apotheker?« fragte Klim ärgerlich.
»Nach Ihrer äußeren Erscheinung zu urteilen, natürlich. Setzen Sie sich, bitte, hierher.«
Klim nahm ihm gegenüber auf einer breiten, aus vier Brettern grob zusammengenagelten Pritsche Platz. Auf einer Ecke der Pritsche lag ein Haufen Zeug, irgend jemandes Bettlager. Der große Tisch vor der Pritsche strömte den betäubenden Geruch dumpfigen Fettes aus. Hinter einer hölzernen, ungestrichenen und lichtdurchlässigen Zwischenwand schimmerte Helligkeit, jemand hustete dort und raschelte mit Papier. Die schnurrbärtige Frau zündete eine Blechlampe an, setzte sie auf den Tisch, warf einen Blick auf Klim und sagte dem Diakon:
»Ein Fremder.«
Der Diakon schwieg sich aus. Da fragte sie Samgin:
»Wer hat euch hergeschickt?«
»Diomidow.«
»Ah, Senja. Diomidow.«
Sie trat, ihre Hände beriechend, zum Ofen, blieb aber unterwegs stehen und forschte:
»Er sprach von einer Brille?«
»Ich habe die Brille bei mir.«
»Gut dann.«
Klim holte seine Brille aus der Tasche hervor, setzte sie auf und sah, daß der Diakon etwa vierzig Jahre zählte und ein Gesicht hatte, wie man es den heiligen Eremiten auf den Ikonen gab. Noch häufiger findet man solche Gesichter bei Trödlern, Ränkeschmieden und Geizhälsen, und zuletzt erzeugt das Gedächtnis aus einer Vielheit dieser Gesichter das aufdringliche Antlitz des sogenannten unsterblichen russischen Menschen.
Jetzt traten zwei ein: der eine breitschultrig, zottelhaarig, mit einem krausen Bart und einem darin erstarrten betrunkenen oder spöttischen Lächeln. An den Ofen pflanzte sich, in der Absicht, sich zu wärmen, ein hochgewachsener Mensch mit schwarzem Schnurr- und spitzem Kinnbart. Geräuschlos erschien eine junge Frau in einem bis über die Brauen geschobenen Kopftuch. Dann folgten sich rasch noch etwa vier Männer, sie drängten sich vor dem Ofen, ohne an den Tisch heranzutreten. In der Dunkelheit machte es Mühe, sie zu unterscheiden. Alle schwiegen, klopften und scharrten mit den Füßen gegen den Ziegelboden, und einzig der Lächelnde sagte einem Nachbar:
»Sogar ein Herr ist gekommen... ein Gebildeter.«
Klim fühlte sich ersticken in dieser fauligen Luft, in der grauenhaften Umgebung. Es trieb ihn fort. Endlich stürzte Diomidow herein, überflog alle Anwesenden mit einem Blick, fragte Klim: »Ah, Sie sind gekommen?« und entfernte sich eilig hinter die Zwischenwand. Eine Minute später zeigte sich dort gewichtig ein kleiner Mann mit einem struppigen Bärtchen und einem fahlen, unbedeutenden Gesicht. Er trug ein wattiertes Frauenleibchen und Filzstiefel bis zu den Knien. Das fahle Haar war mit Pomade fest an den Kopf gekämmt und lag glatt an. In der einen Hand hielt er ein schmales und langes Buch von der Art, wie die Krämer sie für die Eintragung der Schulden verwenden. Während er sich dem Tisch näherte, sagte er zum Diakon:
»Streite nicht mit mir...«
Er setzte sich, schlug das Buch auf, faßte Klim in seinen Blick und fragte Diomidow:
»Dieser?«
»Ja.«
»Nun, seien Sie willkommen!« wandte das unbedeutende Männchen sich an die Anwesenden. Seine Stimme war klangvoll und hatte etwas Sonderbares, das gebieterisch klang. Die Hälfte seiner linken Hand war gebrochen. Es blieben nur drei Finger: Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger. Diese Finger legten sich zu einem Dreifaltigkeitskreuz zusammen. Während er mit der Rechten die schmalen, mit großen Schriftzügen bedeckten Seiten des Buches umblätterte, zeichnete er mit der Linken unaufhörlich verschlungene Ornamente in die Luft. In diesen Gesten lag etwas Verkrampftes, das nicht im Einklang mit seiner ruhigen Stimme stand.
»Am heutigen Abend wollte ich in meiner Belehrung fortfahren, da aber ein Neuer erschienen ist, so ist es notwendig, daß ich ihm in Kürze die Anfangsgründe meiner Wissenschaft darlege«, sagte er, während er die Zuhörer mit farblosen und gleichsam trunkenen Augen überflog.
»Fang an, wir hören«, sagte der Lächelnde und setzte sich an Klims Seite.
Der Prediger tat einen Blick in sein Buch und fuhr sehr gelassen, als berichte er etwas Alltägliches und allen längst Bekanntes, fort:
»Ich lehre, mein Herr, in völliger Übereinstimmung mit der Wissenschaft und den Schriften Leo Tolstois. Meine Lehre enthält nichts Schädliches. Alles ist sehr einfach: diese Welt, unsere, die ganze – ist das Werk menschlicher Hände. Unsere Hände sind klug, unsere Schädel aber dumm, das ist auch die Ursache unseres Elends.«