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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Ich habe mich anders besonnen: ich werde nicht gehen. Wir setzen uns in den Garten. Wollen Sie?«

Klim wollte nicht, getraute sich aber nicht, nein zu sagen. Eine halbe Stunde promenierte man langsam auf den Gartenwegen und sprach belanglose Dinge, Nichtigkeiten. Klim fühlte eine eigentümliche Spannung, so, als suche er das Ufer eines tiefen Bachs nach einer bequemen Stelle zum Hinüberspringen ab. Aus einem Fenster des Hauses drangen die Akkorde des Flügels, das Heulen des Cellos und die spitzen Ausrufe des kleinen Musikers. Warmer blauer Staub, den der Wind einatmete und das Dunkel verdichtete, schien von den Bäumen zu rieseln und die Luft immer tiefer zu färben.

Die Spiwak bewegte sich langsam und wackelte mit dem Bauch. In ihrem Gang lag etwas Prahlerisches, und Klim mußte nochmals denken, daß sie selbstgefällig sei. Seltsam, daß er das in Petersburg nicht bemerkt hatte. In den simplen, trägen Fragen nach Warawka und Wera Petrowna unterschied Klim nichts Verdächtiges. Doch ein unwägbarer, aber deutlich fühlbarer Druck ging von ihr aus, der Klim eine eigentümliche Zaghaftigkeit einflößte. Ihre runden Katzenaugen hielten ihn mit einem gebieterisch bläulichen, beengenden Blick gefangen, als wüßte sie, woran er denke und könne es ihm sagen. Und mehr: sie ließ ihn Lida vergessen.

»Setzen wir uns«, schlug sie vor und begann nachdenklich zu erzählen, daß sie vor drei Tagen mit ihrem Gatten bei einem alten Bekannten Spiwaks, einem Rechtsanwalt, zu Gast gewesen sei.

»Er scheint hier die Rolle des Mäzens der Künste und Wissenschaften zu spielen. Bei ihm hielt irgendein rothaariger Mensch so etwas wie eine Vorlesung über die ›Erkenntnistriebe‹, glaube ich. Ach nein, ›Über den dritten Trieb‹, aber das ist eben der Erkenntnistrieb. Ich bin in philosophischen Dingen ganz unbewandert, aber es gefiel mir: er bewies, daß die Erkenntnis eine ebensolche Gewalt sei wie die Liebe und der Hunger. Ich habe das in dieser Form noch nie gehört.«

Beim Sprechen lauschte die Spiwak gleichsam ihren eigenen Worten. Ihre Augen waren dunkler geworden, und es war deutlich zu merken, daß ihre Gedanken mit anderem beschäftigt waren, während sie redete und auf ihren Leib sah.

»Ein erstaunlich verwahrloster und häßlicher Mensch. Doch wenn solche ... Erfolglosen von der Liebe reden, glaube ich sehr an ihre Offenherzigkeit und an die Tiefe ihres Gefühls. Das Beste, was ich über die Liebe und über die Frau hörte, sagte ein Buckliger.« Sie seufzte und meinte dann:

»Je schöner ein Mann ist, desto unzuverlässiger ist er als Gatte und Vater.«

Und spöttisch lächelnd fügte sie hinzu: »Schönheit ist ausschweifend. Das ist wohl ein Gesetz der Natur, Sie geizt mit Schönheit und strebt daher, wenn sie sie einmal geschaffen hat, danach, sie nach Kräften auszunutzen. Warum schweigen Sie?«

Samgin schwieg, weil er etwas erwartete. Ihre Frage ließ ihn zusammenschrecken. Er sagte eilig: »Der rothaarige Philosoph ist mein Lehrer.« »In der Tat?«

Sie sah Klim neugierig ins Gesicht. Er sagte unüberlegt:

»Vor zwölf Jahren liebte er meine Mutter.« Tief erbittert darüber, sich in der Rolle eines schwatzhaften Bengels zu sehen, wartete er fast mit Schrecken auf das, was diese Frau ihn jetzt fragen würde. Aber sie schwieg eine Weile und sagte dann.

»Es wird feucht. Gehen wir hinein.«

Auf dem Wege zum Flügel bemerkte sie halblaut: »Sie müssen ein sehr einsamer Mensch sein.« Diese Worte klangen nicht wie eine Frage. Samgin empfand für einen Augenblick Dankbarkeit für die Spiwak, wurde jedoch sogleich danach noch wachsamer.

Der schnurrbärtige Pole ließ sein Cello am Flügel stehen und verschwand. Spiwak spielte eine Bachsche Fuge. Nachdem er den Eintretenden durch die dunklen Kreise seiner Gläser einen Blick zugeworfen hatte, hustete er und sagte:

»Das ist kein Musiker, sondern ein Klempner.«

»Der Cellist?«

»Ein vollkommener Nichtskönner«, sagte überzeugt der Musiker.

Er begann von neuem zu spielen, aber so eigenartig, daß Klim ihn zweifelnd ansah. Er spielte mit verlangsamtem Tempo, wobei er bald die eine, bald die andere Note des Akkords betonte, und, die linke Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger erhoben, zuhörte, wie sie allmählich schmolz. Es schien, daß er die Musik entzweibrach und zerriß, auf der Suche nach etwas, das tief verborgen in der Melodie ruhte, die Klim kannte.

»Spiele Rameau«, bat seine Frau.

Gehorsam erklangen die naiven und galanten Akkorde. Sie machten das behaglich eingerichtete Zimmer noch anheimelnder.

Auf dem dunklen Grunde der Wände traten die deutlichen Umrisse der Porzellanfiguren hervor. Samgin urteilte, daß Jelisaweta Spiwak hier eine Fremde, und dieses Zimmer für eine verträumte, sehr lyrische, in ihren Gatten und in Verse verliebte Blondine geschaffen war. Diese Frau aber erhob sich, stellte Noten vor ihrem Mann auf und sang ein Klim unbekanntes keckes Liedchen in französischer Sprache, das mit dem triumphierenden Schrei schloß:

»A toi, mon enfant!«

Er war froh, als das Dienstmädchen mit einem ebenso triumphierenden Lächeln meldete:

»Ihre Mama ist gekommen.«

Klim nahm an, seine Mutter sei müde und gereizt heimgekehrt. Um so angenehmer enttäuscht war er, sie zuversichtlich gestimmt und sogar, wie es schien, im Vergleich zu wenigen Tagen vorher, verjüngt zu sehen. Sie begann sogleich von Dmitri zu erzählen: er würde bald freigelassen. Es würde ihm jedoch das Recht, an der Universität zu studieren, entzogen werden.

»Ich erblicke darin kein Unglück für ihn. Mir schien immer, daß aus ihm ein schlechter Arzt geworden wäre. Er ist, seiner Natur nach, für den Beruf eines Lehrers oder eines Bankbuchhalters, überhaupt für etwas recht Bescheidenes bestimmt. Der Offizier, der seine Sache führt, ein sehr liebenswürdiger Mann, beklagte sich bei mir, daß Dmitri es bei der Vernehmung an der nötigen Höflichkeit fehlen ließ und nicht angeben wollte, wer ihn in dieses... Abenteuer verwickelt hatte. Damit hat er sich sehr geschadet. Der Offizier steht der Jugend mit großem Wohlwollen gegenüber, meint indessen: ›Versetzen Sie sich in unsere Lage. Unmöglich kann man uns zumuten, Revolutionäre zu züchten!‹ Und er erinnerte mich daran, daß es im Jahre 1881 gerade die Revolutionäre gewesen sind, die die Hoffnungen auf eine Verfassung vernichtet haben.«

Die Augen der Mutter leuchteten hell, man mochte glauben, daß sie sie ein wenig untermalt oder einen Tropfen Atropin genommen habe. In dem wundervoll gearbeiteten neuen Kleid, mit einer Zigarette zwischen den Zähnen, sah sie aus wie eine Schauspielerin, die nach einem erfolgreichen Abend ausruht. Von Dmitri sprach sie beiläufig, um ihn mitten im Satz zu vergessen. »Man genehmigte mir ein Wiedersehen mit ihm. Er befindet sich in einem Gefängnis, das »Kreuzgang« genannt wird, ist gesund, ruhig, sogar heiter, läßt seinen Bart wachsen und fühlt sich anscheinend als ein Held.«

Wieder wandte sie sich einem anderen Gegenstand zu.

»Petersburg erfrischt wunderbar. Ich habe ja dort von meinem neunten bis zum siebzehnten Lebensjahr gelebt, und so viel Schönes ist mir wieder gegenwärtig geworden.«

In einem ihr sonst nicht eigenen lyrischen Ton überließ sie sich minutenlang Erinnerungen an Petersburg und ließ ihren Sohn unehrerbietig daran denken, daß Petersburg vierundzwanzig Jahre lang bis zu diesem Abend eine kleine, langweilige Stadt gewesen war.

»Die alte Premirow und ich haben gemeinsame Bekannte entdeckt. Eine prächtige alte Dame. Aber ihre Nichte ist entsetzlich! Ist sie immer so grob und finster? Sie spricht nicht, sondern knallt aus einem schlechten Gewehr. Ach, ich vergaß: sie gab mir einen Brief für dich mit.«

Darauf erklärte sie, sie gehe jetzt ins Badezimmer, brach auf, blieb jedoch mitten im Zimmer stehen und sagte:

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