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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Nun, Mischa?« fragte ihn der alte Schriftsteller.

Mit leiser Stimme, als lese er eine Seelenmesse für einen Angehörigen, antwortete er:

»In Marjina Roschtscha. Verhaftungen. In Twer. In Nishnij Nowgorod.«

Bisweilen nannte er die Namen der Verhafteten, und diese Aufzählung von Menschen, die gefangen genommen waren, wurde von allen schweigend angehört. Dann sagte der alte Literat düster:

»Sie lügen. Alle werden sie nicht wegfangen. Ach, schade, sie haben Natanson verhaftet, einen prächtigen Organisator. Sie arbeiten zersplittert, daher die häufigen Verhaftungen und Aushebungen. Führer tun not, alte Leute. Die Welt erhält sich durch die Alten, die bäuerliche Welt.«

»Notwendig ist das Bündnis aller Kräfte«, erinnerte der Professor. »Notwendig ist Reserve, allmähliches Fortschreiten ...«

Nikodim Iwanowitsch stimmte ihm zu mit dem Spruch:

»In der Hast kann man nicht einmal Bastschuhe flechten.«

»Und dennoch, man nimmt Verhaftungen vor, also leben die Brüder!« tröstete der unansehnliche Schauspieler.

Onkel Chrisanf, flammend, erregt und schwitzend, rannte unermüdlich vom Zimmer in die Küche und zurück, und es geschah nicht selten, daß in dem traurigen Augenblick des Erinnerns an Menschen, die im Kerker saßen, nach Sibirien verbannt waren, seine jauchzende Stimme schmetterte:

»Bitte, zu einem Schnäpschen!«

Bemüht, in den Gesichtern den Ausdruck der Nachdenklichkeit und des Leides zu bewahren, schritten alle in die Ecke zum Tisch. Dort glänzten ihnen verführerisch Flaschen mit bunten Schnäpsen entgegen, herausfordernd schichteten sich Teller mit verschiedenerlei Imbiß auf. Der würdevolle Schauspieler gestand seufzend:

»Eigentlich schadet mir das Trinken.«

Und fügte hinzu, während er sich einschenkte:

»Aber ich bleibe dem englischen Bittern treu. Ja, ich finde sogar an nichts anderem Geschmack.«

Herein trat die monumentale, wie aus rotem Kupfer gegossene Anfimowna, auf den ausgestreckten Armen eine halbpudschwere Fischpastete. Sie genoß die lauten Ausbrüche der allgemeinen Begeisterung über die solide Schönheit ihrer Schöpfung und verneigte sich dann vor allen, wobei sie die Hände an den Bauch drückte und wohlwollend sprach:

»Essen Sie zum Wohle!«

Onkel Chrisanf und Warwara trugen die Flaschen vom Imbißtisch zur Mittagstafel hinüber. Der unansehnliche Schauspieler rief aus:

»Karthago muß zerstört werden!«

Einmal legte er, gleich nachdem er den ersten Bissen hinuntergeschluckt hatte, geschwächt Messer und Gabel aus der Hand, preßte die Schläfen zwischen seine Hände und fragte mit stiller Freude:

»Hören Sie, was ist denn das?«

Alle sahen auf ihn, in der Annahme, daß er sich verbrannt habe. Seine Augen wurden feucht, doch kopfschüttelnd sagte er:

»Das ist ja in Wahrheit eine Götterspeise! Herrgott, wie begabt ist die russische Frau!«

Er schlug vor, Anfimowna einzuladen und auf ihre Gesundheit anzustoßen. Der Vorschlag wurde einmütig angenommen und ausgeführt.

In guter Erinnerung an die Osternacht in Petersburg trank Samgin vorsichtig und wartete den interessanten Augenblick ab, wenn die Menschen nach dem guten Mahl und reichlichem Trunk, noch nicht berauscht, alle zugleich anfangen würden zu reden. Es entstand ein Wirbelsturm von Worten, ein ergötzliches Durcheinander von Sätzen:

»In England kann sogar ein Jude Lord werden!«

»Um einen Auerhahn so zu braten, wie die Eigenart seines Fleisches es verdient...«

»Plechanowismus!« schrie der alte Literat, während der Student Pojarkow eigensinnig und mit Grabesstimme widersprach:

»Die deutschen Sozialdemokraten haben ihre Macht mit legalen Mitteln errungen.«

Marakujew behauptete, zwei Drittel aller Reichtagsabgeordneten seien Pfaffen, während Onkel Chrisanf bewies:

»Christus ist ins Fleisch des russischen Volkes übergegangen!«

»Überlassen wir Christus Tolstoi!«

»Niemals! Um keinen Preis!«

»Moliére, das ist bereits ein Vorurteil.«

»Sie ziehen Sardou vor, nicht wahr?« »Was noch mehr!«

»Das Theater besucht man jetzt aus Gewohnheit, wie die Kirche. Ohne Glauben, daß man das Theater besuchen muß.«

»Das ist nicht wahr, Diomidow!«

»Sie, Teuerster, sollten möglichst viel Buchweizengrütze essen, dann wird es vorübergehen!«

»Wir alle leben um Christi willen!«

»Bravo! Das ist traurig, aber – wahr!«

»Und ich behaupte, daß die Engländer Europa beherrschen werden.«

»Er war auch noch in die Sache Astyrews verwickelt.«

»Kisselewskis ganzes Talent lag in seiner Stimme, in seinem Herzen war auch nicht ein Körnchen.«

»Reichen Sie mir den Essig herüber!«

»Nein, Sie entschuldigen schon! In Nischnij Nowgorod, im Dorf Podnowje legt man Salzgurken besser ein als in Neshin!«

»Raus aus Europa mit den Türken! Raus!«

»Haben Sie Dostojewski vergessen!«

»Und Saltykow-Schtschedrin?«

»Seine Mätresse war in jener Saison die Korojedow-Smijew, so eine, wissen Sie, laut läßt sich das nicht sagen ...«

»Jetzt wird Witte mit Rußland umspringen!«

»Unbeschränkt. Sie werden was erleben!«

Man lachte. Nikodim Iwanowitsch begann unerwartet zu deklamieren:

Der Schriftsteller, wenn er die Woge

Und Rußland der Ozean,

Er muß sich auch empören,

Empört sich das Element.

»Hauptsache, halten Sie die Füße warm.«

»Rußland kocht über! Wird von neuem überkochen!«

»Die Studentenschaft! Der Bundesrat...«

»Nein, die Marxisten können den Volkstümlern nichts anhaben...«

»Ich weiß schon, was Kunst ist, ich bin Requisitenmacher...«

In diesen Wirbel warf auch Klim von Zeit zu Zeit Warawkasche Sprüche, und sie verschwanden spurlos zusammen mit den Worten aller anderen.

Der Professor erhob sich mit einem Glas Rotwein, Mit hocherhobenem Arm verkündete er:

»Herrschaften! Ich bitte, die Gläser zu füllen! Stoßen wir an auf › sie‹!«

Auch die übrigen erhoben sich und tranken schweigend, wissend, daß sie auf die Verfassung tranken. Der Professor leerte sein Glas und sprach:

»Möge sie kommen!«

Er wählte fast immer unfehlbar für seinen Toast den Augenblick, wenn die reiferen Leute schwerer wurden, wenn ihnen traurig ums Herz ward, während die Jungen, umgekehrt, Feuer fingen. Pojarkow spielte virtuos auf der Gitarre. Darauf sang man im Chor die verdammten russischen Weisen, von denen das Herz vergeht und alles im Leben in einem einzigen Schluchzen erscheint.

Schön und selbstvergessen sang mit hohem Tenor Diomidow. Er legte Eigenschaften an den Tag, die niemand bei ihm vermutete und die Klims Sympathie erregten. Es war klar, daß der junge Requisitenmacher heuchelte, wenn er von seiner Furchtsamkeit gegenüber den häuslichen Menschen sprach. Einmal tadelte Marakujew erregt den jungen Zaren, weil der Zar nach Anhörung eines Berichts über die Studenten, die sich geweigert hatten, ihm den Treueid zu schwören, gesagt hatte:

»Ich werde auch ohne sie auskommen.«

Fast alle stimmten ihm darin zu, daß das eine Unklugheit gewesen war. Nur der weichherzige Onkel Chrisanf rieb mit der flachen Hand Luft in seine Glatze hinein und versuchte, den neuen Führer des Volkes zu rechtfertigen.

»Er ist jung. Übermütig.«

Der unansehnliche Schauspieler unterstütze ihn durch Entfaltung seiner Kenntnis der Geschichte:

»Sie alle sind in der Jugend übermütig. Zum Beispiel Heinrich IV.«

Diomidow sagte mit einem Lächeln, das sein gemaltes Gesicht unbewegt ließ, freudig und gleichsam neiderfüllt:

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