Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Ein sehr kühner Zar.«
Mit dem gleichen Lächeln wandte er sich an Marakujew:
»Da gründen sie nun so einen allgemeinen Studentenbund, er aber, sehen Sie wohl, fürchtet sie nicht. Er weiß schon, daß das Volk die Studenten nicht liebt.«
»Heilige Einfalt Simeons! Reden Sie keinen Unsinn«, unterbrach ihn ärgerlich Marakujew. Warwara brach in lautes Lachen aus, auch Pojarkow lachte, so metallisch, als zwitscherte in seiner Kehle die Schere eines Friseurs.
Doch als berichtet wurde, daß der Zar erklärt habe, alle Hoffnungen auf eine Begrenzung seiner Gewalt seien grundlos, meinte selbst Onkel Chrisanf gedrückt:
»Er hört auf Schurken, das ist schlimm!«
Aber der Requisiteur umfing alle Anwesenden mit den Augen eines Erwachsenen, der auf Kinder herabblickt, und wiederholte beifällig und eigensinnig:
»Nein, er ist ehrlich. Er ist tapfer, weil er ehrlich ist. Er ist allein gegen alle ...«
Marakujew, Pojarkow und ihr Kamerad, der Jude Preis, schrien:
»Wie – allein? Und die Gendarmen? Die Bürokraten?«
»Das sind die Dienstboten!« sagte Diomidow. »Niemand fragt die Dienstboten, wie man leben muß.«
Drei Stimmen redeten wechselseitig auf ihn ein, doch er schwieg eigensinnig, senkte den Kopf und starrte unter den Tisch.
Klim Samgin begriff, daß Diomidow unwissend war, aber dies befestigte nur seine Sympathie für den Jüngling. So einen konnte Lida nicht lieben. Im günstigsten Fall würde sie großmütig sein, ihn bemitleiden wie den Bastard einer seltenen Katzenrasse. Er neidete Diomidow sogar ein wenig seine standhafte Hartnäckigkeit und seine spöttische Ablehnung der Studenten. Ihrer erschienen immer mehr in der gemütlichen, im Hof verborgenen Behausung Onkel Chrisanfs. Sie tagten emsig in Warwaras Zimmer, das mit zahlreichen Photographien und Gravüren geschmückt war, die berühmte Bühnenkünstler darstellten. Sie besaß seltene Porträts von Hogarth, Alridge – der Rachel, der Mlle Morse, Talmas. Die Studentenversammlungen beunruhigten Makarow sehr und rührten Onkel Chrisanfs Herz, der sich als Komplice heranreifender großer Ereignisse fühlte. Er war felsenfest davon überzeugt, daß mit der Thronbesteigung Nikolaus II die großen Ereignisse vor der Tür standen.
»Nun, Sie werden sehen, Sie werden sehen!« sagte er geheimnisvoll den gereizten jungen Leuten und zwängte listig die Knöpfe seiner Augen durch die roten Schlitze der Lider, »Er wird alle hintergehen, gebt ihm nur Zeit, sich umzutun! Sie müssen seinen Augen, dem Spiegel der Seele, keine Beachtung schenken. Blicken Sie genau in sein Gesicht!«
Und er scherzte:
»Ach, Diomidow, wenn man dir das Bärtchen abnähme und dir deine Locken stutzte, du wärst wie geschaffen für die Rolle des Thronprätendenten. Jeder Zug!«
Klim Samgin war sehr zufrieden über seinen Entschluß, in diesem Winter nicht zu studieren. In der Universität herrschte eine unheilschwangere Stimmung. Die Studenten pfiffen den Historiker Kljutschewski aus, bedrohten einige weitere Professoren, die Polizei jagte Ansammlungen auseinander, zweiundvierzig liberale Professoren schmollten und zweiundachtzig erklärten sich für eine strenge Gewalt. Warwara lief von einem Antiquar zum anderen, suchte Porträts der Madame Roland und bedauerte, daß kein Bild der Téroine de Méricourt aufzutreiben war.
Überhaupt nahm das Leben einen überaus beunruhigenden Charakter an, und Klim Samgin stand nicht an, zuzugeben, daß Onkel Chrisanf mit seinen Vorahnungen recht hatte. Besonders dauerhaft ritzten sich in Klims Gedächtnis einige Gestalten ein, denen er in diesem Winter begegnete.
Eines Tages stand Klim Samgin im Kreml, versunken in den Anblick der chaotischen Anhäufung der Häuser der Stadt, die von der winterlichen Mittagssonne festlich erleuchtet waren. Ein leichter Frost zupfte neckisch an den Ohren, das stachlige Geflimmer der Schneeflocken blendete die Augen. Die Dächer, fürsorglich in dicke Schichten silberner Daunen gehüllt, verliehen der Stadt ein anheimelndes Aussehen, man war versucht zu glauben, unter diesen Dächern, in der lichten Wärme, lebten einträchtig sehr liebe Menschen.
»Guten Tag«, sagte Diomidow und nahm Klim beim Ellenbogen. »Was für eine schreckliche Stadt«, fuhr er nach einem Seufzer fort. »Im Winter ist sie noch einigermaßen ansprechend, im Sommer aber vollends unerträglich. Man geht auf der Straße und hat beständig das Gefühl, daß hinter einem etwas Schweres an einen herandrängt, sich auf einen stürzt. Und die Leute sind hart hier und ruhmredig.«
Er seufzte ein zweites Mal und sagte:
»Ich liebe es nicht, wenn man begeistert stöhnt: Ach, Moskau!«
Das vom Frost gerötete Gesicht Diomidows erschien noch malerischer als sonst. Die alte Seehundsmütze war zu klein für seinen Lockenkopf. Der Mantel vertragen, mit ungleichen Knöpfen, die Taschen eingerissen und klaffend.
»Wohin gehen Sie?« fragte Klim.
»Mittag essen.«
Er nickte mit dem Kopf nach der Kirche des Tschudow-Klosters und sagte:
»Ich bessere dort den Ikonenschrein aus.«
»Ah! Also arbeiten Sie sowohl im Theater wie im Kloster...«
»Weshalb nicht? Arbeit ist Arbeit. Mich hat ein Drechsler und Vergolder, den ich kenne, aufgefordert. Ein prächtiger Mensch.«
Diomidow wurde düster, schwieg eine Weile und schlug dann vor:
»Gehen wir in eine Schenke, Ich werde essen und Sie Tee trinken. Dort zu essen, empfehle ich Ihnen nicht, es ist zu schlecht für Sie, aber der Tee ist gut.«
Es wäre unterhaltsam gewesen, mit Diomidow zu plaudern, aber ein Spaziergang mit einem so abgerissenen Kunden behagte Klim nicht. Der Student und an seiner Seite der Handwerker, das gab ein verdächtiges Paar ab. Klim lehnte ab, die Teestube zu besuchen. Diomidow zerrieb unbarmherzig mit der Handfläche sein verfrorenes Ohr und sagte:
»Ich arbeite inzwischen. Ich will eine Menge Geld sparen.«
Plötzlich fragte er:
»Billigen Sie es, daß Lida Timofejewna sich für die Bühne ausbildet?« Ohne eine Antwort abzuwarten, enthüllte er sogleich den Sinn seiner Frage:
»Es ist doch das gleiche, als ob man nackt auf die Straße ginge.«
»Lida Timofejewna ist ein erwachsener Mensch«, gab Klim trocken zu verstehen.
Diomidow nickte zustimmend.
»Nach meiner Meinung täuschen sich die Klugen am häufigsten über sich selbst.«
»Warum glauben Sie das?«
»Wie sollte ich nicht? Ich lese Bücher, habe Augen.«
Dies erschien Klim frech: ein ungebildeter Mensch, der nicht einmal richtig sprechen konnte und sich anmaßte...
»Was lesen Sie eigentlich?«
»Vielerlei. In allen Büchern wird über Irrtümer geschrieben.«
Mit dem Fuß aufstampfend, fragte er:
»Befassen Sie sich mit der Revolution?«
»Nein«, entgegnete Klim, er sah Diomidow gerade in die Augen, ihre Bläue war an diesem Tag besonders tief.
»Ich meine aber, Sie befassen sich damit. Sie sind so zurückhaltend.«
»Warum interessiert Sie das?«
»Wenn man mir davon spricht, weiß ich, daß es die Wahrheit ist«, murmelte Diomidow gedankenvoll. »Natürlich ist es die Wahrheit, denn... Was ist denn dies?«
Er deutete mit einer Handbewegung auf die Stadt.
»Aber wenn ich es auch weiß, so glaube ich doch nicht daran. Ich habe ein anderes Gefühl.«
»Über Revolution spricht man nicht auf der Straße«, bemerkte Klim.
Diomidow schaute sich um.
»Dies ist keine Straße. Wollen Sie, – ich zeige Ihnen einen Menschen?« schlug er vor.
»Was für einen?«
»Sie werden sehen. Ein prächtiger Mensch. Er predigt jeden Sonnabend.«
»Die Revolution?«
»Nach meiner Ansicht – noch Schlimmeres«, sagte zögernd Diomidow.
Klim mußte lächeln.
»Sie sind ein spaßiger Mensch!«
»Gehen wir!« drängte Diomidow leise, aber nachdrücklich. »Heute ist Sonnabend. Sie müssen sich nur etwas einfacher anziehen. Obwohl, es ist gleich, es sind dort auch solche wie Sie. Sogar ein Polizeihauptmann kommt dorthin. Und ein Diakon.«