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Die Elfenkönigin von Shannara

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Die Elfenkönigin von Shannara
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Sie nickte. Ihr eigener letzter Rest Hoffnung schwand dahin. Sie schaute Triss an.

»Warum?« fragte er mit erschütterndem, resigniertem Flüstern.

Weil er Angst hatte, dachte sie. Weil er ein Wesen war, das Ordnung und Wohlbefinden, Mauern und sichere Zufluchtsorte brauchte, und dies hier war alles zuviel für ihn, es hatte ihn überwältigt. Weil er sie alle für tot gehalten hatte und befürchtet hatte, daß auch er sterben müßte, wenn er nicht fortlief. Oder weil er gierig und verzweifelt gewesen war und die Macht des Ruhkstabes und dessen Magie für sich selbst haben wollte.

»Ich weiß es nicht«, sagte sie erschöpft.

»Aber Dal... ?«

»Welchen Unterschied macht das?« unterbrach sie ihn ärgerlicher, als sie hätte sein sollen, und bedauerte ihre Schroffheit sofort. Sie atmete tief ein. »Wichtig ist, daß er den Ruhkstab und den Loden mitgenommen hat und wir sie zurückbekommen müssen. Wir müssen ihn finden, und zwar schnell.«

Sie wandte sich um. »Stresa?«

»Nein«, sagte der Stachelkater sofort. »Dieses Mal nicht. Hsssst. Es ist zu gefährlich, der Spur bei Nacht zu folgen. Bleibt bis zum Tagesanbruch hier.«

Sie schüttelte entschieden den Kopf. »Soviel Zeit haben wir nicht.«

»Grrrrr. Wren Elessedil. Wir sollten lieber erst später auf die Suche gehen, wenn wir überleben wollen!« Stresas rauhe Stimme wurde zu einem Grollen. »Nur ein Narr würde es wagen, nachts vom Blackledge in den In Ju hinabzusteigen.«

Wren spürte Zorn in sich aufsteigen. Sie mochte gerade jetzt nicht herausgefordert werden. Sie konnte es nicht zulassen. »Ich habe die Elfensteine, Stresa!« fauchte sie. »Die Elfenmagie wird uns beschützen!«

»Die Elfenmagie? Ich dachte – hsssst – du bist wild entschlossen, sie nicht zu gebrauchen.«

Stresas Worte waren blanker Hohn. »Phfffft. Ich weiß, daß du dich um ihn sorgst, aber...«

»Stresa!« schrie sie.

»... die Magie wird dich nicht vor etwas beschützen, was du nicht sehen kannst«, beendete der Stachelkater seinen Satz ruhig und gelassen. »Ssstttppp! Wir müssen bis zum Morgen warten.«

Die Stille war undurchdringlich. Wren konnte sich innerlich schreien hören. Sie schaute auf, als Garth zu ihr kam. Der Stachelkater hat recht. Erinnere dich an das, was du gelernt hast, Wren. Erinnere dich daran, wer du bist.

Woran sie sich im Moment nur erinnern konnte, war der Ausdruck in Gavilan Elessedils Augen, als sie ihm den Ruhkstab gegeben hatte. Sie sah Garth an. Was sie in seinen Augen sah, dämpfte ihren Zorn. Widerwillig nickte sie. »Wir werden bis zum Morgen warten.«

Sie hielt dann auch Wache, während die anderen schliefen. Ihre Erschöpfung war vergessen, begraben unter ihrem Zorn und ihrer Verzweiflung wegen Gavilan. Sie konnte nicht schlafen, solange sie so unruhig, ihr Geist verwirrt und ihre Gefühle in Unordnung waren. Sie saß allein, den Rücken gegen einen Felsen gelehnt, während die Männer in einiger Entfernung zusammengerollt schliefen und Stresa sich an den Rand der Lichtung gekauert hatte. Vielleicht schlief auch er, vielleicht auch nicht. Sie starrte in die Dunkelheit, streichelte Faun wie abwesend und quälte sich mit Gedanken, die dunkler waren als die Nacht.

Gavilan. Er war so freundlich gewesen, und sie hatte es so angenehm empfunden, mit ihm zusammen zu sein. Sie hatte ihn gemocht – vielleicht mehr als nur gemocht. Sie hatte sich Hoffnungen für sie beide gemacht, die sie sich selbst auch jetzt noch nicht einzugestehen wagte. Er hatte versprochen, ein Freund für sie zu sein, auf sie aufzupassen und ihr alle Fragen zu beantworten, so gut er konnte. Er wollte für sie dasein, wenn sie ihn brauchte. Er hatte so vieles versprochen. Vielleicht hätte er diese Versprechen halten können, wenn sie nicht gezwungen gewesen wären, den Schutz des Keel zu verlassen. Denn sie hatte sich nicht geirrt, als sie sich gesagt hatte, daß Gavilan schwach war. Er war nicht stark genug für das, was jenseits der Sicherheit der Mauern von Arborlon lag. Die Veränderungen an ihm waren sofort sichtbar geworden. Sein Charme hatte sich in Besorgnis gewandelt, dann in Schroffheit und schließlich in Angst. Er hatte die einzige Welt verloren, die er jemals gekannt hatte, und war nackt und ungeschützt Erfahrungen wie in einem Alptraum ausgesetzt worden. Gavilan war so tapfer gewesen, wie es ihm möglich gewesen war, aber alles, was er gekannt und worauf er sich verlassen hatte, war ihm genommen worden. Als die Königin starb und der Stab Wren anvertraut wurde, war das einfach zuviel für ihn gewesen. Er hatte sich immer selbstverständlich für den Nachfolger der Königin gehalten und geglaubt, mit der Macht der Elfensteine alles erreichen zu können. Er hatte sich darauf festgelegt und hatte an nichts anderes mehr gedacht. Er war davon überzeugt gewesen, daß er die Elfen retten würde, daß es ihm bestimmt war, dies zu tun, und daß die Magie ihm die Mittel dazu geben würde.

Laß mich den Stab nehmen, konnte sie ihn noch immer bitten hören.

Und sie hatte ihm diesen Stab gegeben. Das war dumm gewesen.

Tränen traten in ihre Augen. Er war wahrscheinlich in Panik geraten, dachte sie. Er war wahrscheinlich davon überzeugt gewesen, daß sie tot sei, daß sie alle tot seien. Und daß er allein sei. Er hatte wahrscheinlich versucht, fortzukommen. Der Elfenjäger hatte dabei seine Angst unterschätzt, seinen Wahnsinn. Er hatte sicher auch die Laute der Drakuls gehört, ihr Flüstern und ihre Lockungen. Das alles hatte ihn sicher erdrückt. Und dann hatte er Dal getötet, weil...

Nein! Sie weinte und konnte nicht aufhören. Sie ließ es zu, weil sie wütend war, daß sie versucht hatte, Entschuldigungen für ihn zu finden. Aber es schmerzte sie so sehr, sich die Wahrheit eingestehen zu müssen, die harte und unabweisliche Wahrheit – daß er schwach gewesen war, daß er gierig gewesen war, daß er berechnend gewesen war, anstatt logisch zu denken, und daß er einen Mann getötet hatte, der ihn hatte beschützen sollen. Dumm! Solch ein Wahnsinn! Aber die Dummheit und der Wahnsinn waren überall, überall um sie herum, ein so großes und undurchdringliches Labyrinth wie Eden’s Murk. Morrowindl nährte das alles, förderte beides, und für jedes gab es nur ein begrenztes Maß an Geduld. Wenn das erst einmal überschritten war, versuchte man, dem Wahnsinn ein Ende zu setzen. Gavilan hatte dieses Maß überschritten. Er konnte sich vielleicht nicht mehr selbst helfen und war jetzt fort, im Nebel verschwunden. Selbst wenn sie ihn fanden, was würde von ihm übrig sein?

Sie biß sich ins Handgelenk, damit sie den Schmerz spürte. Sie mußten ihn natürlich finden – auch wenn er nicht mehr wichtig war. Sie mußten wieder in den Besitz des Ruhkstabes und des Loden gelangen, oder alles, was sie durchgemacht hatten, um von Morrowindl fortzukommen, und alle Leben, die dafür gegeben worden waren – das ihrer Großmutter, das der Eule, Eowens und jene der Elfenjäger – wären umsonst geopfert worden. Dieser Gedanke brannte in ihr. Sie durfte das nicht zulassen. Sie wollte nicht zulassen, daß ihr Opfer vergebens war. Sie hatte es ihrer Großmutter versprochen. Sie hatte es sich selbst versprochen. Es war der Grund dafür, daß sie hergekommen war – sie wollte die Elfen ins Westland zurückbringen und mithelfen, einen Weg zu finden, die Schattenwesen zu vernichten. Das war Allanons Auftrag – und jetzt ihre Aufgabe, wie sie sich in dunkln Wut eingestand. Finde dich, und das hatte sie getan. Entdecke die Wahrheit, und das hatte sie getan. Zuviel von beidem, aber sie hatte es getan. Ihr Leben war jetzt offenbart, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und wie sie sich dabei auch fühlte, sie würde es sich nicht ohne ihre Zustimmung nehmen lassen.

Es ist mir gleich, was dazu noch nötig ist, schwor sie. Es ist mir gleich!

Sie war eingenickt, als Triss sie an der Schulter berührte und wieder weckte. »Hoheit«, flüsterte er sanft. »Legt Euch hin. Schlaft jetzt.«

Sie blinzelte und nahm die Decke entgegen, die er um ihre Schultern legte. »In einer Minute«, erwiderte sie. »Setz dich zuerst zu mir.«

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