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Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]

Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:

Lord Ingrey wird in die Ländereien Prinz Bolesos entsandt, in einer delikaten, höchst unangenehmen Mission. Jemand hat den Prinzen umgebracht! Da er der Thronerbe war und der König im Sterben liegt, soll Ingrey die Wogen der Aufregung glätten, die Leiche des Prinzen überführen und die mutmaßliche Mörderin vor Gericht bringen. Damit das Königreich nicht in falsche Hände fällt, muss er dunkle Geheimnisse enthüllen und einen fürchterlichen „Blutpreis“ aus der Vergangenheit. In sich abgeschlossener Roman aus der Reihe „Die magischen Messer“.
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Ich habe einen besseren Körper, dachte Ingrey unwillkürlich. Aber es stimmte: Wenn es Wenzel auf die Wahl ankäme, müssten sie jetzt auf Ostheim zugaloppieren und nicht davon weg. Er wollte etwas anderes. Etwas Fremdartigeres. Ingrey kämpfte sich auf der Suche nach Klarheit durch den Nebel seiner Erschöpfung, durch den Wein und gegen seinen leeren Magen und Rossflutens unwiderstehlichen Nimbus.

»Wenn Ihr die Wahl nicht gewinnen wollt, was wollt Ihr dann?«

»Ich will sie verzögern.«

Ingrey blinzelte mit den schmutzverkrusteten Augen. »Kann diese Flucht das bewirken?«

»Gut genug. Die Abwesenheit eines einzigen Kurgrafen allein«, Rossfluten tippte sich auf die Brust, »würde nicht ausreichen. Aber Biast wird abgelenkt sein, wenn er feststellt, dass seine Schwester Fara am Vorabend der Trauerfeier für ihren Vater verschwunden ist. Und ich habe auch noch für einige weitere Störungen gesorgt. Wenn bei der bevorstehenden Wahl mehrere Kandidaten mit einer gewissen Unterstützung antreten werden, sollte das allein schon für mehrere Tage hitziger Diskussion sorgen.« Er grinste kurz, aber nicht besonders heiter.

Ingrey wusste kaum, was er dazu sagen sollte, auch wenn der Ausdruck Interregnum immer noch in seinem Geist nachhallte, erfüllt von einer Bedeutung, die er nicht recht greifen konnte. Er löste seinen Verstand aus dem lieblichen Glanz erschlichener Lehnstreue und fragte: »Wofür war der Hirsch?«

»Habt Ihr das etwa nicht erraten?«

»Ich dachte, Ihr wolltet ihn an Fara übertragen, um eine Totemkriegerin aus ihr zu machen oder um ihrem Vater auf diese Weise etwas fortzunehmen. Stattdessen habt Ihr Euch für die Stute entschieden.«

»Wenn man gegen die Götter antritt, hilft eine plötzliche und unerwartete List mitunter mehr als sorgsam angelegte Pläne. Selbst Sie können nicht jede Möglichkeit ausschließen. Der Hirsch war ein noch unvollendetes erhabenes Tier. Vier Hirschleben hat er schon angesammelt, seitdem ich mich um ihn kümmere. Aber der Tod des Geheiligten Königs kam heran, noch bevor der Hirsch bereit war. Ich weiß nicht, ob die Götter das eine beschleunigt oder das andere verzögert haben.«

»Ihr wolltet … Fara zu einer Schamanin machen? Oder jemand anderen?«

»Irgendwen. Ich hatte mich noch nicht entschieden, wer es sein sollte. Hätte ich mich nicht Eurer Unterstützung versichern können, so hätte ich es mit dem unfertigen Hirsch versuchen müssen. Euer Wolf ist der sicherere Weg, wenn auch … äh, nicht so zahm. Aber stärker. Besser.«

Ingrey weigerte sich, auf dieses Streicheln hin mit dem Schwanz zu wedeln. Aber es fiel ihm schwer. Besser für wen? Sein müder Verstand versuchte verzweifelt, die einzelnen Teile zusammenzufügen. Ein Schamane, ein Bannerträger, ein Geheiligter König und der Ort Am Heiligen Baum. Und Blut, ohne Frage. Irgendwo würde Blut dabei eine Rolle spielen. Füge das alles zusammen, und du bekommst … was? Ganz gewiss nichts rein Materielles. Was hatte Wenzel vor, dass die Götter selbst versuchten, in die grobmaterielle Welt vorzustoßen und es zu verhindern? Was über seine sinnverwirrende Königswürde hinaus konnte Wenzel noch begehren?

Was war größer als ein König? Hatte Wenzels Streben die materielle Welt etwa schon gänzlich hinter sich gelassen? Einst, in mystischer Vorzeit, waren aus Vieren Fünf geworden. Konnte man aus Fünfen auch Sechs machen?

»Was habt Ihr vor? Wollt Ihr Euch etwa selbst zu einem Gott machen? Zu einem Gott oder einem Halbgott?«

Wenzel verschluckte sich an seinem Wein. »Ach, die Jugend! Immer so ehrgeizig! Und Ihr behauptet, Ihr hättet selbst schon mal einen Gott gesehen! Geht schlafen, Ingrey. Ihr redet Unsinn.«

»Was dann?«, fragte Ingrey verbissen, auch wenn er gehorsam auf die Füße kam.

»Ich habe Euch schon mal erklärt, was ich will. Habt Ihr es vergessen?«

Ich will meine Welt zurück, hatte Wenzel ihm einst in zorniger Verzweiflung ins Gesicht geschrien. Das hatte er nicht vergessen, und er hätte es wohl auch nicht gekonnt, wenn er es versucht hätte. »Nein. Aber das lässt sich unmöglich erreichen.«

»Ganz recht. Und nun geht schlafen. Wir reiten am frühen Vormittag.«

Ingrey wankte ins Hofgebäude und suchte nach dem Lager, das man für ihn vorbereitet hatte. Dann lag er auf dem Rücken und starrte trotz seiner Müdigkeit schlaflos in die Finsternis empor. Seine Knechtschaft gegenüber Rossfluten war ganz sicher nicht vollständig, sonst würde er sich nicht so daran reiben. Wenzels Glanz lag ihm unpassend auf den schiefen Schultern, wie die vergoldete Rüstung eines Königs, die ihm in jungen Jahren angepasst worden war und die er nun als verschrumpelter Greis immer noch trug. Da gab es einen Missklang zwischen dem Mann und seiner Königswürde, den selbst Ingrey spüren konnte.

Doch trotz dieser Unstimmigkeit empfand Ingrey die Macht des Königtums, als würde ihm die Glut eines Schmelzofens ins Gesicht schlagen. Selbst einen nur durchschnittlichen Krieger des Alten Weald musste das Königtum wie ein Mantel aus Licht umhüllt haben. Und dann fragte Ingrey sich, wie es wohl an einer weit überdurchschnittlichen Persönlichkeit gewirkt haben musste: Wenn die ganze Seele in vollkommener Harmonie zu einem geheiligten Vertrauen verschmolz, wie bei einem perfekten Glockenguss. Eine solche Stimme könnte die Berge selbst in Bewegung setzen. Seine Gedanken scheuten vor dieser Vorstellung zurück.

Die eigenen derzeitigen Pflichten, nämlich Rossflutens Geheimnis aufzudecken und Fara zu beschützen, banden ihn ohnehin an Rossflutens Seite. Vielleicht war es voreilig, einen Fluchtversuch anzustreben. War es nicht besser, Rossfluten in Sicherheit zu wiegen, zu beobachten, eine günstige Gelegenheit abzuwarten? Auf die Verfolger zu vertrauen, die ihnen zwangsläufig hinterherkommen würden? Beten?

Schon seit er erwachsen geworden war, hatte er nicht mehr vor dem Einschlafen gebetet. Aber der Schlaf brachte Träume, und in den Träumen wandelten mitunter die Götter. Und redeten. Seine Träume waren kein Garten, durch den Sie spazieren konnten, wie es von Hallanas Träumen behauptet worden war. Doch in diesen letzten Stunden der Nacht betete er, dass die Götter von ihm Besitz ergreifen mochten.

Aber was immer Ingrey träumte — beim Aufwachen hatte er es vergessen. Erschrocken fuhr er hoch, als der Knecht ihn an der Schulter schüttelte. Eiligst schob man ihm die Waschschüssel sowie etwas zu Essen und zu Trinken zu, und Wenzel war wieder mit ihnen unterwegs, ehe auch nur eine halbe Stunde vergangen war.

Das ansteigende Land wurde immer einsamer und abgelegener. Jetzt, am helllichten Tag, waren mitunter andere Leute und Tiere auf der Straße: Bauernkarren, Packtiere, langsamere Reiter, Schafe, Kühe, Schweine. Wenzels Galopp in der Nacht zuvor wich einem weniger auffälligen Kanter, der auch mal von einem Trab oder Schritt abgelöst wurde, wenn die Steigung zu groß oder die Straße zu schlecht wurde, was immer häufiger vorkam. Trotzdem war offensichtlich, dass die Gangart in einem Minimum an Zeit ein Maximum an Meilen aus den Reittieren herausholen sollte. Kurz nach der Mittagsstunde gelangten sie an einen weiteren alten Bauernhof, wo ein weiteres hastiges Mahl und frische Pferde auf sie warteten.

Ingrey musterte Fara. Der Tag, den sie hinter sich hatte — angefangen mit der richterlichen Befragung über das Sterbebett ihres Vaters bis hin zu dieser getriebenen Flucht —, war genug, um jede Frau zugrunde zu richten und auch die meisten Männer. Die Tierseele, so vermutete er, verlieh ihr eine körperliche Stärke, die sie ebenso überraschte wie ihn. Was andere Stärken betraf … hatte es ihr möglicherweise auch vorher schon nicht daran gefehlt.

Wenn Ingrey an die Wirkung dachte, die Wenzels Königswürde auf ihn hatte, dann fragte er sich auch, was sie wohl bei Frauen bewirkte. Er beobachtete, wie Fara auf Wenzel reagierte, suchte sich selbst im weiblichen Spiegel. Sie wirkte geblendet, förmlich erstaunt, wenn ihr Blick auf den veränderten Gemahl fiel. Ihre Lippen öffneten sich in unwillkürlichem Begehren. Aber sie sah nicht glücklich dabei aus. Sie besaß bereits, was andere Frauen vergebens erstreben mochten, und doch … nicht.

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