Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
»Mutter?«, wiederholte sie. Ihre Augen schwammen in Tränen. »Ist das alles, was du zu sagen hast?«
Kaveh senkte den Blick. Aryjen gab ihm eine Ohrfeige; aber sie zitterte viel zu sehr, um ihn ernsthaft zu schlagen, und die Ohrfeige ging in ein Streicheln über.
Kaum einen Augenblick später schloss sie ihn so fest in die Arme, dass ihre Tunika sie beide umhüllte. »Du bist schrecklich!«, schluchzte Aryjen. »Was ist das für ein Sohn, der seiner Mutter so etwas antut?! Du bist einfach verschwunden, Kaveh!«
»Mama ... die anderen!« Er trat langsam zurück und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.
»Das ist das Mädchen, Marúen. Hier!« Er zog Nill heran, die wie die Zwillinge schon vom Pferd gestiegen war, und legte einen Arm um sie. »Das ist ... ihr Name ist ... sie heißt Nill.«
Aryjen runzelte kaum merklich die Stirn, aber dann neigte sie den Kopf vor Nill und schloss sie behutsam in die Arme. Ein seltsamer, kaum wahrnehmbarer Duft ging von ihr aus, bei dem Nill schwer ums Herz wurde. Nie hatte jemand sie so mütterlich in die Arme genommen. Dabei war die Elfe ja eine Fremde.
»Sei willkommen, Nill«, sagte die Frau mit einem leichten Akzent. »Mein Name ist Aryjen. Ich bin Kavehs Mutter.«
Nill konnte nichts als stumm nicken. Aryjen sagte etwas auf Elfisch, dann schloss sie auch die Zwillinge in die Arme und musterte anschließend alle mit feuchten Augen. Ihre Stimme schwang um und Nill hörte aus dem, was sie sagte, den Namen Erijel heraus. Kaveh senkte den Kopf. Er antwortete sehr leise und seine Augen wurden stumpf. Aryjen hob erschrocken die Hand an die Lippen. Schließlich strich sie Kaveh über die Wange.
»Ihr seht so bleich aus«, murmelte sie. »Ihr ... oh, kommt alle mit. Was ist nur aus euch geworden! Was habt ihr nur getan!«
Sie versuchte alle auf einmal in die Arme zu schließen, ergriff links Kaveh und bekam einen Zipfel von Marejus schmutzigem Mantel zu fassen, rechts nahm sie Nill und Arjas zusammen, und dann schritten sie durch das Tal der Elfen.
Kinder, Männer und Frauen standen ringsum und blickten ihnen erleichtert, entsetzt oder ängstlich hinterher. Ein Murmeln ging durch die Elfenmenge, aber Nill verstand kein Wort. Aryjen führte sie auf einen riesigen Baum zu, dessen Stamm wie eine verwilderte Treppe in die Höhe führte. Zweige, Laub und Ranken schlossen sich über ihren Köpfen zu einem goldscheckigen Dach, durch das die Herbstsonne strahlte.
»Kaveh!« Noch bevor sie die Wurzeltreppe hinter sich gebracht hatten, kam ihnen ein Mann entgegengelaufen. Im ersten Augenblick glaubte Nill, sie sehe Kaveh vor sich – in älteren Jahren. Es musste ganz bestimmt sein Vater sein. Der König der Freien Elfen.
»Marhùt«, stammelte Kaveh.
Der König stieß einen Schrei aus, öffnete die Arme und packte Kaveh so ungestüm, dass er auf die Zehenspitzen gerissen wurde.
»Du Narr! Du unglaublicher, starrköpfiger Narr! Du Dickschädel!«, brüllte König Lorgios, während er seinen Sohn an sich presste und seine Tränen Kavehs Kopf beträufelten.
»Dange, Baba!«, nuschelte Kaveh in die Tunika seines Vaters. »Kommt«, rief Lorgios und zog Kaveh die letzten Stufen hinauf. »Oh bei allen Waldgeistern, bei allen guten Geistern, mein Sohn ist zurückgekehrt! Er ist zurück!«
Er zog ihn in einen weitläufigen Raum mit Fellen und Liegen. Getrocknete Kräuter hingen an der Holzwand neben einer Feuerstelle, über der das einzige Loch in der Decke war. Ansonsten wölbte sich das Blätterdach wie eine bunte Glaskuppel über ihnen.
»In ein Bett«, murmelte Aryjen und führte sie einen nach dem anderen aus dem Raum in verschiedene Kammern, zu denen verschlungene Rankenstufen führten. Auch Nill wurde in eine Kammer gebracht.
Auf dem Boden waren Felle und Moosteppiche ausgebreitet, die zum Schlafen einluden.
»Ruhe dich aus«, sagte die Königin der Elfen sanft zu Nill und strich ihr über die zerzausten Haare. »Ich komme gleich wieder und bringe etwas zu Essen. In Ordnung?«
Nill nickte wie benommen. Einen Augenblick später sank sie auf die Felle. Ich bin viel zu aufgeregt, um jetzt zu schlafen!, dachte sie noch. Aber sie irrte sich. Eine Minute später war sie tief und fest eingeschlummert.
Die Bestattung
Nill erwachte durch einen Duft. Er kroch ihr, noch während sie schlief, in die Nase und erinnerte sie an das dumpfe Rumoren in ihrem Bauch: den Hunger. Blinzelnd schlug sie die Augen auf. Ihre Haare waren zerzauster als ein Stinktierschwanz, und sie strich sie sich mit beiden Händen an den Kopf, ehe sie aufstand und die Kammer verließ.
Mit weichen Knien trat sie die Rankenstufen hinab und blieb zögernd im großen Raum stehen.
Das Herdfeuer flackerte fröhlich vor sich hin. Ein schwarzer Kessel hing über den Flammen. Auf ausgebreiteten Bärenfellen saßen Kaveh, König Lorgios, Aryjen und ein fremder junger Mann mit dunklem Haar, der dieselben feinen Gesichtszüge hatte wie die Königin. Kaveh war der Erste, der Nill entdeckte. Er stellte die Schale ab, die er in den Händen gehalten hatte, und stand schwungvoll auf. Dann rieb er sich verlegen mit den Händen über die Oberschenkel.
»Hallo, Nill! Hast du gut geschlafen? Setz dich zu uns!«
Nill überwand ihre Scheu und kam zu ihnen. Kaveh machte ihr neben sich Platz und sie setzte sich mit verkreuzten Beinen. Kaveh räusperte sich. »Ich möchte dir meinen älteren Bruder vorstellen – das ist Kejael.«
Der junge Mann mit den dunklen Haaren neigte mit einem freundlichen Lächeln den Kopf. An dem Lächeln erkannte Nill die Verwandtschaft zu Kaveh – doch abgesehen davon sah er ganz anders aus.
»Guten Tag. Nill heißt du, richtig?«
Nill nickte. »Ja, ja, das ist mein Name.« Ihr wurde erneut bewusst, was er bedeutete – und die Elfen mussten ihn ja alle verstehen! Nill kam sich ungemein bloßgestellt vor. Was würde sie denn denken, wenn sich jemand vorstellen und sagen würde: Hallo, freut mich auch, mein Name ist schmutziges Blut ...?
Und die Stille, die kurz eintrat, machte es ihr nicht unbedingt leichter, den Elfen in die Gesichter zu blicken.
»Hast du dich ein bisschen erholt?«, fragte Aryjen ruhig.
»Ja, danke. Es geht mir viel besser.«
»Bestimmt hast du Hunger. Hier!« Aryjen erhob sich, ging zum Herdfeuer hinüber und füllte eine Schale mit dem Inhalt des Kessels. »Iss etwas. Kaveh ist darüber hergefallen, als hätte er drei Jahre nichts mehr gegessen. Ich gehe also davon aus, dass du nicht weniger essen wirst.«
»Na, ob sie das schafft!«, bemerkte König Lorgios mit einem amüsierten Augenzwinkern Richtung Kaveh. »Der Junge futtert, als müsse er für eine ganzes Wolfsrudel mitverdrücken.«
Aryjen war zurückgekehrt und stieß Lorgios mit der Hand gegen die Schulter. »Ach, still mit dir. Du verschreckst sie noch!« Lächelnd reichte die Königin der Freien Elfen Nill eine dampfende Schale und fügte hinzu: »Iss nur, so viel du kannst. Keine falsche Scham. Du bist doch das erste Mal bei Elfen? Dann lass dir gesagt sein, dass es eine Höflichkeit ist, wenn man Nachschlag möchte.«
»Deshalb gilt Kaveh auch als der höflichste aller Elfen«, ergänzte sein Bruder Kejael mit einem Grinsen. Da es kein Besteck gab, hob Nill nach kurzem Zögern die Schale an die Lippen. Eine hellbraune, dickflüssige Suppe schwappte darin, die einen pilzigen Duft verströmte. Auch die Elfen hoben ihre Schalen und tranken. Vorsichtig nahm Nill einen Schluck.
Ein herrlicher, cremiger Geschmack entfaltete sich in ihrem Mund. Jetzt erst wurde ihr bewusst, wie groß ihr Hunger war. Da niemand sie besonders zu beobachten schien, leerte Nill gierig die ganze Schale, ohne sie einmal von den Lippen zu setzen. Kaum hatte sie den letzten, köstlichen Schluck getan, nahm Aryjen ihr die Schale auch schon aus den Händen, um sie nachzufüllen.