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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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Beim Tee, in einem bis zu den Fersen reichenden Nachthemd, ohne Unterhosen, mit Pantoffeln an den bloßen Füßen, keuchend vor Hitze und sich den öligen Schweiß von der Stirn wischend, brüllte er:

»Ein Sommer, hol's der Teufel! ›Afrikanisch feierlich!‹ Und zu Hause revoltiert das Musikantenweib, sie braucht Kammern, Zwischenwände, mit einem Wort der leibhaftige Satan! Fahr hin, Bruder, beschwichtige sie. Ein schmackhaftes Weibchen!«

Er seufzte geräuschvoll und rieb sich das Gesicht mit dem Bart ab.

»Wera Petrowna hat in Petersburg Schwierigkeiten mit Dmitri. Sie haben ihn anscheinend gehörig festgeklemmt. Ein Tribut an die Zeit ...«

Hinter Warawkas Rücken dachte Klim unehrerbietig, ja sarkastisch, von ihm, doch sobald er mit ihm plauderte, fühlte er immer, daß dieser Mensch ihn mit seiner unbändigen Energie, mit der Geradlinigkeit seines Geistes bestrickte. Er begriff, daß dieser Geist ein zynischer war, entsann sich jedoch, daß auch Diogenes ein Ehrenmann gewesen war.

»Wissen Sie«, sagte er, »Ljutow sympathisiert mit den Revolutionären.«

Warawka regte die Brauen und dachte nach.

»So. Man sollte meinen, das sei keine Sache für Kaufleute. Aber es kommt offenbar in Mode. Man sympathisiert.«

Und er ließ einen Hagel schneller Bosheiten herniederprasseln:

»Ein Revolutionär ist auch von Nutzen, wenn er kein Dummkopf ist. Ja, selbst wenn er dumm ist, bringt er Nutzen, kraft der widernatürlichen russischen Lebensverhältnisse. Da produzieren wir nun immer mehr Waren, aber Käufer sind nicht vorhanden, obgleich sie potentiell in einer Zahl von hundert Millionen existieren. Jeden Tag ein Hölzchen anzünden, – das gibt hundert Millionen Nägel.«

Er raffte mit beiden Händen seinen Bart zusammen, schob ihn hinter den Hemdkragen und sog sich an einem Glas Milch fest. Darauf schnaubte er, schüttelte den Kopf und fuhr fort:

»Wenn der Revolutionär dem Bauern einschärft: Dummkopf, nimm bitte dem Gutsbesitzer das Land weg und lerne, bitte, menschlich rationell zu leben und zu arbeiten, dann ist dieser Revolutionär ein nützlicher Mensch. Wozu zählt sich Ljutow? Zu den Volkstümlern? Hm ... zu den Anhängern der Narodnaja Wolja. Ich hörte, die sollen schon verkracht sein ...«

»Gibt er Ihnen Geld für die Zeitung?«

»Sein Onkel Radejew. Ein ganz einfältiger Greis ...«

Nach einer Weile fragte er zwinkernd:

»Hat Ljutow eine Überzeugung?«

»Ich weiß es nicht. Er ist unberechenbar.«

»Sie werden ihn schon kriegen«, verhieß Warawka. Er erhob sich, »Nun, ich gehe baden, und du sause in die Stadt!«

»Baden?« wunderte sich Klim. »Sie haben so viel Milch getrunken ...«

»Und gedenke noch mehr zu trinken«, sagte Warawka und schenkte sich aus einem Krug kalte Milch ein.

Als Klim in der Stadt anlangte und den Hof seines Hauses betrat, erblickte er auf dem Söller des Flügels die Spiwak in einer langen Schürze aus grauem Kaliko. Sie winkte bewillkommnend mit dem bis zum Ellenbogen geschürzten Arm und rief:

»Ah, der junge Hausherr! Treten Sie bitte näher!«

Während sie ihm fest die Hand drückte, begann sie, sich zu beklagen. Man durfte keine Wohnung vermieten, in der die Türen knarrten, die Fensterrahmen klemmten, die Öfen rauchten.

»Hier hat ein Schriftsteller gewohnt«, sagte Klim und erschrak, als er begriff, wie dumm seine Bemerkung war.

Die Spiwak sah ihn befremdet an, womit sie ihn nur noch heftiger verwirrte, und bat ihn, einzutreten. Drinnen mühte sich ein blatternarbiges Mädchen mit frechen Augen. Mitten im Zimmer stand geistesabwesend Spiwak mit einem Hammer in der Hand und in Hemdsärmeln, gleich zwei Orden blitzten die Schnallen der Hosenträger auf seiner Brust.

»Wir richten uns ein«, erläuterte er und streckte Klim die Hand mit dem Hammer hin.

Er nahm seine Brille ab, und in seinem kleinen Kindergesicht kamen kläglich zwei kurzsichtig vorquellende, rote Augen zum Vorschein, gebettet in bläuliche, entzündete Polster. Seine Frau führte Klim durch die mit Möbeln verbarrikadierten Zimmer, verlangte einen Tischler, Töpfer. Die nackten Arme und die Kalikoschürze entzauberten sie. Klim schielte feindselig auf ihren gewölbten Bauch.

Einige Minuten später hatte er seine Litewka abgelegt, schlug gewissenhaft Nägel in die Wände ein, hing Bilder auf und stellte Bücher in die Regale des Schrankes. Spiwak stimmte den Flügel. Die Spiwak bemerkte:

»Er stimmt ihn immer eigenhändig. Er ist sein Altar, er läßt sogar mich nur ungern an das Instrument heran.«

Die Baßsaiten tönten, das Stubenmädchen rasselte mit dem Geschirr, in der Küche raspelte die Feile des Mechanikers an der Wasserleitung.

»Finden Sie nicht, daß das Leben Unnötiges enthält?« fragte die Spiwak unvermutet, doch als Klim ihr willig beipflichtete, kniff sie die Augen zusammen und sagte, den Blick in einen Winkel gerichtet;

»Mir aber gefällt gerade das Unnötige. Das Notwendige ist langweilig. Es knechtet Alle diese Koffer und Kisten sind entsetzlich!«

Darauf erklärte sie, sie liebe Porzellan, schöne Bucheinbände, Musik von Rameau und Mozart und die Augenblicke vor dem Gewitter.

»Wenn man fühlt, daß alles in und um einen gespannt ist, und eine Katastrophe erwartet.«

Klim hatte sie noch nie so lebhaft und herrisch gesehen. Sie war häßlicher geworden. Gelbliche Flecken verunstalteten ihr Gesicht, aber in ihren Augen lag etwas Selbstgefälliges. Sie erregte ein Gefühl, gemischt aus Vorsicht und Neugier, und natürlich jene Hoffnungen, die von einem jungen Mann Besitz ergreifen, wenn eine schöne Frau ihn freundlich ansieht und freundlich mit ihm spricht.

»Sagte ich Ihnen, daß Kutusow ebenfalls verhaftet ist? Ja, in Samara, an der Anlegestelle des Dampfers. Welch eine herrliche Stimme, nicht wahr?«

»Er sollte in der Oper singen, statt Revolutionen zu machen«, sagte Klim ehrbar und bemerkte, daß die Lippen der Spiwak spöttisch zuckten.

»Er wollte es. Aber man muß wohl bisweilen gegen einen allzu starken Wunsch ankämpfen, damit er nicht alle übrigen erstickt. Wie denken Sie?«

»Ich weiß nicht«, sagte Klim.

Es war klar, daß sie ihn ausforschte, auf die Probe stellte. In ihren Augen leuchtete etwas Abschätzendes. Ihr Blick kitzelte das Gesicht und verwirrte immer mehr. Den Bauch unschön vorgestülpt, betrachtete die Spiwak ein Buch mit abgerissenem Einband.

»Sie wissen nicht? Haben darüber nicht nachgedacht?« forschte sie. »Sie sind ein sehr zurückhaltendes Menschenkind. Ist das bei Ihnen Bescheidenheit oder Geiz? Ich würde gern wissen, was Sie von den Menschen denken.«

»Nein, sie hat nicht das geringste gemein mit der Frau, die ich in Petersburg gesehen habe«, dachte Klim, der Mühe hatte, ihren drängenden Fragen auszuweichen.

Nachdem er sich eine gute Stunde betätigt hatte, ging er fort und nahm das aufreizende Bild einer Frau mit, die, unfaßbar in ihren Gedanken, gefährlich war wie alle aushorchenden Menschen. Man horcht aus, weil man sich eine Vorstellung von einem Menschen bilden will, und, um so bald wie möglich damit fertig zu werden, engt man seine Persönlichkeit ein und verzerrt sie. Klim war überzeugt davon, daß es so sei. Selbst darauf bedacht, die Menschen zu vergröbern, verdächtigte er sie des Bestrebens, es mit ihm zu tun, einem Menschen, der sich keiner Grenzen seiner Persönlichkeit bewußt war.

»Bei dieser Frau muß man Vorsicht walten lassen«, beschloß er.

Doch am nächsten Tag half er ihr schon gleich morgens wieder bei der Einrichtung ihrer Wohnung. Ging mit den Spiwaks ins Restaurant des Stadtparks zum Mittagessen, nahm abends mit ihnen den Tee. Später besuchte ihren Mann ein schnurrbärtiger Pole mit einem Cello und hochmütig vorquellenden Karpfenaugen. Die unermüdliche Spiwak bat Klim, ihr die Stadt zu zeigen, aber als er bereits im Begriff war, sich umzukleiden, rief sie zu ihm ins Fenster hinein:

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