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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Weshalb bist du barfuß?« fragte Klim Makarow. Dieser erging sich mit einem Glas Tee in der Hand auf der Veranda und antwortete:

»Meine Stiefel sind blutig. Diesem Burschen ...«

»Nun, genug!« sagte Ljutow mit einer Grimasse und seufzte geräuschvolclass="underline"

»Und wo bleiben die Wesen zweiter Sorte?«

Er hörte auf, auf dem Stuhl zu schaukeln, und begann in neckendem Ton, Makarow die Meinung des lahmen Bauern über die Frauen zu erzählen.

»Der Bauer sagte es einfacher, bündiger«, bemerkte Klim. Ljutow zwinkerte ihm zu. Makarow blieb stehen, setzte sein Glas so heftig auf den Tisch, daß es von der Untertasse herunterfiel und sagte schnell und erregt:

»Siehst du? Das sage ich doch immer: es ist etwas Organisches! Schon der Mythos über die Erschaffung des Weibes aus der Rippe der Mannes enthält diese ganz offenkundige, kunstlos und gehässig erfundene Lüge. Als man diese Lüge erfand, wußte man ja schon, daß das Weib den Mann gebiert, und daß sie ihn für das Weib zur Welt bringt.«

Turobojew hob den Kopf, sah Makarow unverwandt ins erregte Gesicht und lächelte. Ljutow zwinkerte auch ihm zu und sagte:

»Eine hochinteressante Hypothese russischer Herkunft.«

»Du bist es, der von Feindschaft gegen das Weib spricht?« fragte Klim mit ironischer Verwunderung.

Makarow tippte sich auf die Brust.

»Ich«, sagte er und wandte sich an Turobojew:

»Dieselbe Feindseligkeit ist auch im Mythos von der Austreibung der ersten Menschen aus dem Paradies der Unschuld durch die Schuld des Weibes verborgen.«

Klim Samgin lächelte und wünschte dringend, daß Turobojew dieses ironische Lächeln sah. Aber dieser stützte sich mit den Armen auf den Tisch und sah Makarow ins Gesicht, wobei er die Augenbrauen in einer Weise emporzog, als ob er zweifle.

»Ein glücklicher Säugling bist du, Kostja«, murmelte Ljutow und schüttelte dabei heftig den Kopf. Er zog mit dem Finger Wasser über das kupferne Teebrett. Makarow aber redete mit gedämpfter Stimme und ein wenig stotternd vor innerer Bewegung, redete hastig:

»Die Feindschaft gegen das Weib begann mit dem Augenblick, da der Mann fühlte, daß die vom Weibe geschaffene Kultur eine Vergewaltigung seiner Instinkte bedeutete.«

»Was lügt er da?« dachte Klim, löschte das Lächeln der Ironie aus und wurde argwöhnisch.

Makarow stand mit verschränkten Beinen da, und diese Haltung unterstrich stark die Keilförmigkeit seiner Figur. Er schüttelte den Kopf, die zweifarbigen Haare fielen ihm über Stirn und Wangen. Mit einer harten Geste seiner Hand beförderte er sie nach hinten. Sein Gesicht war noch schöner und schärfer als sonst.

»Das seßhafte und damit zivilisierte Leben begann die Frau«, sagte er. »Sie war es, die auf der Wanderung halten mußte, um sich und ihr Kind vor den wilden Tieren und den Unbilden der Witterung zu schützen. Sie entdeckte eßbare Pflanzen und heilkräftige Kräuter. Sie zähmte die Haustiere. Ihrem Männchen, dem halben Tier und Vagabunden, wurde sie allmählich zu einem immer geheimnisvolleren und weiseren Wesen. Das Staunen und die Furcht vor der Frau haben sich bis auf unsere Tage im »Tabu« der wilden Völker erhalten. Sie schreckte durch ihr Wissen, durch ihre Kenntnisse und vor allen Dingen durch den geheimnisvollen Akt der Geburt des Kindes, – der Mann, der Jäger war, konnte nicht beobachten, wie die Tiere gebären. Sie war Priesterin und Gesetzgeberin. Die Kultur entstand aus dem Matriarchat ...«

Rings um die Lampe schwirrten graue Falter. Ihre Schatten glitten über Makarows Litewka, seine ganze Brust und sogar sein Gesicht war mit dunklen Fleckchen tätowiert, wie mit den Schatten seiner hastigen Worte. Klim Samgin fand Makarows Reden langweilig und naiv.

»Er legt ein Examen ab für das Amt eines ›erklärenden Herrn‹.«

Makarow erinnerte sich seiner alten Gewohnheit und drehte mit der rechten Hand am oberen Knopf seiner Litewka, die linke wehrte unschlüssig die Falter ab.

»Übrigens, Turobojew, mich hat von jeher ein bekanntes zynisches Schimpfwort verletzt. Woher stammt es? Mir scheint, in uralten Zeiten war es ein Gruß, mit dem die Blutsverwandtschaft hergestellt wurde. Es konnte auch eine Art der Verteidigung bedeuten: Der alte Jäger sagte: ›Ich freite deine Mutter für einen Jungen, Stärkeren.‹ Denken Sie nur an die Begegnung des Ilja Muromez mit dem Lobhudler ...«

Ljutow lächelte heiter und krächzte.

»Wo hast du das gelesen?« fragte Klim ebenfalls lächelnd.

»Es ist meine Vermutung, andernfalls könnte ich es nicht verstehen«, sagte Makarow ungeduldig. Und Turobojew sagte leise, während er auf irgend etwas horchte:

»Eine scharfsinnige Vermutung.«

»Falle ich Ihnen lästig?« fragte Makarow.

»Aber nein, was denken Sie!« gab Turobojew sehr sanft und schnell zurück. »Mir schien, ich hörte die Fräulein kommen, aber ich habe mich getäuscht.«

»Der Lahme streicht umher«, sagte Ljutow leise, sprang von seinem Stuhl auf und stieg behutsam von der Veranda in die Dunkelheit hinab.

Klim hatte eine unangenehme Empfindung, als Turobojew Makarows Vermutung scharfsinnig nannte. Jetzt ergingen beide sich auf der Veranda, und Makarow setzte seine Rede fort, wobei er die Stimme noch tiefer senkte, an seinem Kopf drehte und mit der Hand fuchtelte.

»Als der halbwilde Adam mit dem Recht des Stärkeren Eva die Macht über das Leben nahm, erklärte er alles Weibliche für böse. Es ist sehr bezeichnend, daß dies im Orient geschah, aus dem alle Religionen kommen. Gerade von dort stammt die Lehre: der Mann ist der Tag, der Himmel, die Kraft, das Gute – die Frau die Nacht, die Erde, die Schwäche, das Böse. Die Abscheulichkeit unseres Reinigungsgebetes nach der Geburt ist zweifellos männlich, griechisch. Doch wenn der Mann das Weib auch besiegte, so konnte er doch nicht mehr die ihm von ihr eingepflanzte Gier nach Liebe und Zärtlichkeit beilegen.«

»Aber was willst du mit alledem sagen?« fragte Samgin streng und laut.

»Ich?«

»Worauf zielst du ab?«

Makarow blieb, geblendet blinzelnd, vor ihm stehen.

»Ich möchte verstehen: was ist die moderne Frau, die Frau Ibsens, die sich von der Liebe, vom Heim lossagt? Fühlt sie die Verpflichtung und die Kraft, sich ihre einstige Bedeutung als Mutter der Menschheit und Schöpferin der Kultur wiederzuerobern? Einer neuen Kultur?«

Er schwenkte die Hand in die Dunkelheit:

»Denn diese ist ja schon morsch, abgelebt, in ihr ist sogar etwas Unsinniges. Ich kann nicht glauben, daß die kleinbürgerliche Plattheit unseres Daseins endgültig die Frau verstümmelt haben sollte, wenngleich man aus ihr einen Aufhängebügel für kostbare Kleider, Tand und Gedichte gemacht hat. Aber ich sehe Frauen, die die Liebe nicht wollen – begreife: nicht wollen – oder sie verschleudern wie etwas Überflüssiges.«

Klim lachte ihm höhnisch ins Gesicht.

»Ach du Romantiker«, sagte er, sich reckend und seine Muskeln straffend und schritt an Turobojew, der gedankenvoll auf das Zifferblatt seiner Uhr sah, vorüber zur Treppe.

Samgin wurde mit einem Male der Sinn dieser langen Predigt völlig klar.

»Simpel!« dachte er, während er vorsichtig den Sandweg hinabstieg. Die kleine, aber sehr helle Glasscherbe des Mondes zerriß die Wolken. Zwischen dem Nadellaub zitterte silbriges Licht, die Schatten der Fichten sammelten sich in schwarzen Klumpen an den Baumwurzeln. Samgin ging zum Fluß. Er suchte sich einzureden, daß er einen ehrlichen Abscheu vor dem Flittergold von Worten und ein ausgezeichnetes Verständnis für die erklügelten Schönheiten menschlicher Reden habe.

»So leben sie nun alle, alle diese Ljutows, Makarows, Kutusows. Erwischen eine winzige Idee und lärmen, rasseln ...«

Morgens erhob sich ein heißer Wind, der die Fichtenbäume schüttelte und den Sand und das graue Wasser des Flusses aufwühlte. Als Warawka mit entblößtem Kopf den Bahnhof verließ, warf ihm der Wind den Bart hinter die Schulter und zauste ihn. Der Bart verlieh dem roten, zottigen Kopf Warawkas eine gewisse Ähnlichkeit mit der unförmigen Zeichnung eines Kometen in einem populären astronomischen Buch.

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