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Die Elfenkönigin von Shannara

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Die Elfenkönigin von Shannara
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Der Eingang zum Schacht des Druidenkeep.

Walker Boh ging auf die Türen zu und blieb stehen. Überall um sich herum konnte er ein Flüstern von Stimmen, ihr Spotten und Necken in der Art des Grimpond hören, mit dem sie ihm sagten, er solle zurückgehen, während andere ihn drängten, doch weiterzugehen. Es war ein verwirrender Strudel sich widersprechender Ratschläge. Erinnerungen rührten sich irgendwo in ihm – aber es waren nicht seine eigenen. Er konnte ihre Bewegungen an seinem Rückgrat spüren wie ausgestreckte Finger, die sich ineinander verschlangen und sich anspannten. Vor sich konnte er Spuren eines grünen Lichts durch die Risse und Einschnitte des Türrahmens dringen sehen. Und dahinter konnte er Bewegung spüren.

In diesem Augenblick wäre er beinahe davongestürzt. Wäre er noch in der Lage gewesen, es zu tun, dann hätte er den Schwarzen Elfenstein zu Boden geworfen und wäre um sein Leben gerannt. Er hätte all seine Entschlossenheit und seine Pläne hinter sich gelassen. Seine Angst war unübersehbar. Sie war so deutlich, daß es schien, als könne er die Hand ausstrecken und sie berühren. Sie war nicht so, wie er es erwartet hatte. Seine Angst regte sich nicht wegen der drohenden Auseinandersetzung, wegen des Versprechens jener Vision oder auch wegen der Furcht vorm Sterben. Sie regte sich wegen etwas, das jenseits von alledem lag, wegen etwas so Unbestimmbarem, daß er es nicht definieren konnte, obwohl er gleichzeitig sicher war, daß es da war.

Doch Allanons Schatten hielt ihn fest. Genau wie in der Vision gab es da einen Plan des Schicksals und der Zeit und der Einflüsse aus Jahrhunderten, und alles hatte sich verbunden, um sicherzugehen, daß Walker Boh den Zweck erfüllte, den die Druiden für ihn vorhergesehen hatten.

Er streckte seine geschlossene Faust vor und betrachtete seine Hand, als gehöre sie einem anderen Menschen. Und dann beobachtete er sie, wie sie gegen die Eisentüren stieß.

Geräuschlos öffneten sie sich.

Walker trat hindurch. Sein Körper war wie betäubt und sein Kopf leicht und angefüllt mit kleinen, entsetzten Warnschreien. Tu es nicht, flüsterten sie. Tu es nicht.

Er blieb atemlos stehen. Er stand auf einem schmalen Felsenband innerhalb des Schachtes des Keep. Stufen wanden sich wie eine Schlange mit stachelbewehrtem Rücken die Wand des Turmes entlang aufwärts. Schwaches graues Licht sickerte durch Einschnitte im Gestein und zerstreute die Schatten. Unterhalb jener Stelle, wo er stand, war nichts als Leere – ein tiefer, gähnender Abgrund, aus dem das hohle Echo der Eisentüren aufstieg, als sie hinter ihm zuschlugen. Er lauschte auf den Herzschlag in seinen Ohren. Er lauschte auf die Stille ringsum.

Doch dann rührte sich etwas in dem Abgrund, und schnell und ärgerlich entwich Atem aus den Lungen eines Riesen. Grünliches Licht flackerte auf und wurde wieder schwächer, verwandelte sich zu Nebel und begann träge umherzuwirbeln.

Walker Boh spürte, wie sich die Öde des Keep um ihn herum niederließ. Er spürte sie wie ein monströses Gewicht, dem er nicht entkommen konnte. Tonnen von Gestein umringten ihn, und die Dunkelheit dort drinnen war wie ein Leichentuch. Der Nebel hob sich, eine dunkle und uralte Magie, und der Wachhund des Druiden erhob sich auch und kam hervor, um nach dem Rechten zu sehen. Er kam mit heftigen Bewegungen auf ihn zu, wand sich am Gestein entlang und fraß sich durch die Dunkelheit. Er war wie ein Sumpf, der ihn verschlingen würde, ohne Spuren zu hinterlassen.

Noch immer wäre er am liebsten fortgelaufen, wenn er nicht gewußt hätte, daß es zu spät war und daß er etwas begonnen hatte, was er beenden mußte, daß die Zeit und die Ereignisse ihn schließlich eingeholt hatten, und daß er hier ganz allein das Rätsel seines Lebens, wie es die Druiden gestellt hatten, endlich lösen mußte. Er zwang sich dazu, an den Rand des Podests zu treten. Dieser Schritt seines schwachen Fleisches war ein Tropfen Wasser gegen den Ozean der Macht unter ihm. Von dort zischte es zu ihm herauf, als sehe es ihn, und er hörte ein Flüstern des Wiedererkennens. Es schien sich zu sammeln und seine Bewegung zu festigen.

Walker hob die Hand mit dem Schwarzen Elfenstein.

Warte.

Die Stimme erhob sich aus dem Nebel. Walker fror. Die Stimme gehörte dem Grimpond.

Kennst du mich?

Der Grimpond? Wie konnte es der Grimpond sein? Walker blinzelte schnell. Der Nebel hatte begonnen, in seiner Mitte Gestalt anzunehmen. Es gab da eine Spirale wirbelnden Grüns, die sich hinauf ins Licht bohrte und sich beharrlich durch die Schatten hob, bis sie auf gleicher Höhe mit ihm war und dort in Luft und Stille hing.

Schau.

Er erkannte in ihr eine menschliche Gestalt, mit einem langen Umhang, die eine Kapuze aufgezogen hatte und gesichtslos blieb. Auch Arme und Hände wuchsen ihr und streckten sich aus, um Walker zu umschlingen. Finger wanden und bogen sich.

Wer bin ich?

Ein Gesicht erschien. Schatten und Licht verschoben sich im Nebel. Walker fühlte sich, als sei seine Seele herausgerissen worden.

Das Gesicht, das er sah, war sein eigenes.

In der Abgeschiedenheit des Gewölbes, das die Druidengeschichten beherbergte, sprang Cogline auf. Etwas geschah. Irgend etwas. Er konnte es in der Luft spüren, denn da war eine Vibration, die die Schatten bewegte. Sein runzliges Gesicht spannte sich konzentriert an, und die alten Augen durchforschten den Raum. Die Stille war ungebrochen, weit und unveränderlich, die Zeit war außer Kraft gesetzt, und dennoch...

Ihm gegenüber im Raum fuhr Rumors Kopf hoch, und die Moorkatze stieß ein tiefes, leises, ärgerliches Grollen aus. Er setzte sich auf, wandte sich erst in die eine Richtung, dann in die andere, als suche er einen Feind, der sich unsichtbar gemacht hatte. Auch er spürte also etwas. Coglines Augen schossen nach rechts und nach links. Auf dem Tisch vor ihm begannen die Seiten des Buches, das dort aufgeschlagen lag, zu erzittern.

Es fängt an, dachte der alte Mann.

Er zog mit einer unbewußten Bewegung seine Kleidung enger um sich und überdachte alles, was ihn an diesen Ort und in diese Zeit gebracht hatte, alles, was bisher geschehen war. Wie hoch war wohl der Preis nach so vielen Jahren, fragte er sich. Aber der Preis war nicht seine Angelegenheit, sondern die von Walker Boh.

Ich muß tun, was in meiner Macht steht, beschloß er.

Er versenkte sich tief in sich selbst. Das war eine jener wenigen Fähigkeiten, die ihm aus seiner Vergangenheit als Druide geblieben waren. Er zog sich in sich selbst zurück, bis er frei genug war, um zu gehen. Er konnte auf diese Weise kurze Entfernungen zurücklegen und in kleine Welten schauen. Er eilte in seinem Bewußtsein durch die Gänge des Schlosses und sah und hörte alles. Er eilte durch die Dunkelheit und das graue Halblicht zum Turm des Keep.

Dort fand er Walker Boh Angesicht in Angesicht mit der Unsterblichkeit und dem Tod in Unentschlossenheit erstarrt. Er erkannte, was vor sich ging.

Seine Stimme war überraschend ruhig.

Walker. Benutze den Stein.

Walker Boh hörte die Stimme des alten Mannes als Flüstern in seinem Geist, und er spürte, daß sein Körper reagierte. Sein Arm streckte sich aus, und er spannte sich an.

Das Wesen vor ihm lachte. Erkennst du mich noch immer nicht?

Er tat es – und tat es nicht. Da waren viele Wesen gleichzeitig, von denen er einige erkannte und einige nicht. Die Stimme jedoch – darüber konnte kein Zweifel bestehen. Es war die des Grimpond, die spottete und ihn quälte und seinen Namen rief.

Du hast deine dritte Vision gefunden, nicht wahr, Dunkler Onkel?

Walker war entsetzt. Wie konnte das geschehen? Wie konnte der Grimpond sowohl jenes Wesen sein, das er bezwingen wollte, und auch der Avatar, der in Darklin Reach gefangengehalten wurde? Wie konnte er an zwei Orten zugleich sein? Das ergab keinen Sinn! Die Druiden hatten den Grimpond geschaffen. Die Magie, die sie benutzten, war unterschiedlich und oft sogar entgegengesetzt. Aber die Stimme, die Bewegung und die Art, wie sich das Wesen anfühlte...

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