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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Lida zog sich ans Fenster zurück und sagte, während sie mit dem Finger auf der beschlagenen Scheibe malte, mit dumpfer Stimme:

»Mir scheint auch, es ist zu ... weich.«

»Nicht im geringsten zündend«, bestätigte Warwara und maß Diomidow mit einem ärgerlichen Blick aus ihren grünlichen Augen. Erst in diesem Augenblick fiel Klim ein, daß sie die Repliken Julias mit blaßer Stimme gegeben und beim Sprechen unschön den Hals gereckt hatte.

Diomidow senkte den Kopf, schob die Daumen zwischen seinen Gurt und sagte, einem »O« ähnelnd, schuldbewußt:

»Ich glaube nicht an das Theater.«

»Weil du nicht so viel weißt«, schrie tobend Onkel Chrisanf. »Lies mal das Buch ›Die politische Rolle des französischen Theaters‹ von... wie heißt er doch? Boborykin!«

Er drang auf Diomidow ein und trieb ihn in die Ofenecke. Dort beteuerte er ihm:

»Mit dem Evangelium sollte man dich auf den Schädel schlagen, mit der Predigt über die Talente!«

»An diese Predigt glaube ich auch nicht«, hörte Klim leise antworten.

»Gewiß, er ist dumm«, entschied Klim. Lida begann zu lachen, und Klim nahm ihr Lachen für eine Bestätigung seines Urteils.

Später, als er bei ihr im Zimmer saß, sagte er:

»Weißt du noch, dein Vater sagte, jeder Mensch sei an seinem Faden befestigt, und dieser Faden sei stärker als die Menschen.«

»Er hängt selbst an einem Faden«, meinte Lida gleichmütig, ohne ihn anzusehen.

»Wenn du auf Semjon anspielst, so ist dies nicht richtig«, fuhr sie fort. »Er ist frei. Er hat etwas Beschwingtes.«

Sie sprach gezwungen, wie eine Frau, die die Unterhaltung mit ihrem Mann langweilt. An diesem Abend schien sie um fünf Jahre gealtert. Eingehüllt in ihren Schal, der straff ihre Schultern umspannte, fröstelnd in den Sessel gekauert, war sie, wie Klim fühlte, weit fort von ihm. Doch dies hielt ihn nicht ab, sich zu sagen, mochte dieses Mädchen häßlich und fremd sein, er wollte doch gern zu ihr treten, seinen Kopf in ihren Schoß legen und noch einmal jenes Einzige empfinden, das er einst erfahren hatte. In seinem Gedächtnis ertönten Romeos Worte und der Ausruf Onkel Chrisanfs:

»Die Liebe verlangt die große Geste!«

Doch er fand bei sich keine Entschlossenheit zur Geste, verabschiedete sich gepreßten Herzens von ihr und ging fort, zum zehntenmal an dem Rätsel verzweifelnd, warum es ihn gerade zu dieser Frau ziehe. Warum?

»Ich erklügle sie. Sie kann mir doch nicht die Tür in ein sagenhaftes Paradies öffnen!«

Und doch fühlte er, daß irgendwo tief in ihm die Überzeugung beharrte, Lida sei für ein besonderes Leben, eine besondere Liebe geschaffen. Über seine Empfindungen für sie ins reine zu kommen, daran hinderte ihn der Sturzbach von Eindrücken, ein Sturzbach, in dem Samgin willenlos und immer schneller dahintrieb.

An Sonntagabenden versammelten sich bei Onkel Chrisanf seine Freunde, Leute gesetzten Alters und gleicher Gemütslage. Alle fühlten sich vom Schicksal ungerecht behandelt, und jeder von ihnen brachte Gerüchte und Tatsachen mit, die das Gefühl des Unrechts noch vertieften. Alle waren dem Trinken und Essen zugetan. Onkel Chrisanf aber war im Besitz der mächtigen Köchin Anfimowna, die unglaubliche Fischpasteten zu backen verstand.

Unter diesen Menschen gab es zwei Schauspieler, die überzeugt waren, daß sie ihre Rollen so spielten, wie nie ein Mensch vor ihnen und nach ihnen. Der eine war würdevoll, grauhaarig, mit hängenden Wangen und dem allesverachtenden Blick der streng aufgerissenen Augen eines Menschen, den der Ruhm ermüdet hat.

Er trug mit Adel einen Samtfrack und weiche sämischlederne Schuhe. Unter seinem Bulldoggenkinn war ein blauer Schlips zu einer pompösen Schleife geknüpft. Er litt an Podagra und setzte die Füße so behutsam auf, als verachte er auch den Erdboden. Er aß und trank viel, sprach wenig, und wessen Namen immer in seiner Gegenwart genannt werden mochte, er winkte mit der schweren, bläulichen Hand ab und verkündete grollend und im Ton des großen Herrn:

»Ich kenne ihn.«

Weiter sagte er nichts, da er offenbar annahm, in diesen seinen drei Worten sei eine hinlänglich vernichtende Kritik dieses Menschen eingeschlossen. Er war Anglomane, vielleicht deshalb, weil er nur »Englischen Bittern« trank, und zwar mit fest zugekniffenen Augen und so heftig zurückgeworfenem Kopf, als wünschte er, daß der Schnaps ihm zum Nacken hinausdrang. Der andere Schauspieler war unansehnlich: kahlköpfig, mit zahnlosem Mund und einem Kneifer auf einer Habichtsnase. Er hatte die großen und wachsamen Ohren eines Hasen. Rastlos geschäftig in seinem dürftigen grauen Jackett und grauen Hosen an dünnen Beinen mit spitzen Knien, erzählte er Anekdoten, trank mit Wollust Wodka, die er nur mit Roggenbrot begleitete, und ergänzte, boshaft die Lippen schiefziehend, die Urteile des würdevollen Schauspielers mit gleichfalls drei Worten:

»Er war Alkoholiker.«

Er versicherte, daß er »Memoiren eines Nachtvogels« schriebe, und erläuterte:

»Der Nachtvogel bin ich, der Schauspieler. Schauspieler und Frauen leben nur nachts. Ich liebe bis zur Selbstvergessenheit alles Historische.«

Zum Beweise seiner Liebe für die Historie erzählte er nicht schlecht, wie der hochbegabte Andrejew-Burlak vor der Aufführung das Kostüm vertrank, in dem er den Judas von Qolowljow spielen mußte; wie Schumski soff; wie die Rinna-Syrowarow in betrunkenem Zustand nicht unterscheiden konnte, wer von drei Männern ihr Gatte war. Die Hälfte dieser Geschichte, wie auch die meisten übrigen, teilte er im Flüsterton mit, wobei Er die Worte verschluckte und mit dem linken Bein strampelte. Das Zucken dieses Beins bewertete er ziemlich hoch:

»Ein solches Zucken befiel Napoleon in den besten Augenblicken seines Lebens.«

Klim Samgin hatte sich daran gewöhnt, die Menschen mit dem ihm verständlichsten Maßstab zu messen, und diese beiden Mimen färbten in Klims Augen mit ihrer Farbe alle Freunde Onkel Chrisanfs.

Einen Menschen, der einst eine Rolle gespielt hatte, lernte er in der Person eines bekannten Schriftstellers kennen, eines langbärtigen, knorrigen Greises mit kleinen Augen. Dieser Literat, der sich in den 70er Jahren durch die Idealisierung des Bauerntums einen Namen gemacht hatte, hatte, obwohl mäßig begabt, durch den Lyrismus seiner Liebe und seines Glaubens an das Volk die ehrlichste Begeisterung der Leser erweckt. Er hatte seinen Ruhm überlebt, doch seine Liebe war lebendig geblieben, wenn auch verbittert, weil der Leser sie nicht mehr schätzte, nicht mehr verstand. Dadurch verwundet, schalt der Greis zänkisch die jungen Literaten und beschuldigte sie des Verrats am Volk.

»Alles Lejkins, die für die Unterhaltung schreiben. Korolenko schreibt bald so, bald so, haut aber in dieselbe Kerbe. Über Kakerlaken hat er geschrieben! In der Stadt spielen die Kakerlaken keine Rolle, man muß sie auf dem Dorf beobachten und beschreiben! Man lobt zum Beispiel Tschechow, Aber er ist ein herzloser Taschenspieler, der nur grau in grau malt. Man liest und sieht nichts. Es sind alles Halbwüchsige.«

Vor allen Dingen konnten ihn die Marxisten bis zu einem bösen Leuchten in den Augen erbittern. Während er sich am Bart zupfte, sagte er finster:

»Kürzlich hat mir ein Dummkopf ins Gesicht hinein gekläfft: Ihr Einsatz auf das Volk ist geschlagen. Es gibt kein Volk, es gibt nur Klassen. Ein Jurist im zweiten Semester. Jude. Klassen! Er hat vergessen, wie klassisch man erst unlängst gegen seine Rassegenossen gewütet hat.«

Befriedigt von dem einfältigen und düsteren Kalauer, schmunzelte er so breit, daß sein Bart bis zu den Ohren hinaufwanderte und eine gutmütige, stumpfe Nase entblößte.

Seine Bewegungen waren schwer, wie die eines Bauern hinter dem Pflug, Überhaupt war in seinen Gesten und Redewendungen viel Bäurisches. Samgin, der sich an den Tolstoianer erinnerte, der sich als Bauer aufgeputzt hatte, sagte zu Makarow.

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