Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
»Die sind wie in die Erde versunken!«
»Leben Sie wohl, essen Sie Kohl!«
Man wußte bei uns, daß man alle Bauern der ganzen Gegend auf die Beine gebracht hatte und alle verdächtigen Orte, alle Wälder und Schluchten bewachen ließ.
»Das nützt alles nichts!« sagten die Unsrigen lächelnd. »Die haben sicher einen Helfer, bei dem sie sich jetzt aufhalten.«
»Sicher haben sie einen!« sagten die andern. »Die sind nicht so dumm, haben sich alles vorher überlegt.«
Man ging in den Mutmaßungen noch weiter: man sagte sich, die Flüchtlinge hielten sich vielleicht noch immer in der Vorstadt auf und warteten in irgendeinem Keller ab, bis die Aufregung sich gelegt habe und ihnen die Haare gewachsen seien. So würden sie ein halbes oder ein ganzes Jahr warten und sich dann auf die Beine machen...
Mit einem Worte, alle fühlten sich wie an einem Roman beteiligt. Plötzlich kam aber acht Tage nach der Flucht das Gerücht, daß man ihnen auf der Spur sei. Das unsinnige Gerücht wurde natürlich sofort mit Verachtung zurückgewiesen. Aber am gleichen Abend wurde es von neuem bestätigt. Die Arrestanten wurden unruhig. Am nächsten Morgen verbreitete sich in der Stadt die Nachricht, man hätte sie bereits eingefangen und sei mit ihnen unterwegs. Am Nachmittag erfuhr man noch mehr Einzelheiten: man hätte sie in einer Entfernung von siebzig Werst im Dorfe so und so eingefangen. Endlich kamen ganz zuverlässige Nachrichten. Als der Feldwebel vom Major zurückkam, erklärte er auf das bestimmteste, daß man sie gegen Abend auf die Hauptwache am Zuchthaus bringen würde. Nun durfte man nicht länger zweifeln. Der Eindruck, den diese Nachricht auf die Arrestanten machte, läßt sich schwer wiedergeben. Anfangs gerieten alle in Wut, darauf wurden sie traurig. Dann machte sich eine Art Spottlust bemerkbar. Man begann zu spotten, aber nicht mehr über die Verfolger, sondern über die Gefangenen; zuerst spotteten nur wenige, dann fast alle, mit Ausnahme einiger ernster und solider Leute, die selbständig dachten und sich durch die Spöttereien nicht aus dem Konzept bringen ließen. Sie blickten mit Verachtung auf den Leichtsinn der Masse und schwiegen.
Mit einem Worte, Kulikow und A–w wurden jetzt im gleichen Maße herabgesetzt, sogar mit Genuß herabgesetzt, in dem man sie früher gerühmt hatte. Es war, wie wenn sich alle durch irgend etwas gekränkt fühlten. Die Arrestanten erzählten sich voller Verachtung, daß die Flüchtlinge Hunger bekommen hätten; sie hätten ihn nicht ertragen können und seien ins Dorf zu den Bauern gegangen, um Brot zu bitten. Dies war aber schon die tiefste Stufe der Erniedrigung für einen Landstreicher. Diese Berichte erwiesen sich übrigens als unwahr. Man hatte die Flüchtlinge aufgespürt; sie hatten sich in einem Walde versteckt, und man hatte diesen von allen Seiten umstellt. Als sie nun keine Möglichkeit sahen, zu entkommen, ergaben sie sich selbst. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig.
Als man sie aber am Abend wirklich brachte, an Händen und Füßen gebunden, von Gendarmen bewacht, lief das ganze Zuchthaus zu den Palisaden hinaus, um zu sehen, was man mit ihnen tun würde. Natürlich bekam man außer den Equipagen des Majors und des Kommandanten vor der Hauptwache nichts zu sehen. Die Flüchtlinge wurden in eine sogenannte »geheime« Zelle gesperrt, in Fesseln geschmiedet und gleich am nächsten Tage vors Gericht gestellt. Die Spöttereien und die Verachtung der Arrestanten schwanden bald von selbst. Man erfuhr den Sachverhalt genauer und stellte fest, daß den Flüchtlingen nichts anderes geblieben war, als sich zu ergeben. Nun verfolgten alle mit Teilnahme den Gang der Sache vor Gericht.
»Tausend Spießruten werden sie wohl kriegen,« sagten die einen.
»Ach, was, tausend!« meinten andere. »Man wird ihnen einfach den Garaus machen. A–w wird vielleicht wirklich mit einem Tausend davonkommen, den andern wird man aber totschlagen, denn er ist doch von der Besonderen Abteilung, Brüder.«
Die Vermutungen erwiesen sich jedoch als unrichtig. A–w bekam bloß fünfhundert; man zog nämlich sein bisheriges befriedigendes Betragen in Betracht und auch, daß die Flucht sein erstes Vergehen war. Kulikow bekam, glaube ich, fünfzehnhundert Spießruten. Die Exekution wurde ziemlich gnädig durchgeführt. Als kluge Menschen verwickelten sie vor Gericht niemand anderen in die Sache, machten ihre Aussagen klar und genau und behaupteten, daß sie direkt aus der Festung, ohne sich vorher irgendwo aufzuhalten, geflohen seien. Am meisten tat mir Koller leid: er verlor alles, seine letzten Hoffnungen, bekam mehr als die andern, ich glaube zweitausend Spießruten, und wurde in irgendein anderes Zuchthaus als Arrestant verschickt. A–w wurde mild, mit Mitleid bestraft; die Ärzte hatten sich seiner angenommen. Er aber prahlte und redete im Hospital laut, daß er jetzt alles riskieren werde, zu allem bereit sei und noch etwas ganz anderes unternehmen wolle. Kulikow benahm sich wie immer, d.h. solid und anständig, und sah, als er nach der Exekution ins Zuchthaus zurückkehrte, so aus, als ob er es niemals verlassen hätte. Die Arrestanten sahen ihn aber doch mit anderen Augen an: obwohl Kulikow immer und überall für sich einzutreten verstand, hörten die Arrestanten in der Tiefe ihres Herzens ihn zu achten auf und behandelten ihn von nun an mehr wie ihresgleichen. Mit einem Worte, nach diesem Fluchtversuch war der Ruhm Kulikows erheblich verblaßt. Der Erfolg hat ja bei den Menschen so viel zu bedeuten!
X
Der Austritt aus dem Zuchthause
Dies alles begab sich schon im letzten Jahre meines Zuchthauslebens. Dieses letzte Jahr habe ich fast ebenso lebhaft in Erinnerung wie das erste, besonders die allerletzte Zeit im Zuchthause. Aber was soll ich von Einzelheiten reden? Ich erinnere mich nur, daß mir in diesem letzten Jahre trotz meiner ganzen Ungeduld, meine Frist möglichst schnell zu absolvieren, das Leben viel leichter fiel als in allen vorhergehenden Jahren meiner Verbannung. Erstens hatte ich schon unter den Arrestanten viele Bekannte und Freunde, die endgültig eingesehen hatten, daß ich ein guter Mensch sei. Viele von ihnen waren mir ergeben und hingen an mir mit aufrichtiger Liebe. Der »Pionier« weinte beinahe, als er mich und meinen Genossen aus dem Zuchthause hinausbegleitete, und als wir später, nach dem Austritt aus dem Zuchthause noch einen ganzen Monat in dieser Stadt in einem ärarischen Gebäude lebten, kam er fast jeden Tag zu uns, nur um uns zu sehen. Es gab aber auch einige Menschen, die bis ans Ende mürrisch und unfreundlich blieben, denen es wohl schwer fiel, mit mir ein Wort zu sprechen, – Gott weiß warum. Es war, als ob zwischen uns eine Mauer stünde.
In der letzten Zeit genoß ich überhaupt mehr Vergünstigungen als während meines ganzen vorhergehenden Zuchthauslebens. Unter den in dieser Stadt dienenden Militärs fanden sich Bekannte von mir, sogar alte Schulkameraden. Ich nahm meine Beziehungen zu ihnen wieder auf. Durch ihre Vermittlung konnte ich mir mehr Geld verschaffen, nach der Heimat schreiben und sogar Bücher bekommen. Ich hatte schon seit mehreren Jahren kein einziges Buch mehr gelesen, und ich kann nur schwer den seltsamen und aufregenden Eindruck wiedergeben, den auf mich das erste Buch machte, das ich im Zuchthause las. Ich erinnere mich, daß ich am Abend, als die Kaserne geschlossen wurde, mit dem Lesen begann und die ganze Nacht bis zum Tagesanbruch las. Es war das Heft irgendeiner Zeitschrift. Mir war es, als hätte mich eine Nachricht aus einer anderen Welt erreicht; mein ganzes früheres Leben erstand grell und leuchtend vor meinen Augen, und ich bemühte mich mit Hilfe dessen, was ich las, zu erraten, wie weit ich hinter jenem Leben zurückgeblieben war. Ob sie dort ohne mich viel erlebt hätten, was sie jetzt aufrege, was für Fragen sie beschäftigten? Ich klammerte mich an jedes Wort, ich las zwischen den Zeilen, bemüht, einen geheimnisvollen Sinn, Andeutungen über das Frühere herauszulesen; ich suchte Spuren dessen, was früher, zu meiner Zeit, die Menschen erregt hatte, und es war mir nun in der Tat furchtbar traurig, zu erkennen, wie fremd ich diesem neuen Leben gegenüberstand: ich war zu einem vom Brotlaibe abgeschnittenen Stück geworden. Nun mußte ich mich an das Neue gewöhnen, Bekanntschaft mit der neuen Generation machen. Mit besonderer Spannung las ich den Artikel, unter dem ich die Unterschrift eines mir einst bekannten und nahen Menschen fand... Aber es tönten auch schon neue Namen: es waren neue Menschen aufgetreten, und ich beeilte mich voller Ungeduld, sie kennen zu lernen, und ärgerte mich, daß ich mir so wenig Bücher verschaffen konnte. Vorher, unter dem früheren Platzmajor war es sogar gefährlich gewesen, Bücher ins Zuchthaus zu bringen. Im Falle einer Durchsuchung wurde man totsicher gefragt: »Woher sind diese Bücher? Wo hast du sie her? Du unterhältst also Beziehungen mit der Außenwelt?...« Was hätte ich aber auf solche Fragen antworten können? Darum vertiefte ich mich, ohne die Bücher lebend, unwillkürlich in mich selbst, stellte mir Fragen, bemühte mich, sie zu lösen, und quälte mich zuweilen mit ihnen... Aber alles läßt sich doch nicht so einfach wiedergeben!...