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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Der Zug schwenkte in eine Straße ein, die zum Fluß hinablief. Der Hausmeister jagte den Arrestanten gewissenhaft Wolken rauchigen Staubes nach. Klim wußte: am Fluß erwartete die Sträflinge ein roter Dampfer mit einem weißen Streifen am Schornstein, ein roter Leichter. Sein Deck war mit einem eisernen Zwinger überdacht, und der ganze Leichter glich einer Mausefalle. Vielleicht würde auch sein Bruder Dmitri in einer solchen Mausefalle reisen. Weshalb war er ein Revolutionär geworden, sein Bruder? In der Kindheit war er matt, wenngleich er, der in den Spielen der Kinder gutmütiger war als ein Hofhund, gegenüber Erwachsenen einen trägen, aber unbeugsamen Eigensinn an den Tag legte. Die Nechajew hatte sehr richtig geurteilt, als sie ihn einen stumpfsinnigen Menschen nannte. Sein Körper war vierschrötig und nicht klug. Ein Revolutionär mußte gewandt, klug und böse sein.

Aus der Ferne erklang noch immer das Klirren der Eisen und das schwere Stampfen. Der Hausmeister hatte sein Revier sauber gefegt, klopfte mit dem Besenstiel gegen das Pflaster und bekreuzigte sich, den Blick in die Ferne gerichtet, dorthin, wo schon die Sonne erstrahlte. Es wurde ruhig. Man mochte glauben, der spitzbärtige Hausmeister habe die Sträflinge von der Straße weg aus der Stadt hinausgefegt. Auch dies war ein fataler Traum.

Gegen Abend, im finsteren Laden des Antiquars, stieß Klim auf einen Mann in einem Herbstmantel.

»Entschuldigen Sie.«

»Sie sind es, Samgin«, sagte der Mann überzeugt.

Selbst nach dieser Versicherung erkannte Klim in dem staubigen Zwielicht des mit Büchern vollgepackten Ladens nicht sofort Tomilin. Der Philosoph saß auf einem niedrigen Stühlchen mit geschnitzten Füßen. Er reichte Samgin die Hand. Mit der anderen nahm er seinen Hut vom Fußboden auf und sprach in die Tiefe des Ladens hinein zu einem Unsichtbaren:

»Dreißig Rubel ist Geld genug. Kommen Sie zu mir, Samgin.«

Verwirrt durch die unerwünschte Begegnung, gelang es Klim nicht, die Einladung rechtzeitig auszuschlagen, Tomilin legte seinerseits eine ungewohnte Eile an den Tag.

»Wenn man in Büchern wühlt, vergeht die Zeit unmerklich, und so habe ich mich zum Tee zu Hause verspätet«, sagte er auf die Straße tretend, und verzog, von der Sonne geblendet, sein Gesicht. Im aufgequollenen, zerdrückten Hut, in einem Mantel, viel zu weit und zu lang für ihn, sah er aus wie ein Bankrotteur, der lange im Gefängnis gesessen und soeben erst die Freiheit wiedererlangt hat. Er schritt würdevoll, wie ein Gänserich, einher, die Hände in den Taschen vergraben, so daß die langen Ärmel des Mantels tiefe Falten warfen. Tomilins rote Backen waren satt gerundet, seine Stimme klang überzeugt, und in seinen Worten unterschied Klim die Strenge des Vorgesetzten.

»Nun, befriedigen dich die akademischen Wissenschaften?« erkundigte er sich mit einem skeptischen Lächeln.

»Warwara Sergejewna«, redete er die Witwe des Kochs an, als diese, ins Vorzimmer hinaustrat und ihm respektvoll half, den Mantel abzulegen.

Als er den Mantel ausgezogen hatte, stand er im Jackett und in einem gestärkten Hemd mit gelben Flecken auf der Brust da. Unter dem kurz gestutzten Bart sah der Schmetterling einer blauen Krawatte hervor. Auch sein Kopfhaar hatte er geschoren, es schmiegte sich in einem verdoppelten Häubchen seinem Schädel an. Auf diese Weise hatte Tomilins Gesicht seine Ähnlichkeit mit dem nicht von Menschenhand geschaffenen Christusbild verloren. Nur die porzellanenen Augen waren unbeweglich geblieben, und genau wie früher furchten sich düster die stachligen, roten Brauen.

»Langen Sie zu«, redete die Frau Klim mit einer üppigen Stimme zu, während sie ihm ein Glas Tee, Rahm, eine Schale mit Honig und einen Teller mit rostbraun lackierten Pfefferkuchen zuschob.

»Vorzügliche Pfefferkuchen«, bestätigte Tomilin. »Sie bereitet sie selbst aus Malz und Honig.«

Klim aß, um nicht reden zu müssen, und musterte unauffällig das sauber aufgeräumte Zimmer mit Blumen vor den Fenstern, Heiligenbildern in der vorderen Ecke und einem Öldruck an der Wand. Der Öldruck zeigte eine Säule und davor eine satte Frau mit einem Tamburin. Auch die lebendige Frau am Tisch vor dem Samowar war für ihr ganzes Leben satt. Ihr großer gemästeter Körper war monumental fest in den Stuhl gegossen, rastlos bewegten sich die Himbeerlippen, blähten sich die purpurnen Saffianwangen, wogten das Doppelkinn und der Doppelhügel der Brüste. Die wässerigen Augen leuchteten gutherzig und befriedigt, und als sie aufhörte zu kauen, zog ihr kleines Mündchen sich zu einem Stern zusammen. Ihre rosigen Hände schwebten, während sie geräuschlos das Geschirr hin und her rückten, segensvoll über dem Tisch. Es schien, als besäßen diese üppigen Hände mit Fingern, die Würstchen glichen, die Anziehungskraft eines Magneten: sie brauchten sich nur nach der Zuckerdose oder nach dem Milchkännchen auszustrecken, und schon eiltet diese Gegenstände von selbst wohldressiert den weichen Fingern entgegen. Der Samowar lächelte ein kupfernes, verstehendes Lächeln, und alles in dem Zimmer strebte gleichsam zum Körper der Frau, harrte ihrer sanften Berührungen, Es lag etwas Unvereinbares, etwas bedrückend und sogar fantastisch Seltsames darin, daß in Gesellschaft dieser Frau, in diesem Zimmer, gesättigt mit dem Duft von Geranien und guter eßbarer Dinge, die verächtlichen und herablassenden Worte erklangen:

»Die Materialisten behaupten, das seelische Leben sei eine Eigenschaft der organisierten Materie, das Denken eine chemische Reaktion. Aber das unterscheidet sich ja bloß terminologisch vom Hylozoismus, von der Beseelung der Materie«, sagte Tomilin, mit der Hand, die einen Pfefferkuchen hielt, dirigierend. »Unter allen unzulässigen Vergröberungen ist der Materialismus die unförmigste. Und es ist vollkommen klar, daß er hervorgegangen ist aus der Verzweiflung über die Unwissenheit und Schwunglosigkeit der erfolglosen Versuche, einen Glauben zu finden.«

Er ließ den Pfefferkuchen auf den Teller fallen, drohte mit dem Finger und rief feierlich aus:

»Ich wiederhole: Glauben sucht man und Trost, nicht aber Wahrheit! Ich aber verlange: reinige dich nicht nur von allem Glauben, sondern auch von dem Wunsch zu glauben selbst!«

»Der Tee wird kalt«, bemerkte die Frau. Tomilin warf einen Blick auf die Wanduhr und ging eilig hinaus, während sie beschwichtigend zu Klim sagte:

»Er wird gleich zurückkommen, er holt nur den Kater. Seine gelehrte Tätigkeit verlangt Ruhe. Ich habe sogar den Hund meines Mannes mit Arsenik vergiftet. Der Hund heulte in hellen Nächten zu laut. Jetzt haben wir einen Kater, Nikita nennen wir ihn, ich liebe es, ein Tier im Hause zu halten.«

Sie steckte die Haarnadeln in ihrem schweren Helm schwarzer Haare fester und seufzte:

»Schwierig ist seine gelehrte Arbeit! Wieviel tausend Wörter muß man kennen! Er schreibt sie heraus, schreibt sie aus allen Büchern heraus, die Bücher aber sind ohne Zahl!«

Ein zahmer, grau und grün getupfter Zeisig flatterte im Zimmer umher, als sei er die Seele des Hauses. Er ließ sich auf den Blumen nieder, zupfte Blätter ab, schaukelte sich auf dem dünnen Zweig, schlug, erschreckt von einer Wespe, die wütend brummend an die Scheibe trommelte, mit den Flügeln, flog in seinen Käfig zurück und trank Wasser, wobei er sein komisches Schnäbelchen hoch emporreckte.

Tomilin trug sorglich einen schwarzen Kater mit grünen Augen herein, setzte ihn auf die umfangreichen Knie der Frau und fragte:

»Muß er nicht seine Milch haben?«

»Es ist noch zu früh«, antwortete die Frau mit einem Blick auf die Uhr.

Eine Minute später vernahm Klim von neuem:

»Die freidenkende Welt wird mir folgen. Der Glaube ist ein Verbrechen vor dem Antlitz des Denkens.«

Beim Sprechen machte Tomilin weite, trennende Gesten. Seine Stimme klang herrisch, seine Augen blitzten streng. Klim beobachtete ihn mit Staunen und Neid. Wie rasch und schroff veränderten sich die Menschen. Er aber spielte noch immer die erniedrigende Rolle eines Menschen, den alle als Müllkasten für ihre Meinungen betrachteten. Als er sich verabschiedete, sagte Tomilin ihm eindringlich:

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