Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Z–ki antwortete, daß er es begreife.
»Begreifst du, daß ich, dein Vorgesetzter, dich hergerufen habe, um dich um Verzeihung zu bitten? Fühlst du es? Was bist du vor mir? Ein Wurm! Weniger als ein Wurm: ein Arrestant! Ich aber bin von Gottes Gnaden Major. Er äußerte sich buchstäblich so; diesen Ausdruck gebrauchten übrigens zu meiner Zeit außer unserem Major viele niedere Vorgesetzte, vorwiegend solche, die sich aus dem Soldatenstande hinaufgedient hatten. Anmerkung Dostojewskis. Ein Major! Begreifst du das?«
Z–ki antwortete, daß er auch das begreife.
»Nun, jetzt will ich mich mit dir versöhnen. Fühlst du es aber auch richtig, in vollem Umfange? Bist du fähig, es zu begreifen und zu fühlen? Bedenke bloß: ich, der Major!...« usw.
Z–ki erzählte mir selbst diese ganze Szene. Also wohnte auch in diesem versoffenen, dummen und unordentlichen Menschen ein menschliches Gefühl. Wenn man seine Anschauungen und seinen Bildungsgrad berücksichtigt, muß man eine solche Handlung fast edelmütig nennen. Übrigens hatte vielleicht auch sein betrunkener Zustand viel dazu beigetragen.
Sein Traum ging jedoch nicht in Erfüllung: er heiratete nicht, obwohl er sich dazu fest entschlossen hatte, als seine Wohnung neu ausgemalt war. Statt zu heiraten, kam er vors Gericht und mußte seinen Abschied nehmen. Bei dieser Gelegenheit kamen auch alle seine alten Sünden heraus. Vorher war er, wie ich glaube, in dieser selben Stadt Stadthauptmann gewesen... Der Schlag traf ihn ganz unerwartet. Im Zuchthause rief diese Nachricht eine maßlose Freude hervor. Es war ein Fest, ein Triumph! Man erzählte sich, der Major hätte wie ein altes Weib geheult und geweint. Es war aber nichts zu machen. Er nahm seinen Abschied, verkaufte erst sein Paar Graue, dann auch seinen übrigen Besitz und verfiel sogar in Armut. Wir trafen ihn später öfters in einem abgetragenen Zivilrock, mit einer Kokarde auf der Mütze. Er blickte die Arrestanten bei solchen Begegnungen boshaft an. Aber sein ganzer Zauber war dahin, sobald er die Uniform abgelegt hatte. In der Uniform war er ein Ungewitter, eine Gottheit gewesen. Im Zivilrock war er plötzlich nichts und erinnerte an einen Lakaien. Es ist merkwürdig, wieviel bei diesen Leuten die Uniform bedeutet.
IX
Eine Flucht
Bald nach der Absetzung unseres Platzmajors gingen in unserem Zuchthause wichtige Veränderungen vor sich. Das Zivilzuchthaus wurde aufgehoben und an seiner Statt eine Strafkompagnie des Militärressorts nach dem Muster der Strafkompagnien im Europäischen Rußland gegründet. Dies bedeutete, daß in unser Zuchthaus keine Verbannten der zweiten Kategorie mehr kamen. Von nun an wurde das Zuchthaus ausschließlich mit militärischen Arrestanten bevölkert, also mit Leuten, die ihre Standesrechte noch nicht verloren hatten und sich von den andern Soldaten nur dadurch unterschieden, daß sie eine Strafe abbüßten; sie kamen für kurze Fristen (höchstens für sechs Jahre) ins Zuchthaus und kehrten nach dem Austritt aus dem Zuchthause in ihre Bataillone als die gleichen Soldaten zurück, wie sie früher waren. Übrigens bekamen diejenigen, die wegen eines neuen Vergehens ins Zuchthaus zurückkehrten, genau wie früher eine zwanzigjährige Strafzeit zudiktiert. Wir hatten übrigens auch schon vor dieser Veränderung eine eigene Abteilung von Militärarrestanten gehabt, aber diese lebten mit uns zusammen, da für sie kein eigener Raum da war. Nun wurde das ganze Zuchthaus in eine einzige Militärabteilung verwandelt. Selbstverständlich blieben die schon vorhandenen Zivilarrestanten, die aller Bürgerrechte beraubten, gebrandmarkten, echten Zuchthäusler mit den zur Hälfte rasierten Köpfen, auch noch weiter im Zuchthause, bis zur Abbüßung ihrer vollen Straffristen; neue kamen nicht, die Verbliebenen absolvierten aber einer nach dem andern ihre Strafzeiten und wurden entlassen, so daß nach etwa zehn Jahren in unserem Zuchthause kein einziger Zivilarrestant mehr bleiben konnte. Auch die Besondere Abteilung am Zuchthause blieb bestehen, und in diese kamen von Zeit zu Zeit die schwersten militärischen Verbrecher, »bis zur Einführung der schwersten Zwangsarbeit in Sibirien«, wie es im Gesetz hieß. So ging unser Leben eigentlich seinen früheren Gang: dieselbe Ordnung, dieselbe Verpflegung, dieselbe Arbeit, nur war die Aufsichtsbehörde eine andere und kompliziertere geworden. Es wurde ein Stabsoffizier als Kommandeur der ganzen Strafkompagnie ernannt, und neben ihm vier Offiziere, die abwechselnd den Dienst im Zuchthause versahen. Die Invaliden wurden abgeschafft und statt ihrer zwölf Unteroffiziere und ein Oberaufseher angestellt. Der ganze Bestand an Arrestanten wurde in Gruppen von je zehn Mann eingeteilt; es wurden Gefreite aus der Zahl der Arrestanten selbst ernannt, natürlich nur nominell; selbstverständlich wurde Akim Akimytsch sofort Gefreiter. Diese ganze neue Einrichtung und das ganze Zuchthaus mit allen seinen Beamten und Arrestanten blieb nach wie vor unter dem Oberbefehl des Kommandanten. Das ist alles, was geschah. Die Arrestanten regten sich anfangs natürlich sehr auf; sie besprachen die Veränderungen und stellten Vermutungen über die neuen Vorgesetzten an; als sie aber sahen, daß alles eigentlich beim alten blieb, so beruhigten sie sich sofort, und unser Leben nahm seinen alten Gang. Das wichtigste aber war, daß alle nun von dem früheren Major erlöst waren; alle atmeten erleichtert auf und faßten neuen Mut. Das verängstigte Wesen verschwand; ein jeder wußte jetzt, daß er sich im Notfalle mit seinem Vorgesetzten auseinandersetzen durfte und daß ein Unschuldiger höchstens nur aus Versehen statt eines Schuldigen bestraft werden konnte. Selbst der Branntweinhandel wurde bei uns in der alten Form weiter betrieben, obwohl statt der früheren Invaliden Unteroffiziere eingesetzt waren. Diese Unteroffiziere erwiesen sich in den meisten Fällen als anständige, vernünftige Menschen, die für ihre Stellung volles Verständnis hatten. Einige von ihnen versuchten übrigens in der ersten Zeit, sich wichtig zu machen und die Arrestanten, natürlich aus Unerfahrenheit, wie Soldaten zu behandeln. Aber auch sie begriffen bald die Sachlage. Die andern, die sie lange nicht begreifen wollten, wurden aber von den Arrestanten selbst aufgeklärt. Es gab ziemlich heftige Zusammenstöße: man verführte z.B. so einen Unteroffizier, machte ihn betrunken und meldete hinterher ihm selbst, natürlich in der entsprechenden Form, daß er mit den Arrestanten getrunken hätte und folglich... Schließlich sahen die Unteroffiziere gleichgültig zu oder sahen, richtiger gesagt, überhaupt nicht, wie man die Därme einschmuggelte und den Branntwein verkaufte. Noch mehr als das: sie gingen wie die früheren Invaliden auf den Markt und kauften für die Arrestanten Semmeln, Fleisch und alles übrige, d.h. solche Dinge, die sie ohne großes Risiko ins Zuchthaus bringen konnten. Welchen Zweck alle diese Veränderungen hatten, wozu die Arrestantenkompagnie eingeführt wurde, weiß ich nicht zu sagen. Dies geschah in den letzten Jahren meines Zuchthauslebens. Aber zwei Jahre mußte ich noch unter diesen neuen Verhältnissen leben...
Soll ich dieses ganze Leben, alle meine Zuchthausjahre schildern? Ich glaube nicht. Wenn ich der Reihe nach alles beschreiben wollte, was in diesen Jahren geschah, was ich sah und erlebte, so könnte ich natürlich damit drei- und viermal mehr Kapitel füllen, als ich bis jetzt geschrieben habe. Aber eine solche Schilderung muß auf die Dauer allzu eintönig werden. Alle Erlebnisse erscheinen auf den gleichen Ton gestimmt, besonders für den Leser, der schon aus den niedergeschriebenen Kapiteln ein einigermaßen genügendes Bild vom Leben eines Zuchthäuslers der zweiten Kategorie gewonnen hat. Ich wollte nur unser ganzes Zuchthaus und alles, was ich in diesen Jahren erlebt habe, in einem anschaulichen und farbenreichen Bilde schildern. Ob ich dies erreicht habe, weiß ich nicht. Ich bin auch wohl nicht berufen, darüber zu urteilen. Aber ich bin überzeugt, daß ich hier aufhören kann. Außerdem überkommt mich selbst bei diesen Erinnerungen zuweilen eine trübe Stimmung. Ich kann mich auch nicht auf alles besinnen. Die späteren Jahre sind irgendwie meinem Gedächtnisse entschwunden. Ich bin überzeugt, daß ich viele Umstände vollständig vergessen habe. Ich erinnere mich nur, daß alle diese Jahre, die einander so ähnlich waren, matt und traurig dahingingen. Diese langen, langweiligen Tage waren so eintönig, wie wenn Regenwasser vom Dach tropft. Ich weiß nur noch, daß nur das leidenschaftliche Verlangen nach einer Auferstehung, nach einer Erneuerung, nach einem neuen Leben mir die Kraft gab, zu warten und zu hoffen. Und ich fand schließlich diese Kraft: ich wartete, ich zählte jeden Tag, und obwohl mir ihrer noch tausend blieben, strich ich jeden einzelnen aus der Gesamtzahl, trug ihn zu Grabe und freute mich beim Anbruch eines neuen Tages, daß ihrer nicht mehr tausend, sondern nur neunhundertneunundneunzig blieben. Ich erinnere mich, daß ich mich während dieser ganzen Zeit, trotz der Hunderte von Genossen, furchtbar vereinsamt fühlte und diese Vereinsamung zuletzt lieb gewann. Seelisch vereinsamt, unterzog ich mein ganzes bisheriges Leben einer Revision, nahm alles, bis zum geringsten Detail darin durch, versenkte mich in meine Vergangenheit, hielt über mich ein unbarmherziges und strenges Gericht und segnete sogar zuweilen mein Schicksal dafür, daß es mir diese Vereinsamung gesandt hatte, ohne die weder dieses strenge Gericht über mich selbst, noch die strenge Durchsicht meines früheren Lebens möglich gewesen wäre. Was für Hoffnungen füllten damals mein Herz! Ich glaubte, ich hatte beschlossen und mir den Eid abgenommen, daß es in meinem künftigen Leben keine solche Fehler und Verirrungen mehr geben solle, die dann früher waren. Ich stellte mir ein Programm für die ganze Zukunft auf und nahm mir vor, es streng zu befolgen. In mir erwachte von neuem der blinde Glaube, daß ich dies alles erfüllen würde und auch erfüllen könne... Ich wartete auf die Freiheit und rief sie so schnell wie möglich herbei; ich wollte mich wieder in einem neuen Kampf erproben. Zuweilen bemächtigte sich meiner eine krampfhafte Ungeduld... Aber es ist mir jetzt schmerzhaft, an meine damalige Stimmung zurückzudenken. Natürlich geht dies alles nur mich allein an... Aber darum habe ich auch dies alles aufgezeichnet, weil ich glaube, daß jeder es begreifen wird und es einem jeden ebenso gehen wird, wenn er in der Blüte seiner Jahre und Kräfte für eine bestimmte Zeit ins Gefängnis kommt.