Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
»Seid Ihr nicht gerade erst von dort gekommen?«
Wenzel nickte. »Es ist beinahe so weit. Ich glaube, der König wird diese Nacht nicht überleben. Seine Haut hat bereits diesen gewissen, wächsernen Schimmer angenommen«, Wenzel fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht, »der ein verlässlicher Bote für diese Art des Todes ist.«
Und Rossfluten sollte es wissen. Von beiden Seiten, wie Ingrey bemerkte. Kurz waren sie allein in der Halle, die Diener waren fortgeschickt worden, um Fara herbeizuholen. Ingrey senkte die Stimme. »Muss ich annehmen, dass Ihr in einen Mordanschlag mit übernatürlichen Mitteln verwickelt seid?«
Wenzel schüttelte den Kopf; er war anscheinend nicht im mindesten von diesem Verdacht gekränkt. »Sein Tod kommt auch, ohne dass irgendein Mensch nachhelfen müsste. Es gab mal eine Zeit — es ist sehr, sehr lange her —, da hätte ich womöglich versucht, ihn zu beschleunigen. Oder, mit noch geringerem Nutzen, ihn zu verzögern. Jetzt warte ich bloß ab. Nur ein kurzes Flimmern von Tagen, und es ist vorüber.« Er atmete langsam aus.
Der Tod, ein alter Vertrauter, beunruhigte Wenzel nicht, und doch kam Ingrey sein müder Gleichmut wie eine Maske vor. Rossfluten war angespannt in einer versteckten Erwartung, die nur dann kaum wahrnehmbar zum Vorschein kam, wenn er immer wieder auf der Treppe nach Fara Ausschau hielt. Endlich kam die Prinzessin herab: blass, kühl, in Schwarz gekleidet.
Ingrey trug eine Laterne und führte sie durch die dunkel werdenden Straßen der Königsstadt. Ihm fiel auf, dass er der einzige Gefolgsmann war, der zu dieser Pflicht abgestellt war. Die abendliche Luft war kalt und feucht; noch vor Mitternacht würden die Pflastersteine schlüpfrig vor Tau sein. Doch über ihnen schimmerten die ersten Sterne an einem wolkenlosen Himmel. Wenzel geleitete seine Frau am Arm, mit der makellosen, kühlen Höflichkeit, die ihm eine einstudierte Gewohnheit war. Ingrey ließ seine Sinne wandern, all seine Sinne, und fand doch keine neue Drohung in den Schatten lauern. Natürlich nicht. Wir sind die Bedrohung, Wenzel und ich.
Fackeln in Wandhaltern tauchten den Eingang zur Halle des Geheiligten Königs in ein unruhiges Licht. Nur der Name erinnerte noch an die Holzbauweise des Alten Weald, an Balken mit Strohdach. Heute war die Halle ein steinerner Palast wie jedes andere fürstliche Anwesen in Ostheim, das während der späten Tage darthacischer Herrlichkeit errichtet worden war. Wachsoldaten öffneten eilig die großen, schmiedeeisernen Torflügel und verbeugten sich ängstlich vor der Prinzessin und ihrem Gemahl. Die Posten wirkten ein wenig eingeschüchtert von der Tatsache, dass ihre Spieße und Klingen ihren Herrn doch nicht vor dem beschützen konnten, was ihn heute Nacht heimsuchte. So weit sie auch noch von den königlichen Gemächern entfernt waren, blieben die Stimmen der Diener doch gedämpft und bebend, während sie die Gruppe durch die düsteren und muffigen Räumlichkeiten geleiteten.
Vor ihnen fiel ein Licht in den Flur und spiegelte sich auf den polierten Dielenbrettern. Ingrey atmete tief durch und wandte sich dann um, um dem Grafen und der Prinzessin in das Gemach dahinter zu folgen.
Kapitel Einundzwanzig
Das Schlafgemach des Geheiligten Königs war weniger überfüllt, als Ingrey erwartet hatte. Ein grün gewandeter Heilkundiger und sein Akolyth saßen dicht am Kopfende des Himmelbettes. Ihre niedergeschlagene Tatenlosigkeit ließ erkennen, dass alle Bemühungen nun vergebens waren. Ein Geistlicher in den grauen Gewändern der Kirche des Vaters wartete ebenfalls, doch zeigte er genau den entgegengesetzten Ausdruck: eine angespannte Bereitschaft, die noch nicht abgerufen wurde. In einem Raum jenseits eines Vorzimmers, außer Sicht und zum Glück durch die dazwischen liegenden Wände gedämpft, stimmte ein fünfstimmiger Tempelchor ein Lied an. Das Quintett klang heiser und ermüdet. Vielleicht würden sie bald eine Pause machen.
Ingrey musterte den König in seinem Bett. Er war nicht mit so düsteren Heimsuchungen beladen wie Ingrey oder Wenzel, kein Schamane, auch kein Zauberer oder Held. Er war nur ein Mensch, wenn auch ein beeindruckender, selbst in dieser letzten Stunde seines Lebens. Er war nun weit entfernt von dem Hirschendorn-Erben, von dem Hetwar nostalgisch aus seiner Kindheit schwärmte, der aus den königlichen Händen seines Vaters das Banner des Fürstmarschalls empfangen hatte und frühen Erfolg und Ansehen in einem inzwischen halb vergessenen Grenzkonflikt mit Darthaca errungen hatte. Als Ingrey in Hetwars Gefolge ins Weald zurückgekehrt war, war der König trotz seiner grauen Haare und all der leidvollen Erfahrungen seines Lebens noch rüstig und kraftvoll gewesen. Die schleichende Krankheit der letzten Monate hatte ihn rasch altern lassen, als gelte es, verlorene Zeit nachzuholen.
Jetzt lag er in seinem letzten Schlaf. Was immer Fara mit ihrem Vater zum Abschied noch hatte bereden wollen: Ingrey hoffte, sie hatte es bereits vorher getan. Heute Nacht jedenfalls würde es keine Worte mehr geben. Die dünne, fleckige Haut zeigte einen hässlichen, gelblichen Farbton und jenen wächsernen Schimmer, den Rossfluten als Vorboten des Todes bezeichnet hatte. Mehr noch: Der Atem des Königs ging rau und abgehackt und stockte manchmal für mehrere Sekunden, sodass alle voller Entsetzen auf den Sterbenden starrten, bis dessen Brust sich wieder hob.
Faras Gesicht war grau und gefasst. Sie schlug das heilige Zeichen, drückte einen Kuss auf die feuchte Stirn des Königs und trat zurück. Der Geistliche des Vaters wagte es, tröstend eine Hand auf ihre Schulter zu legen. »Er hatte ein gutes Leben, Herrin«, murmelte er. »Seid ohne Furcht.«
Fara warf ihm einen Blick zu, der weder Angst noch Trost zeigte, ja, überhaupt einen Ausdruck. Ingrey war beeindruckt, dass sie den Geistlichen nicht anfuhr. Hätte man in einem solchen Augenblick zu ihm eine solche Plattheit gesagt, hätte er sich versucht gefühlt, sein Schwert zu ziehen und den Geistlichen an Ort und Stelle zu durchbohren. Fara aber flüsterte nur: »Wo ist mein Bruder Biast? Er sollte hier sein. Und der Erzprälat.«
»Er war früher hier, Herrin, eine ganze Weile, und wird bald wieder zurückkehren. Ich rechne damit, dass der Erzprälat und Lord Hetwar ihn begleiten werden.«
Sie nickte und wich vor dem Geistlichen zurück. Dessen Hand hing zögernd in der Luft, als wollte er eine weitere tröstende Berührung anbieten, aber zum Glück besann er sich eines Besseren, trat beiseite und überließ die Prinzessin ihrer Trauer.
Rossfluten stand in breitbeiniger Haltung da und beobachtete das alles, das Bild eines hilfsbereiten Herren und Ehemannes. Sein Gesicht wirkte nicht verbissener, als dem Anlass angemessen. Nur auf Ingrey machte er den Eindruck einer vor dem Mauseloch zusammengekauerten Katze. Was würde in diesem Raum geschehen, abgesehen von dem lang erwarteten Tod eines bejahrten Mannes? Rossfluten harrte nun schon seit Wochen in Ostheim aus. Worauf wartete er, außer auf das Ende dieser Wache am Sterbebett? Und wenn seine Anwesenheit hier so unerlässlich für seine weiteren Pläne war, wie sehr hatte ihn dann die unwillkommene Ablenkung gestört, als er sich um Bolesos Bestattung kümmern musste?
Es gibt zwei Geheiligte Könige in diesem Gemach. Wie kann es zwei geben?
Die Frage, die Ingrey in Hetwars Gemächern gestellt und auf die er keine befriedigende Antwort erhalten hatte, kam ihm nun wieder in den Sinn: Was machte das geheiligte Königtum heilig? Ingrey hatte kaum eine Vorstellung davon. Rossfluten, so vermutete er, wusste es ganz genau.
Plötzlich wurde er sich bewusst, dass Rossflutens Pferdegeist nicht mehr zu einem festen Knoten geschrumpft war, sondern frei durch seinen Leib floss, auf dem Strom seines Blutes ritt. Es war ruhig und beherrscht. Sowohl Rossflutens Anspannung wie auch seine Geduld wirkten in diesem Augenblick schier übermenschlich.
Ingrey fühlte, wie ihm das Blut in den Adern pochte. Er hätte angenommen, dass das Aufsummieren seiner Wolfs-Leben und der Pferde-Leben von Rossflutens Hengst jedes dieser Tiere noch mehr Wolf oder noch mehr Pferd hätte werden lassen. Doch es machte nicht den Anschein. Es sah so aus, als liefen all diese erhabenen Tiere stets auf einen gemeinsamen Punkt zu, je dichter und vielschichtiger sie wurden. Einander gleichen sie sich sehr, hatte Ijada gesagt. Allerdings.