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Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]

Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:

Lord Ingrey wird in die Ländereien Prinz Bolesos entsandt, in einer delikaten, höchst unangenehmen Mission. Jemand hat den Prinzen umgebracht! Da er der Thronerbe war und der König im Sterben liegt, soll Ingrey die Wogen der Aufregung glätten, die Leiche des Prinzen überführen und die mutmaßliche Mörderin vor Gericht bringen. Damit das Königreich nicht in falsche Hände fällt, muss er dunkle Geheimnisse enthüllen und einen fürchterlichen „Blutpreis“ aus der Vergangenheit. In sich abgeschlossener Roman aus der Reihe „Die magischen Messer“.
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Ingrey erkundete das Anwesen und stellte fest, dass Fara sich wie erwartet in die Obhut ihrer Damen auf ihre Gemächer zurückgezogen hatte. Der Graf war fortgegangen und weilte im Palast des Geheiligten Königs. Was führte Wenzel dorthin und fesselte ihn mehr als die erwarteten Neuigkeiten von der Anhörung? Dass er seine Frau nicht in den Gerichtssaal begleitet hatte, war wenig überraschend: Wenzel mied den Tempelberg unauffällig, so beiläufig und gewohnheitsmäßig, dass niemand Verdacht schöpfte. Doch was für eine Gefahr der Graf auch darstellen mochte, er hatte vorher schon wochenlang am Bett seines kranken Schwiegervaters gewacht, ohne dass Ingrey ihn beaufsichtigt hatte. Ingrey zögerte, ihm dorthin zu folgen. Noch.

Die Lage schien eher Klugheit zu erfordern als einen kräftigen Schwertarm, doch wenn der Körper vernachlässigt wird, erlahmt auch der Geist. Daher begab Ingrey sich in die gräfliche Küche und organisierte eine Mahlzeit. Diese wurde ihm angerichtet — zusammen mit gewissen, versteckt vorgebrachten Beschwerden, woraufhin Ingrey erst einmal Tesko aufspürte und ihn nötigte, den Küchenknechten das Geld zurückzugeben, das er durch Betrügereien beim Würfelspiel gewonnen hatte. Nachdem sein Bursche gerade zeitweilig eingeschüchtert war, ließ Ingrey ihn auch die Nähte auf der Kopfhaut auftrennen und herausziehen, und anschließend die Schwerthand neu verbinden. Der lange, ausgefranste Riss in der verfärbten Haut schien sich fast geschlossen zu haben, war aber immer noch empfindlich. Ingrey drückte behutsam gegen den Verband, nachdem Tesko fertig war. Das hätte inzwischen schon verheilt sein sollen.

Eine herbstliche Abenddämmerung kroch durch die Fensteröffnung, während Ingrey auf seinem neuen Bett saß und nachdachte. Der bevorstehende Trauerfall der Prinzessin beschnitt jene Art des gesellschaftlichen Lebens, die Hetwars Palast zur Abendstunde erfüllt hatte und oftmals Ingreys Dienste als Eskorte für den Herrn oder die Herrin erforderte. Wenn der Graf von Rossfluten beschloss, ihn mit irgendeinem ungelegenen Botenauftrag fortzuschicken, wie konnte er dann noch dem prinzlichen Auftrag nachkommen, Fara zu beschützen, oder seiner selbstgewählten Aufgabe, Ijada zu retten? Konnte er einen von Hetwars Männern reiten lassen und selbst in Ostheim bleiben, um verstohlen zu spionieren? Ein solches Unternehmen schien voller möglicherweise verhängnisvoller Komplikationen zu stecken. Vor den Augen der Öffentlichkeit war Ingrey dem Grafen gegenüber zum Gehorsam verpflichtet, und das empfand er als eine Fallgrube, in die er jederzeit zu stolpern drohte. Er war nicht sicher, ob Hetwar die Sache sorgfältig genug durchdacht hatte.

Konnte er sich Rossfluten widersetzen? Anscheinend war jeder von ihnen mit vergleichbaren Kräften ausgestattet. Rossfluten war ungleich geübter, aber war er auch stärker? Und was bedeutete Stärke überhaupt, an jenem grenzenlosen spirituellen Ort, wo seine Visionen Gestalt annahmen?

Und wie übte man so etwas, und woran? Die Raserei, die Ingrey im Kampf erfasste, konnte nicht geübt werden. Sie kam nur, wenn sie nötig war, in einem Kampf auf Leben und Tod. Und die Zauberstimme — konnte man ihrem Einfluss widerstehen? Sich ihm entziehen? Ihn brechen? Klang er im Laufe der Zeit ab, wie Hallanas Dämonenmagie bei dem zum Schwein gewordenen Mann? Ingrey konnte sich nicht vorstellen, dass er leicht Freiwillige finden würde, um an ihnen seine Fähigkeiten zu erproben. Unvermittelt fiel ihm ein, dass Hallana eine solche Probe vermutlich begeistert befürworten würde, und Oswin würde sich dabei sorgfältig seine Notizen machen. Diese Vorstellung ließ ihn unwillkürlich lächeln.

Wie alt ist mein Wolf? Diese Frage beschäftigte ihn. Behutsam lenkte er seine Aufmerksamkeit nach innen, und wieder einmal fühlte es sich an, als versuche er, die eigenen Augen zu sehen. Die angesammelten Wolfsseelen mischten sich zu einer untrennbaren Einheit, als wären ihre Grenzen irgendwie durchlässig geworden. Wölfe wurden zu einem Wolf, auf eine Weise, die Graf Rossflutens Seelen auf ihrem gewaltsamen, kannibalistischen Marsch durch die Generationen seiner Abkömmlinge nicht erreicht hatten. Ingrey durchkämmte die lückenhaften Wolfserinnerungen, die er nacherlebt hatte, sowohl im ersten, furchtbaren Akt der Initiation wie auch in späteren Träumen. Die Perspektive war eigenartig, und an Gerüche schien er sich besser erinnern zu können als an das, was er gesehen hatte. Ein heruntergekommenes Dorf der Gegenwart war kaum von einer Stadt der alten Waldlande zu unterscheiden.

Aber plötzlich stieg eine sehr charakteristische Erinnerung an die Oberfläche, wie er mit Wolfswelpenzähnen an einem Stück gehärtetem Leder kaute, einem Brustharnisch, der beinahe größer war als er selbst. Die Bestrafung, nachdem er erwischt wurde, verringerte nicht die Befriedigung in seinem wunden Maul. Die Rüstung war noch ziemlich neu gewesen, in einen Winkel einer dämmrigen, rauchgeschwängerten Halle geschleppt. Die Machart war eindeutig zuzuordnen, die Verzierung auf der Brust noch deutlicher: Der Umriss eines Wolfskopfes mit weit aufgerissenen Kiefern, der mit glühendem Eisen dem Leder eingebrannt worden war. Mein Wolf ist so alt wie das alte Weald und noch ein bisschen älter.

So alt wie Wenzels Pferd? In gewisser Hinsicht sicher älter, denn sein Wolf war unterwegs gewesen, viele Male wiedergeboren, vierhundert Jahre lang bis zu seiner blutigen Ernte. Ein Teil dieser Zeit hatte sich hoch in den Bergen der Kantone abgespielt, den Erinnerungsbildern an verschneite Gipfel nach zu urteilen, die in seinem Geist fortlebten. Eine lange, glückliche Zeitspanne, mehrere gezähmte Wolfsleben in einem kleinen Weiler in einem vergessenen Tal, wo die Jahreszeiten und Generationen in langsamem Wechsel aufeinander folgten. Ein unglücklicher Zufall hätte diese Anhäufung von Wolfsseelen unterbrechen können, und doch war das nicht geschehen. Das legte nahe, dass jemand mit einer langen, langen Aufmerksamkeitsspanne diese Zufälle beeinflusst haben könnte. Beeinflusst haben musste, berichtigte er sich freudlos.

Wenn er dem Gott jemals wieder begegnete, konnte er ihn fragen, nahm Ingrey an. Ich könnte ihn jetzt fragen. Ich könnte beten. Aber er verspürte nicht das mindeste Bedürfnis. Ein Gebet wirkte ungefähr so verlockend auf ihn wie der Gedanke, die Hand ins Heilige Herdfeuer auf dem Sockel im Tempel zu stoßen und sie dort zu belassen. Das Gespräch mit den Göttern war sehr viel beruhigender gewesen, als er nicht mit einer Antwort hatte rechnen müssen.

Er legte sich auf den Rücken und suchte in seinem Innern nach der mühlbachartigen Verbindung zu Ijada. Deren ruhiges Fließen beruhigte ihn sofort. Sie litt zurzeit nicht unter Schmerzen und war auch nicht übermäßig erschöpft, abgesehen von einem zunehmenden Gefühl der Langeweile. Daraus folgte jedoch nicht, dass sie in Sicherheit war: Die äußerliche Behaglichkeit des schmalen Hauses konnte täuschen. Rossfluten hatte diese Verbindung als ungewolltes Überbleibsel seines mordlüsternen Bannes bezeichnet, und das mochte wohl sein. Kam es nicht von Zeit zu Zeit vor, dass man aus etwas Bösem noch etwas Gutes gewinnen konnte? Er musste einen Weg finden, sie wiederzusehen, insgeheim und bald. Und mit ihr zu reden. Konnte dieser verborgene Sinn füreinander auch für deutlichere Botschaften genutzt werden? Ein Zupfen für ja, zwei Zupfen für nein. Nun, so vielleicht nicht, aber irgendwie musste es gehen.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach sein Grübeln. Ein Page bestellte ihn zum Grafen. Ingrey legte die Waffen an, hob den langen Parademantel auf und begab sich zur Eingangshalle, wo er Rossfluten vorfand. Dieser konnte erst vor kurzem zurückgekehrt sein, bereitete sich aber bereits wieder zum Aufbruch vor.

Mit einigen geflüsterten Befehlen entließ der Graf einen besorgten Pferdeknecht und begrüßte Ingrey dann mit einem höflichen Nicken.

»Wohin des Weges, Herr?«

»Zur Halle des Geheiligten Königs.«

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