Novellen
- Автор: Цвейг Стефан
- Язык: немецкий
- Год: АСТ
- ISBN: 978-5-17-085076-1
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Novellen». Краткое содержание книги:
VERWIRRUNG DER GEFÜHLE
Angst
DER STERN ÜBER DEM WALDE
DIE LIEBE DER ERIKA EWALD
BRENNENDES GEHEIMNIS
VERGESSENE TRÄUME
DIE HOCHZEIT VON LYON
UNTERGANG EINES HERZENS
DIE GLEICH-UNGLEICHEN SCHWESTERN
Und pl�tzlich schmi� es mich hin zu dem Tisch� ich ri� ein B�ndel Briefbl�tter heraus und begann ihr zu schreiben� alles zu schreiben� einen h�ndisch winselnden Brief, in dem ich sie um Vergebung bat, in dem ich mich einen Wahnsinnigen, einen Verbrecher nannte� in dem ich sie beschwor, sich mir anzuvertrauen� Ich schwor, in der n�chsten Stunde zu verschwinden, aus der Stadt, aus der Kolonie, wenn sie wollte: aus der Welt� nur verzeihen sollte sie mir und mir vertrauen, sich helfen zu lassen in der letzten, der allerletzten Stunde� Zwanzig Seiten fieberte ich so hinunter� es mu� ein toller, ein unbeschreiblicher Brief wie aus einem Delirium gewesen sein, denn als ich aufstand vom Tisch, war ich in Schwei� gebadet� das Zimmer schwankte, ich mu�te ein Glas Wasser trinken� Dann erst versuchte ich den Brief noch einmal zu �berlesen, aber mir graute nach den ersten Worten� zitternd faltete ich ihn zusammen, fa�te schon ein Kuvert� Da pl�tzlich fuhrs mich durch. Mit einem Male wu�te ich das wahre, das entscheidende Wort. Und ich ri� noch einmal die Feder zwischen die Finger und schrieb auf das letzte Blatt:�Ich warte hier im Strandhotel auf ein Wort der Verzeihung. Wenn ich bis sieben Uhr keine Antwort habe, erschie�e ich mich. �Dann nahm ich den Brief, schellte einem Boy und hie� ihn das Schreiben sofort �berbringen. Endlich war alles gesagt - alles!�
Etwas klirrte und kollerte neben uns. Mit einer heftigen Bewegung hatte er die Whiskyflasche umgesto�en; ich h�rte, wie seine Hand ihr suchend am Boden nachtastete und sie dann mit einem pl�tzlichen Schwung fa�te: in weitem Bogen warf er die geleerte Flasche �ber Bord. Einige Minuten schwieg die Stimme, dann fieberte er wieder fort, noch erregter und hastiger als zuvor.
�Ich bin kein gl�ubiger Christ mehr� f�r mich gibt es keinen Himmel und keine H�lle� und wenn es eine gibt, so f�rchte ich sie nicht, denn sie kann nicht �rger sein als jene Stunden, die ich von vormittag bis abends erlebte� Denken Sie sich ein kleines Zimmer, hei� in der Sonne, immer gl�hender im Mittagsbrand� ein kleines Zimmer, nur Tisch und Stuhl und Bett� Und auf diesem Tisch nichts als eine Uhr und einen Revolver und vor dem Tisch einen Menschen� einen Menschen, der nichts tut als immer auf diesen Tisch, auf den Sekundenzeiger der Uhr starren� einen Menschen, der nicht i�t und nicht trinkt und nicht raucht und sich nicht regt� der immer nur� h�ren Sie: immer nur, drei Stunden lang� auf den wei�en Kreis des Zifferblattes starrt und auf den Zeiger, der tickend den Kreis uml�uft� So� so� habe ich diesen Tag verbracht, nur gewartet, gewartet, gewartet� aber gewartet wie� wie eben ein Amokl�ufer etwas tut, sinnlos, tierisch, mit dieser rasenden, geradlinigen Beharrlichkeit. Nun� ich werde Ihnen diese Stunden nicht schildern� das l��t sich nicht schildern� ich verstehe ja selbst nicht mehr, wie man das erleben kann ohne� ohne wahnsinnig zu werden� Also� um drei Uhr zwei-undzwanzig Minuten� ich wei� es genau, ich starrte ja auf die Uhr� klopfte es pl�tzlich an die T�r� Ich springe auf� springe, wie ein Tiger auf seine Beute springt, mit einem Ruck durch das ganze Zimmer zur T�r, rei�e sie auf� ein �ngstlicher kleiner Chinesenjunge steht drau�en, einen zusammengefalteten Zettel in der Hand, und w�hrend ich gierig danach greife, huscht er schon weg und ist verschwunden. Ich rei�e den Zettel auf, will ihn lesen� und kann ihn nicht lesen� Mir schwankt es rot vor den Augen� denken Sie die Qual, ich habe endlich, endlich das Wort von ihr� und nun zittert und tanzt es mir vor den Pupillen� Ich tauche den Kopf ins Wasser� nun wirds mir klarer� Nochmals nehme ich den Zettel und lese:
�Zu sp�t! Aber warten Sie zu Hause. Vielleicht rufe ich Sie noch. �
Keine Unterschrift auf dem zerkn�llten Papier, das von irgendeinem alten Prospekt abgefetzt war� hastige, verworrene Bleistiftz�ge einer sonst sicheren Schrift� ich wei� nicht, warum mich das Blatt so ersch�tterte� Irgend etwas von Grauen, von Geheimnis haftete ihm an, es war wie auf einer Flucht geschrieben, stehend an einer Fensternische oder in einem fahrenden Wagen� Etwas Unbeschreibliches von Angst, von Hast, von Entsetzen schlug kalt von diesem heimlichen Zettel mir in die Seele� und doch� und doch, ich war gl�cklich: sie hatte mir geschrieben, ich mu�te noch nicht sterben, ich durfte ihr helfen� vielleicht� ich durfte� oh, ich verlor mich ganz in den wahnwitzigsten Konjekturen und Hoffnungen� Hundertemal, tausendemal habe ich den kleinen Zettel gelesen, ihn gek��t� ihn durchforscht nach irgendeinem vergessenen, �bersehenen Wort� immer tiefer, immer verworrener wurde meine Tr�umerei, ein phantastischer Zustand von Schlaf mit offenen Augen� eine Art L�hmung, irgend etwas ganz Dumpfes und doch Bewegtes zwischen Schlaf und Wachsein, das vielleicht Viertelstunden dauerte, vielleicht Stunden� Pl�tzlich schreckte ich auf� Hatte es nicht geklopft?� Ich hielt den Atem an� eine Minute, zwei Minuten reglose Stille� Und dann wieder ganz leise, so wie eine Maus knabbert, ein leises aber heftiges Pochen� Ich sprang auf, noch ganz taumelig, ri� die T�r auf- drau�en stand der Boy, ihr Boy, derselbe, dem ich den Mund damals mit der Faust zerschlagen� sein braunes Gesicht war aschfahl, sein verwirrter Blick sagte Ungl�ck� Sofort sp�rte ich Grauen��Was� was ist geschehen?�konnte ich noch stammeln.�Come quickly�, sagte er� sonst nichts� sofort raste ich die Treppe herunter, er mir nach� Ein Sado, so ein kleiner Wagen, stand bereit, wir stiegen ein��Was ist geschehen?�fragte ich ihn� Er sah mich zitternd an und schwieg mit verbissenen Lippen� Ich fragte nochmals - er schwieg und schwieg� Ich h�tte ihm am liebsten wieder ins Gesicht geschlagen mit der Faust, aber� gerade seine h�ndische Treue zu ihr r�hrte mich� so fragte ich nicht mehr� Das W�gelchen trabte so hastig durch das Gewirr, da� die Menschen fluchend auseinanderstoben, lief aus dem Europ�erviertel am Strand in die niedere Stadt und weiter, weiter ins schreiende Gewirr der Chinesenstadt� Endlich kamen wir in eine enge Gasse, ganz abseits lag sie� vor einem niedern Haus hielt er an� Es war schmutzig und wie in sich zusammengekrochen, vorne ein kleiner Laden mit einem Talglicht� irgendeine dieser Buden, in die sich die Opiumh�user oder Bordelle verstecken, ein Diebsnest oder ein Hehlerkeller� Hastig klopfte der Boy an� Hinter dem T�rspalt zischelte eine Stimme, fragte und fragte� Ich konnte es nicht mehr ertragen, sprang vom Sitz, stie� die angelehnte T�r auf� ein altes chinesisches Weib fl�chtete mit einem kleinen Schrei zur�ck� hinter mir kam der Boy, f�hrte mich durch den Gang� klinkte eine andere T�r auf� eine andere T�re in einen dunklen Raum, der �bel roch von Branntwein und gestocktem Blut� Irgendetwas st�hnte darin� ich tappte hin� �
Wieder stockte die Stimme. Und was dann ausbrach, war mehr ein Schluchzen als ein Sprechen.�Ich� ich tappte hin� und dort� dort lag auf einer schmutzigen Matte� verkr�mmt vor Schmerz� ein st�hnendes St�ck Mensch� dort lag sie� Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen im Dunkel� Meine Augen waren noch nicht gew�hnt� so tastete ich nur hin� ihre Hand� hei߅ brennend hei߅ Fieber, hohes Fieber� und ich schauerte� ich wu�te sofort alles� sie war hierher gefl�chtet vor mir� hatte sich verst�mmeln lassen von irgendeiner schmutzigen Chinesin, nur weil sie hier mehr Schweigsamkeit erhoffte� hatte sich morden lassen von irgendeiner teuflischen Hexe, lieber als mir zu vertrauen� nur weil ich Wahnsinniger� weil ich ihren Stolz nicht geschont, ihr nicht gleich geholfen hatte� weil sie den Tod weniger f�rchtete als mich�