Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Der aufgehende Mond traf sich mit dem aufsteigenden Nebel und verwandelte die Welt in ein brodelndes Meer aus Licht. Der Geheiligte König hob und senkte den Arm und führte seine Gefolgsleute im scharfen Galopp auf dem ebenen, geraden, schimmernden Streifen Flussstraße entlang. Sie schienen durch die Wolken zu schweben, zu fliegen. Ingreys Augen tränten im eisigen Wind. Das Pferd bewegte sich spielerisch zwischen seinen Beinen, und Ingrey, dem das Herz zerspringen wollte, warf den Kopf in den Nacken und trank die dahinrasende Nacht. Scheitern lag hinter ihm, Verderben womöglich vor ihm. Doch in dieser silbrigen Stunde war er verherrlicht.
Kapitel Zweiundzwanzig
Als der Mond im Zenit stand, erlahmten die schäumenden Pferde. Sie waren schon viele Meilen weiter geritten, als es ein Botenreiter ohne Wechsel des Tieres getan hätte. Ingrey fragte sich bereits, ob Rossfluten die Pferde zu Tode reiten wollte, als der Graf endlich seinen großen Fuchs in einen ermatteten Schritt fallen ließ. Ein paar Minuten später zeigte er eine Richtung an und führte sie zu einem Bauernhof, der einsam zwischen den Bäumen am Fluss stand. Eine Laterne hing von den Sparren des Vordachs und glomm schwach und rötlich durch den bläulichen Schimmer des Mondes.
Drei Pferde standen dort schon für sie bereit, am Geländer angebunden. Während sie abstiegen, kämpfte sich ein Pferdeknecht der Rossflutens aus seinen Decken und wechselte Sattel und Zaumzeug auf die neuen Tiere. Rossfluten ließ Ingrey und Fara gerade genug Zeit, um ein wenig Brot und Käse zu essen, ein paar Schluck Bier zu trinken und die Toilette hinter dem Haus aufzusuchen. Dann hieß er sie auch schon wieder aufsteigen und führte sie zurück zur Straße. Fara sah blass und mitgenommen aus, aber der Wille des Geheiligten Königs brachte sie dazu, sich weiterhin an ihr frisches Pferd zu klammern und zu galoppieren.
Selbst Ingrey schwankte bereits im Sattel, als sie abermals Halt machten, an einem weiteren, strohgedeckten Bauernhaus, das durch einen Hügel von der Hauptstraße getrennt war. Sie waren so tief in der Nacht auf keine weiteren Reiter gestoßen, und den ummauerten Ortschaften, die hier am schmaler werdenden Storchenfluss immer weiter auseinander lagen, waren sie in aller Stille aus dem Weg gegangen. Fara kippte förmlich aus dem Sattel in die Arme ihre Ehemannes.
»Sie kann heute Nacht gewiss nicht weiterreiten«, stellte Ingrey halblaut fest.
»Einerlei. Nicht einmal wir beide wären imstande, die ganze Strecke ohne Pause durchzuhalten. Legen wir unsere Rast also hier ein.«
Diese Rast war offenbar vorbereitet worden, denn ein eingeschüchtert wirkendes Bauernmädchen erschien, nahm Fara unter ihre Obhut und führte sie ins Haus. Der Graf folgte einem weiteren Rossfluten-Knecht, der anscheinend zu diesem Zweck hier einquartiert worden war und jetzt die Pferde um das weitläufige Haus herum zu einem wackligen Schuppen führte. Wenzel musterte die bereitstehenden Ersatzpferde und grunzte zufrieden. Das waren keine Ackergäule, sondern Tiere, die aus den eigenen Ställen des Grafen vorweggesandt worden waren.
Die Flucht war gut geplant, wie es schien. Verfolger konnten an Gasthäusern und Mietställen entlang der Straße nachfragen, wo Reisende in Eile Ersatztiere mieten konnten, aber dabei würden sie keine Spur von ihnen finden, keine Zeugen, keine zurückgelassenen Pferde. Wenn die Verfolger an jedem Bauernhof entlang des Storchenflusses Halt machen und nachfragen mussten, auf dem ganzen Weg zwischen Ostheim und der Nordgrenze, so würden sie dabei wertvolle Zeit verlieren — selbst wenn ihnen so viele Mittel zur Verfügung standen wie dem Fürstmarschall und Hetwar. Und sie mussten auch noch ein halbes Dutzend weiterer Straßen absuchen, die in alle Richtungen von Ostheim wegführten.
Wie weit kann ich mich diesem königlichen Bann entziehen?, fragte sich Ingrey verzweifelt und niedergeschlagen. Falls er überhaupt den Willen und den Einfallsreichtum aufzubringen vermochte. Würde die falsche Ruhe, in der er dahinzutreiben schien, vergehen, wenn er sich aus der Reichweite von Wenzels Stimme entfernen konnte? Würde die Benommenheit von ihm abfallen, wenn Wenzels Aufmerksamkeit abgelenkt war? Ingrey sehnte sich nach der königlichen Aufmerksamkeit wie ein Hund nach einem Knochen aus der Hand seines Herrn oder wie ein Junge nach dem Lächeln seines Vaters. Beim Gedanken an hündische Ergebenheit biss Ingrey nur die Zähne zusammen; doch dass Rossfluten so beiläufig eine kindliche Treue an sich reißen sollte, die Lord Ingalef nicht mehr hatte erleben dürfen, trieb eine Woge von glühendem Zorn durch Ingreys Herz. Trotzdem kroch er hinter seinem Herrn drein wie ein müdes Kind.
Ingrey folgte Wenzel zu einem Sitzplatz auf der Veranda des Bauernhauses. Er ließ die Beine über die Kante hängen und blickte gemeinsam mit ihm über das Flusstal hinweg auf den untergehenden Mond. Der Knecht brachte erneut eine einfache Mahlzeit herbei, Brot und Schinken, diesmal jedoch einen Krug jungen Weines dazu. Der Weinberg, der zu diesem Hof gehörte, musste dieses Jahr mit dem Wetter Glück gehabt haben, denn der Wein floss süß und lieblich über die Zunge. Die Nähe zu seinem Herrn erweckte in Ingrey eine trunkene Begeisterung. Sie wurzelte in der Erschöpfung und war vielleicht mit jener Mattigkeit zu vergleichen, die einen Betrunkenen glauben ließ, dass er durchaus jederzeit aufstehen und fortgehen könne, wenn er nur wollte. Ingrey trank noch mehr.
»Es ist wunderschön, Majestät«, sagte er und nickte in Richtung der in kaltes Licht getauchten Szenerie.
Wenzels Lippen verzogen sich zu einer eigenartigen Grimasse. »Ich habe schon genug Monduntergänge gesehen.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Genießt es, solange Ihr könnt.«
Das war eine beunruhigend mehrdeutige Bemerkung, befand Ingrey. »Warum reisen wir im Galopp? Welchem Feind müssen wir entfliehen? Den Verfolgern aus Ostheim?«
»Denen auch.« Wenzel streckte sich. »Die Zeit ist nicht mein Freund. Dank der klugen Gewohnheit der Hirschendorns, ihre Söhne noch zu Lebzeiten des Vaters zum Geheiligten König wählen zu lassen, liegt das letzte Interregnum nun schon einhundertzwanzig Jahre zurück. Die Anstrengung, noch einmal eine solche Lücke herbeizuführen, kommt mir im Augenblick überwältigend vor. Ich werde also diese hier nutzen.« Er entblößte die Zähne zu einem Lächeln. »Oder bei dem Versuch sterben kann ich allerdings nicht sagen.«
Hetwars Befürchtungen schienen sich also zu bestätigen:
Rossfluten hatte die Wahl für sich gewinnen wollen, und er hatte dazu die Kurfürsten beeinflusst. Und möglicherweise auch das Leben und Sterben möglicher Gegenkandidaten? »Dient das alles dazu, Euch wieder zum Geheiligten König zu erheben?«
Rossfluten schnaubte. »Ich bin der Geheiligte König. Ich muss nicht noch einmal dazu erhoben werden.«
Aber irgendwas hatte er gebraucht, ein fehlendes Bruchstück, das sich von der Seele des alten Hirschendorn-Königs gelöst hatte. Etwas … halb Magisches, oder ein Überbleibsel des Alten Weald. Doch was ihm gefehlt hatte, war sicher nicht politischer Natur gewesen. »Dann also auch Geheiligter König dem Namen und dem Recht nach, öffentlich gewählt und gehuldigt.«
»Wäre mir am Titel eines Königs in diesem heruntergekommenen Land gelegen, so hätte ich ihn schon vor Jahren an mich reißen können, Ingrey«, stellte Rossfluten milde fest. »Und zwar in einem besseren Körper.«