Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
»Zwing du mich nicht, meinen Sohn zu verlieren! Durch euren Übermut hat meine Schwester bereits den ihren verloren.«
Kavehs Kinn zitterte, seine Augen wurden finster, als er an Erijel dachte. Dennoch stand der Gedanke, der ihm kam, in seinem Gesicht geschrieben: Erijels Tod wäre ganz sinnlos gewesen, wenn sie jetzt nichts taten!
»Lass mich kämpfen«, flüsterte Kaveh.
»Ich will dich nicht sterben lassen!«
»Ich sterbe aber, wenn ich nichts tun kann!«
»Du lebst in Heldenmärchen und Legenden. Du weißt nicht, was dich erwartet.«
»Ich bin kein Kind mehr!«, rief Kaveh.
»Wieso verhältst du dich dann wie eines?«
»Und wieso verhältst du dich wie ein alter Greis?!«
Lorgios wollte zu einer heftigen Antwort ansetzen – als sich plötzlich Nill zu Wort meldete. Überrascht wandten sich Kaveh und der König ihr zu.
»Auch ich habe Korr gesehen. Und die Königin. Wenn wir nichts tun, wird sie uns unter der Flut ihrer Kriegerscharen begraben. Uns und die riesigen Dunklen Wälder. Wir sollten kämpfen, sonst haben wir schon verloren.«
Lorgios runzelte die Stirn. »Wie wollt ihr kämpfen? Eine Ritterbande von jungen Hitzköpfen kann sich wohl kaum mit der Macht messen, von der ihr sprecht.«
»Ich will mitkämpfen«, hörte Nill sich sagen. Ihre Beine und Arme fühlten sich seltsam schwach an, als die Blicke der beiden Elfen sich erneut auf sie richteten.
»Du? Aber – hast du denn je gekämpft?«, fragte Lorgios stirnrunzelnd.
»Nun, also ...«
»Also, ich werde es ihr beibringen«, fuhr Kaveh rasch dazwischen. »Vater, du weißt, dass ich einer der besten Krieger bin. Im Dorf jedenfalls. Ich kann es ihr beibringen. Wenn der Krieg ausbricht, wird sie bereit sein.«
Lorgios schnaubte, doch er ging nicht weiter darauf ein. Das nahm Kaveh offensichtlich als Zeichen seiner Erlaubnis.
»Trotzdem«, knurrte der König. »Nicht einmal alle Elfen der Dunklen Wälder würden reichen, um es mit den Moorelfen aufzunehmen. Sie sind uns zahlenmäßig überlegen. Viele von uns sind an die Küsten gezogen, fernab der Wälder – es würde viel zu lange dauern, sie zu erreichen.«
»Was ist mit den anderen Völkern des Waldreiches?«, warf Kaveh ein. »Schließlich geht es nicht nur um uns, sondern um alle.«
»Und hast du jemand Bestimmten im Sinn?«, fragte Lorgios sarkastisch.
»Nein, aber wir werden erst Freunde finden, wenn wir nach ihnen suchen.«
Lorgios musterte seinen Sohn und plötzlich schien ein Lächeln um seine Mundwinkel zu zucken.
Schnell erlosch es wieder. »Von all unseren Traditionen«, sagte der König und wandte sich von Kaveh ab, »sind dir ja wenigstens unsere Sprichwörter in Fleisch und Blut übergegangen.«
Es war späte Nacht – oder fast schon früher Morgen – als Nill darum bat, sich aus dem Baumzimmer des Königs verabschieden zu dürfen. Inzwischen waren Kejael und Aryjèn dazugekommen, zusammen mit den Zwillingen und einer Gruppe weiterer Elfen, die Nill neugierige Blicke zuwarfen und mit dem König und Kaveh die Aufrüstung für den Krieg besprachen.
Alle Zweifel, Besorgnisse und Ideen wurden sorgfältig diskutiert und so hatte Kaveh nur kurz verdutzt im Sprechen inne gehalten, als Nill um Erlaubnis gebeten hatte, zu gehen. »Ich komme später nach«, sagte Kaveh leise, aber Nill beschloss, nicht darauf zu warten. Kaveh war vollkommen vertieft in die Diskussionen und brauchte alle Überzeugungskraft, um gegen das Misstrauen der Anwesenden aufzukommen.
Draußen waren die Feuer um ein Erhebliches geschrumpft. Der Trommellärm war verebbt, nur noch ein leises Singen und Flöten hing über dem Dorf. Die meisten Elfen tanzten nicht mehr, sondern saßen und lagen im Gras. Aber es gab trotz allem noch ein paar Unermüdliche, die lachten und Spiele spielten. Im Vorbeigehen sah Nill ein Mädchen mit verbundenen Augen, die nach den Umstehenden greifen musste, die sie schnell umkreisten. Fröhliche Rufe erschollen irgendwo aus der Dunkelheit.
Nill ließ das Dorf hinter sich und erklomm nachdenklich den sanften Hang. Sie brauchte einen Augenblick der Einsamkeit. Zu viel war geschehen, und sie hatte schon seit längerem das Gefühl, mit allem nicht mehr mitzukommen.
Über dem Tal empfingen sie die hohen Bäume des Waldes. Nill kletterte über die Wurzeln, die aus der Erde ragten wie die Finger eines begrabenen Riesen, sie lief dahin unter den Buchen und Eichen, die sie still beobachteten, und strich durch die fächergleichen Zweige der Fichten. Langsam wanderte sie durch das silbriggrün schimmernde Gras, ihre Schritte machten ein leise raschelndes Geräusch. Irgendwo rief ein Käuzchen.
Zwischen Tannen ließ Nill sich im weichen, hellblauen Moos nieder und legte sich mit dem Rücken auf die Erde.
Wie lange hatte sie nicht mehr so dagelegen! Jahre, Jahre schienen vergangen zu sein seit dem letzten Augenblick des Friedens. Mit geschlossenen Augen lauschte Nill dem Erwachen des Waldes ... Bald knarrten die uralten Stämme der Bäume, als würden sie mit dem anbrechenden Tag wieder lebendig ...
Ein Vogel flatterte durch das Unterholz. Wieder hallte der Ruf des Käuzchens durch den Wald. In den Baumkrönen knackte ein Ast. Irgendwo rauschte es ...
... Es musste das Gras sein. Aber kein Wind war aufgekommen.
Nill schlug die Augen auf. Über ihr, wo ein Fleckchen Himmel durch die Bäume blitzte, glomm der Vollmond gelb und satt am Himmel. Nur die Sterne waren hier, außerhalb des Elfendorfes, nicht mehr zu sehen. Sachte wiegten sich die Bäume über Nill. Ein Fispeln und Flüstern hing in ihren Zweigen.
Da ist jemand.
»Nijura.«
Nill fuhr auf und drehte sich um. Zwischen den Tannen war eine kleine krumme Gestalt aufgetaucht.
Sie stützte sich auf einen knotigen Rebstock und ihre Glatze schien im sanften Licht des Vollmonds hell zu schimmern. Sämtliche Muskeln verkrampften sich in Nill, als sie die Seherin der Hykaden wiedererkannte.
»Geh nicht!« Celdwyn hob eine knochige Hand, als Nill vor ihr zurücktrat. »Flieh nicht wie ein aufgescheuchtes Reh, Nijura. Ich bin kein Jäger.« In der trüben Dunkelheit war Nill sich nicht sicher, ob die Seherin sie anlächelte.
»Und wie ich sehe ...« Celdwyn stützte sich mit beiden Händen auf ihren Rebstock. »... Hast du den Steindorn noch bei dir?«
Erschrocken fühlte Nill nach dem Messer, das sie unter dem Mantel im Gürtel trug, aber Celdwyn hatte ihn unmöglich sehen können.
»Nur zu«, zischte Nill. »Du kannst es dem ganzen Dorf und allen Hykaden erzählen, wenn du willst. Ich habe das Messer nicht der Königin überreicht!«
Celdwyn runzelte die Stirn. »Oh, ich habe gehört, dass es eine Königin ist. Ich war überrascht. Es muss ein ganz außergewöhnliches Mädchen sein.«
Nill verengte die Augen. Woher wusste die Seherin davon? »Sie ist nicht außergewöhnlich«, erwiderte Nill. »Sie ist böse bis ins Blut.«
Celdwyns Rabenlachen schallte durch die Dämmerung. »Du denkst also, böse Menschen sind nicht außergewöhnlich?«
Nill biss die Zähne zusammen. Schließlich stand sie auf, ohne die Seherin aus den Augen zu lassen.
»Was willst du von mir? Ich kehre nicht zurück zu den Hykaden. Die Menschen sind mir gleichgültig.«
Celdwyns Augen wurden schmal. »Wirklich alle Menschen?«
Allmählich wurde es Nill unheimlich. Was wusste Celdwyn?
»Nun, ich sehe schon«, fuhr Celdwyn vergnügt fort, »du bist nicht mehr das scheue Kind von früher. Aus deinem Mund kommen glühende Worte, und ich bin mir sicher, dass deine Gedanken noch um einiges hitziger sind.« Sie legte den Kopf schief und beobachtete Nill wie ein Vogel, der eine besonders merkwürdige Frucht untersucht. »Habe ich dir nicht gesagt, dass sie zu flüstern beginnen, die Bäume deines Herzens?«
Nills Kinn zitterte. Noch immer wusste sie nicht, auf wessen Seite die Seherin stand – und was sie wirklich bezweckte.