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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Draußen rauschte Regen und streichelte die Scheiben. Eine Gaslaterne flammte auf. Ihr blutloses Licht erhellte die feine, graue Perlenschnur der Regentropfen. Lida schaute mit auf der Brust gekreuzten Armen stumm aus dem Fenster. Klim fragte:

»Wer ist eigentlich dieser Onkel Chrisanf?«

»Vor allem ein sehr gütiger Mensch. Weißt du, so ein unerschöpflich guter. Unheilbar, würde ich sagen.«

Und mit einem Lächeln ihrer dunklen Augen begann sie so lebhaft und mit so viel Wärme zu reden, daß Klim sie mit Erstaunen ansah: als wäre jene, die vor einigen Minuten in so trockenem Ton Rechenschaft abgelegt hatte, eine andere gewesen.

»Ich bin tief überzeugt, daß er Moskau, das Volk und die Menschen, von denen er spricht, aufrichtig liebt. Übrigens, Menschen, die er nicht liebte, gibt es auf der Welt nicht. Einem solchen Menschen bin ich noch nicht begegnet. Er ist unerträglich, er besitzt in einzigartiger Weise die Gabe, mit Begeisterung Plattheiten zu sagen, aber dennoch... Man möchte einen Menschen beneiden, der so das Leben feiert...«

Sie erzählte, Onkel Chrisanf habe sich in seiner Jugend politisch komprimittiert, das habe ihn mit seinem Vater, einem reichen Gutsbesitzer, entzweit. Darauf habe er sich als Korrektor und Souffleur sein Brot verdient und nach dem Tode seines Vaters eine Bühne in der Provinz aufgemacht. Er verkrachte und saß sogar in Schuldhaft. Später war er Regisseur an privaten Theatern, heiratete eine reiche Witwe, die starb und ihr ganzes Vermögen ihrer Tochter Warwara hinterließ. Jetzt lebte Onkel Chrisanf bei seiner Stieftochter und erteilte an einer privaten Theaterschule Unterricht im Deklamieren.

»Und diese – Warwara?«

»Warwara hat Talent«, sagte zögernd Lida, und ihre Augen hefteten sich fragend auf Klims Gesicht.

»Weshalb siehst du mich so an?« fragte er verlegen.

»Ich frage mich, ob du wohl Talent hast?«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Klim bescheiden.

Sie betrachtete ihn nachdenklich.

»Irgendein Talent mußt du haben«, sagte sie.

Klim machte sich ihr Schweigen zunutze, um sie nach dem zu fragen, was ihn hauptsächlich interessierte: nach Diotnidow.

»Er ist wunderlich, nicht wahr?« rief Lida aus, von neuer Lebhaftigkeit erfüllt. Es ergab sich, daß Diomidow eine Waise war, ein Findelkind. Bis zu seinem neunten Jahr wurde er von einer alten Jungfer, der Schwester eines Geschichtslehrers erzogen, dann starb sie. Der Lehrer ergab sich dem Trunk und starb gleichfalls schon zwei Jahre darauf. Ein Drechsler, der Ikonenschreine schnitzte, nahm Diomidow in die Lehre. Nachdem Diomidow fünf Jahre bei ihm gearbeitet hatte, übernahm ihn sein Bruder, der Requisitenmacher war, ein Junggeselle und Säufer. Bei ihm lebt er auch heute.

»Chrisanf drängt ihn, zur Bühne zu gehen. Aber ich kann mir keinen weniger theatralischen Menschen als Semjon vorstellen. Oh, was für ein reiner Jüngling er ist!«

»Und in dich verliebt!« bemerkte Klim lächelnd.

»Und in mich verliebt«, wiederholte Lida automatisch.

»Und du?«

Sie antwortete nicht, aber Klim sah, daß ihr braunes Gesicht sich sorgenvoll verdunkelte. Sie zog die Beine auf den Sessel herauf, schlang die Arme um ihre Schultern und krümmte sich zu einem Klümpchen zusammen.

»Mit wunderlichen Menschen komme ich in Berührung«, sagte sie seufzend. »Mit sehr wunderlichen. Und überhaupt, wie schwer ist es, die Menschen zu verstehen.«

Klim nickte zustimmend. Wenn er sich nicht auf den ersten Blick ein Urteil über einen Menschen bilden konnte, empfand er diesen Menschen als eine Bedrohung. Die Zahl dieser bedrohlichen Menschen wuchs ständig. Unter ihnen stand Lida ihm am nächsten. Diese Vertrautheit empfand er in diesem Moment besonders deutlich, und plötzlich bemächtigte sich seiner der Wunsch, ihr alles von sich zu sagen, ohne einen einzigen Gedanken zu verhehlen, ihr noch einmal zu gestehen, daß er sie liebe, aber nicht verstehe und etwas an ihr fürchte. Beunruhigt durch diesen Wunsch stand er auf und verabschiedete sich von ihr.

»Komm bald wieder«, sagte sie. »Komm morgen schon. Morgen ist Feiertag.«

Auf der Straße rieselten immer noch die feinen Körnchen des herbstlich ausdauernden Regens. Langweilig gurgelte das Wasser in den Sielen. Die Häuser, eng aneinander geschmiegt, fürchteten gleichsam zu zerfließen, wenn sie sich trennten. Sogar das Licht der Laternen hatte etwas Flüssiges. Klim winkte einem schwarzen, wütenden Kutscher. Sein nasser Gaul wackelte mit dem Kopf und pochte mit den Hufeisen gegen die Pflastersteine. Klim schauerte fröstelnd zusammen, betroffen von der kalten Feuchtigkeit und von unmutigen Gedanken über die Menschen, die schwärmerisch unglaubliche Dummheiten zu sagen verstanden, und über sich, der noch immer ohnmächtig war, sich sein eigenes Satzsystem aufzubauen.

»Der Mensch ist ein System von Sätzen, nicht mehr. ›Hundehütten Gottes‹ war dumm von mir gesagt. Dumm. Aber noch dümmer ist der ›moskowitische Gott im Hemd‹. Und warum sind Träume in Orjol angenehmer als Träume in Petersburg? Es ist klar, die Menschen brauchen diese Abgeschmacktheiten nur, damit einer sich vom anderen unterscheiden kann. Im Grunde ist das Betrug.«

Einige Abende bei Onkel Chrisanf verbracht, überzeugten Samgin vollkommen davon, daß Lida unter wahrhaft wunderlichen Menschen lebte. Jedesmal sah er dort Diomidow, und diese gemalte Puppe erregte in ihm ein Gefühl, gemischt aus Neugier, Ratlosigkeit und zögernder Eifersucht. Der Student Marakujew begegnete Diomidow feindselig, Warwara gnädig und gönnerhaft, während Lidas Verhalten sprunghaft und launisch war. Zuweilen übersah sie ihn während des ganzen Abends, unterhielt sich mit Makarow oder verspottete Marakujews Liebe für das einfache Volk. Ein anderes Mal sprach sie den ganzen Abend halblaut nur mit ihm oder lauschte seiner summenden Rede. Diomidow sprach immer mit einem Lächeln und so langsam, als formten sich die Worte ihm schwer.

»Es gibt häusliche Menschen und wilde. Ich bin ein wilder«, sagte er schuldbewußt. »Die häuslichen Menschen verstehe ich wohl, aber ich gewöhne mich schwer an sie. Immer scheint es mir, als trete jemand an mich heran und fordere mich auf: ›Komm mit!‹ Und ich gehe dann mit, ohne zu wissen wohin.«

»Das bin ich, ich bin es, der dich führt!« schrie Onkel Chrisanf. »Ich werde aus dir einen erstklassigen Schauspieler machen. Du wirst einen solchen Romeo, einen solchen Hamlet hinlegen ...!«

Diomidow glättete sein Haar, schmunzelte ungläubig, und seine Ungläubigkeit war so deutlich, daß Klim dachte:

»Lida hat recht. Dieser Mensch kann kein Schauspieler sein, er ist viel zu dumm, um sich zu verstellen.«

Doch eines Tages ließ Onkel Chrisanf Diomidow und seine Stieftochter einige Szenen aus »Romeo und Julia« spielen. Klim, von jeher gleichgültig gegen das Theater, war bestürzt über die erhabene Gewalt, mit der der lichthaarige Jüngling die Worte der Liebe und Leidenschaft aussprach. Er erwies sich im Besitz eines sanften Tenors, arm an Schattierungen, doch klangvoll. Samgin lauschte den schönen Worten Romeos und fragte sich, weshalb dieser Mensch Bescheidenheit heuchelte, wenn er sich einen Wilden nannte. Weshalb verheimlichte Lida, daß er Talent besaß? Wie sie ihn jetzt ansah, mit geweiteten Pupillen, trat durch die bräunliche Haut ihrer Wangen eine helle Röte, und ihre Finger, die auf ihrem Knie ruhten, zitterten.

Onkel Chrisanf, der rittlings auf einem Stuhl saß, erhob Arm, Oberlippe und Brauen, spannte die dicken Waden seiner kurzen Beine an, hüpfte auf seinem Sitz empor, schleuderte seinen feisten Rumpf vor, und Gesicht und Stimme strahlten vor Entzücken. Er zwinkerte wollüstig und klatschte dreimal in die Hände:

»Vortrefflich!« schrie er. »Ausgezeichnet, aber verkehrt! Das war kein Italiener, sondern ein Mordwine. Das war Grübelei, aber nicht Leidenschaft, Reue, aber nicht Liebe! Die Liebe verlangt die große Geste. Wo ist bei dir die Geste? Dein Gesicht lebt nicht! Deine ganze Seele liegt in den Augen, das ist zu wenig! Nicht jedermann im Publikum sieht durch das Binokel auf die Bühne...«

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