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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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»Wie sehen die aus!« brüllte er. »Es sind doch Landstreicher und Räuber!«

Z–ki, der damals noch schlecht russisch verstand und glaubte, man frage sie, wer sie seien, ob Landstreicher oder Räuber, antwortete:

»Wir sind keine Landstreicher, sondern politische Verbrecher.«

»Wa–a–as! Du bist noch grob?« brüllte der Major. »Auf die Hauptwache! Hundert Rutenhiebe, sofort, augenblicklich!«

Der alte Mann bekam die Strafe. Er legte sich ohne ein Wort der Widerrede auf die Bank, biß die Zähne in den Arm und empfing die Züchtigung ohne den leisesten Schrei oder Seufzer, ohne die leiseste Bewegung. B–ki und T–wski waren indessen ins Zuchthaus gegangen, wo sie am Tore von M–cki erwartet worden waren, der ihnen sofort um den Hals viel, obwohl er sie vorher nie gesehen hatte. Durch den Empfang beim Platzmajor aufgeregt, erzählten sie ihm alles über Z–ki. Ich erinnere mich noch, wie M–cki mir darüber berichtete: »Ich war ganz außer mir. Ich wußte gar nicht, was mit mir geschah, und zitterte wie im Fieber. Ich erwartete Z–ki am Tore. Er mußte direkt von der Hauptwache kommen, wo er seine Rutenstrafe bekommen hatte. Plötzlich ging das Pförtchen auf: Z–ki schritt, ohne jemand anzusehen, mit blassem Gesicht und zitternden blassen Lippen zwischen den auf dem Hofe versammelten Arrestanten, die schon wußten, daß ein Adliger eine körperliche Strafe bekäme, trat in die Kaserne, ging direkt auf seinen Platz zu, kniete, ohne ein Wort zu sagen, nieder und begann zu beten. Die Zuchthäusler waren frappiert und sogar gerührt. »Als ich diesen Greis erblickte,« erzählte M–cki, »mit den grauen Haaren, der in seiner Heimat Frau und Kinder zurückgelassen hatte, als ich ihn auf den Knien liegen sah, wie er nach der schmählichen Züchtigung betete, rannte ich hinter die Kaserne und war zwei Stunden lang wie bewußtlos; ich war rasend...« Die Zuchthäusler begannen den Z–ki seit jener Zeit außerordentlich zu achten und behandelten ihn immer mit Respekt. Am meisten hatte ihnen gefallen, daß er unter den Ruten nicht geschrien hatte.

Ich muß aber doch die ganze Wahrheit sagen: nach diesem einen Beispiele darf man keineswegs über die Behandlung der verbannten Adligen, ganz gleich, ob Russen oder Polen, durch die Behörden urteilen. Dieses Beispiel beweist nur, daß man auf einen bösen Menschen stoßen kann, und wenn dieser böse Mensch irgendwo die Stelle eines unabhängigen und höchsten Vorgesetzten bekleidet, so ist es um das Schicksal eines Verbannten, falls er diesem Vorgesetzten mißfällt, schlecht bestellt. Aber es darf nicht verschwiegen werden, daß die höchste Behörde in Sibirien, von der der Ton und die Stimmung sämtlicher Vorgesetzten abhängen, in bezug auf die verbannten Adligen sehr rücksichtsvoll ist und in manchen Fällen sogar dazu neigt, ihnen gewisse Begünstigungen den einfachen Zuchthäuslern gegenüber einzuräumen. Die Gründe sind ja klar: erstens sind diese höchsten Vorgesetzten selbst Adlige, zweitens kam es früher vor, daß manche Adligen sich der körperlichen Züchtigung nicht unterziehen wollten und sich auf die Vollstrecker stürzten, was zu schrecklichen Auftritten führte; drittens, und das scheint mir das Wichtigste, hat die große Masse der verbannten Adligen, die vor fünfunddreißig Jahren auf einmal nach Sibirien kam, [Gemeint sind die zahlreichen Dekabristen, die 1826 auf einmal nach Sibirien verbannt worden sind. Anm. d. Übers.] sich während dieser Zeit in ganz Sibirien eine solche Stellung und ein solches Renommee verschafft, daß die Obrigkeit in meiner Zeit die adligen Verbrecher von der gewissen Kategorie schon gewohnheitsmäßig und aus Tradition mit anderen Augen ansah als alle anderen Verbannten. Diesen Standpunkt übernahmen dann auch die niederen Vorgesetzten, die sich den höheren fügten. Viele von diesen niederen Vorgesetzten waren übrigens sehr beschränkt, kritisierten im stillen die Anordnungen von oben und wären außerordentlich froh, wenn sie nach eigenem Ermessen verfahren dürften. Aber das wurde ihnen doch nicht ganz gestattet. Ich darf dies positiv behaupten, und zwar aus folgendem Grunde. Die zweite Kategorie der Zuchthäusler, zu der ich gehörte und die aus zur Zwangsarbeit verurteilten Arrestanten unter militärischer Oberaufsicht bestand, hatte es unvergleichlich schwerer als die beiden anderen Kategorien, d.h. als die dritte (die in den Fabriken arbeitete) und als die erste (in den Bergwerken). Sie war nicht nur für die Adligen, sondern auch für alle anderen Arrestanten schwerer, gerade aus dem Grunde, weil die Oberaufsicht und die ganze Einrichtung dieser Kategorie militärisch war und an die Strafkompagnien im europäischen Rußland erinnerte. Die militärische Obrigkeit ist strenger, die Disziplin ist straffer, man ist immer in Ketten, immer unter Bewachung, immer hinter Schloß und Riegel; dies wird aber in den beiden anderen Kategorien nicht so streng gehandhabt. Das behaupteten wenigstens alle unsere Arrestanten, unter denen es sehr sachverständige Leute gab. Sie alle wären mit Freude in die erste Kategorie gegangen, die nach dem Gesetze als die schwerste gilt, und gaben sich oft diesbezüglichen Träumereien hin. Von den Strafkompagnien im europäischen Rußland sprachen aber alle unsere Arrestanten, die in denselben gewesen waren, mit Grauen und behaupteten, daß es in ganz Rußland keinen schlimmeren Ort gäbe als die Strafkompagnien in den Festungen und daß das Leben in Sibirien im Vergleich mit dem dortigen ein Paradies sei. Wenn also bei einem so strengen Regime wie in unserem Zuchthause, unter der militärischen Oberleitung, unter den Augen des Generalgouverneurs und schließlich angesichts solcher Fälle, die zuweilen vorkamen, daß gewisse abseitsstehende, aber beamtete Menschen aus Bosheit oder aus übertriebenem Eifer heimlich an die höhere Stelle meldeten, daß die und die unzuverlässigen Vorgesetzten den Verbrechern der und der Kategorie Begünstigungen gewährten, – ich sage also, wenn an einem solchen Ort die verschickten Adligen doch mit etwas anderen Augen angesehen wurden als die übrigen Zuchthäusler, so war das doch sicher in der ersten und in der dritten Kategorie in einem weit größeren Maße der Fall. Ich glaube also nach dem Orte, an dem ich mich befunden hatte, über die entsprechenden Zustände in ganz Sibirien urteilen zu dürfen. Alle Gerüchte und Erzählungen, die ich darüber von den Verbannten der ersten und der dritten Kategorie hörte, bestätigten meine Annahme. In unserem Zuchthause behandelten die Vorgesetzten uns, die Adligen, in der Tat aufmerksamer und vorsichtiger. Begünstigungen in bezug auf die Arbeit und die Beköstigung genossen wir nicht: wir mußten dieselbe Arbeit tun, dieselben Fesseln tragen und hinter denselben Riegeln sitzen, – mit einem Worte, alles war genau so wie bei den anderen Arrestanten. Erleichterungen waren ja überhaupt unmöglich. Ich weiß, daß es in jener Stadt, in jener noch nicht weit zurückliegenden, aber längst vergangenen Zeit soviele Denunzianten und Intriganten gab, die einander eine Grube gruben, daß die Vorgesetzten natürlich stets Denunziationen fürchteten. Was konnte es aber in jener Zeit Schrecklicheres geben als eine Denunziation, daß die Verbrecher einer gewissen Kategorie Begünstigungen genießen! So hatte jeder Angst, und wir lebten unter dem gleichen Regime wie die übrigen Zuchthäusler; aber in bezug auf die Körperstrafe gab es für uns doch gewisse Ausnahmen. Freilich hätte man uns mit dem größten Vergnügen durchpeitschen lassen, wenn wir es verdient, d.h. uns wirklich irgendwie vergangen hätten. Dies erforderten doch der Diensteid und die Gleichheit aller vor der Körperstrafe. Aber so ganz ohne jeden Grund, aus leichtsinniger Laune wurden wir doch nicht gepeitscht; diese leichtsinnige Behandlung wurde jedoch den einfachen Arrestanten oft zuteil, besonders seitens gewisser subalterner Vorgesetzter, welche es liebten, bei jeder Gelegenheit Ordnung zu schaffen und ein Exempel zu statuieren. Es war uns bekannt, daß der Kommandant, als er die Geschichte mit dem alten Z–ki erfuhr, über unseren Major sehr empört war und ihm eingeschärft hatte, sich in Zukunft zu mäßigen. So berichteten mir alle. Man wußte bei uns auch, daß der Generalgouverneur selbst, der unserem Major vertraute und ihn als Vollstrecker und einen Menschen mit gewissen Fähigkeiten zum Teil auch schätzte, als er von dieser Geschichte gehört, ihm ebenfalls eine Rüge erteilt hatte. Unser Major nahm dies auch zur Kenntnis. Wie gern hatte er doch mal den M–cki durchpeitschen lassen, den er infolge der Denunziation des A–w haßte, aber er konnte es doch unmöglich fertigbringen, wie eifrig er auch nach einem Vorwande suchte, ihn stets verfolgte und belauerte. Von der Geschichte mit Z–ki erfuhr bald die ganze Stadt, und die allgemeine Meinung war gegen den Major; viele machten ihm Vorwürfe, manche sogar auf eine höchst unangenehme Weise. Ich erinnere mich jetzt auch meiner ersten Begegnung mit dem Platzmajor. Man hatte uns, d.h. mir und dem anderen Verbannten adliger Abstammung, mit dem ich gleichzeitig die Strafe antrat, schon in Tobolsk durch Berichte über den unangenehmen Charakter dieses Menschen Angst gemacht. Die alten verbannten Adligen, die schon eine fünfundzwanzigjährige Strafzeit hinter sich hatten und die sich damals dort befanden, empfingen uns mit der größten Sympathie und verkehrten mit uns während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes im Etappengefängnis: sie warnten uns vor unserem zukünftigen Kommandeur und versprachen uns, durch ihre Bekannten alles zu tun, um uns vor seinen Verfolgungen zu schützen. Und in der Tat: die drei Töchter des Generalgouverneurs, die aus dem europäischen Rußland gekommen waren und bei ihrem Vater zu Besuch weilten, erhielten von ihnen Briefe und verwendeten sich, wie es scheint, für uns. Was konnte er aber tun? Er sagte bloß dem Major, er solle in der Zukunft etwas vorsichtiger sein. Gegen drei Uhr nachmittags trafen wir, d.h. ich und mein Genosse, in dieser Stadt ein, und die Wachsoldaten führten uns direkt zu unserem Gebieter. Wir standen im Vorzimmer und warteten auf sein Erscheinen. Indessen hatte man schon nach dem Zuchthausunteroffizier geschickt. Sobald dieser gekommen war, erschien auch der Platzmajor. Sein blaurotes, von Finnen übersätes, böses Gesicht machte auf uns einen höchst bedrückenden Eindruck: es war, als ob eine böse Spinne auf eine arme Fliege losginge, die in ihr Nest geraten war.

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