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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»O Gott, kannst du dir vorstellen: Maria Romanowna, du erinnerst dich doch ihrer? – war ebenfalls verhaftet, saß lange Zeit im Gefängnis und befindet sich jetzt irgendwo in der Verbannung unter Polizeiaufsicht! Denke nur: sie ist ja sechs Jahre älter als ich und immer noch... Wirklich, mir scheint, bei dem Kampf solcher Leute wie Maria gegen die Regierung spielt der Wunsch, sich für ein verpfuschtes Leben zu rächen, die Hauptrolle.«

»Möglich«, gab Klim zu.

Nicht das mindeste von dem, was die Mutter gesagt hatte, vermochte ihn zu berühren. Als hätte er an einem Fenster gesessen, hinter dem ein feiner Regen sprühte. Auf seinem Zimmer zerriß er den mit Marinas grober Handschrift geschriebenen Briefumschlag. Der Brief, den er enthielt, war nicht von ihr, sondern von der Nechajew. Auf starkem, bläulichem, mit einer exotischen Blume verziertem Papier schrieb sie, daß ihre Gesundheit sich bessere und daß sie vielleicht im Hochsommer zurückkäme.

»Das wäre noch schöner«, dachte Samgin voll Verdruß.

Die Nechajew schrieb in schönen Wendungen, die den Eindruck des Gedichteten hervorriefen.

»Sie kommt sich als eine Maria Baschkirzew vor.«

Klim zerriß den Brief, entkleidete sich und legte sich hin, während er sich sagte, daß die Menschen einen zuletzt nur ermüdeten. Ein jeder von ihnen warf einem seinen schweren Schatten ins Gedächtnis, zwang einen, an ihn zu denken, ihn zu bewerten, für ihn einen Platz in seinem Herzen zu suchen. Wozu war das nötig, was für ein Sinn lag darin?

»Gerade diese Stöße von außen halten mich ab, meiner Persönlichkeit feste Grenzen zu setzen«, entschied er, sich selbst widersprechend. »Schließlich und endlich werde ich nur darum bemerkt, weil ich mich abseits von allen halte und schweige. Ich muß mich unbedingt zu einer Idee bekennen, wie das Tomilin, Makarow und Kutusow tun. Ich muß nur einen Seelenkern haben, dann wird sich um ihn herum all das bilden, was meine Individualität von der aller anderen unterscheidet, mich mit einem schroffen Strich von ihnen trennt. Die Bestimmtheit einer Persönlichkeit wird dadurch erzielt, daß der Mensch stets das gleiche sagt, – das ist klar. Persönlichkeit ist ein Komplex dauerhaft angeeigneter Meinungen, eine Art Lexikon.«

Er nahm alle ihm bekannten Ideen durch, ohne eine ihm zusagende zu finden, und er konnte ja auch keine finden, denn es handelte sich nicht darum, Fremdes zu entlehnen, sondern Eigenes herzustellen. Alle Ideen waren schon darum schlecht, weil sie fremde waren, ganz davon zu schweigen, daß viele von ihnen ihm seiner ganzen Natur nach feindlich, andere wieder bis zur Lächerlichkeit naiv waren, wie zum Beispiel die Idee Makarows.

Dieser Gedanke und das lästige Summen der Mücken hinter dem Musselinvorhang des Bettes ließen ihn nicht einschlafen. Klim Samgin suchte Beruhigung zu finden, indem er sich ins Gedächtnis rief, daß er im Grunde schon einen seelischen Kern besitze: seine Ehrlichkeit gegen sich selbst. Das Fremde drang nicht in die Poren seines Inneren, verwuchs nicht mit ihm, sondern schwamm bloß durch ihn hindurch, ohne sein Gefühl zu erregen, nur eine Bürde für sein Gedächtnis, weil er Abscheu vor jeder Gewalt gegen sich selbst hegte. Doch das war schon kein Trost mehr. Von der hoffnungslosen und ermüdenden Suche nach einem bequemen Priesterrock, wandte er sich den Gedanken an die Spiwak und an Lida zu. Sie waren beide beinahe gleich unangenehm, weil sie etwas suchten und in ihm wühlten. Er fand, daß in dieser Hinsicht ihr Verhalten gegen ihn vollkommen übereinstimmte. Aber beide zogen ihn auch an. Mit gleicher Stärke? Diese Frage vermochte er nicht zu beantworten. Dies schien von ihrer Lage im Raum, von ihrer physischen Nähe zu ihm abzuhängen. In Gegenwart der Spiwak war Lidas Bild verurteilt, zu schmelzen und zu zerfließen, während die Spiwak verschwand, wenn er Lida körperlich vor Augen hatte. Schlimmer als alles war jedoch, daß Klim sich nicht deutlich vorstellen konnte, was er denn eigentlich von der schwangeren Frau und von dem unerfahrenen Mädchen wollte.

Er hatte jenes Gefühl, womit er Lidas Beine umschlang, nicht vergessen, aber er erinnerte sich seiner nur noch wie eines Traumes. Seit jenem Augenblick waren nur wenige Tage verstrichen, doch schon fragte er sich mehr als einmal, was ihn eigentlich veranlaßt habe, gerade vor ihr in die Knie zu sinken? Diese Frage weckte in ihm Zweifel an der wirklichen Macht eines Gefühls, mit dem er sich vor einigen Tagen so stolz gebrüstet hatte.

Überhaupt erschien ihm immer häufiger etwas Traumhaftes, etwas, das er nicht sehen mußte. Was sollte die dumme Szene der Jagd auf den eingebildeten Wels, was für ein Sinn lag in dem albernen Gelächter Ljutows und des lahmen Bauern? Es war nicht notwendig, daß er die qualvolle Plackerei mit der Glocke sah und ebenso vieles andere, was, ohne einen Sinn zu haben, lediglich das Gedächtnis beschwerte.

»Was soll der Unfug?« tönte in seinem Gedächtnis die entrüstete Frage des buckligen Mädels, lärmte im Kopf das schluchzende Flüstern der Dorfweiber.

»Ich werde wirklich noch krank von alledem ...«

Es wurde schon hell. Die Mondschatten auf dem Fußboden verschwanden. Die Fensterscheiben verloren ihre bläuliche Tönung und schienen gleichfalls zu vergehen. Klim nickte ein, wurde jedoch sehr bald geweckt durch das eilige Stampfen vieler Schritte und das Klirren von Eisen. Er sprang aus dem Bett und eilte ans Fenster: durch die Straße wand sich die übliche Prozession, ein großer Schub Sträflinge, umgeben von einer dünnen Kette von Soldaten des Dampfer-Bedeckungskommandos. Ein spitzbärtiger Hausmeister, der mit einem Besen die Steine abfegte, wühlte dem Trupp grauer Menschen Staubwolken entgegen. Die Soldaten waren von kleinem Wuchs, verziert mit blauen Schnüren. Ihre nackten Säbel blitzten ebenfalls bläulich wie Eis, an der Spitze des Trupps aber schritten, kettenklirrend und zu zweien an den Händen aneinander geschmiedet, graue, kahlgeschorene Männer, ausgesucht groß und beinahe alle bärtig. Das Gesicht des einen war quer durchschnitten von einer schwarzen Binde, welche die Augen bedeckte. Er blickte mit dem freien, zottigen Auge ins Fenster, auf Klim, und sagte zu seinem gleichfalls bärtigen Gefährten, der ihm glich wie ein Bruder dem anderen:

»Schau, Lazarus ist von den Toten auferstanden!«

Doch sein Kamerad sah nicht auf Klim, sondern in die Ferne, in den Himmel und spie aus, auf den Stiefel eines Wachsoldaten zielend. Dies waren die einzigen Worte, die Klim im dumpfen Stampfen der hundert Füße und im klingenden Dröhnen der Eisen, das die rosige, wohlige Stille der schläfrigen Stadt erschütterte, auffing.

Den Zuchthäuslern folgten vereinzelt verschiedenartig gekleidete dunkle Leute mit Bündeln unter der Achsel und Rucksäcken auf dem Rücken. Unter ihnen ein hoher Greis in einem Leibrock und mit einem Käppchen auf dem Kopf. An seinem Gürtel baumelte eine Teekanne und ein Kessel. Das Geschirr klingelte im Takt seiner Sandalen.

In einer geschlossenen Gruppe marschierten »Politische«, vielleicht zwanzig Mann, darunter zwei mit Brillen, ein Rothaariger und Unrasierter, weiter ein Grauhaariger, der aussah wie die Ikone des heiligen Nikolaus von Myrlikien, hinter ihnen wankte, ein bejahrter Mann mit langem Schnurrbart und roter Nase. Unter Lachen teilte er seinem Nebenmann, einem krausköpfigen Burschen, etwas mit und zeigte dabei mit dem Finger auf die Fenster der verschlafenen Häuser. Vier Frauen beschlossen die Prozession: eine dicke, mit dem welken Gesicht einer Nonne, eine junge und schlanke auf schmalen Beinen und zwei, die sich umgefaßt hielten. Die eine lahmte und wankte. Hinter ihrem Rücken setzte ein stumpfnasiger Soldat schläfrig die Füße. Die blaue Schneide seines Säbels streifte fast ihr Ohr.

Als die Spitze des Trupps den Hausmeister passierte, stellte er seine Arbeit ein. Kaum hatte er jedoch die Zuchthäusler an sich vorüberziehen lassen, als er rasch mit seinem Besen die Politischen mit Staub zu überschütten begann.

»Warte nur, du Tölpel!« rief laut ein Wachsoldat, stolperte und nieste.

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