Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
»Wie heißt du?« fragte er meinen Genossen. Er sprach schnell, scharf, abrupt und wollte uns offenbar imponieren.
»So und so.«
»Und du?« fuhr er fort, sich an mich wendend und mich durch seine Brille anschauend.
»So und so.«
»Unteroffizier! Die Beiden kommen sofort ins Zuchthaus, werden auf der Hauptwache unverzüglich nach der Zivilvorschrift rasiert, den halben Kopf; die Fesseln sind gleich morgen umzuschmieden. Was sind das für Mäntel? Wo habt ihr sie bekommen?« fragte er uns plötzlich, seine Aufmerksamkeit auf die uns in Tobolsk ausgefolgten grauen Mäntel mit den gelben Kreisen auf den Rücken richtend, in denen wir vor seine lichten Augen getreten waren. »Das ist doch eine neue Uniform! Ist sicher eine neue Uniform... Wird wohl erst projektiert... in Petersburg,...« sprach er, indem er uns einen nach dem andern umdrehte. »Haben sie nichts bei sich?« fragte er plötzlich den uns eskortierenden Gendarmen.
»Sie haben ihre eigene Kleidung bei sich, Euer Hochwohlgeboren,« antwortete der Gendarm, sich plötzlich aufrichtend und sogar zusammenfahrend. Alle kannten den Major, alle hatten von ihm gehört, alle hatten vor ihm Angst.
»Alles wegnehmen! Sie behalten nur ihre Wäsche und zwar nur die weiße; aber die farbige, falls sie welche haben, ist ihnen wegzunehmen. Alles übrige öffentlich versteigern und den Erlös für die Staatskasse einziehen. Ein Arrestant darf kein Eigentum haben!« fuhr er fort mit einem strengen Blick auf uns. »Paßt auf, führt euch gut auf! Daß mir nichts zu Ohren kommt! Sonst gibt's kör-per-liche Züch-ti-gung! Für das geringste Vergehen – Rrruten!...«
Nach diesem ganz ungewohnten Empfang war ich den ganzen ersten Abend fast krank. Der schwere Eindruck wurde übrigens auch noch durch alles, was ich im Zuchthause zu sehen bekam, verstärkt; aber von meinem Eintritt ins Zuchthaus habe ich schon berichtet.
Ich erwähnte soeben, daß man uns keinerlei Vergünstigungen oder Erleichterungen bei der Arbeit den anderen Arrestanten gegenüber zu gewähren wagte. Aber einmal wurde es doch versucht: ich und B–ki wurden ganze drei Monate auf der Ingenieurkanzlei als Schreiber beschäftigt. Dies wurde jedoch in aller Heimlichkeit, und zwar von der Ingenieurbehörde gemacht. Die übrigen, die es wissen mußten, wußten es wahrscheinlich, taten aber so, als wüßten sie es nicht. Dies geschah unter dem Kommandeur G–kow. Der Oberstleutnant G–kow war zu uns wie vom Himmel gefallen, blieb aber nur eine sehr kurze Zeit, – wenn ich nicht irre, nicht länger als ein halbes Jahr – und zog dann wieder ins europäische Rußland, einen ungewöhnlichen Eindruck bei allen Arrestanten hinterlassend. Die Arrestanten liebten ihn nicht nur, sie vergötterten ihn förmlich, wenn man dieses Wort hier überhaupt anwenden darf. Wie er das machte, weiß ich nicht, aber er eroberte ihre Sympathie gleich im ersten Augenblick. »Er ist unser Vater, unser Vater! Besser als ein Vater!« sagten die Arrestanten jeden Augenblick, solange er an der Spitze des Ingenieurressorts stand. Ich glaube, er war ein furchtbarer Trinker. Er war nicht groß von Wuchs und hatte einen frechen und selbstbewußten Blick. Dabei war er aber gegen die Arrestanten freundlich, beinahe zärtlich und liebte sie buchstäblich wie ein Vater. Weshalb er die Arrestanten so sehr liebte, weiß ich nicht zu sagen, aber er konnte einfach keinen Arrestanten sehen, ohne ihm ein freundliches, lustiges Wort zu sagen, mit ihm zu scherzen und zu lachen; vor allem lag aber darin keine Spur vom Tone eines Vorgesetzten, nichts, was auf die Ungleichheit der Stellungen hinweisen konnte. Er behandelte sie wie ein Kamerad, ganz wie seinesgleichen. Aber trotz dieses seines ganzen instinktiven Demokratismus ließen sich die Arrestanten in ihrem Benehmen ihm gegenüber niemals zu einer Respektlosigkeit oder Familiarität herbei. Im Gegenteil. Das ganze Gesicht des Arrestanten erstrahlte, wenn er diesem Kommandeur begegnete; er zog die Mütze und blickte lächelnd, wenn er auf ihn zuging. Wenn er aber einen ansprach, so war es, wie wenn er ihm einen Rubel schenkte. Es gibt eben solche populären Menschen. Er hatte ein schneidiges Auftreten und einen aufrechten, munteren Gang. »Ein Adler!« pflegten die Arrestanten von ihm zu sagen. Ihre Lage konnte er natürlich nicht erleichtern, da er nur die Ingenieurarbeiten unter sich hatte, die wie bei allen anderen Kommandeuren in einer gleichen, ein für alle Mal eingeführten, gesetzlichen Ordnung vor sich gingen. Es kam höchstens vor, daß, wenn er zufällig eine Partie bei der Arbeit traf und sah, daß die Arbeit erledigt war, sie nicht länger aufhielt und vor dem Trommelschlag heimgehen ließ. Den Leuten gefiel sein Vertrauen zu den Arrestanten, der Mangel an jeder Kleinlichkeit und Reizbarkeit, das vollkommene Fehlen gewisser verletzender Formen in seinem Auftreten als Vorgesetzter. Hätte er tausend Rubel verloren, so hätte sie ihm selbst der schlimmste Dieb aus unserem Zuchthause, falls er sie fände, zurückgegeben. Ich bin davon überzeugt. Die Arrestanten waren aufs tiefste betrübt, als sie einmal erfuhren, daß ihr adlergleicher Kommandeur sich mit dem verhaßten Major tödlich verzankt hatte. Dies geschah gleich im ersten Monat nach seiner Ankunft. Unser Major war früher einmal sein Regimentskamerad gewesen. Nach der langen Trennung trafen sie sich wie Freunde und begannen zusammen zu trinken. Aber plötzlich kam es zu einem Bruch zwischen ihnen. Sie verzankten sich, und G–kow wurde zu einem Todfeinde des Majors. Man erzählte sich sogar, daß sie sich bei dieser Gelegenheit in die Haare geraten waren, was mit unserem Major sehr leicht passieren konnte: er pflegte oft handgreiflich zu werden. Als die Arrestanten es hörten, kannte ihre Freude keine Grenzen: »Wie kann der Achtäugige neben einem solchen Menschen bestehen! Dieser ist ein Adler, der unsrige aber ist ein...« und hier folgte gewöhnlich ein Wort, das man im Druck nicht gut wiedergeben kann. Man interessierte sich bei uns furchtbar dafür, wer den andern verprügelt hatte. Wenn das Gerücht von ihrer Prügelei sich als unwahr herausgestellt hätte (was wahrscheinlich der Fall war), so hätte es unseren Arrestanten wohl sehr leid getan. »Nein,« sagten sie, »sicher blieb unser Kommandeur der Sieger: er ist zwar klein, doch tapfer, der Major soll sich aber vor ihm unter das Bett verkrochen haben.« Aber G–kow kam bald von uns weg, und die Arrestanten versanken wieder in Trauer. Übrigens waren alle unsere Ingenieurkommandeure gut: zu meiner Zeit hatte es ihrer drei oder vier gegeben. »Aber einen solchen erleben wir nicht mehr,« sagten die Arrestanten: »er war ein Adler, ein Adler und Fürsprecher.« Dieser G–kow mochte uns Adlige besonders gern leiden und befahl schließlich mir und B–ki, ab und zu in seine Kanzlei zu kommen. Nach seiner Abreise nahm diese Tätigkeit eine regelmäßigere Formen an. Unter den Ingenieuren gab es Leute (besonders einen), die mit uns sympathisierten. Wir gingen in die Kanzlei, schrieben die Akten ab, und unsere Handschrift fing sich sogar zu vervollkommnen an, als plötzlich von der höchsten Behörde der Befehl kam, uns sofort zu unseren früheren Arbeiten zurückzuschicken: jemand hatte es bereits denunziert! Das war übrigens gut: die Kanzlei war uns beiden schon langweilig geworden! Die folgenden zwei Jahre ging ich fast immer unzertrennlich mit B–ki zu derselben Arbeit, am häufigsten in die Werkstätte. Wir plauderten miteinander und sprachen von unseren Hoffnungen und Anschauungen. Er war ein prachtvoller Mensch, aber von sonderbaren, exklusiven Überzeugungen. Eine gewisse Abart sehr kluger Menschen eignet sich oft durchaus paradoxe Anschauungen an. Aber man hat wegen dieser Anschauungen schon so viel gelitten, man hat sie um einen so teueren Preis gewonnen, daß es allzu schmerzhaft und sogar unmöglich wäre, sich von ihnen loszureißen. B–ki nahm jeden meiner Einwände mit tiefem Schmerz auf und antwortete mir bissig. In vielen Dingen hatte er vielleicht übrigens mehr recht als ich, ich weiß es nicht; aber schließlich gingen wir ganz auseinander, und dies tat mir sehr weh: wir hatten schon so vieles zusammen erlebt.