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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Er schauspielert geschickt.«

Aber Makarow runzelte die Stirn und entgegnete:

»Ich finde nicht, daß er schauspielert. Vielleicht hat er alle diese Manieren irgendwann einmal angenommen, weil sie Mode waren, doch jetzt sind sie sein echtes Wesen. Du solltest beobachten, wie naiv und gar nicht gescheit er zuweilen redet, und trotzdem wird es einem nicht einfallen, über ihn zu lachen. Nein! Der Alte ist echt! Eine Persönlichkeit!«

Wenn der alte Schriftsteller Branntwein getrunken hatte, liebte er es, von der Vergangenheit zu erzählen, von Menschen, mit denen er gemeinsam angefangen hatte zu arbeiten. Die jungen Leute hörten die Namen von Literaten, die ihnen unbekannt waren, und tauschten verständnislose Blicke:

»Naumow, Bashin, Sassodimski, Lewitow ...«

»Hast du die gelesen?« erkundigte sich Klim bei Makarow.

»Nein. Von den beiden Uspenskis habe ich Gleb gelesen, aber daß es noch einen Nikolai gab, höre ich zum ersten Male. Gleb ist ein Hysteriker. Übrigens verstehe ich wenig von Belletristen, Prosaisten, überhaupt von ›Isten‹.« Er lächelte, fügte aber sogleich finster hinzu:

»Ich fürchte, sie werden Lida noch in die Politik hineinziehen...«

Makarow war häufiger Gast bei Lida. Aber er blieb nie lange. Mit ihr sprach er im Ton des älteren Bruders, mit Warwara wegwerfend und bisweilen sogar spöttisch. Marakujew und Pojarkow nannte er »Choristen«, Onkel Chrisanf den »Moskauer Knecht Gottes«. All das behagte Klim, der jetzt den barfüßigen, müden und Naivitäten propagierenden Makarow auf der Veranda des Landhauses vergessen hatte.

Es gab dort noch einen Schriftsteller, den Autor süßlicher Erzählungen aus dem Leben kleiner Leute mit kleinen Leiden. Makarow nannte diese Erzählungen »Korrespondenzberichte an Nikolaus den Wundertäter«. Der Schriftsteller selbst war ebenfalls klein, vierschrötig, mit schlechtem Teint, einem dünnen schwärzlichen Bärtchen und unfreundlichen Augen, Um ihren harten Ausdruck zu mildern, lächelte er unbestimmt und gewaltsam, und dieses Lächeln, das sein dunkles Gesicht verzerrte, machte ihn alt. In nüchternem Zustand redete er wenig und behutsam, betrachtete mit großer Aufmerksamkeit seine bläulichen Fingernägel und hüstelte trocken in seinen Rockärmel. Wenn er jedoch getrunken hatte, stieß er, fast immer am falschen Platz, vieldeutige Sätze hervor:

»Ich bin Sklave, ich bin Zar, ich bin Wurm, ich bin Gott! Die Substanz ist die gleiche, beim Wurm wie bei Goethe.«

Er erfand Redensarten, die er ebenfalls unvermittelt und sinnlos in die Unterhaltung einflocht. Man nannte ihn Nikodim Iwanowitsch, und Klim hörte einmal, wie er, rätselhaft lächelnd, zu Diomidow sagte:

»Warten wir ab, vertrauen wir ihm, folgen wir dem Nikodim!«

Wenn er etwas im Volkston oder im Jargon des Alltags gesagt hatte, hüstelte er besonders eifrig und gedankenvoll in seinen Ärmel. Doch bereits fünf Minuten später sprach er in anderen Wendungen und so, als ob er in Gedanken die Festigkeit seiner Worte prüfte.

»In unserem Innern ist alles nicht so, wie wir es sehen. Das wußten schon die Griechen. Das Volk erwies sich anders, als die Generation der 70er Jahre es gesehen hatte.«

Er gab sich überhaupt rätselhaft und zerstreut, was Samgin anzunehmen gestattete, daß diese Zerstreutheit eine gemachte sei. Nicht selten brach er mitten im Satz ab, nahm aus der Seitentasche seiner dunklen Jacke ein Notizbüchlein aus Leder, barg es unter dem Tisch auf seinen Knien, und schrieb dort mit einem dünnen Bleistift etwas hinein.

Auf diese Weise entstand der Eindruck, daß Nikodim Iwanowitsch sich in einem dauernden Zustand ruhelosen Schaffens befand, was bei Diomidow ein feindseliges Verhalten gegen den Schriftsteller hervorrief.

»Schon wieder notiert er, sehen Sie es?« sagte er ein wenig furchtsam und leise zu Lida.

Nikodim Iwanowitsch aß viel und mit unschönen Manieren. Da er dies zu wissen schien, bemühte er sich, unauffällig zu essen, und schluckte die Speisen eilig, ohne zu kauen, hinunter. Aber sein Magen war schwach, der Schriftsteller litt an Schlucken, und wenn er genügend lange geschluckt hatte, zwinkerte er verlegen mit den Augen, hielt die Hand vor den Mund, steckte sodann seine Nase in den Rockärmel und entfernte sich hüstelnd zum Fenster, wo er, allen den Rücken zuwendend, sich heimlich den Bauch rieb.

In einer solchen Minute tauschte der lustige Student Marakujew mit Warwara ein Zwinkern des Einverständnisses, trat zu ihm hin und fragte:

»Was beschauen Sie da, Nikodim Iwanowitsch?«

Sich windend, sagte der Schriftsteller:

»Ja, sehen Sie, da brennt ein Stern, unnütz für Sie und für mich. Er entflammte zehntausend Jahre vor uns und wird noch zehntausend Jahre nutzlos brennen, während wir nicht einmal mehr fünfzig Jahre leben werden.«

Diomidow, der Zwetschkenbranntwein getrunken hatte und daher leicht angeheitert war, erklärte laut und in protestierendem Ton:

»Das wissen Sie aus der Astronomie. Aber vielleicht hängt die ganze Welt an diesem einzigen Stern, vielleicht ist er ihr letzter Halt. Sie aber wollen... Was wollen Sie?«

»Das ist nicht Ihre Sache, junger Mann«, sagte der Schriftsteller verletzt.

Ferner verkehrte bei Onkel Chrisanf ein rotköpfiger, rotgesichtiger Professor, der Autor eines politischen Programms, geschrieben vor zehn Jahren. In diesem Programm bewies er, daß in Rußland die Revolution unmöglich, daß eine allmähliche Verschmelzung aller oppositionellen Kräfte des Landes in einer Reformpartei erforderlich sei, die die Aufgabe habe, beim Zaren nach und nach die Einberufung des Landständeparlaments durchzusetzen. Doch auch für diesen Artikel entfernte man ihn von der Universität. Seitdem lebte er im Besitz des Titels eines »Märtyrers der Freiheit«, ohne den Wunsch, den Gang der Geschichte zu verändern, weiter, war selbstzufrieden, geschwätzig und trank, dem Rotwein vor allen Getränken den Vorzug gebend, so wie alle in Rußland: ohne ein Gefühl für Maß.

Der schneidige Marakujew und ein anderer Student, der ausgezeichnete Gitarrespieler Pojarkow, ein langer, blatternarbiger Mensch, an dem etwas an einen Küster erinnerte, machten Warwara einmütig den Hof. Sie rollte tragisch die grünlichen Augen, schüttelte ihr rötliches Haar und bemühte sich, mit tiefer Stimme zu sprechen wie die Jermolow, vergaß sich jedoch zuweilen und sprach durch die Nase, wie die Sawin.

Makarow und Diomidow behaupteten sich standhaft bei Lida. Auch sie beeinträchtigten sich gegenseitig nicht. Makarow behandelte den Gehilfen des Requisitenmachers geradezu mit Liebenswürdigkeit, wenngleich er hinter seinem Rücken mit Unmut von ihm sprach.

»Der Teufel mag wissen, ist er nun ein Mystiker oder wie? Ein halber Irrer. Lida scheint jedoch auch eine Neigung nach dieser Seite zu haben. Überhaupt, die Gesellschaft ist nicht eben glänzend.«

Klim Samgin, vom Beobachten völlig in Anspruch genommen, sah sich abseits von allen, doch das verletzte ihn nicht mehr sehr heftig. Er fühlte, daß die bescheidene Rolle des Zuschauers vorteilhaft und angenehm war und ihn innerlich Lida näherte. Ihre Haltung an diesen Abenden war die einer Ausländerin, die die Sprache ihrer Umgebung schlecht versteht und angestrengt den verworrenen Reden folgt, deren umständliche Deutung ihr die Zeit raubt, selbst etwas zu sagen. Ihre dunklen Augen glitten über die Gesichter der Menschen, bald auf dem einen, bald auf dem anderen verweilend, aber niemals lange, und stets so, als habe sie diese Gesichter erst soeben bemerkt. Klim suchte wiederholt zu ergründen, was sie über diese Menschen dachte. Aber sie zuckte schweigend, ohne eine Antwort zu geben, die Achseln, und nur ein einziges Mal, als Klim allzu heftig in sie drang, sagte sie, wie in der Absicht, ihn beiseite zu stoßen:

»Ich weiß nicht. Wahrscheinlich verstehe ich nicht zu denken.«

Zuweilen erschien das unscheinbare Männchen Sujew, glatt gekämmt, mit einem winzigen Gesicht, dessen Zentrum ein plattgedrücktes Näschen bildete. Auch der ganze Sujew, platt, in einem zerknüllten Anzug, erschien zerdrückt und ausgespuckt. Er war vierzig Jahre alt, aber alle nannten ihn Mischa.

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