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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Sie müssen häufiger kommen!«

Die Frau drückte ihm mit ihren warmen Fingern die Hand, nahm mit den anderen etwas vom Saum seiner Litewka ab und sagte, während sie es hinter ihrem Rücken versteckte, mit breitem Lächeln:

»Jetzt müssen Sie kommen. Ich habe Ihnen ein Kätzchen draufgesetzt.«

Auf Klims Frage, was das sei – ein »Kätzchen«? erläuterte sie:

»Das ist, sehen Sie, ein Haar aus einem Katzenfell. Kater sind sehr häuslich und haben die Kraft, Menschen ins Haus zu ziehen. Wenn nun jemand, der in einem Hause beliebt ist, ein ›Kätzchen‹ mit sich fortträgt, wird es ihn unbedingt in dieses Haus ziehen.«

»Was für ein Unsinn!« dachte Klim auf der Straße, besah aber trotzdem die Ärmel seiner Litewka und seine Hose, um zu entdecken, wo das ›Kätzchen‹ angeheftet worden war. »Wie abgeschmackt!« wiederholte er, von dem dunkeln Gefühl der Notwendigkeit durchdrungen, sich zu überzeugen, daß dieses Wohlleben abgeschmackt und nur abgeschmackt sei. »Im Grunde predigt Tomilin eine ebensolche Vergröberung wie die von ihm bekämpften Materialisten«, dachte Klim und bemühte sich beinahe erbost, etwas Gemeinsames zwischen dem Philosophen und dem schwarzen, grünäugigen Kater herauszufinden. »Der Kater müßte eigentlich den Zeisig auffressen«, lächelte er boshaft. In seinem Kopf sauste es. »Ich glaube, ich habe mich mit diesen eisernen Pfefferkuchen vergiftet.«

Daheim fand er die Mutter in angeregter Unterhaltung mit der Spiwak. Sie saßen am Fenster des Eßzimmers, das nach dem Garten geöffnet war. Die Mutter streckte Klim das blaue Quadrat eines Telegramms entgegen und sagte eilig:

»Hier – Onkel Jakow ist gestorben.«

Sie schleuderte ihre Zigarette aus dem Fenster und fügte hinzu:

»So ist er denn gestorben, ohne das Gefängnis zu verlassen. Furchtbar.«

Darauf bemerkte sie:

»Das ist schon unbarmherzig von selten der Regierung. Sie sehen, der Mensch stirbt, und halten ihn trotzdem im Kerker fest.«

Klim fühlte, daß die Mutter sich beim Sprechen Gewalt antat und vor dem Gast Verlegenheit zu empfinden schien. Die Spiwak sah auf sie mit dem Blick eines Menschen, der Teilnahme empfindet, jedoch es für unpassend hält, dieser Teilnahme Ausdruck zu verleihen. Einige Minuten später verabschiedete sie sich. Die Mutter, die sie hinausgeleitete, sagte gönnerhaft:

»Diese Spiwak ist eine interessante Frau. Und – erfahren. Mit ihr hat man keine Umstände. Ihre Wohnung hat sie sehr hübsch und mit großem Geschmack eingerichtet.«

Klim, der fand, daß sie Onkel Jakow zu rasch erledigt hatte, was nicht besonders anständig war, fragte:

»Hat man ihn beerdigt?«

Die Mutter antwortete erstaunt:

»Im Telegramm heißt es doch: ›Am dreizehnten verschieden und gestern beerdigt...‹.«

Mit den Augen nach dem Spiegel schielend, um einen Pickel an ihrem Ohr zu betrachten, seufzte sie:

»Ich gehe gleich, um Iwan Akimowitsch davon Mitteilung zu machen. Weißt du nicht, wo er sich aufhält? In Hamburg?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hast du ihm lange nicht geschrieben?«

Mit einer Gereiztheit, über deren Ursprung er sich nicht klar war, erklärte Klim:

»Lange nicht. Ich muß gestehen, daß ich ihm selten schreibe. Er antwortet mir mit Belehrungen, wie man zu leben und zu denken und was man zu glauben habe. Empfiehlt einem Bücher in der Art des Machwerks Prugawins über die ›Bedürfnisse des Volkes und die Pflichten der Intelligenz‹. Seine Briefe scheinen mir naivste Rhetorik, völlig unvereinbar mit dem Faßdaubengeschäft. Er möchte, daß ich von ihm die Art zu denken erbe, der er wahrscheinlich bereits entsagt hat.«

»Gewiß«, sagte die Mutter, während sie den Pickel puderte, »er liebte seit je die Rhetorik. Mehr als alles die Rhetorik. Aber warum bist du heute so nervös? Auch deine Ohren sind rot ...«

»Ich fühle mich schlecht«, sagte Klim.

Abends lag er mit einer Kompresse um den Kopf im Bett. Der Doktor sagte beruhigend:

»Etwas Gastrisches. Morgen werden wir sehen.«

Im Laufe von fünf Wochen vermochte Doktor Ljubomudrow nicht mit genügender Sicherheit die Krankheit des Patienten festzustellen, der Patient aber konnte nicht ins klare darüber kommen, ob er physisch krank sei oder ob ihn der Abscheu vor dem Leben, vor den Menschen aufs Krankenbett geworfen habe. Er war kein Hypochonder, doch bisweilen schien ihm, daß in seinem Körper eine scharfe Säure arbeite, die die Muskeln erhitzte und die Lebenskraft aus ihnen auskochte. Ein schwerer Nebel füllte seinen Kopf. Er sehnte sich nach tiefem Schlummer, aber ihn peinigte Schlaflosigkeit und ein böses Sieden der Nerven. In seinem Gedächtnis wechselten zusammenhanglos Erinnerungen an Erlebtes, bekannte Gesichter, Sätze.

»War denn ein Junge da?«

»Was soll der Unfug?«

»Das Weib ist für Gott zweite Sorte.«

Alle diese Sprüche stachen ihm in die Augen, als seien sie in die Luft gemalt, starrten regungslos. Sie hatten etwas Abgestorbenes, reizten, ohne Gedanken zu wecken, und vergrößerten nur sein Siechtum.

Zuweilen verschwand plötzlich jene Oxydation. Klim Samgin hielt sich schon für so gut wie gesund, fuhr in die Sommerfrische hinaus, versank jedoch unterwegs oder am Ort angelangt, von neuem in den Zustand allgemeiner Entkräftung. Es war ihm qualvoll, Menschen zu sehen, unangenehm, ihre Stimmen zu hören. Er wußte im voraus, was seine Mutter, was Warawka, was der unschlüssige Doktor, jener gelbgesichtige, flanellene Mann, sein Nachbar im Zug und der schmutzige Schmierer mit dem langen Hammer in der Hand sagen würden. Die Menschen reizten ihn schon allein damit, daß sie vorhanden waren, sich bewegten, sahen, sprachen. Jeder von ihnen vergewaltigte seine Einbildungskraft, indem er ihn zwang, nachzudenken, wozu er notwendig sei? Absurde Fragen tauchten auf: weshalb hatte dieser Mann mit den vortretenden Backenknochen sich den Bart abrasiert? Und weshalb ging jener an einem Krückstock, da er doch kräftige, schöngewachsene Beine hatte. Jene Frau hatte sich grell die Lippen geschminkt und die Augen untermalt, was ihre Nase blutlos, grau und abschreckend klein erscheinen ließ. Niemand hatte Lust, ihr zu sagen, daß sie sich ihr Gesicht verhunzt habe, und Klim hatte ebensowenig Lust dazu, wie die anderen. Mit scharfem, gierigem Auge nahm er an den Menschen das Häßliche, Lächerliche auf, sowie alles das, was ihn an ihnen abstieß und ihm so erlaubte, über jeden verächtlich und mit stiller Wut zu denken. Doch zu gleicher Zeit ahnte er dunkel, daß alle diese lästigen Grübeleien krankhaft, unsinnig und ohnmächtig waren, fühlte, daß ihre Monotonie ihn noch mehr entkräftete.

Es gab Minuten, wo es Klim schien, als sei das Gefäß seiner Erlebnisse, das, was man Seele nennt, verstopft durch die Grübeleien und durch alle; was er erfuhr und sah, verstopft für sein ganzes Leben und so, daß er nichts mehr von außen aufzunehmen vermochte, sondern nurmehr den widerspenstigen Knäuel des schon Erlebten abzuwickeln hatte. Es wäre ein Glück, diesen Knäuel bis zu Ende abzuwickeln. Gleich hinterher jedoch entzündete sich versengend der Wunsch, ihn bis an die letzten Grenzen zu vergrößern, so daß er in ihm alles, seine ganze innere Leere, ausfüllen könnte und ein Gefühl der Kühnheit erzeugte, das Klim Samgin erlaubte, den Menschen zuzurufen:

»Ihr da! Ich weiß nichts, verstehe nichts, glaube nichts, und ich sage es euch ehrlich! Ihr aber heuchelt Gläubigkeit, ihr seid Lügner, Lakeien plattester Wahrheiten, die keine Wahrheiten sind, sondern Plunder, Abhub, zerbrochene Möbelstücke, durchgesessene Stühle!«

Wenn er von dieser Tat träumte, die zu vollbringen er weder Kühnheit noch Kraft besaß, erinnerte Klim sich daran, wie er als Kind eines Tages unverhofft im Hause ein Zimmer entdeckt hatte, in dem der Schutt abgedankter Gegenstände sich chaotisch häufte.

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