Novellen
- Автор: Цвейг Стефан
- Язык: немецкий
- Год: АСТ
- ISBN: 978-5-17-085076-1
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Novellen». Краткое содержание книги:
VERWIRRUNG DER GEFÜHLE
Angst
DER STERN ÜBER DEM WALDE
DIE LIEBE DER ERIKA EWALD
BRENNENDES GEHEIMNIS
VERGESSENE TRÄUME
DIE HOCHZEIT VON LYON
UNTERGANG EINES HERZENS
DIE GLEICH-UNGLEICHEN SCHWESTERN
R�ckw�rts setzte die Musik ein. Der Tanz begann. Ein �lterer Offizier hatte sie aufgefordert, sie lie� mit einer Entschuldigung den plaudernden Kreis und schritt an seinem Arm gegen den �ndern Saal zu, an mir vorbei. Wie sie mich erblickte, spannte sich pl�tzlich ihr Gesicht gewaltsam zusammen - aber nur eine Sekunde lang, dann nickte sie mir mit einem h�flichen Erkennen (ehe ich mich noch zu gr��en oder nicht-gr��en entschlossen hatte) wie einem zuf�lligen Bekannten zu:�Guten Abend, Doktor�und war schon vorbei. Niemand h�tte ahnen k�nnen, was in diesem graugr�nen Blick verborgen war, und ich, ich selbst wu�te es nicht. Warum gr��te sie� warum erkannte sie mich nun mit einmal an?� War das Abwehr, war es Ann�herung, war es nur die Verlegenheit der �berraschung? Ich kann Ihnen nicht schildern, in welcher Erregtheit ich zur�ckblieb, alles war aufgew�hlt, war explosiv in mir zusammengepre�t, und wie ich sie so sah, l�ssig walzend am Arme des Offiziers, auf der Stirne den k�hlen Glanz der Sorglosigkeit, indes ich doch wu�te, da� sie� da� sie so wie ich nur daran� daran dachte� da� wir zwei hier allein ein furchtbares Geheimnis gemeinsam hatten� und sie walzte� in diesen Sekunden wurde meine Angst, meine Gier und meine Bewunderung noch mehr Leidenschaft als jemals. Ich wei� nicht, ob mich jemand beobachtet hat, aber gewi� verriet ich mich in meinem Verhalten noch viel mehr, als sie sich verbarg - ich konnte eben nicht in eine andere Richtung schauen, ich mu�te� ja, ich mu�te sie ansehen, ich sog, ja, ich zerrte von ferne an ihrem verschlossenen Gesicht, ob die Maske nicht f�r eine Sekunde fallen wollte. Und sie mu�te diesen starren Blick unangenehm empfunden haben. Als sie am Arme ihres T�nzers zur�ckschritt, sah sie mich im Blitzlicht einer Sekunde an, scharf befehlend, wie wegweisend: wieder spannte sich jene kleine Falte des hochm�tigen Zornes, die ich schon von damals kannte, b�se �ber ihrer Stirn.
Aber� aber� ich sagte es Ihnen ja� ich lief Amok, ich sah nicht nach rechts und nicht nach links. Ich verstand sie sofort - dieser Blick hie�: sei nicht auff�llig! bez�hme dich! - ich wu�te, da� sie� wie soll ich es sagen?� da� sie Diskretion des Benehmens hier im offenen Saal von mir wollte� ich verstand, da�, wenn ich jetzt heimginge, ich morgen gewi� sein k�nne, von ihr empfangen zu werden� da� sie es nur jetzt, nur jetzt vermeiden wollte, meiner auff�lligen Vertraulichkeit ausgesetzt zu sein, da� sie - und wie sehr mit Recht - von meinem Ungeschick eine Szene f�rchtete� Sie sehen� ich wu�te alles, ich verstand diesen befehlenden grauen Blick, aber� aber es war zu stark in mir, ich mu�te sie sprechen. Und so schwankte ich hin zu der Gruppe, in der sie plaudernd stand, schob mich - obwohl ich nur einige der Anwesenden kannte - ganz an den lockeren Kreis heran nur aus Begier, sie sprechen zu h�ren, und doch immer scheu mich duckend wie ein gepr�gelter Hund vor ihrem Blick, wenn er kalt an mir vorbeistreifte, als sei ich eine der Leinenportieren, an der ich lehnte, oder die Luft, die sie leicht bewegte. Aber ich stand, durstig nach einem Wort, das sie zu mir sprechen sollte, nach einem Zeichen des Einverst�ndnisses, stand und stand starren Blickes inmitten des Geplau-ders wie ein Block. Unbedingt mu�te es schon auff�llig geworden sein, unbedingt, denn keiner richtete ein Wort an mich, und sie mu�te leiden unter meiner l�cherlichen Gegenwart.
Wie lange ich so gestanden h�tte, ich wei� es nicht� eine Ewigkeit vielleicht� ich konnte ja nicht fort aus dieser Bezauberung des Willens. Gerade die Hartn�k-kigkeit meiner Wut lahmte mich� Aber sie ertrug es nicht l�nger� pl�tzlich wandte sie sich mit der prachtvollen Leichtigkeit ihres Wesens gegen die Herren und sagte:�Ich bin ein wenig m�de� ich will heute einmal fr�her zu Bett gehen� Gute Nacht! �� und schon streifte sie mit einem gesellschaftlich fremden Kopfnicken an mir vorbei� ich sah noch die hochgezogene Falte auf der Stirn und dann nur mehr den R�cken, den wei�en, k�hlen, nackten R�cken. Eine Sekunde lang dauerte es, bevor ich begriff, da� sie fortging� da� ich sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen k�nnte diesen Abend, diesen letzten Abend der Rettung� einen Augenblick lang also stand ich noch starr, bis ichs begriff� dann� dann�
Aber warten Sie� warten Sie� Sie werden sonst das Sinnlose, das Stupide meiner Tat nicht verstehen� ich mu� Ihnen erst den ganzen Raum schildern� Es war der gro�e Saal des Regierungsgeb�udes, ganz von Lichtern erhellt und fast leer, der ungeheure Saal� die Paare waren zum Tanz gegangen, die Herren zum Spiel� nur an den Ecken plauderten einige Gruppen� der Saal war also leer, jede Bewegung auff�llig und im grellen Licht sichtbar� und diesen gro�en weiten Saal schritt sie langsam und leicht mit ihren hohen Schultern durch, ab und zu einen Gru� mit ihrer unbeschreiblichen Haltung erwidernd� mit dieser herrlichen erfrorenen hoheitlichen Ruhe, die mich an ihr so entz�ckte� Ich� ich war zur�ckgeblieben, ich sagte es Ihnen ja, ich war gleichsam gel�hmt, bevor ich es begriff, da� sie fortging� und da, als ich es begriff, war sie schon am �ndern Ende des Saales knapp vor der T�re� Da� oh, ich sch�me mich jetzt noch, es zu denken� da packte es mich pl�tzlich an und ich lief- h�ren Sie: ich lief� ich ging nicht, ich lief mit polternden Schuhen, die laut widerhallten, quer durch den Saal ihr nach� Ich h�rte meine Schritte, ich sah alle Blicke erstaunt auf mich gerichtet� ich h�tte vergehen k�nnen vor Scham� noch w�hrend ich lief, war mir schon der Wahnsinn bewu�t� aber ich konnte� ich konnte nicht mehr zur�ck� Bei der T�r holte ich sie ein� Sie wandte sich um� ihre Augen stie�en wie ein grauer Stahl in mich hinein, ihre Nasenfl�gel zitterten vor Zorn� ich wollte eben zu stammeln anfangen� da� da� lachte sie pl�tzlich hellauf� ein helles, unbesorgtes, herzliches Lachen, und sagte laut� so laut, da� es alle h�ren konnten��Ach, Doktor, jetzt f�llt Ihnen erst das Rezept f�r meinen Buben ein� ja, die Herren der Wissenschaft� �Ein paar, die in der N�he standen, lachten gutm�tig mit� ich begriff, ich taumelte unter der Meisterschaft, mit der sie die Situation gerettet hatte� griff in die Brieftasche und ri� ein leeres Blatt vom Block, das sie l�ssig nahm, ehe sie� noch einmal mit einem kalten, dankenden L�cheln� ging� Mir war leicht in der ersten Sekunde� ich sah, da� mein Irrsinn durch ihre Meisterschaft gutgemacht, die Situation gewonnen� aber ich wu�te auch sofort, da� alles f�r mich verloren sei, da� diese Frau mich um meiner hitzigen Narrheit ha�te� ha�te mehr als den Tod� da� ich nun hundertmal und hundertmal vor ihre T�r kommen k�nnte und sie mich wegweisen w�rde wie einen Hund. Ich taumelte durch den Saal� ich merkte, da� die Leute auf mich blickten� ich mu� irgendwie sonderbar ausgesehen haben� Ich ging zum B�fett, trank zwei, drei, vier Gl�ser Kognak hintereinander� das rettete mich vor dem Umsinken� meine Nerven konnten schon nicht mehr, sie waren wie durchgerissen� Dann schlich ich bei einer Nebent�r hinaus, heimlich wie ein Verbrecher� Um kein F�rstentum der Welt h�tte ich jenen Saal nochmals durchschreiten k�nnen, wo ihr Lachen noch gell an allen W�nden klebte� ich ging� genau wei� ichs nicht mehr zu sagen, wohin ich ging� in ein paar Kneipen und soff mich an� soff mich an wie einer, der sich alles Wache wegsaufen will� aber� es ward mir nicht dumpf in den Sinnen� das Lachen stak in mir, schrill und b�se� das Lachen, dieses verfluchte Lachen konnte ich nicht bet�uben� Ich irrte dann noch am Hafen herum� meinen Revolver hatte ich zu Hause gelassen, sonst h�tte ich mich erschossen. Ich dachte an nichts anderes, und mit diesem Gedanken ging ich auch heim� nur mit diesem Gedanken an das Schubfach links im Kasten, wo mein Revolver lag� nur mit diesem einen Gedanken.
Da� ich mich dann nicht erscho߅ ich schw�re Ihnen, das war nicht Feigheit� es w�re f�r mich eine Erl�sung gewesen, den schon gespannten kalten Hahn abzudr�cken� aber wie soll ich es Ihnen erkl�ren� ich f�hlte noch eine Pflicht in mir� ja, jene Pflicht, zu helfen, jene verfluchte Pflicht� mich machte der Gedanke wahnsinnig, da� sie mich noch brauchen k�nnte, da� sie mich brauchte� es war ja schon Donnerstag morgens, als ich heimkam, und Samstag� ich sagte es Ihnen ja� Samstag kam das Schiff, und da� diese Frau, diese hochm�tige, stolze Frau die Schande vor ihrem Gatten, vor der Welt nicht �berleben w�rde, das wu�te ich� Ah, wie mich solche Gedanken gemartert haben an die sinnlos vertane kostbare Zeit, an meine irrwitzige �bereilung, die jede rechtzeitige Hilfe vereitelt hatte� stundenlang, ja stundenlang, ich schw�re es Ihnen, bin ich im Zimmer niedergegangen, auf und ab, und habe mir das Hirn zermartert, wie ich mich ihr n�hern, wie ich alles gutmachen, wie ich ihr helfen k�nnte� denn da� sie mich nicht mehr vorlassen w�rde in ihrem Haus, das war mir gewi߅ ich hatte das Lachen noch in allen Nerven und das Zucken des Zornes um ihre Nasenfl�gel� stundenlang, wirklich stundenlang bin ich so die drei Meter des schmalen Zimmers auf und ab gerannt� es war schon Tag, es war schon Vormittag�