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Die Elfenkönigin von Shannara

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Die Elfenkönigin von Shannara
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Sie ließ Garth vorangehen und Stresa einen halben Schritt hinter ihm folgen, wobei der erste nach Zeichen dafür suchte, welchen Weg ihre Jagdbeute genommen hatte, und der letztere auf Pfeilschützen und andere Gefahren achtete. Jagdbeute, dachte Wren und wiederholte die Worte. Nichts anderes stellte Gavilan jetzt für sie da. Sie verspürte gegen ihren Willen Mitleid mit ihm. Sie dachte, daß er besser in der Stadt geblieben wäre, und überlegte, daß sie mehr für seine Sicherheit hätte sorgen sollen, denn sie wünschte sich noch immer, was niemals sein konnte.

Sie kamen jetzt langsamer voran. Gavilan hatte seine Versuche, den In Ju zu umgehen, offensichtlich aufgegeben, denn seine Spur führte sie geradewegs hinein. Die Zeichen, die sie fanden – abgebrochene Zweige, zertretene Pflanzen und manchmal ein Fußabdruck –, vermittelten den Eindruck, als habe er jeden Versuch, sich im Verborgenen zu bewegen, aufgegeben und versuche lediglich, den Strand auf dem kürzesten Weg zu erreichen. Schnelligkeit der Vorsicht vorzuziehen, war eine schlechte Wahl, dachte Wren bei sich. Sie verfolgten seine Spur beständig, ohne jede Schwierigkeit, und Wren erwartete bei jeder Biegung, auf ihn zu stoßen, so daß die Jagd beendet und das Unvermeidliche bestätigt wäre. Aber auf irgendeine Weise blieb er vor ihnen, umging die Fallgruben, die überall verstreut lagen, die sumpfigen Stellen und Senkgruben, die Pfeilschützen, die Wesen, die auf den Unbedachten lauerten, und alle Fallen und Monster, die durch Elfenmagie entstanden waren, die er in seiner Einfalt zu benutzen gedachte. Wren konnte sich nur darüber wundern, wie er es schaffte, hier zu überleben. Er hätte schon mehr als ein Dutzend Male tot sein müssen. Ein Schritt in die falsche Richtung, und es hätte sein Ende bedeutet. Sie stellte fest, daß sie wünschte, es würde passieren, daß er diesen einen Fehler begehen würde, und der Wahnsinn zu Ende wäre. Sie verabscheute es, daß sie ihn wie ein Tier jagen, hinter ihm herhetzen mußten, als sei er eine Beute. Sie wollte, daß es aufhörte.

Gleichzeitig fürchtete sie das, was notwendig war, damit es vorbei war.

Als sie in Sichtweite der Netze des Wisteron kamen, verlor sie alle Hoffnung. Nicht so, hörte sie sich innerlich jenes Schicksal beschwören, das für solche Dinge verantwortlich war. Gewähre ihm ein schnelles Ende. Überall waren Stolperleinen gespannt, die von Bäumen herabführten, sich an Weinranken entlangschwangen und in tödliche Netze gewebt waren. Stresa übernahm jetzt wieder die Führung, um sie an den Schlingen vorbeizulotsen. Er blieb oft stehen, um zu lauschen, in die Luft zu schnüffeln und die Sicherheit des Geländes vor ihnen zu überprüfen. Der Dschungel verdichtete sich zu einem Labyrinth grüner Farne und dunkler Baumstämme, die einander auf vielfältige Art kreuzten. Schatten bewegten sich langsam und schwerfällig um sie herum, aber ihre Stimmen klangen gierig und hungrig. Der Nachmittag ging in den Abend über, und es wurde dunkel. Weit entfernt und verborgen hinter dem Berg, den sie hinabgestiegen waren, rumpelte der Killeshan. Sein Zittern erschütterte die Insel, und der grüne Dunst des Dschungels vibrierte mit dem Echo. Explosionen begannen hörbar zu werden, zunächst noch gedämpft, doch dann wurden sie lauter. Die Bäume erzitterten unter dem Widerhall, und Dampf stieg mit einem Zischen der Entlastung in Geysiren aus den Teichen des Sumpfes. Als sich das Licht verdunkelte, konnte Wren durch den Dunst des Vogs und des Nebels sehen, wie sich der Himmel über dem Killeshan rötete.

Es hat angefangen, dachte sie, als Garths besorgter Blick dem ihren begegnete.

Sie fragte sich, wieviel Zeit ihnen noch blieb. Selbst wenn sie den Stab zurückbekamen, würde es noch immer zwei Tage dauern, bis sie den Strand erreichten. Würde Tiger Ty dort auf sie warten? Was hatte er versprochen, wie oft er kommen würde? Einmal pro Woche, so war es doch? Was, wenn eine ganze Woche vergehen mußte, bevor er zurückkehren würde? Würde er den Schein des Vulkans bemerken und die Gefahr spüren, die ihnen drohte?

Oder hatte er seine Wache schon lange aufgegeben, weil er überzeugt davon war, daß ihre Mission fehlgeschlagen war, daß sie umgekommen waren wie all die anderen und daß es keinen Sinn hatte, weiterzusuchen?

Sie schüttelte belehrend gegen sich selbst den Kopf. Nein, nicht Tiger Ty. Sie hielt ihn für zuverlässig. Er würde nicht aufgeben, sagte sie sich. Nicht, solange es noch Hoffnung gab.

»Phfffft! Wir müssen bald anhalten«, warnte Stresa. »Hsssst. Und einen Unterschlupf finden, bevor es dunkel wird und der Wisteron auf die Jagd geht!«

»Laß uns noch ein wenig weitergehen«, schlug Wren vor. Sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben.

Sie gingen weiter, aber Gavilan Elessedil war nicht zu finden. Seine unregelmäßige Spur zog sich vor ihnen dahin, wand sich voraus in den In Ju – eine Reihe geknickter und abgebrochener Stengel und Blätter, die in den Schatten verschwand.

Schließlich gaben sie es auf. Stresa fand in dem hohlen Stumpf eines Banyan, der vom Alter und der Erosion gefällt worden war, einen Unterschlupf für sie, einem massiven Stamm mit Gängen in seinem Wurzelstock und einem engen Spalt weiter oben. Sie verbarrikadierten den größeren Gang und setzten sich zum Wachehalten vor den kleineren. Nichts, wie klein es auch war, konnte an sie herankommen. Es war dunkel und eng in ihrem hölzernen Versteck und so trocken wie in Wintererde. Die Nacht senkte sich herab, und sie lauschten dem Erwachen der Dschungeljäger, dem rauhen Brüllen, den Geräuschen langsamen Vorbeiziehens und den Klagen der Beuteopfer, die gefangen und getötet wurden. Sie kauerten sich Rücken an Rücken vor das schwache Licht. Sie hielten abwechselnd Wache, dösend, weil sie zu müde waren, um wach zu bleiben, aber auch zu ängstlich, richtig zu schlafen. Faun lag so still wie der Tod in Wrens Armen geborgen. Sie streichelte das kleine Wesen zärtlich und fragte sich, wie es in einer solchen Welt hatte überleben können. Sie dachte daran, wie sehr sie Morrowindl haßte. Es war ein Dieb, der ihr alles genommen hatte – die Leben ihrer Großmutter und ihrer Freunde, die Unschuld, die sie den Elfen und ihrer Geschichte gegenüber empfunden hatte, die Liebe und Zuneigung für Gavilan, die sie in sich entdeckt hatte, und das Vertrauen in ihre Willenskraft, die sie für unverlierbar gehalten hatte. Deren Verlust war es, was sie am meisten beunruhigte, der Verlust ihres Vertrauens darauf, wer und was sie war, und der Sicherheit, ihr eigenes Schicksal bestimmen zu können. So vieles war verloren, und Morrowindl, dieses frühere Paradies, das in einen Alptraum der Schattenwesen verwandelt worden war, hatte ihr dies alles genommen. Sie versuchte, sich das Leben jenseits der Insel vorzustellen, aber es gelang ihr nicht. Sie konnte nicht weiter denken als bis zu einer Flucht von der Insel, denn ihr Entkommen war noch immer ungewiß, ihr Schicksal hing noch in der Schwebe. Sie erinnerte sich daran, daß sie einst gedacht hatte, die Reise zu Allanon und das Gespräch mit ihm könnten der Anfang eines großen Abenteuers sein. Die Erinnerung daran schmeckte schal.

Sie schlief eine Zeitlang, träumte von dunklen und furchtbaren Wesen und wachte erhitzt und schwitzend wieder auf. Als sie Wache hielt, bemerkte sie, daß ihre Gedanken immer wieder zu Gavilan abschweiften, zu kleinen Erinnerungen an ihn – die Art, wie er sie berührt hatte, das Gefühl seines Mundes auf dem ihren und das Wunder, das er in ihr durch nicht mehr erweckt hatte als durch eine beiläufige Bemerkung oder einen Blick, mit dem er sie streifte. Sie lächelte bei der Erinnerung. Es hatte so vieles an ihm gegeben, was sie gemocht hatte, daß sein Verlust sie schmerzte. Sie wünschte, sie könnte ihn wieder zurückbringen und erneut in den Menschen verwandeln, der er gewesen war. Sie wünschte sogar, sie wüßte einen Weg, die Magie das tun zu lassen, was die Natur nicht tun konnte – die Vergangenheit zu ändern. Es waren sinnlose Gedanken, und sie quälten sie gnadenlos. Gavilan war für sie verloren. Er war dem Wahnsinn Morrowindls zum Opfer gefallen. Er hatte Dal getötet und den Ruhkstab gestohlen. Er hatte sich in etwas Ungeheuerliches verwandelt. Gavilan Elessedil, den Mann, zu dem sie sich so hingezogen gefühlt hatte und um den sie sich so gesorgt hatte, gab es nicht mehr.

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