Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Nill wollte etwas sagen, aber sie wusste nicht, was. Vorsichtig rückte sie ein Stück näher, öffnete leicht den Mund und wartete darauf, dass ihr etwas einfiel, um Kaveh aufzumuntern – aber es kam nichts. Sie blieb stumm und musste selbst an alles zurückdenken: an Erijel, die Marschen, den Hunger ...
Der Gesang näherte sich ihnen.
»Das Leben kommt nicht,
wie man glaubt, e in Herz ist leicht verschenkt.
Noch lieb’ ich den, der meins geraubt.
Liebe ist nicht, wie man denkt.«
... den Hunger, die Marschen ... Scapa. Ja, Scapa!
Nill schloss die Augen. Scapa, tausendmal! Sie konnte nicht mehr, jetzt, in diesem Augenblick, konnte sie ihre Gedanken nicht mehr zurückdrängen.
Die Verzweiflung, die Liebe und das unbeschreibliche Gefühl, dem Menschen nichts zu bedeuten, der einem selbst alles bedeutet, brachen in ihr empor, machten ihr den Kopf ganz schwer. Sie wollte nicht mehr sie selbst sein ...
»Die Liebe ist kein Siegeszug,
berührt das Herz und stiehlt es dann.
Sie ist zuviel und nie genug,
sie kommt als Segen und als Bann.«
Kaveh drückte sachte ihre Hand. Nill blickte zu Boden, damit er nicht die Tränen sah, die ihr in die Augen traten.
»Was bedeutet dieser Vers?«, fragte sie Kaveh leise. Die dritte Strophe kannte sie noch nicht. Kaveh übersetzte flüsternd. Sie spürte seinen Atem auf der Stirn, vielleicht war es aber auch nur die Wärme des Feuers.
»Was ein jedes Herz verbindet,
was meine Mutter Liebe nannt’,
was jede Seele einmal findet,
liegt diese Nacht in deiner Hand ...«
»Hübsch«, murmelte Nill. »Ein hübsches Lied, wirklich.« Sie merkte kaum, was sie sagte, hörte auch Kaveh nur gedämpft.
Scapa ... Er war irgendwo in den Marschen, am anderen Ende der Welt bei dem Mädchen. Er hatte Nill verraten. Er hatte sich selbst zu ihrem schlimmsten Feind gemacht. Und Nill konnte ihn nicht einmal dafür hassen. Der Einzige, den sie dafür hassen konnte, war sie selbst.
»Nill.«
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sie drehte sich um und wischte sich mit zittrigen Händen über die Augen. Kejael stand vor ihnen.
»Alles klar bei euch?«
»Oh – ja, es ist nur der Rauch, das Feuer«, murmelte Nill und blinzelte.
Kejael wandte sich mit einem breiten Grinsen an Kaveh. »Ich hab ja einiges über dich gehört, Brüderchen, aber dass du so ein Trampeltänzer bist.«
Kavehs Ohren glühten. »Arah viet! Halt den Mund!«
»Wenn du schon übersetzt, dann wenigstens richtig.« Grinsend erklärte er Nilclass="underline" »Ich wünschte, er würde bloß das sagen, was du verstehst. In Wirklichkeit wirft er mir ganz furchtbare Worte an den Kopf.«
»Kejael, du STÖRST!«, blaffte Kaveh. »Bitte. Verzieh dich.«
»Ihr sollt mitkommen«, fuhr Kejael unbeirrt fort.
»Marhùt el branco dèr mior Nâddes, er hat anscheinend was Wichtiges zu sagen.«
Eine Weile arbeitete es in Kavehs Gesicht. Dann war die Wut aus ihm gewichen und er wirkte nur noch grimmig. »Gut, wir kommen gleich.«
»Was ist – wer will mit uns sprechen?«, fragte Nill.
»Mein Vater. Wir sollten mal nachsehen.« Kaveh sah sie einen Augenblick an, dann wandte er sich um und folgte seinem Bruder. Sie verließen das Feuer und schritten zum Baumhaus des Königs. Lachende und flüsternde Elfen glitten an ihnen vorüber, nur halb sichtbar in der blauen Dunkelheit. Je weiter sie sich von den Lagerfeuern entfernten, desto lauter wurde das Zirpen der Grillen. Es kam von überall heran wie rasselnder Atem. Ein warmer Wind strich aus den Wäldern ins Tal hinab.
Dort, wo sich der mächtige Stamm hinauf zum Baumhaus des Königs schraubte, waren Laternen an den Zweigen aufgehängt, die gelbe Lichtkreise in die Nacht malten. Falter und Insekten schwirrten darum, man hörte, wie die Flügel gegen das Glas schlugen. Schon bevor sie den großen Raum im Baum erreichten, kam ihnen das Licht des Herdfeuers entgegen. Es tauchte das Bauminnere in schimmerndes Rot.
Vor dem Herdfeuer saß der König der Freien Elfen mit gekreuzten Beinen. Er blickte auf, als er Nill, Kaveh und Kejael eintreten sah.
»Da seid ihr endlich. Kommt, setzt euch zu mir.«
Die drei nahmen gegenüber dem König am Herdfeuer Platz. Lorgios schnipste nachdenklich etwas in die Flammen, das aussah wie getrocknete blaue Blüten. Es knisterte und Funken stoben auf. Aus den Feuern stieg ein zarter Duft, süßlich und einschläfernd. Die Augen des Königs richteten sich auf Nill.
»Kaveh hat mir, als du schliefst, von eurer Reise und euren Erlebnissen berichtet. Und nun glaube ich, dass der Zeitpunkt gekommen ist, wo du, Nill, alles erfahren sollst, was dir zuvor vielleicht rätselhaft und geheimnisvoll erschienen ist. Zu lange warst du bereits Mittelpunkt der Geschehnisse, von denen du nicht einmal die Hälfte verstehen konntest – und vielleicht auch nicht verstehen durftest. Nun sollst du klar sehen. Wünschst du dir das genauso, Nill?«
Nill nickte schnell.
»Nun.« König Lorgios lächelte ein wenig und schnippte ein weiteres Blütenblatt in die Flammen.
Ein blauschimmernder Funken schwebte zu ihm auf.
»Ich glaube, ich sollte dort beginnen, wo alles seinen Ursprung fand, was uns in dieser Geschichte bewegt hat. Dieser Ursprung liegt in jenen dunklen Tagen, da die Krone der Elfen in der Mitte entzweibrach.« Ein Schaudern lag jetzt in der Stimme des Königs und auch Nill bekam plötzlich eine Gänsehaut. Es schien, als sei die Temperatur im Raum um ein paar Grad gefallen. Die Flammen flackerten unruhiger und in den Ecken des Zimmers jagten sich die Schatten.
»Von alters her wurde der Nachfolger des Königs, der über das Volk der Elfen gebot und seine Zukunft sicherte, durch mächtige Orakel und Zauber bestimmt. Der Träger der Krone musste eine Stärke haben, die tief verborgen im Herzen liegt und die man durch noch so viele Untersuchungen nicht entdecken kann – es geht nur durch Prophezeiungen. Es ist eine Stärke, die weder mit Muskelkraft noch mit Verstand oder Mut zu tun hat. Es ist die Stärke, Macht zu tragen. Macht, so schwer wie die Steinkrone einst selbst, Macht, die jeden anderen blenden und in den Wahnsinn treiben würde. Darum ist es so schlimm, dass ein Mensch die Krone trägt: Die meisten Menschen sind nicht geschaffen dafür, eine solche Macht zu tragen. Sie wollen ja ihre Macht stets beweisen – und wenn diese Macht in hunderttausend Soldaten liegt, nun, dann ist ein Krieg nicht fern.
Über Generationen hinweg war die Krone friedlich überreicht worden. Oft ging sie an ein Kind des ursprünglichen Kronenträgers, manchmal aber auch an eine ganz andere Elfenfamilie.
Einst gab es einen König, der konnte trotz aller Orakel, Zauber und Prophezeiungen nicht entscheiden, wer seiner beiden Zwillingskinder sein Erbe antreten sollte: seine Tochter Lezire oder sein Sohn Navael. Die einen Seher sagten, Navael würde König werden, die anderen Propheten waren überzeugt, Lezire als künftige Königin zu sehen, und so war die Verzweiflung groß. Als der König starb, war Lezire als Einzige an seinem Sterbebett. Als sie den Toten verließ, verkündete sie, dass sein letzter Wille gewesen sei, dass sie die Kronenträgerin werden solle.
Navael wollte das nicht hinnehmen. Zwischen den Geschwistern entbrannte ein schrecklicher Streit, der ihr Blutband für immer vergiftete. Die Elfen teilten sich; die einen folgten Lezire, die anderen Navael.