Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Die Sänger gelangten an das Ende ihres Stückes und verstummten. Ein leises Rascheln ließ vermuten, dass sie eine Pause machten. Der Akolyth der Mutter war in den Flur geschickt worden, um nach Fürstmarschall Biast Ausschau zu halten. Der Geistliche trat an die andere Seite des Raumes und holte sich ein Glas Wasser. Vom Bett her kam ein schwerer Atemzug, auf den kein weiterer folgte.
Faras Gesicht erstarrte, und ihre Augen schimmerten von Tränen. Rossfluten trat nur kurz vor, um ihr ein Spitzentaschentuch zu reichen, das sie krampfhaft umklammerte; dann zog er sich wieder zurück. Der Graf sagte nichts Dummes. Er sagte überhaupt nichts.
Er ging noch ein Stück weiter zurück, erhob sich dann beinahe auf die Zehenspitzen und streckte die Arme wie ein Falkner aus, der seinen Vogel zurückruft.
Ingrey erwachte augenblicklich zu voller Aufmerksamkeit, reckte den Hals und spannte all seine Sinne an. Er konnte keine Seelen sehen, wie man es von den Heiligen sagte. Er nahm die davonziehende Essenz nur deshalb wahr, weil sich etwas davon löste und wie ein berauschendes Parfüm durch die Luft schwebte. Götter hatte er vorher schon erfahren, nur deshalb erkannte er die gewaltige Präsenz, die ihm die Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Aber dieser Besuch galt nicht Ingrey, und Er war mit seiner Beute wieder verschwunden, ehe Ingreys Pupillen sich in dem vergeblichen Versuch weiten konnten, Ihn aufzunehmen.
Der geheimnisvolle Duft blieb zurück, kühl und vielschichtig wie ein Wald im Frühling: Wasser, Kiefer, Moschus, feuchte Erde, Sonnenlicht — war Lachen ein Geruch? Es ermunterte und erregte ihn, beunruhigte ihn, und er hob seinen Kopf danach, sperrte vergebens Augen und Nase auf. In größter Verwirrung atmete Ingrey ein. Was sollte er tun? Fara beiseite stoßen? Sich auf Rossfluten stürzen? Er konnte nicht sein Schwert gegen diesen Waldgeruch einsetzen, durch die Luft schneiden wie ein Verrückter. Es schien nichts Böses daran zu sein: Gefahr, ja. Macht, ja. Pracht, ja.
Und dann bekam Ingrey mit, wie Rossfluten den Kopf in den Nacken riss und das Königtum einatmete. Der Graf taumelte ein wenig, als wäre ein großer Adler auf seinen ausgestreckten Falknerarmen gelandet. Er presste die Augenlider zusammen, faltete die Arme um den Leib und stieß zufrieden den Atem aus. Als er die Augen wieder aufriss, loderten sie.
Heiliges Feuer, dachte Ingrey. So schnell! Was ist geschehen? Gewiss hatte Rossfluten doch nicht … nein, er hatte nicht die entweichende Seele des Geheiligten Königs abgefangen und in sich aufgenommen wie einen weiteren Tiergeist auf jenen düsteren, verzerrten Hort, über den er bereits gebot. Ingrey flüsterte Wenzel verblüfft zu: »Habt Ihr einen Segen von den Göttern gestohlen …?«
Rossflutens Heiterkeit ließ ihm beinahe das Herz zerschmelzen. »Das hier«, der Graf wies an seinem Leib hinunter und hauchte die Worte mehr, als dass er sprach, »gehörte niemals den Göttern. Wir haben es selbst geschaffen. Es gehört hierhin. Es wurde mir vor zweieinhalb Jahrhunderten entrissen. Jetzt kehrt es zurück … für kurze Zeit.«
Der Geistliche des Vaters, ahnungslos ob all dieser Dinge, war an das Bett des Geheiligten Königs geeilt, wo der Heilkundige sich über den Leichnam beugte und eine letzte Untersuchung vornahm. Sie flüsterten leise miteinander. Der Geistliche beschrieb die heilige Geste über dem toten König und vor sich selbst und sprach dann ein kurzes Gebet.
So. Wenzel war also einer weiteren Lüge überführt oder einer Halbwahrheit. Ingrey konnte nicht mehr das geringste Erstaunen dafür aufbringen. Es hatte überhaupt nicht zwei Geheiligte Könige in diesem Raum gegeben. Da waren nur zwei unvollständige Könige gewesen, die sich gegenseitig behinderten und von denen jeder etwas zurückhielt, was dem anderen zur Erfüllung fehlte. Jetzt gab es wieder nur einen, wieder ganz. Ingrey erschauderte unter der furchtbaren Last seines majestätischen Lächelns.
»Das Wichtigste zuerst«, hauchte Wenzel, leckte sich über den Daumen und berührte damit Ingreys Stirn. Ingrey zuckte zurück, jedoch zu spät. Er spürte den Ruck, mit dem seine Verbindung zu Ijada riss wie eine greifbare Schnur, und er heulte beinahe auf vor Schmerz und Zorn. Bevor er aber noch eingeatmet hatte, festigte die Verbindung sich wieder, und anstelle von Ijada fand er sich plötzlich an Rossflutens Geist gekettet. Der königliche Wille bestieg Ingreys aufsteigende Panik wie ein geschickter Reiter ein unerfahrenes Fohlen. Diese Empfindung überwältigte ihn beinahe, verdunkelte seine Sicht, ließ ihm die Knie weich werden. Rossfluten musterte mit prüfend zusammengekniffenen Brauen Ingreys Gesicht und nickte dann zufrieden. »Ja …« Das Wort kam mit einem Seufzer aus seinem Mund. »Das wird reichen.«
Fara wandte sich um und blickte ihren Ehemann an: Ihre Augen weiteten sich, und heftig sog sie den Atem ein. Wenn sie mit ihren gewöhnlichen Augen auch nur ein Zehntel der alles überstrahlenden Pracht wahrnahm, die Ingrey mit seinen Schamanensinnen erfasste, so wunderte ihn ihre plötzliche Ehrfurcht nicht. Rossfluten befeuchtete erneut den Daumen und berührte sie an der Stirn. Dann trat er vor und umarmte sie, lehnte seinen Kopf gegen den ihren in einer Geste, die man leicht als tröstend fehldeuten konnte. Als er sich wieder zurückzog, wirkten Faras Augen glasig und leer. Ingrey fragte sich, ob seine eigenen Augen genauso aussahen.
Den Arm um die Taille seiner Frau, als wolle er sie stützen, wandte der Graf sich dem Geistlichen des Vaters zu. »Sagt meinem Schwager, wenn er ankommt, dass ich die Prinzessin nach Hause gebracht habe. Ich fürchte, das alles hat wieder einen ihrer schwächenden Kopfschmerzanfälle verursacht.«
Der Geistliche wirkte plötzlich sehr um den Grafen bemüht und nickte eifrig und verständnisvoll. »Selbstverständlich, Herr. Ich bin sehr betrübt über Euren Verlust, Herrin. Aber die Seele Eures Vaters wurde nun in eine bessere Welt wiedergeboren.«
Rossflutens Lippen kräuselten sich. »Allerdings. Alle Menschen gehen von Geburt an mit ihrem eigenen Tod schwanger. Das erfahrene Auge kann ihn Tag für Tag in ihrem Innern heranreifen sehen.«
Der Geistliche zuckte bei dieser beunruhigenden Metapher zusammen, fuhr aber standhaft fort: »Ich bin mir nicht sicher, ob …«
Rossfluten hob eine Hand, und der Mann verstummte sofort. »Friede. Lasst den Fürstmarschall wissen, dass wir uns morgen früh mit ihm treffen werden. Er mag nach Belieben mit den Vorbereitungen beginnen.«
»Ja, Herr.« Der Geistliche verbeugte sich, und der Heilkundige auf der anderen Seite des Bettes tat es ihm gleich.
»Ingrey …« Rossfluten wandte sich seinem Gefolgsmann zu, und seine Lippen entblößten die Zähne in dem beunruhigendsten Lächeln, das er je gezeigt hatte. Seine Stimme sank so tief herab, dass sie Ingreys Knochen vibrieren ließ. »Bei Fuß.«
Verärgert, fasziniert und verzweifelt verbeugte sich Ingrey und folgte seinem Herrn hinaus.
Rossfluten trieb seine Frau und Ingrey rasch und allein durch die abgedunkelten Flure der Halle des Geheiligten Königs. Ein weiteres gemurmeltes Frieden führte dazu, dass die Torwachen ihn grüßten und hinausließen, ohne ihn aufzuhalten oder weitere Fragen zu stellen. Sie wandten sich den nächtlichen Straßen zu, in denen die abkühlende Luft allmählich dunstig wurde. Als sie um die erste Ecke bogen, blickte Ingrey über die Schulter zurück und sah eine Prozession schwingender Laternen heranziehen. Stimmen drangen durch den Nebeclass="underline" Biast und eine edle Gesellschaft, die zurück zum Sterbebett seines Vaters eilte. Zu spät. Ingrey hörte Hetwars Stimme heraus, die dem Fürstmarschall antwortete. Er fragte sich, ob Hetwar wohl das Siegel des Geheiligten Königs, das ihm anvertraut war, in seiner Eichentruhe mitführte, zusammen mit dem silbernen Hammer, um es neben dem königlichen Bett zu zerschlagen.