Das Leben des Klim Samgin
- Автор: Горький Максим
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Das Leben des Klim Samgin». Краткое содержание книги:
»Sie korrespondieren nicht mit Ihrem Bruder?«
»Woher wissen Sie das?«
»Ich frage nur.«
»Aber so, als wüßten Sie schon, daß wir nicht korrespondieren.«
»Und weshalb nicht?«
Klim sagte:
»Wir sind zu verschieden. Auch unsere Interessen berühren sich nicht.«
Die Spiwak streifte ihn mit einem Lächeln, in dem er etwas für ihn nicht Schmeichelhaftes auffing, und fragte:
»Und welches sind Ihre Interessen?«
Klim verletzte ihr Lächeln. Um diese Wirkung zu verbergen, antwortete er ein wenig hochfahrend:
»Ich bin der Ansicht, vor allen Dingen hat man ein ehrliches Verhältnis zu sich selbst zu gewinnen, mit größter Genauigkeit die Grenzen seines Wesens festzustellen. Erst dann ist man in der Lage, die wahrhaften Bedürfnisse seines Ichs zu erkennen.«
Die Spiwak biß den Faden ab.
»Ein löblicher Vorsatz«, sagte sie. »Wenn er auch nicht Ihr ganzes Leben. in Anspruch nehmen wird, so doch eine sehr lange Zeit.«
Klim überlegte und fragte dann:
»Soll das Ironie sein?«
»Warum denn? Nein.«
Er glaubte ihr nicht, war beleidigt und ging fort. Auf dem Hof jedoch und auf dem Wege in sein Zimmer begriff er, daß es dumm war, den Gekränkten zu spielen, und daß er sich albern benahm.
Mit ihr zu streiten, getraute Klim sich nicht, überhaupt wich er Streitigkeiten aus. Ihr geschmeidiger Verstand und ihre vielseitige Belesenheit setzten ihn in Erstaunen und verblüfften ihn. Er sah, daß ihre Art zu denken dem »Kutusowismus« verwandt war, und zugleich erschien ihm alles, was sie sagte, als Äußerung eines Außenseiters, der die Erscheinungen des Lebens aus der Ferne, von der Seite her verfolgt. Hinter dieser Unbeteiligtheit argwöhnte Klim gewisse feste Entschlüsse, doch hatte sie nichts an sich, was an die kaltblütige Neugier Turobojews erinnerte. Schließlich und endlich war es nicht ohne Nutzen, ihr zuzuhören, doch war Klim erfreut, wenn Inokow erschien und die Hälfte ihrer Aufmerksamkeit auf sich ablenkte.
Inokow war in eine Art kurzen Kadettenrock aus Sackleinewand gekleidet. Er drückte den Anwesenden schweigend die Hand und wählte stets eine unbehagliche Sitzgelegenheit, indem er den Stuhl in die Mitte des Zimmers rückte. Er überließ sich dem Zuhören der Musik und betrachtete die Gegenstände mit strengem Blick, als ob er sie zähle. Wenn er die Hand erhob, um sein schlechtgekämmtes Haar zu ordnen, las Klim auf der einen Seite seines Röckchens den halbverwaschenen Stempeclass="underline" »Erste Sorte. J. Baschkirows Dampfmühle«.
Solange Spiwak spielte, rauchte Inokow nicht, doch kaum hatte der Musiker die ermatteten Hände von der Klaviatur losgerissen und sie unter seinen Achseln geborgen, als Inokow sich eine billige Zigarre anbrannte und mit hohler, fahler Stimme fragte:
»Wodurch unterscheidet sich eine Sonate von einer Suite?«
Feindselig zu ihm hinschielend sagte Spiwak:
»Sie brauchen das nicht zu wissen, Sie sind kein Musiker.«
Jelisaweta legte ihr Nähzeug aus der Hand, setzte sich an den Flügel und, nachdem sie Inokow den architektonischen Unterschied zwischen einer Sonate und einer Fuge erklärt hatte, begann sie ihn über sein »Das Leben erfahren« auszuforschen. Er erzählte willig, ausführlich und mit einer zweiflerischen Note von sich, wie von einem Bekannten, den er nur schlecht verstand. Klim schien, daß in Inokows Reden die Frage mitklang:
»Ist es so?«
Vor Klim Samgin erstand ein Bild sinnlosen und angsterfüllten Schweifens von einer Seite zur anderen. Es hatte den Anschein, als rolle Inokow über die Erde hin, wie eine Nuß auf einem Teller, den eine ungeduldige Hand hält und schüttelt.
Dieser Bursche stieß auf eine stetig wachsende Abneigung bei Klim, der ganze Inokow gefiel ihm nicht. Man konnte glauben, daß er mit seiner Brutalität protze und unangenehm zu sein wünsche. Jedesmal, wenn er von seinem an Begebenheiten reichen Leben zu erzählen anfing, verließ Klim, nachdem er ihm minutenlang zugehört hatte, demonstrativ das Zimmer.
Lida schrieb ihrem Vater, sie würde von der Krim aus direkt nach Moskau durchfahren und habe sich entschlossen, von neuem die Theaterschule zu besuchen. In einem zweiten kurzen Brief teilte sie Klim mit, daß Alina mit Ljutow gebrochen habe und Turobojew heiraten würde.
»Das war zu erwarten«, dachte Klim gleichmütig und konnte ein Lächeln nicht zurückhalten. Er stellte sich vor, wie hysterisch Ljutow schreien und Grimassen schneiden mußte.
Fünftes Kapitel.
Die Krankheit und die durch sie hervorgerufene Schlaffheit hielten Samgin davon ab, sich rechtzeitig um Aufnahme an die Moskauer Universität zu bemühen. Später beschloß er, auszuruhen und in diesem Jahr nicht zu studieren. Doch das Leben zu Hause war zu reizlos, und so fuhr er an einem windigen Tag Ende September dennoch nach Moskau und streifte durch die Gassen, auf der Suche nach Lidas Wohnung.
Vom Wind abgerissene Blätter flatterten durch die Luft gleich Fledermäusen, es sprühte ein feiner Regen. Von den Dächern fielen schwere Tropfen und trommelten gegen den Schirm. Zornig knurrte das Wasser in den rostigen Abflußrohren. Die nassen, verdrossenen Häuschen sahen Klim aus verweinten Fenstern an. Er mußte daran denken, daß solche Häuser Falschmünzern, Hehlern und Unglücklichen zusagen mußten. Zwischen diesen Häusern sahen vergessen kleine Kirchen hervor.
»Nicht Tempel, sondern Hundehütten«, dachte Klim, und dieser Vergleich gefiel ihm sehr.
Lida wohnte im Hinterhof eines dieser Häuser, im zweiten Stock des Traktes. Seine Mauern entbehrten jeglichen Schmucks, die Fenster waren ohne Einfassung, der Verputz abgebröckelt. Der Trakt hatte ein mißhandeltes, ausgeraubtes Aussehen.
Lida begrüßte Klim lebhaft, mit Freude. Ihre Züge zeigten Erregung, – die Ohren waren rot, die Augen lachten. Sie machte einen angeheiterten Eindruck.
»Samgin, ein Landsmann und Gespiele meiner Kindheit!« schrie sie, als sie Klim in ein weitläufiges Zimmer mit einem gestrichenen, zu den Fenstern hin abschüssigen Fußboden führte. Aus dem Rauch erhob sich ein Mann von kleinem Wuchs, ergriff eilig Klims Hand und sagte, während er sie hin und her zerrte, leise und schuldbewußt:
»Semjon Diomidow.«
Eine spitznäsige Jungfrau mit pompöser, tragisch zerwühlter Frisur nannte ihren Namen:
»Warwara Antipow.«
»Stepan Marakujew«, sagte ein kraushaariger Student mit dem Gesicht eines Sängers und Tänzers aus einem Kaschemmenchor.
Von den blauen Kacheln des Ofens löste sich hinkend ein kahlköpfiger Mensch in einem langen bis über die Knie fallenden und mit einer dicken Quastenschnur gegürteten Hemd, bellte heiser und sagte, die Worte in sich hineinsaugend:
»Onkel Chrisanf. Warja, sorg für den Gast! Ehre und Platz!«
Er nahm Klim am Arm und setzte ihn sorglich wie einen Kranken auf das Sofa.
Fünf Minuten später war Samgin berechtigt, zu glauben, daß Onkel Chrisanf ihn seit langem ungeduldig erwartet habe und schrecklich froh sei, daß er endlich erschien. Das Gesicht des Onkels, rund und rot wie das eines Neugeborenen, erstrahlte in einem entzückten Lächeln. Dieses Lächeln, das unaufhörlich erschien, entstand auf seinen vollen Lippen, dehnte die Nüstern seiner stumpfen Nase, blähte seine Backen, um endlich, nachdem es die säuglinghaft kleinen Augen von unbestimmter Farbe überzogen hatte, auf der Stirn und der geschliffenen, rosigen Haut seines Schädels zu erstrahlen. Es war ein seltsamer Anblick, es schien, als glitte Onkel Chrisanfs Gesicht aufwärts und könnte sich plötzlich im Nacken befinden, und an der Stelle des Gesichts ein blindes, rundes Stück roter Haut zurückbleiben.
»Wir haben eben den "Tartuffe" durchgenommen«, sagte Onkel Chrisanf, nachdem er neben Klim Platz genommen hatte, und scharrte mit seinen bunten Pantoffeln am Fußboden.
Zwei Lampen erhellten das Zimmer. Die eine stand auf dem Spiegelschränkchen zwischen den eine graue Feuchtigkeit ausschwitzenden Fenstern. Die andere hing an einer Kette von der Decke herab. Unter ihr stand in der Pose eines Erhängten, mit am Körper herabbaumelnden Armen, den Kopf auf die Schulter geneigt, Diomidow. Stand – und sah mit einem durchdringenden, irritierenden Blick auf Klim, der durch die singende, begeisterte Redeweise Onkel Chrisanfs betäubt war: