Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Als sie den leeren Marktplatz überquerten, beugte Rossfluten sich seitlich aus dem Sattel, presste die Hand gegen den Bauch und würgte still. Er spuckte etwas Dunkles und Nasses aufs Pflaster. Ingrey, der hinter ihm ritt, roch keine Galle, sondern Blut. Blutet er für seine Zauberstimme ebenso wie ich für die meine? Anscheinend aber unauffälliger. Und wie viel von diesem Schatz hatte er auf Ingreys mordlüsternen Bann vergeudet, dass er es zu viel genannt hatte?
Die Nachtwache an den südöstlichen Stadttoren winkte sie auf einen Befehl von Rossfluten hin durch. Er schien noch nicht einmal seine Zauberstimme zu benötigen, damit sie ihn ehrerbietig passieren ließen. Als sie erst einmal die Stadtmauern und den gepflasterten Hafendamm hinter sich gelassen hatten, ließ Rossfluten sein Pferd in Trab fallen. Im ersten Dorf wandten sie sich an einer Kreuzung nach links dem Storchenfluss zu. An den Rändern der Hügel hinter ihnen überholte ein fetter, beinahe voller Mond seinen verräterischen, bleichen Hof, löste sich aus dem Schatten der Hügel und warf die langen, schemenhaften Schatten der Reiter vor ihnen auf die Straße.
Wohin reiten wir? Wofür braucht er uns? Was wird geschehen, wenn wir dort sind?
Ingrey biss die Zähne vor Zorn zusammen, weil er keine Gelegenheit gehabt hatte, eine Botschaft auszusenden. Oder eine zu hinterlassen … Er versuchte sich vorzustellen, was die Leute morgen früh aus dem Durcheinander in den Ställen machen würden: drei Pferde und ein Hirsch verschwunden, eine Stute tot in ihrem Blut liegend, ein unordentlicher Haufen höfischer Kleidung auf dem Boden der Sattelkammer. Sie hatten Ostheim rasch und unauffällig verlassen, gewiss, aber keinesfalls geheim. Allein um Faras willen würde man sie sicher verfolgen.
Was immer Rossfluten also plant — er erwartet, dass es schnell geht, ehe die Verfolger ihn erreichen können. Soll ich versuchen, ihn aufzuhalten?
Ingreys Aufgabe bestand darin, Rossfluten zu beobachten und Fara zu beschützen. Auf gewisse Weise erledigte er Ersteres bisher ganz anständig, das Zweite aber verpfuschte er offenbar gründlich, auch wenn er immer noch neben ihr ritt und scheinbar zu ihrem Schutz zur Verfügung stand. Er hatte mit dem Hirsch einen Versuch unternommen, der leider ins Leere gelaufen war. Seine lebhafte Sorge, dass Rossfluten seine Frau für irgendein bizarres Blutopfer missbrauchen wollte, hielt einer näheren Betrachtung nicht stand. Seitdem sie von einem Pferdegeist heimgesucht war, konnte man sie schlecht als Botin zu den Göttern an einen Baum hängen, und trotz ihrer Unfruchtbarkeit war sie keine Jungfrau mehr. Außerdem bezweifelte Ingrey, dass Rossfluten mit den Göttern in Verbindung treten wollte, außer um ihnen seine trotzige Verachtung zu bezeugen. Und wo waren sie überhaupt, in dieser Nacht der unerklärlichen Ereignisse?
Hirsche für die Hirschendorns. Rösser für die Rossflutens. Fara war durch ihre Heirat eine Rossfluten geworden, so unbefriedigend diese Verbindung für sie bisher auch geblieben war. Außerdem fanden sich auch in ihrem Hirschendorn-Stammbaum ein oder zwei Rossfluten-Frauen nicht allzu weit über ihr. Zu ihrer Zeit mussten das alles Schwestern/Töchter/Enkelinnen des Grafen gewesen sein, wie Ingrey jetzt erkannte. Die Verzweigungen in diesem familiären Geflecht überkreuzten sich ziemlich oft, wenn man sich den Grafen als einen Mann vorstellte und nicht als ein Dutzend. Sippe. Sippe. Was ist mit der Sippe?
Der Bannerträger des Geheiligten Königs war dem Herkommen nach ein naher Verwandter. Symark war Biasts Vetter zweiten Grades, und er war zuvor der Bannerträger von Biasts älterem Bruders Byza gewesen. Der langjährige Bannerträger des verstorbenen Königs war ein halbes Jahr vor ihm verschieden, eines natürlichen Todes, und der alte Mann hatte gezögert, ihn zu ersetzen. Hatte er es in Voraussicht des eigenen Endes abgelehnt, seinen geschätzten Gefährten durch einen bloßen Nachzügler zu ersetzen? Oder war die neue Ernennung von Rossfluten verhindert worden, aus irgendwelchen geheimnisvollen Gründen? Ein Geheiligter König brauchte einen Bannerträger von seinem eigenen, edlen Blute, um seiner Ehre gerecht zu werden. Oder eine Bannerträgerin? Ingrey blickte zu Fara hinüber, die sich auf ihrem Pferd festklammerte, das blasse Gesicht von der Düsternis verschleiert. Sie war allenfalls eine mittelmäßige Reiterin. Diese Nacht würde ihre Ausdauer auf eine harte Probe stellen.
Hetwar würde ihn für das hier auf kleiner Flamme rösten. Wenn er es überlebte. Wenn er es überlebte, beschloss Ingrey, konnte Hetwar ihn ruhig nach Herzenslust rösten. Besser noch — wenn er und Fara überlebten, würde das ein interessantes Problem für Ijadas Richter aufwerfen. Jeder Präzedenzfall an Bestrafung oder Begnadigung für Ijadas Leopard musste logischerweise auch die Richtschnur für die Prinzessin und ihren neuen Nachtmahr setzen. Ich glaube, daraus kann ich etwas machen. Und wenn nicht ich, dann gewiss Oswin.
Sie näherten sich dem Storchenfluss entlang der großen Flussstraße. Das Mondlicht spiegelte sich auf der Wasserfläche und sickerte in hellen Flecken zwischen den Bäumen entlang des Ufers hindurch. Über das Klappern der Hufe und das Knarren des Leders hinweg, konnte Ingrey das schwache Glucksen der Strömung hören, durchweht vom Flüstern fallender Blätter.
Er trieb Wolf an, um mit dem ausgreifenden Trab von Rossflutens langbeinigem Fuchs Schritt zu halten. »Majestät, wohin reiten wir?«
Rossfluten wandte den Kopf, und angesichts der respektvollen Anrede blitzten seine Zähne kurz in der Dunkelheit auf. »Könnt Ihr das nicht erraten?«
Norden. Möglicherweise flohen sie in die Kantone, aber irgendwie konnte Ingrey sich das nicht vorstellen. Ein zweitägiger Ritt mit der Geschwindigkeit eines Botenreiters würde sie an den Rand der Rabenberge bringen …
»Der Wehe Wald. Das Blutfeld.«
»Am Heiligen Baum hieß dieser Ort. Sehr gut, mein schlaues Wölflein.«
Ingrey wartete, doch Rossfluten sagte nichts weiter. Einen Augenblick später trieb der Graf sein Pferd zu einem leichten Galopp an, und die beiden übrigen Reittiere schnaubten und nahmen das Tempo auf.
Ingreys Verstand arbeitete anscheinend noch. Es waren seine Gefühle, die Rossflutens Königswürde überwältigt hatte. Was war das für ein seltsamer Bann … Nein, es war mehr als ein Zauber! Es glich nicht im Mindesten dieser beschränkten, selbstgenügsamen schmarotzenden Magie, die er in Rottwall bekämpft und besiegt hatte. Das hier war etwas anderes, groß und alt und stark. Älter als Rossfluten selbst? Es fühlte sich auch nicht böse an, nicht an sich, obwohl alle Gaben in Rossflutens Händen, die durch die Jahrhunderte finster geworden waren, zu Verzweiflung wurden.
Das furchtbare Charisma der Könige. Männer krochen heran, verzehrten sich danach, nach etwas, das mehr war als eine bloße materielle Entlohnung. Die Verlockung des Heldentums, die Segnung der Tat, mochte nichts als den Tod versprechen; trotzdem scharten die Männer sich um das Banner des Königs. Das verführerische Versprechen nach persönlicher Vollkommenheit im Dienste an dieser scheinbar glanzvollen Sache?
Rossfluten hatte seine Königswürde nicht aus sich selbst heraus geschaffen, vor all diesen Jahrhunderten. Er hatte sie als Erbe empfangen — seit undenklichen Zeiten war eine nur allzu treffende Formulierung für eine Tradition, die keine Schrift kannte, um die Jahre zu zähmen und festzuhalten. Doch die alten Sippen lebten schon so lange auf diesem Boden, dass sie so alt wirkten wie der große, dunkle Wald selbst. Was immer sie für eine königliche Magie aus sich selbst heraus geschaffen hatten, sie hatten es über eine sehr lange Zeit getan.
Selbst nach den eigenen Maßstäben war das alte Stammesvolk eine Ansammlung arroganter, halsstarriger, boshafter und blutrünstiger Verrückter gewesen. Es bedurfte schon etwas Großartigem wie dieses strahlenden Glanzes, um sie überhaupt führen zu können, wie unzureichend auch immer. Gewiss hatte sie am Ende die Furcht vor Audar angetrieben. Furcht konnte Einigkeit erzwingen, aber ebenso leicht konnte sie auch in panische Verwirrtheit umschlagen. Wie viel Tatkraft hatte Rossfluten besessen, wie viel aufgewandt, um das große Ritual am Heiligen Baum überhaupt in die Wege zu leiten, geschweige denn zu verwirklichen? Wenn dies das letzte, hoffnungslose Aufbäumen seiner Herrschaft war, wie musste er dann in der Blüte seiner Kraft gewirkt haben?