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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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Aber die Arrestanten machten sich nichts daraus. Alle blickten äußerst selbstbewußt drein und benahmen sich wie immer in solchen Fällen den ganzen Abend ungewöhnlich solid. »Es ist an unserem Benehmen nichts auszusetzen.« Die Vorgesetzten dachten sich natürlich, ob im Zuchthause nicht Helfershelfer der Flüchtlinge zurückgeblieben seien, und gaben den Befehl, bei den Arrestanten herumzuhorchen. Aber die Arrestanten lachten nur darüber. »Bei einem solchen Unternehmen läßt man doch keine Helfershelfer zurück!« – »So eine Sache wird mit unhörbaren Schritten gemacht.« – »Sind denn Kulikow und A–w solche Menschen, daß sie dabei irgendwelche Spuren hinterlassen könnten? Sie haben es meisterhaft, in aller Stille gemacht. Die Leute sind eben mit allen Wassern gewaschen und können durch verschlossene Türen gehen!« Mit einem Worte, der Ruhm Kulikows und A–ws war gewachsen; alle waren auf sie stolz. Man fühlte, daß der Bericht von ihrer Heldentat die entfernteste Generation der Arrestanten erreichen und das Zuchthaus überleben würde.

»Geschickte Burschen!« sagten die einen.

»Man glaubte, bei uns könne niemand davonlaufen. Nun sind diese doch davongelaufen!...« fügten andere hinzu.

»Ja, davongelaufen!« meldete sich ein dritter und sah sich mit Überlegenheit um. »Wer ist aber davongelaufen?... Etwa so ein Mensch wie du?«

Zu einer andern Zeit hätte der Arrestant, an den diese Worte gerichtet waren, sicher auf die Herausforderung reagiert und seine Ehre verteidigt. Jetzt aber ließ er sich das schweigend gefallen. »Nicht alle sind doch so wie Kulikow und A–w; man muß erst zeigen, was man kann...«

»Warum leben wir noch hier, Brüder?« unterbricht das Schweigen ein vierter, der bescheiden am Küchenfenster sitzt und die Backe mit der Hand stützt. Vor lauter Rührung und Selbstzufriedenheit spricht er in einem singenden Tone. »Was sind wir hier? Solange wir hier leben, sind wir keine Menschen, und wenn wir gestorben sind, sind wir keine Leichen. Ach!«

»Das Zuchthausleben ist kein Stiefeclass="underline" du kannst es nicht vom Fuße werfen. Brauchst nicht zu ächzen!«

»Aber Kulikow...« mischte sich ein Gelbschnabel, ein junger, hitziger Bursche ein.

»Ja, Kulikow!« fiel ihm sofort ein anderer ins Wort, ihn voller Verachtung anschielend. »Kulikow!«

Das sollte bedeuten: Gibt es viele Kulikows?

»Aber auch A–w ist ein tüchtiger Kerl, Brüder!«

»Und ob! Dieser wickelt sich auch den Kulikow um die Finger. Wenn der etwas macht, so läßt er keine Spur zurück!«

»Es wäre doch interessant zu wissen, Brüder, ob sie wohl schon weit weg sind...«

Sofort begann ein Gespräch darüber, wie weit sie schon sein mögen. Nach welcher Richtung sie wohl gegangen seien? Welche Dorfgemeinde die nächste sei? Es fanden sich Leute, die die Umgegend kannten. Man hörte ihnen mit Interesse zu. Man sprach von den Bewohnern der nächsten Dörfer und stellte fest, daß diese ungeeignet seien: in der Nähe der Stadt wohnen doch lauter geriebene Leute! Die werden den Arrestanten nicht helfen, sondern sie einfangen und ausliefern.

»Da wohnen böse Bauern, Brüder! Sehr böse Bauern!«

»Unverläßliche Bauern.«

»So ein Sibirier hat gesalzene Ohren. Man komme ihm nicht in die Quere, er schlägt einen tot.«

»Aber die unsrigen sind doch auch nicht auf den Kopf gefallen...«

»Selbstverständlich, man kann nicht wissen, es hängt davon ab, wer wen unterkriegt. Die unsrigen sind auch nicht so dumm.«

»Wenn wir nicht sterben, so hören wir noch, wie die Sache ausgegangen ist.«

»Was denkst du dir? Daß man sie einfängt?«

»Ich glaube, daß man sie nie und nimmer einfängt!« ruft einer von den Hitzigen, mit der Faust auf den Tisch hauend.

»Hm! Es kommt darauf an, wie die Sache geht.«

»Ich denke mir aber Brüder,« ergreift plötzlich Skuratow das Wort: »Wenn ich Landstreicher wäre, würden sie mich niemals einfangen!«

»Ja, dich!«

Die einen beginnen zu lachen; die andern tun so, als wollten sie überhaupt nicht mehr zuhören. Aber Skuratow ist schon in Schwung gekommen.

»Nie im Leben werden sie mich fangen!« wiederholt er mit aller Energie. »Ich denke oft darüber nach, Brüder, und muß mich über mich selbst wundern: ich glaube, ich würde durch jede Ritze kriechen, aber fangen würden sie mich nicht.«

»Wenn du Hunger kriegst, gehst du zum Bauern und bittest um Brot.«

Alle lachen.

»Um Brot? Unsinn!«

»Was schwatzt du überhaupt? Du und Onkel Wassja habt eine Dorfhexe erschlagen und seid deswegen hergekommen.«

Das Lachen wird noch stärker. Die Ernsten blicken noch entrüsteter.

»Es ist gelogen!« schreit Skuratow: »Das hat Mikitka erfunden, und auch gar nicht über mich, sondern über Wassja; mich hat man dann in das Märchen hineingezogen. Ich bin Moskauer und von Kind auf in der Landstreicherei erfahren. Als mich der Küster lesen lehrte, pflegte er mich am Ohr zu ziehen und zu sagen: ›Sprich mir nach: Erbarme dich meiner, Herr, und verzeih!...‹ Ich sprach aber: ›Gendarm, führe mich auf die Polizei...‹ So habe ich es schon als Kind getrieben.«

Alle lachten wieder. Das war aber alles, was Skuratow wollte. Es war ihm unmöglich, keine Dummheiten zu machen. Bald hörte man nicht mehr auf ihn und vertiefte sich wieder in ernste Gespräche. Es waren vorwiegend die Alten und Erfahrenen, die sich am Gespräch beteiligten. Die Jüngeren und Bescheideneren freuten sich nur beim Zuhören und steckten ihre Köpfe vor; in der Küche hatte sich eine große Menge angesammelt. Die Unteroffiziere waren natürlich nicht dabei. Unter denen, die sich besonders freuten, fiel mir der Tatare Mahmetka auf, ein kleingewachsener Kerl mit breiten Backenknochen, eine außergewöhnlich komische Figur. Er sprach fast kein Wort Russisch und verstand fast nichts davon, was die andern sprachen, aber er streckte auch seinen Kopf vor und hörte mit Genuß zu.

»Nun, Mahmetka, jakschi?« wandte sich an ihn vor lauter Langweile der von allen verschmähte Skuratow.

»Jakschi! Ach, jakschi!« murmelte ganz aufgeregt Mahmetka, wobei er Skuratow mit seinem drolligen Kopfe zunickte: »Jakschi!«

»Man wird sie doch nicht einfangen? Jok?«

»Jok, jok!« Mahmetka begann wieder zu nicken und diesmal auch mit den Armen zu fuchteln.

»Also sind wir uns einig, was?«

»Ja, ja, jakschi!« bestätigte Mahmetka, mit dem Kopfe nickend.

»Na, also jakschi!«

Skuratow schlug ihn auf die Mütze, stülpte sie ihm über die Augen und ging in der lustigsten Stimmung aus der Küche, den Tataren in einigem Erstaunen zurücklassend.

Eine ganze Woche dauerte die strenge Ordnung im Zuchthause und die angestrengteste Suche in der Umgegend. Ich weiß nicht, auf welche Weise, aber die Arrestanten waren stets über alle Manöver der Obrigkeit außerhalb des Zuchthauses aufs genaueste unterrichtet. In den ersten Tagen lauteten die Nachrichten für die Flüchtlinge günstig: es war von ihnen nichts zu sehen und zu hören, sie waren spurlos verschwunden. Die Arrestanten lächelten nur. Jede Sorge über das Schicksal der Flüchtlinge war verschwunden. »Man wird nichts finden und niemand einfangen!« sagte man bei uns mit Befriedigung.

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