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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Noch in den ersten Tagen seiner unerklärlichen Krankheit waren Ljutow, seine Braut, Turobojew und Lida auf einem Dampfer die Wolga hinabgefahren, um den Kaukasus zu sehen, die Krim zu besuchen und dann im Herbst nach Moskau zurückzukehren. Klim nahm die Nachricht von dieser Reise so gleichmütig auf, daß er selbst fand:

»Ich bin nicht eifersüchtig. Und ich fürchte Turobojew nicht. Lida ist nicht für ihn bestimmt.«

In Warawkas Landhäuser zogen fremde Leute mit zahlreichen, schreienden Kindern ein. Morgens schlugen die Wellen des Flusses klingend ans Ufer und an die Planken des Badehauses. Im bläulichen Wasser hüpften wie Angelkorken menschliche Köpfe. Ölig glatte Arme zappelten in der Luft. An den Abenden sangen Gymnasiasten und Gymnasiastinnen im Walde Lieder. Täglich um drei Uhr spielte ein flachbrüstiges, dürres Fräulein in einem rosa Kleid und mit einer runden, dunklen Brille auf dem Klavier das Gebet der Jungfrau, Punkt vier Uhr eilte sie am Ufer entlang zur Mühle, um dort Milch zu trinken. Ihr rosa Schatten schleifte schräg durch das Wasser hinterdrein. Dieses Fräulein verbreitete einen schwülen Duft von Tuberosen. Ein langbeiniger Lehrer aus der Realschule stelzte aufgeregt umher und fuchtelte sinnlos mit einem Schmetterlingsnetz. Der lahme Bauer schwankte über den Erdboden und schien die unwahrscheinliche Gabe zu besitzen, sich gleichzeitig an mehreren Orten zu zeigen. Bunt ausstaffierte Zigeunerinnen erboten sich, jedem die Zukunft zu verkünden, und stahlen derweilen Wäsche, Hühner und die Spielsachen der Kinder.

Am Fuße der Villa Warawkas wohnte Doktor Ljubomudrow. An Feiertagen, gleich nach dem Essen, setzte er sich mit dem Lehrer, dem Vormund Alinas und seiner dicken Frau an den Tisch. Die drei Männer benahmen sich friedlich, die Doktorsfrau aber krakeelte mit schneidender Stimme:

»Ich sage: Coeur! Und ich behaupte: Karo! Ich halte: Coeur zwei!«

Von Zeit zu Zeit ließ sich die zögernde Stimme des Doktors vernehmen, der stets etwas Seriöses sagte:

»Nur die Engländer haben das Ideal der politischen Freiheit errungen!«

Oder er empfahl genau so ernsthaft:

»Essen Sie mehr Gemüse und vor allem stickstoffhaltige, als da sind: Zwiebel, Knoblauch, Meerrettich, Rettich... Gesund ist auch Mangold, obwohl er keinen Stickstoff enthält. Sagten Sie Kreuz zwei?«

An den Feiertagen kamen aus dem Dorf Schwärme kleiner Jungen, ließen sich wie Zugvögel längs dem Flußufer nieder und beobachteten schweigsam das sorglose Leben der Sommerfrischler. Einer von ihnen, flinkäugig, mit einem Kopf voller Ringellöckchen, hieß Lawruschka. Er war eine Waise und nach den Erzählungen der Dienstboten dadurch bemerkenswert, daß er die junge Brut der Vögel lebendig verzehrte.

In alter Weise und mit durchdringender Stimme eiferte Warawka und sättigte die geduldige Luft mit Paradoxen. Die Mutter kam, bisweilen in Gesellschaft von Jelisaweta Spiwak, Warawka machte unverhohlen und hartnäckig der Frau des Musikers den Hof, Sie hatte für ihn ein liebenswürdiges Lächeln. Aber gleichzeitig wuchs, wie Klim feststellen konnte, zusehends ihre Freundschaft mit seiner Mutter.

Warawka beklagte sich bei ihm:

»Sie ist zu neugierig. Sie möchte alles wissen: Schifffahrt, Forstwirtschaft. Sie ist ein Bücherwurm. Bücher verderben die Frauen. Im vergangenen Winter lernte ich eine Soubrette kennen. Plötzlich fragt sie mich: ›Inwiefern ist Ibsen von Nietzsche beeinflußt?‹ Der Teufel soll wissen, wer da von dem anderen beeinflußt ist! Dieser Tage sagte der Gouverneur, ich kompromittiere mich, weil ich unter polizeilicher Aufsicht Stehenden Arbeit gebe. Ich antwortete ihm: ›Exzellenz, sie arbeiten gewissenhaft.‹ Er: ›Gibt es bei uns in Rußland schon keine gewissenhaften Leute mehr, die makellos sind?‹«

Warawka schmerzten die Füße, er ging jetzt am Stock. Mit krummen Beinen stapfte Iwan Dronow über den Sand, menschenscheu musterte er Erwachsene und Kinder und schimpfte mit den Dienstmädchen und Köchinnen. Warawka hatte ihm die drückende Pflicht aufgebürdet, die uferlosen Wünsche und Beschwerden der Sommerfrischler über sich ergehen zu lassen. Dronow nahm sie entgegen und erschien allabendlich zum Bericht bei Warawka. Der Eigentümer der Sommerfrische hörte die düstere Aufzählung der Klagen und Wünsche an und fragte dann, fleischig in seinen Bart schmunzelnd:

»Na und? Hast du ihnen zugesagt, all das machen zu lassen?«

»Jawohl.«

»Damit mögen sie satt werden. Du halte dir vor Augen, daß dieses Publikum kein dauerhaftes ist. Es werden noch fünf Wochen vergehen, und sie verschwinden. Versprechen kann man alles, aber sie werden auch ohne Reformen auskommen!«

Warawka lachte schallend, und sein Bauch hüpfte. Dronow begab sich in die Mühle und trank dort bis Mitternacht mit übermütigen Weibern Bier. Er versuchte, mit Klim ein Gespräch anzuknüpfen, aber der nahm diese Versuche trocken auf.

Inmitten dieser ganzen Trübe und bedrückenden Langeweile tauchte ein paarmal Inokow auf, mit hungrigem, finsterem Gesicht. Den ganzen Abend erzählte er brutal und wütend von den Klöstern und schimpfte mit hohler Stimme auf die Mönche.

»Die Katholiken brachten wenigstens einen Campanella, einen Mendel hervor, überhaupt eine große Zahl Gelehrter und Historiker. Unsere Mönche aber sind unverbesserliche Nichtswisser. Sie bringen nicht einmal eine leidliche Geschichte der russischen Sekten zustande.«

Und er fragte die Spiwak:

»Weshalb kennen nur wir und die Ungarn die Sekte der Judaisier enden?

»Ein origineller Junge«, sagte von ihm die Spiwak. während Warawka ihm eine Anstellung in seinem Kontor anbot. Aber Inokow lehnte ab, ohne sich zu bedanken.

»Nein, ich muß lernen.«

»Ja, was lernen Sie eigentlich?«

Inokow antwortete albern und ohne Lächeln:

»Das Leben erfahren.«

Und verschwand am selben Abend gleich einem Stein, der ins Wasser gefallen ist.

Klim Samgin konnte auf keine Weise Klarheit über seine Beziehungen zur Spiwak gewinnen, und das machte ihn wild. Zeitweilig schien es ihm, als vermehre sie die Wirrnis in seinem Innern und verschlimmere seinen krankhaften Zustand. In der Tiefe ihrer Katzenaugen, im Zentrum ihrer Pupillen, bemerkte er eine kühle, lichte Nadel, die ihn spöttisch oder sogar böse stach. Er war überzeugt, daß diese Frau mit dem geschwollenen Leib etwas bei ihm suchte, von ihm forderte.

»Sie besitzen kritischen Verstand«, sagte sie freundlich. »Sie sind belesen, weshalb sollten Sie nicht versuchen zu schreiben? Für den Anfang Besprechungen von Büchern, später aus dem Vollen, Beiläufig, Ihr Stiefvater wird mit dem neuen Jahr eine Zeitung herausgeben...«

»Warum will sie, daß ich Rezensionen schreibe?« fragte sich Klim, doch dieser Einfall behagte ihm, wenn auch nur mäßig.

In jenen Tagen, wenn unbesiegbare Langeweile ihn aus der Sommerfrische in die Stadt trieb, saß er abends im Flügel und lauschte der Musik Spiwaks, von dem Warawka gemeint hatte:

»Ein Mensch für eine Posse mit Gesang.«

Die langsamen Finger des kleinen Musikers erzählten auf ihre Art von den tragischen Ergriffenheiten der Seele Beethovens, von den Gebeten Bachs, von der wunderbaren Schönheit der Trauer Mozarts. Jelisaweta Spiwak nähte hingebungsvoll winzige Hemdchen und straffe Windeln für den zukünftigen Menschen. Von der Musik berauscht, sah Klim sie an, konnte jedoch die unfruchtbaren Grübeleien darüber, was wäre, wenn seine ganze Umwelt nicht so wäre, wie sie war, nicht in sich ersticken.

Zuweilen ergriff ihn heißes Verlangen, sich selbst an Spiwaks Stelle zu sehen und an der seiner Frau – Lida, Jelisaweta hätte auch bleiben können, wäre sie nicht schwanger gewesen, und hätte sie nicht die empörende Angewohnheit, einen auszuforschen.

»Wie verstehen Sie dies?« verhörte sie ihn und immer erwies es sich, daß Klim es nicht so verstand, wie man es, nach ihrer Meinung, verstehen mußte. Zuweilen stellte sie ihre Fragen im Ton des Tadels. Klim fühlte dies zum erstenmal, als sie fragte:

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