Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Indessen wurde M–cki mit den Jahren immer trauriger und düsterer. Der Gram erdrückte ihn. Früher, in der ersten Zeit meines Aufenthaltes im Zuchthause, war er mitteilsamer gewesen und hatte sein Herz viel häufiger ausgeschüttet. Als ich ins Zuchthaus eintrat, war er schon das dritte Jahr da. Anfangs interessierte er sich für vieles davon, was während dieser zwei Jahre in der Welt geschehen war und wovon er im Zuchthause keine Ahnung gehabt hatte; er fragte mich aus, hörte mir zu und regte sich auf. Aber später, mit den Jahren, zog sich alles in sein Innerstes zurück. Die Kohlenglut verschwand unter der Asche. Seine Gehässigkeit wuchs immer mehr. »Je haïs ces brigands.« sagte er mir immer öfter, mit Haß auf die Zuchthäusler blickend, die ich indessen näher kennengelernt hatte, und was ich auch zu ihren Gunsten sagte, machte auf ihn nicht den geringsten Eindruck. Er verstand einfach nicht, was ich ihm sagte; zuweilen stimmte er mir übrigens zerstreut zu, sagte aber schon am nächsten Tage wieder: »Je haïs ces brigands.« Wir sprachen übrigens oft französisch miteinander, und ein Arbeitsaufseher, der Geniesoldat Dranischnikow, nannte uns aus diesem Grunde »Feldschere«; ich weiß nicht, was er sich dabei dachte. M–cki geriet nur dann in Feuer, wenn er von seiner Mutter sprach. »Sie ist alt, sie ist krank,« sagte er mir, »sie liebt mich über alles in der Welt, und ich weiß nicht mal, ob sie noch am Leben ist. Es ist schon viel, daß sie weiß, daß ich habe Spießruten laufen müssen...« M–cki war kein Adliger und hatte vor der Verschickung eine Körperstrafe bekommen. Wenn er davon sprach, biß er die Zähne aufeinander und blickte zur Seite. In der letzten Zeit ging er immer öfter allein. Eines Morgens gegen zwölf wurde er zum Kommandanten berufen. Der Kommandant empfing ihn mit einem lustigen Lächeln.
»Nun, M–cki, was hat dir heute geträumt?« fragte er ihn. »Ich fuhr zusammen,« berichtete M–cki, als er zu uns zurückkehrte. »Seine Worte durchbohrten mir das Herz.«
»Es träumte mir, ich hätte einen Brief von meiner Mutter bekommen,« antwortete er.
»Noch etwas Schöneres!« entgegnete der Kommandant. »Du bist frei! Deine Mutter hat sich für dich verwendet... ihre Bitte fand Gehör. Hier ist ein Brief von ihr und hier ein Befehl über dich. Du wirst sofort das Zuchthaus verlassen!«
Er kam blaß und noch nicht ganz zum Bewußtsein gekommen zurück. Wir gratulierten ihm. Er drückte uns die Hände mit seinen zitternden, kalt gewordenen Händen. Auch viele andere Arrestanten beglückwünschten ihn und freuten sich über sein Glück.
Er wurde nun Ansiedler und blieb in unserer Stadt. Bald darauf bekam er eine Stellung. In der ersten Zeit kam er häufig vor unser Zuchthaustor, um uns verschiedene Neuigkeiten mitzuteilen. Die politischen interessierten ihn ganz besonders.
Von den übrigen vier, d.h. außer M–cki, T–wski, B–ki und Z–ki waren zwei noch sehr junge Leute, die für kurze Zeit verschickt worden waren, wenig gebildete, aber ehrliche, aufrichtige und einfache Menschen. Der dritte, A–cukowski, war schon gar zu einfältig und stellte nichts Besonderes dar; dafür machte der vierte, B–m, ein schon bejahrter Mensch, auf uns alle den schlechtesten Eindruck. Ich weiß nicht, wie er in diese Verbrecherkategorie hineingeraten war; auch leugnete er selbst seine Beteiligung an den entsprechenden Vergehen. Es war eine rohe Spießbürgerseele mit den Gewohnheiten und Anschauungen eines Krämers, der sich durch kleine Schwindelgeschäfte bereichert hat. Er besaß nicht die geringste Bildung und interessierte sich für nichts als für sein Handwerk. Er war Zimmermaler, aber ein ganz hervorragender Meister in diesem Fach. Die Obrigkeit erfuhr bald von seinen Talenten, und die ganze Stadt verlangte nach B–m zur Ausmalung der Wände und Decken. In zwei Jahren hatte er fast alle Amtswohnungen ausgemalt. Die Inhaber dieser Wohnungen bezahlten ihn aus eigener Tasche, und er lebte in guten Verhältnissen. Das beste aber war, daß man auch andere seiner Kameraden mit ihm zur Arbeit schickte. Von denen, die ihn ständig begleiteten, erlernten zwei sein Handwerk, und einer von ihnen, T–wski, malte bald nicht schlechter als er. Unser Platzmajor, der ein ganzes Amtsgebäude bewohnte, berief auch B–m zu sich und befahl ihm, alle Wände und Decken auszumalen. B–m gab sich dabei besondere Mühe: selbst die Wohnung des Generalsgouverneurs war nicht so schön ausgemalt. Es war ein hölzernes, einstöckiges, ziemlich baufälliges und von außen unansehnliches Haus; innen war es aber ausgemalt wie ein Palast, und der Major war entzückt... Er rieb sich die Hände und sagte immer wieder, daß er jetzt unbedingt heiraten werde: »Wenn man eine solche Wohnung hat, ist es einfach unmöglich, nicht zu heiraten,« fügte er vollkommen ernst hinzu. Mit B–m war er immer mehr zufrieden und dann auch mit den andern, die ihm bei der Arbeit halfen. Die Arbeit dauerte einen ganzen Monat. In diesem Monat änderte der Major seine Meinung über die Leute unserer Klasse vollständig und begann sie zu protegieren. Das ging so weit, daß er eines Tages den Z–ki aus dem Zuchthause zu sich berief.
»Z–ki,« sagte er, »ich habe dich schwer gekränkt. Ich habe dich ohne Grund mit Ruten bestrafen lassen, ich weiß es. Ich bereue es. Begreifst du es? Ich, ich, ich bereue es!?«