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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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Ich war ins Zuchthaus im Winter eingetreten und mußte daher auch im Winter in die Freiheit kommen, an demselben Datum, an dem ich eingetreten war. Mit welcher Ungeduld wartete ich auf den Winter, mit welchem Genuß sah ich am Ende des Sommers, wie das Laub an den Bäumen welkte und das Gras in der Steppe verblich. Da war auch schon der Sommer vorbei, die Herbstwinde heulten; da wirbelte auch schon der erste Schnee... Endlich war dieser längst erwartete Winter angebrochen! Mein Herz klopfte nun zuweilen dumpf und heftig im großen Vorgefühl der Freiheit. Aber seltsam: je mehr Zeit verstrich und je näher die Frist herankam, um so geduldiger wurde ich. In den allerletzten Tagen wunderte ich mich sogar darüber und machte mir Vorwürfe: es kam mir vor, als ob ich völlig kaltblütig und gleichgültig geworden wäre. Viele Arrestanten, die mir in der arbeitsfreien Zeit im Hofe begegneten, sprachen mich an und gratulierten mir:

»Nun kommen Sie bald in die Freiheit, Väterchen, Alexander Petrowitsch, bald, bald! Und uns lassen Sie hier allein.«

»Haben Sie denn noch lange zu sitzen, Martynow?« fragte ich.

»Ich, was soll ich von mir reden! Noch an die sieben Jahre werde ich mich hier quälen...«

Er seufzte, blieb stehen und blickte zerstreut vor sich hin, als versuchte er, in die Zukunft einzudringen... Ja, viele beglückwünschten mich aufrichtig und freudig. Es kam mir vor, als hätten alle angefangen, mich freundlicher zu behandeln. Sie sahen mich offenbar schon als einen Fremden an und nahmen von mir Abschied. K–cinski, ein polnischer Adliger, ein stiller und sanfter junger Mann, pflegte genau wie ich in der arbeitsfreien Zeit viel auf dem Hofe umherzugehen. Er wollte sich durch die reine Luft und die Bewegung seine Gesundheit erhalten und die schädliche Wirkung der stickigen Nächte in der Kaserne wettmachen.

»Ich warte ungeduldig auf Ihren Austritt,« sagte er mir mit einem Lächeln, als er mir einmal beim Spazierengehen begegnete. »Wenn Sie herauskommen, ;werde ich schon wissen, daß ich noch genau ein Jahr zu warten habe.«

Ich möchte hier nebenbei bemerken, daß die Freiheit, infolge der ewigen Träumereien und der langen Entwöhnung, uns im Zuchthause irgendwie freier erschien als die echte Freiheit, d.h. als diejenige, die es in Wirklichkeit gab. Die Arrestanten übertrieben den Begriff der wirklichen Freiheit, und das ist bei jedem Arrestanten so natürlich und begreiflich. Irgendein abgerissener Offiziersbursche wurde bei uns beinahe als ein König, als das Ideal eines freien Menschen im Vergleich mit den Arrestanten angesehen, weil er mit unrasiertem Kopf, ohne Fesseln und ohne Bewachung umherging.

Am Vorabend des letzten Tages ging ich in der Dämmerung zum ;letztenmal längs der Palisaden um unser ganzes Zuchthaus herum. Wie viel tausend Mal hatte ich in diesen Jahren die Runde längs des Zaunes gemacht! Hier hinter den Kasernen hatte ich mich im ersten Jahre meines Zuchthauslebens verwaist und niedergeschlagen herumgetrieben. Ich erinnere mich noch, wie ich damals zählte, wie viel tausend Tage mir noch blieben. Mein Gott, wie lange war das her! Hier in dieser Ecke hatte unser Adler in der Gefangenschaft gelebt; hier pflegte mich oft Petrow zu treffen. Er ließ auch jetzt nicht von mir ab. Er kam oft, als erriete er meine Gedanken, zu mir gelaufen, ging schweigend neben mir her und schien sich über etwas zu wundern. In Gedanken verabschiedete ich mich von diesen schwarzgewordenen Balkenwänden unserer Kasernen. Wie unfreundlich waren sie mir ;damals, in der ersten Zeit vorgekommen. Nun waren sie wohl noch viel älter geworden; aber ich konnte es nicht merken. Wieviel Jugend war hier in diesen Wänden nutzlos begraben, wieviel große Kräfte gingen hier zwecklos zugrunde! Ich muß doch die Wahrheit sagen: diese Leute waren keine gewöhnlichen Leute. Es waren vielleicht die begabtesten und kräftigsten Vertreter unseres ganzen Volkes. Aber die mäch *** [*** Druckfarbe fehlt auf der Buchseite. Anm. d. Buchverlages]

*** hier unnormal, widernatürlich, ... Und wer hat die Schuld?

*** Schuld?

*** gleich bei Tagesanbruch, machte ich, noch... Arbeit abmarschiert war, eine Runde durch alle *** mich von allen Arrestanten zu verabschieden. *** kräftige Hände streckten sich mir freundlich entgegen. *** mir die Hand ausgesprochen kameradschaftlich, *** waren nur wenige. Die anderen sahen allzu gut ein, daß ich nun ein ganz anderer Mensch werden würde als sie. Sie wußten, daß ich in der Stadt Bekannte hatte, daß ich mich aus dem Zuchthause zu den Herrschaften begeben und neben ihnen als gleicher sitzen würde. Sie begriffen es und verabschiedeten sich von mir zwar höflich und freundlich, aber doch nicht wie von einem Kameraden, sondern wie von einem Herrn. Andere wandten sich sogar mürrisch weg und reagierten überhaupt nicht auf meine Abschiedsworte. Einige sahen mich sogar mit einem eigentümlichen Haß an.

Die Trommel schlug, alle begaben sich zur Arbeit, aber ich blieb daheim. Ssuschilow war an diesem Morgen früher als alle aufgestanden und tat sehr geschäftig, um mir Tee zu kochen. Der arme Ssuschilow! Er weinte, als ich ihm meine abgetragenen Arrestantenkleider, Hemden, Unterfesseln und etwas Geld schenkte. »Ich brauche nicht das, nicht das!« sprach er, mit Mühe das Zittern seiner Lippen bemeisternd. »Aber wie ist es mir, Sie zu verlieren, Alexander Petrowitsch? Wer bleibt mir dann hier noch?« Zuletzt nahm ich auch von Akim Akimytsch Abschied.

»Nun haben Sie auch nicht mehr lange zu warten!« sagte ich ihm.

»Ich bleibe noch lange, sehr lange hier,« murmelte er, mir die Hand drückend. Ich fiel ihm um den Hals, und wir küßten uns.

Etwa zehn Minuten nach dem Abmarsche der Arrestanten verließen auch wir das Zuchthaus, um nie mehr dahin zurückzukehren, – ich und mein Genosse, mit dem ich einst angekommen war. Wir mußten nun nach der Schmiede gehen, um uns unsere Fesseln abnehmen zu lassen. Uns begleitete aber kein Wachsoldat mit geladenem Gewehr mehr: wir gingen mit dem Unteroffizier. Die Fesseln wurden uns von unseren eigenen Arrestanten in der Ingenieurwerkstätte abgenommen. Ich wartete, bis sie meinen Genossen von ihnen befreit hatten, und trat erst dann an den Amboß. Die Schmiede stellten mich mit dem Rücken zu sich auf, hoben von hinten meinen Fuß und legten ihn auf den Amboß... Sie taten sehr geschäftig und wollten es möglichst geschickt und gut machen.

»Die Niete, dreh zuerst die Niete herum!...« kommandierte der Älteste. »Stelle sie so hin, ja, so... Jetzt schlag mit dem Hammer los...«

Die Fesseln fielen. Ich hob sie auf... Ich wollte sie in der Hand halten, sie zum letztenmal sehen. Ich wunderte mich fast, daß sie eben erst an meinen Beinen gewesen waren.

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