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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Mon Dieu«, sagte der Comte St. Germain in das Schweigen hinein. »Was …«

Der Schrei wiederholte sich, dann wiederholte er sich erneut. Der Lärm ergoss sich über die breite Treppe in das Foyer.

Auch die Gäste, die sich vom Tisch erhoben wie ein aufgeregter Wachtelschwarm, strömten in das Foyer, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Mary Hawkins in den Fetzen ihres Hemds am Kopf der Treppe ins Blickfeld wankte. Dort blieb sie stehen, als sei sie auf die größtmögliche Wirkung bedacht – den Mund weit aufgerissen, die Hände vor der Brust gespreizt, wo der zerrissene Stoff den klaren Blick auf die Prellungen freigab, die grapschende Hände auf ihren Brüsten und Armen hinterlassen hatten.

Ihre Pupillen schrumpften im Licht der Kronleuchter auf Stecknadelkopfgröße zusammen, so dass ihre Augen wie leere Wasserflächen erschienen, in denen sich das Grauen spiegelte. Sie senkte den Blick, sah jedoch eindeutig weder die Treppe noch die Menge der gaffenden Zuschauer.

»Nein!«, kreischte sie. »Nein! Lass mich los! Bitte, ich flehe dich an! FASS MICH NICHT AN!« Die Droge raubte ihr zwar die Sicht, doch anscheinend spürte sie eine Bewegung in ihrem Rücken, denn sie drehte sich um und fuchtelte wild mit den Armen. Ihre Hände schlugen wie Krallen nach Alex Randall, der vergeblich versuchte, sie zu fassen zu bekommen, sie zu beruhigen.

Unglücklicherweise wirkten seine Versuche von unten ganz wie die erneuten Angriffsversuche eines zurückgewiesenen Verführers.

»Nom de Dieu!«, entfuhr es General d’Arbanville. »Racaille! Lasst sie auf der Stelle in Ruhe!« Mit einer Beweglichkeit, die sein Alter Lügen strafte, sprang der alte Soldat auf die Treppe zu, und seine Hand griff automatisch nach seinem Schwert – welches er glücklicherweise an der Tür abgelegt hatte.

Hastig schob ich mich und meine voluminösen Röcke vor den Comte und den jüngeren Duverney, welche Anstalten machten, dem General zu Hilfe zu eilen, doch gegen Marys Onkel Silas Hawkins konnte ich nichts unternehmen. Einen Moment stand der Weinhändler verdattert da, und die Augen quollen ihm fast aus dem Kopf, dann senkte er den Kopf und stürzte los wie ein Bulle, um sich durch die Zuschauer zu schieben.

Ich blickte mich wild nach Jamie um und fand ihn am Rand der Menge. Mein Blick traf den seinen, und ich zog fragend die Augenbrauen hoch; hätte ich etwas gesagt, wäre es im Tohuwabohu der Eingangshalle und unter Marys Dampflok-Schreien in der ersten Etage ohnehin nicht zu hören gewesen.

Jamie sah mich achselzuckend an, dann schaute er sich um. Ich sah, wie sein Blick auf einen dreibeinigen Tisch an der Wand fiel, auf dem eine große Vase mit Chrysanthemen stand. Er blickte nach oben, um die Entfernung zu taxieren, schloss kurz die Augen, als legte er seine Seele in Gottes Hand, dann setzte er sich entschlossen in Bewegung.

Er sprang vom Boden auf den Tisch, packte das Geländer und schwang sich hinüber auf die Treppe, wo er vor dem General auskam. Es war eine derart akrobatische Leistung, dass ein oder zwei Damen nach Luft schnappten und sich Bewunderungsrufe unter ihre Schreckensschreie mischten.

Das Geschrei wurde lauter, als Jamie dann die letzten Stufen hinauflief, sich zwischen Mary und Alex schob, Letzteren an der Schulter packte, sorgfältig zielte und ihm einen anständigen Kinnhaken versetzte.

Alex, der seinen Brotherrn in der unteren Etage mit offenem Mund angestarrt hatte, ging sacht in die Knie und sank zu einem Häufchen zusammen. Seine Augen waren zwar immer noch groß, doch nun waren sie so ausdruckslos und leer wie Marys.

Kapitel 19

Kraft deines Eides

Die Uhr auf dem Kaminsims tickte störend laut. Es war das einzige Geräusch im Haus, abgesehen vom Ächzen der Bodendielen und dem fernen Rumpeln der Dienstboten, die spät noch unten in der Küche arbeiteten. Doch ich hatte für eine ganze Weile genug gehört und wollte nur noch Stille, damit sich meine gereizten Nerven wieder erholen konnten. Ich öffnete das Gehäuse der Uhr und entfernte das Kontergewicht, und das Ticken verstummte auf der Stelle.

Es war unleugbar das Dinner der Saison gewesen. Menschen, die nicht das Glück gehabt hatten, dabei zu sein, sollten noch monatelang behaupten, sie wären dabei gewesen, und führten Beweisstücke an, die sie der Gerüchteküche und der Stillen Post entlehnten.

Letztendlich war ich Marys lange genug habhaft geworden, um ihr eine weitere Dosis Schlafmohn einzutrichtern. Sie sank zu einem mitleiderregenden Häufchen blutbefleckter Kleider zusammen, so dass ich mich der Diskussion zwischen Jamie, dem General und Mr. Hawkins zuwenden konnte. Alex war so vernünftig, in der Bewusstlosigkeit zu verharren, und ich plazierte seine erschlaffte Gestalt an Marys Seite, so dass sie auf dem Treppenabsatz lagen wie zwei tote Makrelen. Sie sahen aus wie Romeo und Julia, die man als Tadel an ihre Verwandten öffentlich aufgebahrt hatte, doch Mr. Hawkins bemerkte die Ähnlichkeit nicht.

»Ruiniert!«, kreischte er immer wieder. »Ihr habt meine Nichte ruiniert! Jetzt wird der Vicomte sie niemals nehmen! Schottisches Drecksschwein! Ihr und Euer Flittchen!« Er fuhr zu mir herum. »Hure! Zuhälterin! Unschuldige junge Mädchen in Eure Klauen zu locken, damit sich der Abschaum mit ihnen vergnügen kann! Ihr …« Mit einer Art geduldigem Grimm legte Jamie Mr. Hawkins die Hand auf die Schulter, drehte ihn ein Stückchen und versetzte auch ihm einen Hieb unter das fleischige Kinn. Dann stand er da und rieb sich geistesabwesend die überstrapazierten Fingerknöchel, während er zusah, wie der fette Weinhändler die Augen verdrehte. Mr. Hawkins fiel rücklings gegen die Holzvertäfelung und glitt ganz sanft an der Wand zum Sitzen nieder.

Jamie richtete einen kalten blauen Blick auf General d’Arbanville, der angesichts des Schicksals der Gefallenen so klug war, die Weinflasche abzustellen, mit der er bereits ausgeholt hatte, und einen Schritt zurückzutreten.

»Oh, nur keine Hemmungen«, drängte eine Stimme hinter mir. »Warum denn jetzt aufhören, Tuarach? Macht ganze Arbeit und schlagt sie alle drei zu Boden!« Der General und Jamie richteten den Blick mit vereinter Abneigung auf die elegante Gestalt in meinem Rücken.

»Geht, St. Germain«, sagte Jamie. »Das ist nicht Eure Sache.« Er klang erschöpft, hob seine Stimme aber so weit, dass er in dem Aufruhr von unten zu hören war. Die Schulternähte seines Rocks waren aufgeplatzt, und sein Leinenhemd schob sich weiß durch die Risse.

St. Germains Lippen verzogen sich zu einem charmanten Lächeln. Der Graf amüsierte sich sichtlich vom Feinsten.

»Nicht meine Sache? Wie können denn solche Vorgänge nicht Sache eines jeden Mannes von Bürgersinn sein?« Sein belustigter Blick schweifte über den mit Ohnmächtigen übersäten Treppenabsatz hinweg. »Wenn schließlich ein Gast Seiner Majestät die Bedeutung der Gastfreundschaft so ins Gegenteil verkehrt hat, dass er ein Bordell in seinem Haus unterhält, ist es dann nicht – nein, das tut Ihr nicht!«, sagte er, als Jamie einen Schritt auf ihn zutrat. Wie von Zauberhand glänzte plötzlich eine Klinge zwischen den Rüschen auf, die sich über sein Handgelenk ergossen. Ich sah, wie Jamie die Lippe verzog, und er bewegte die Schultern in seinem ruinierten Rock, um sich zum Kampf zu rüsten.

»Schluss damit, auf der Stelle!«, sagte eine gebieterische Stimme, und die beiden Duverneys, Senior und Junior, drängten sich auf den bereits überfüllten Treppenabsatz. Junior wandte sich um und schwenkte die Arme in Richtung der Menschen auf der Treppe, die von seiner finsteren Miene so beeindruckt waren, dass sie einen Schritt zurückwichen.

»Ihr«, sagte Senior und zeigte auf St. Germain. »Wenn Ihr den Bürgersinn, von dem Ihr sprecht, tatsächlich besitzt, werdet Ihr Euch nützlich machen, indem Ihr anfangt, die Leute dort unten nach Hause zu schicken.«

St. Germain heftete den Blick zwar fest auf die Augen des Bankiers, doch im nächsten Moment zuckte er mit den Schultern, und der Dolch verschwand. Der Comte wandte sich kommentarlos ab und begab sich die Treppe hinunter. Dabei schob er die Leute vor sich her und drängte sie lauthals zu gehen.

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