Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Ich vergöttere Moskau! Rühme mich, Moskauer zu sein! Wandle erschauernd dieselben Straßen mit unseren weltberühmten Schauspielern und Gelehrten! Bin glücklich, den Hut vor Wassili Ossipowitsch Kljutschewski ziehen zu dürfen! Bin Leo Tolstoi – Leo, sage ich! – zweimal begegnet. Und wenn Maria Jermolow zur Probe fährt, bin ich bereit, mitten auf der Straße in die Knie zu sinken. Auf Ehre!«
Im Nachbarzimmer waren Lida, in roter Bluse und schwarzem Rock, und Warwara, in einem dunkelgrünen Kleid, geschäftig. Es lachte der unsichtbare Student Marakujew. Lida schien kleiner und erinnerte mehr denn je an eine Zigeunerin. Sie war gleichsam voller geworden, und ihr zierliches Figürchen hatte seine Körperlosigkeit eingebüßt. Dies beunruhigte Klim, der unaufmerksam die begeisterten Ergüsse Onkel Chrisanfs über sich ergehen ließ und versteckt, mit scheelen Blicken Diomidow betrachtete, der lautlos von Ecke zu Ecke wandelte.
Auf den ersten Blick bestürzte Diomidows Gesicht durch seine festliche Schönheit, doch bald entsann sich Klim, daß man gerade diese süßliche Schönheit Engelsschönheit nannte. Das von saphirgrünen, mädchenhaften Augen erhellte, runde und weiche Gesicht schien künstlich gemalt. Übertrieben grell waren die vollen Lippen, allzu stark und dicht die goldfarbenen Brauen. Alles in allem die starre Maske einer Porzellanpuppe. Das hellbraune, lockige Haar schlängelte sich bis zur Schulter und flößte den lächerlichen Wunsch ein, nachzusehen, ob Diomidow nicht weiße Fittiche auf dem Rücken habe. Während er im Zimmer auf und ab schritt, zwang er häufig und behutsam mit beiden Händen Haarsträhnen hinter seine Ohren zurück und preßte seine Schläfen in einer Weise zusammen, als fühle er nach, ob auch sein Kopf noch da sei. Dann entblößten sich zwei kleine Ohren von edler Form.
Mittelgroß, sehr schlank, trug Diomidow eine schwarze Bluse mit breitem Ledergürtel. Seine Füße waren mit geräuschlosen, gut geputzten Stiefeln bekleidet. Klim bemerkte, daß dieser Junge einige Male – nach einem unsicheren Blick zu ihm hin – sich auf die Lippe biß, als getraue er sich nicht, ihn etwas zu fragen.
»Ich habe die Ehre, Nikolai Nikolajewitsch Slatowratski persönlich zu kennen«, legte der entzückte Onkel Chrisanf dar.
Als Lida zum Tee rief, schwelgte er auch drüben noch lange in Schilderungen des an berühmten Leuten reichen Moskaus.
»Hier ist sowohl Rußlands Hirn als auch sein weites Herz«, rief er aus und zeigte mit dem Arm nach dem Fenster, an dessen Scheiben sich die feuchte Dunkelheit des Herbstabends feucht anschmiegte.
Die spitznäsige Warwara hielt das Haupt stolz erhoben. Ihre grünlichen Augen lächelten den Studenten Marakujew an, der ihr etwas ins Ohr flüsterte und lachlustig die Backen aufblies. Lida, die den Tee in die Gläser goß, war düster.
»Diese Lobgesänge können ihr nicht gefallen«, dachte Klim, während er den über sein Glas gebeugten Diomidow beobachtete. Onkel Chrisanf wischte sich müde, mit der Bewegung eines Katers, den Schweiß von Gesicht und Glatze, rieb die feuchte Handfläche an seiner Schulter ab und fragte Klim:
»Petersburg ist mehr nach Ihrem Herzen?«
Klim kam es so vor, als klinge die Frage ironisch. Aus Höflichkeit wollte er mit dem Moskauer in der Beurteilung der alten Stadt nicht verschiedener Meinung sein. Bevor er aber Anstalten treffen konnte, Onkel Chrisanfs Herz zu erquicken, sagte Diomidow, ohne den Kopf zu erheben, mit lauter und überzeugter Stimme:
»In Petersburg ist der Schlaf schwerer. An feuchten Plätzen ist der Schlaf immer schwer. Auch die Träume sind in Petersburg eigenartig. So grausige Dinge wie dort träumt man in Orjol nicht.«
Er blickte Klim an und fügte hinzu:
»Ich bin aus Orjol.«
Lida sah mit gespanntem Blick auf Diomidow, doch er beugte sich wieder vor und versteckte sein Gesicht.
Klim begann nach dem Herzen Onkel Chrisanfs von Moskau zu sprechen: Vom Berg der Anbetung gesehen erscheine es wie eine regellose Anhäufung von Kehricht, aus ganz Rußland zusammengefegt, doch die goldenen Kuppeln zahlreicher Kirchen seien beredte Zeugen dafür, daß es nicht Kehricht, sondern kostbares Erz sei.
»Wundervoll gesagt!« billigte Onkel Chrisanf und erstrahlte von oben bis unten in einem glücklichen Lächeln.
»Ergreifend sind diese Kirchlein, verirrt zwischen den Häusern der Menschen. Hundehütten Gottes...«
»Zu Herzen gehend! Treffend!« stieß Onkel Chrisanf aus und hüpfte auf seinem Stuhl empor.
Und von neuem kochte die Begeisterung in ihm über.
»Ja, Hundehütten des russischen, moskowitischen, volkhaftesten Gottes! Einen herrlichen Gott haben wir – Einfalt! Nicht in der Soutane, nicht im Bischofsmantel – im Hemd, jawohl! Unser Gott ist wie unser Volk: der ganzen Welt ein Rätsel!«
»Sind Sie gläubig?« fragte Diomidow leise Klim, doch Warwara zischte ihn an. Onkel Chrisanf redete mit schwingenden Bewegungen der Hand, bestrebt, seine winzigen Augen möglichst weit zu öffnen, erreichte jedoch nur, daß die grauhaarigen Brauen zitterten, und die Augen stumpf glänzten wie zwei zinnerne Knöpfe in roten Schlitzen.
Diomidow fuhr wie gebissen oder als habe er sich plötzlich an etwas Beängstigendes erinnert, von seinem Stuhl auf und schob der Reihe nach jedem schweigend seine Hand hin. Klim fand, daß Lida diese allzu weiße Hand einige Sekunden länger als notwendig in der ihren behielt. Auch der Student Marakujew verabschiedete sich. Noch im Zimmer schob er verwegen seine Mütze in den Nacken.
»Möchtest du dir ansehen, wie ich wohne?« sagte Lida freundlich.
In einem schmalen und langen Zimmer stand, zwei Drittel seiner Breite einnehmend, ein massives Bett. Sein hohes, geschnitztes Kopfende und der ragende Berg üppiger Kissen ließen Klim denken:
»Das ist das Bett einer Greisin.«
Eine bauchige Kommode und auf ihr ein Trumeau in Form einer Lyra, drei plumpe Stühle, ein alter kurzbeiniger Sessel vor einem Tisch am Fenster, – das war die ganze Einrichtung des Zimmers, Die Wände, weiß tapeziert, waren nüchtern und kahl, nur gegenüber dem Bett hing das dunkle Quadrat einer kleinen Photographie: die See, glatt wie ein Spiegel, das Heck einer Barkasse und auf ihr, umschlungen, Lida und Alina.
»Asketisch«, sagte Klim, der sich an das gemütliche Nest der Nechajew erinnerte.
»Ich mag nichts Überflüssiges.«
Lida setzte sich in den Sessel, schlug die Beine übereinander, faltete die Hände auf der Brust und begann, etwas ungeschickt, sogleich von der Reise auf der Wolga, durch den Kaukasus und von Batum übers Meer nach der Krim zu erzählen. Sie sprach so, als beeile sie sich, Rechenschaft über ihre Eindrücke abzulegen, oder als gebe sie eine von ihr gelesene, interessante Beschreibung von Dampfern, Städten und Routen wieder. Nur gelegentlich flocht sie einige Worte ein, die Klim als ihre eigenen empfand.
»Wenn du gesehen hättest, wie grauenhaft das ist, wenn Millionen Heringe als eine einzige blinde Masse zum Laichen ziehen! Das ist dermaßen dumm, daß man sogar erschrickt.«
Über den Kaukasus lautete ihr Urteiclass="underline"
»Eine Höllenlandschaft mit schwarzen Figürchen halbverkohlter Sünder. Eiserne Berge, auf ihnen trauriges Gras, das wie Grünspan aussieht. Weißt du, ich empfinde eine immer heftigere Abneigung gegen die Natur«, schloß sie ihren Bericht lächelnd und das Wort »Natur« mit einer Grimasse des Ekels betonend. »Diese Berge, Wasser, Fische, all dies ist erstaunlich drückend und dumm. Und zwingt einen, die Menschen zu bedauern. Ich aber verstehe es nicht, zu bedauern.«
»Du bist alt und weise«, scherzte Klim, der fühlte, daß die Übereinstimmung ihrer Ansichten mit seinen eigenen unfruchtbaren Grübeleien ihm wohltat.