Novellen
- Автор: Цвейг Стефан
- Язык: немецкий
- Год: АСТ
- ISBN: 978-5-17-085076-1
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Novellen». Краткое содержание книги:
VERWIRRUNG DER GEFÜHLE
Angst
DER STERN ÜBER DEM WALDE
DIE LIEBE DER ERIKA EWALD
BRENNENDES GEHEIMNIS
VERGESSENE TRÄUME
DIE HOCHZEIT VON LYON
UNTERGANG EINES HERZENS
DIE GLEICH-UNGLEICHEN SCHWESTERN
STEFAN ZWEIG
DER AMOKL�UFER
VERWIRRUNG DER GEF�HLE
Angst
DER STERN �BER DEM WALDE
DIE LIEBE DER ERIKA EWALD
BRENNENDES GEHEIMNIS
VERGESSENE TR�UME
DIE HOCHZEIT VON LYON
UNTERGANG EINES HERZENS
DIE GLEICH-UNGLEICHEN SCHWESTERN
Im M�rz des Jahres 1912 ereignete sich im Hafen von Neapel bei dem Ausladen eines gro�en �berseedampfers ein merkw�rdiger Unfall, �ber den die Zeitungen umfangreiche, aber sehr phantastisch ausgeschm�ckte Berichte brachten. Obzwar Passagier der�Oceania�, war es mir ebensowenig wie den anderen m�glich, Zeuge jenes seltsamen Vorfalles zu sein, weil er sich zur Nachtzeit w�hrend des Kohlenladens und der L�schung der Fracht abspielte, wir aber, um dem L�rm zu entgehen, alle an Land gegangen waren und dort in Kaffeeh�usern oder Theatern die Zeit verbrachten. Immerhin meine ich pers�nlich, da� manche Vermutungen, die ich damals nicht �ffentlich �u�erte, die wirkliche Aufkl�rung jener erregenden Szene in sich tragen, und die Ferne der Jahre erlaubt mir wohl, das Vertrauen eines Gespr�ches zu nutzen, das jener seltsamen Episode unmittelbar vorausging.
Als ich in der Schiffsagentur von Kalkutta einen Platz f�r die R�ckreise nach Europa auf der�Oceania�bestellen wollte, zuckte der Clerk bedauernd die Schultern. Er wisse noch nicht, ob es m�glich sei, mir eine Kabine zu sichern, das Schiff w�re jetzt knapp vor dem Einbruch der Regenzeit immer schon von Australien her ausverkauft, er m�sse erst das Telegramm von Singapore abwarten. Am n�chsten Tage teilte er mir erfreulicherweise mit, er k�nne mir noch einen Platz vormerken, freilich sei es nur eine wenig komfortable Kabine unter Deck und in der Mitte des Schiffes. Ich war schon ungeduldig, heimzukehren: so z�gerte ich nicht lange und lie� mir den Platz zuschreiben.
Der Clerk hatte mich richtig informiert. Das Schiff war �berf�llt und die Kabine schlecht, ein kleiner gepre�ter, rechteckiger Winkel in der N�he der Dampfmaschine, einzig vom tr�ben Blick der kreisrunden Glasscheibe erhellt. Die stockende, verdickte Luft roch nach �l und Moder: nicht f�r einen Augenblick konnte man dem elektrischen Ventilator entgehen, der wie eine toll gewordene st�hlerne Fledermaus einem surrend �ber der Stirne kreiste. Von unten her ratterte und st�hnte wie ein Kohlentr�ger, der unabl�ssig dieselbe Treppe hinaufkeucht, die Maschine, von oben h�rte man unaufh�rlich das schlurfende Hin und Her der Schritte vom Promenadendeck. So fl�chtete ich, kaum da� ich den Koffer in das muffige Grab aus grauen Traversen verstaut hatte, wieder zur�ck auf Deck, und wie Ambra trank ich, aufsteigend aus der Tiefe, den s��lichen weichen Wind, der vom Lande her �ber die Wellen wehte. Aber auch das Promenadendeck war voll Enge und Unruhe: es flatterte und flirrte von Menschen, die mit der flackernden Nervosit�t eingesperrter Unt�tigkeit unausgesetzt plaudernd auf und nieder gingen. Das zwitschernde Gesch�ker der Frauen, das rastlos kreisende Wandern auf dem Engpa� des Decks, wo vor den St�hlen der Schw�rm in schwatzhafter Unruhe vorbeiwogte, um sich unabl�ssig zu begegnen, tat mir irgendwie weh. Ich hatte eine neue Welt gesehen, rasch ineinanderst�rzende Bilder in rasender Jagd in mich eingetrunken. Nun wollte ich mirs �bersinnen, zerteilen, ordnen, nachbildend das hei� in den Blick Gedr�ngte gestalten, aber hier auf dem gedr�ngten Boulevard gab es nicht eine Minute Ruhe und Rast. Die Zeilen in einem Buch zerrannen vor den fl�chtigen Schatten der Vor�berplaudernden. Es war unm�glich, mit sich selbst auf dieser schattenlosen wandernden Schiffsgasse allein zu sein. Drei Tage lang versuchte ichs, sah resigniert auf die Menschen, auf das Meer, aber das Meer blieb immer dasselbe, blau und leer, nur im Sonnenuntergang pl�tzlich mit allen Farben j�h �berg�ssen. Und die Menschen, sie kannte ich auswendig nach dreimal vierundzwanzig Stunden. Jedes Gesicht war mir vertraut bis zum �berdru�, das scharfe Lachen der Frauen reizte, das polternde Streiten zweier nachbarlicher holl�ndischer Offiziere �rgerte nicht mehr. So blieb nur Flucht: aber die Kabine war hei� und dunstig, im Salon produzierten unabl�ssig englische M�dchen ihr schlechtes Klavierspiel bei abgehackten Walzern. Schlie�lich drehte ich entschlossen die Zeitordnung um, tauchte in die Kabine schon nachmittags hinab, nachdem ich mich zuvor mit ein paar Gl�sern Bier bet�ubt, um das Souper und den Tanzabend zu �berschlafen.
Als ich aufwachte, war es ganz dunkel und dumpf in dem kleinen Sarg der Kabine. Den Ventilator hatte ich abgestellt, so schw�lte die Luft fettig und feucht an die Schl�fen. Meine Sinne waren irgendwie bet�ubt: ich brauchte Minuten, um mich an Zeit und Ort zur�ckzufinden. Mitternacht mu�te jedenfalls schon vorbei sein, denn ich h�rte weder Musik noch den rastlosen Schlurf der Schritte: nur die Maschine, das atmende Herz des Leviathans, stie� keuchend den knisternden Leib des Schiffes fort ins Unsichtbare. Ich tastete empor auf Deck. Es war leer. Und wie ich den Blick aufhob �ber den d�nstenden Turm des Schornsteins und die geisterhaft gl�nzenden Spieren, drang mit einmal magische Helle mir in die Augen. Der Himmel strahlte. Er war dunkel gegen die Sterne, die ihn wei� durchwirbelten, aber doch: er strahlte; es war, als verh�llte dort ein samtener Vorhang ungeheures Licht, als w�ren die spr�henden Sterne nur Luken und Ritzen, durch die jenes unbeschreiblich Helle vorgl�nzte. Nie hatte ich den Himmel gesehen wie in jener Nacht, so strahlend, so stahlblau hart und doch funkelnd, triefend, rauschend, quellend von Licht, das vom Mond verhangen niederschwoll und von den Sternen und das irgendwie aus einem geheimnisvollen Innern zu brennen schien. Wei�er Lack, flimmerten im Monde alle Randlinien des Schiffes grell gegen das samtdunkle Meer, die Taue, die Rahen, alles Schmale, alle Konturen waren aufgel�st in diesem flutenden Glanz: gleichsam im Leeren schienen die Lichter auf den Masten und dar�ber das runde Auge des Ausgucks zu h�ngen, irdische gelbe Sterne zwischen den strahlenden des Himmels. Gerade aber zu H�upten stand mir das magische Sternbild, das S�dkreuz, mit flimmernden diamantenen N�geln ins Unsichtbare geh�mmert, schwebend scheinbar, indes nur das Schiff Bewegung schuf, das leise bebend sich mit atmender Brust nieder und auf, nieder und auf, ein gigantischer Schwimmer, durch die dunklen Wogen stie�. Ich stand und sah empor: mir war wie in einem Bade, wo Wasser warm von oben f�llt, nur da� dies Licht war, das mir wei� und auch lau die H�nde �bersp�lte, die Schultern, das Haupt mild umgo� und irgendwie nach innen zu dringen schien, denn alles Dumpfe in mir war pl�tzlich aufgehellt. Ich atmete befreit, rein, und j�h beseligt sp�rte ich auf den Lippen wie ein klares Getr�nk die Luft, die weiche, gegorene, leicht trunken machende Luft, in der Atem von Fr�chten, Duft von fernen Inseln war. Nun, nun zum ersten Male, seit ich die Planken betreten, �berkam mich die heilige Lust des Tr�umens, und jene andere sinnlichere, meinen K�rper weibisch hinzugeben an dieses Weiche, das mich umdr�ngte. Ich wollte mich hinlegen, den Blick hinauf zu den wei�en Hieroglyphen. Aber die Ruhesessel, die Deckchairs waren verr�umt, nirgends fand sich auf dem leeren Promenadendeck ein Platz zu tr�umerischer Rast.
So tastete ich weiter, allm�hlich dem Vorderteil des Schiffes zu, ganz geblendet vom Licht, das immer heftiger aus den Gegenst�nden auf mich zu dringen schien. Fast tat es schon weh, dies kalkwei�e, grell brennende Sternenlicht, ich aber hatte Verlangen, mich irgendwo im Schatten zu vergraben, hingestreckt auf eine Matte, den Glanz nicht an mir zu f�hlen, sondern nur �ber mir, an den Dingen gespiegelt, so wie man eine Landschaft sieht aus verdunkeltem Zimmer. Endlich kam ich, �ber Taue stolpernd und vorbei an den eisernen Gewinden, bis an den Kiel und sah hinab, wie der Bug in das Schwarze stie� und geschmolzenes Mondlicht sch�umend zu beiden Seiten der Schneide aufspr�hte. Immer wieder hob, immer wieder senkte sich der Pflug in die schwarzflutende Scholle, und ich f�hlte alle Qual des besiegten Elements, f�hlte alle Lust der irdischen Kraft in diesem funkelnden Spiel. Und im Schauen verlor ich die Zeit. War es eine Stunde, da� ich so stand, oder waren es nur Minuten: im Auf und Nieder schaukelte mich die ungeheure Wiege des Schiffes �ber die Zeit hinaus. Ich f�hlte nur, da� in mich M�digkeit kam, die wie eine Wollust war. Ich wollte schlafen, tr�umen und doch nicht weg aus dieser Magie, nicht hinab in meinen Sarg. Unwillk�rlich ertastete ich mit meinem Fu� unter mir ein B�ndel Taue. Ich setzte mich hin, die Augen geschlossen und doch nicht Dunkels voll, denn �ber sie, �ber mich str�mte der silberne Glanz. Unten f�hlte ich die Wasser leise rauschen, �ber mir mit unh�rbarem Klang den wei�en Strom dieser Welt. Und allm�hlich schwoll dieses Rauschen mir ins Blut: ich f�hlte mich selbst nicht mehr, wu�te nicht, ob dies Atmen mein eigenes war oder des Schiffes fernpochendes Herz, ich str�mte, verstr�mte in diesem ruhelosen Rauschen der mittern�chtigen Welt.