Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Sie kamen in die Kaserne. Es war sechs Uhr früh. Außer ihnen war niemand da. Nachdem sie etwa eine Stunde gearbeitet hatten, sagten Kulikow und A–w zu Schilkin, daß sie nach der Werkstätte gehen wollten, erstens um jemand zu sprechen, und zweitens, um bei dieser Gelegenheit einige fehlende Werkzeuge mitzunehmen. Mit Schilkin mußten sie es sehr schlau anfangen, d.h. möglichst natürlich. Er war ein Moskauer Kleinbürger, ein Ofensetzer vom Fach, ein schlauer, durchtriebener, kluger und wortkarger Mensch. Von Aussehen war er schwächlich und hager. Er hätte wohl sein Lebtag eine Weste und einen Hausrock, die Tracht eines Moskauer Handwerkers tragen sollen, aber das Schicksal hatte es anders gewollt, und er kam nach langen Irrfahrten zu uns auf Lebenszeit in die Besondere Abteilung, d.h. in die Klasse der schwersten militärischen Verbrecher. Womit er diese Karriere verdient hatte, weiß ich nicht; aber eine besondere Unzufriedenheit war an ihm niemals wahrzunehmen; er benahm sich friedlich und gleichmäßig, betrank sich nur ab und zu wie ein Schuster, betrug sich aber auch im Rausche anständig. Ins Geheimnis war er natürlich nicht eingeweiht, aber er hatte scharfe Augen. Kulikow machte ihm natürlich eine Andeutung, daß sie den Branntwein abholen wollten, den sie in der Werkstätte schon einen Tag vorher vorbereitet hatten. Dies machte auf Schilkin Eindruck; er ließ sie ohne Argwohn gehen und blieb mit dem jungen Rekruten zurück, während Kulikow, A–w und Koller sich in die Vorstadt begaben.
Es verging eine halbe Stunde; sie kamen noch immer nicht zurück, und das fiel Schilkin auf. Er selbst war ja mit allen Wassern gewaschen. Er begann sich zu besinnen: Kulikow hatte eine eigentümliche Stimmung gezeigt, A–w hatte mit ihm zweimal geflüstert oder ihm mindestens zugeblinzelt, das hatte er gesehen; nun konnte er sich auf alles besinnen. Auch Koller war ihm aufgefallen; er hatte vor dem Weggehen dem Rekruten einen Vortrag gehalten, wie er sich in seiner Abwesenheit zu benehmen habe, und dies war bei Koller nicht recht natürlich. Mit einem Worte, je mehr Schilkin über die Sache nachdachte, um so verdächtiger erschien sie ihm. Es wurde indessen immer später, sie kehrten nicht zurück, und seine Unruhe erreichte den höchsten Grad. Er wußte sehr gut, was er dabei selbst riskierte: der Verdacht der Obrigkeit mußte ja auch auf ihn fallen. Man konnte ja annehmen, daß er die Genossen in Kenntnis ihrer Absicht und im Einverständnis mit ihnen habe fortgehen lassen, und wenn er noch länger wartete und keine Anzeige erstattete, müßte dieser Verdacht eine noch größere Wahrscheinlichkeit gewinnen. Er durfte also keine Zeit verlieren. Jetzt erinnerte er sich auch, daß Kulikow und A–w in der letzten Zeit besonders intim mit einander waren, oft getuschelt hatten und häufig hinter den Kasernen, fern von allen Augen, herumgegangen waren. Es fiel ihm ein, daß er sich auch schon damals Gedanken über sie gemacht hatte... Er blickte seinen Bewacher prüfend an; dieser gähnte, auf das Gewehr gestützt, und putzte sich auf die unschuldigste Weise mit dem Finger die Nase; Schilkin erwies ihm daher nicht einmal die Ehre, ihn in seinen Verdacht einzuweihen, sondern sagte ihm ganz einfach, er solle ihn in die Ingenieurwerkstätte begleiten. In der Werkstätte wollte er fragen, ob sie dort angekommen seien. Es erwies sich aber, daß sie dort niemand gesehen hatte. Nun bestanden für Schilkin keine Zweifel mehr: Selbst daß sie sich einfach in die Vorstadt begeben haben, um da zu trinken und zu bummeln, was Kulikow manchmal zu tun pflegte, dachte sich Schilkin, ist unwahrscheinlich. Dann würden sie es ihm gesagt haben, denn so etwas würden sie vor ihm nicht verheimlichen. Schilkin brach seine Arbeit ab und begab sich, ohne erst nach der Kaserne zurückzukehren, direkt ins Zuchthaus.
Es war schon fast neun Uhr, als er zum Feldwebel kam und ihm meldete, was geschehen war. Der Feldwebel bekam natürlich große Angst und wollte es anfangs gar nicht glauben. Schilkin teilte ihm dies alles natürlich nur als einen Verdacht mit. Der Feldwebel stürzte sofort zum Major. Der Major begab sich unverzüglich zum Kommandanten. Nach einer Viertelstunde hatte man schon alle notwendigen Maßregeln ergriffen. Man meldete es sofort dem Generalgouverneur. Es waren ja besonders wichtige Verbrecher, und ihretwegen konnte aus Petersburg eine heftige Rüge kommen. A–w wurde, ob mit Recht oder Unrecht, zu den politischen Verbrechern gerechnet; Kulikow aber gehörte der »Besonderen Abteilung« an, war also ein Erzverbrecher und dazu noch ein militärischer. Es war bisher noch nie vorgekommen, daß jemand aus der Besonderen Abteilung entwichen wäre. Bei dieser Gelegenheit erinnerte man sich, daß die Vorschrift für jeden Arrestanten aus der Besonderen Abteilung bei der Arbeit zwei oder wenigstens einen Wachsoldaten verlangte. Diese Vorschrift war also hier verletzt worden. Die Sache konnte also recht unangenehm werden. Es wurden Extraboten nach allen Dorfgemeinden, nach allen Flecken in der Umgegend geschickt, um die Nachricht von der Flucht zu verbreiten und überall das Signalement der Flüchtlinge zu hinterlassen. Man sandte Kosaken aus, um sie einzuholen und einzufangen; man schrieb nach allen benachbarten Landkreisen und Gouvernements... Mit einem Worte, man bekam ordentlich Angst.
Indessen begann bei uns im Zuchthause eine Aufregung anderer Art. Die Arrestanten erfuhren, als sie von den Arbeiten zurückkehrten, von der Sache. Die Nachricht hatte bald alle erreicht. Alle nahmen sie mit einer außerordentlichen, heimlichen Freude auf. Einem jeden erzitterte das Herz... Außerdem hatte dieses Ereignis die Eintönigkeit des Zuchthauslebens unterbrochen und den Ameisenhaufen aufgewühlt; eine Flucht, noch dazu eine solche Flucht weckte in jeder Seele einen Widerhall und brachte längst vergessene Saiten zum Klingen; in allen Herzen regte sich etwas wie Hoffnung, Unternehmungslust, der Gedanke an die Möglichkeit, sein Schicksal zu ändern. »Da sind sie wirklich entflohen; warum sollten wir es nicht auch?...« Und ein jeder faßte bei diesem Gedanken neuen Mut und sah die andern herausfordernd an. Jedenfalls fingen plötzlich alle an, die Unteroffiziere stolz und von oben herab anzusehen. Selbstverständlich eilten die Vorgesetzten sofort ins Zuchthaus. Auch der Kommandant selbst kam gefahren. Unsere Arrestanten blickten kühn, sogar etwas verächtlich, mit einem eigentümlichen stummen und strengen Ernst, als wollten sie sagen: »Ja, wir verstehen wohl, so eine Sache zu deichseln!« Natürlich hatte man bei uns das Erscheinen sämtlicher Vorgesetzter schon vorhergesehen. Man hatte auch mit Durchsuchungen gerechnet und alles rechtzeitig versteckt. Man wußte, daß die Vorgesetzten in solchen Fällen eine verspätete Voraussicht zu zeigen pflegen. So kam es auch: es gab ein großes Durcheinander, alles wurde durchsucht und durchwühlt, aber natürlich nichts gefunden. Zur Nachmittagsarbeit wurden die Arrestanten unter verstärkter Bewachung geschickt. Abends sahen die Wachsoldaten jeden Augenblick ins Zuchthaus hinein und zählten die Leute einmal mehr als sonst. Dabei verrechneten sie sich zweimal mehr als sonst. Es gab daher ein neues Durcheinander: man trieb alle auf den Hof hinaus und zählte sie noch einmal durch. Dann zählte man noch einmal in den Kasernen nach... Mit einem Worte, die Obrigkeit hatte alle Hände voll zu tun.