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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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Aber was soll ich darüber reden!... Ich will lieber noch etwas berichten, um meine Schilderung nicht allzu gewaltsam abzubrechen.

Es ist mir eingefallen, daß vielleicht jemand fragen wird, ob es denn ganz unmöglich gewesen sei, aus dem Zuchthause zu fliehen, und ob bei uns während dieser ganzen Jahre niemand entflohen wäre. Ich sagte schon, daß ein Arrestant, der zwei oder drei Jahre im Zuchthause zugebracht hat, diese Jahre zu schätzen anfängt und unwillkürlich zur Einsicht gelangt, daß es besser sei, den Rest ohne Sorgen und Gefahren zu absolvieren, um dann auf gesetzliche Weise als Ansiedler entlassen zu werden. Dieser Einsicht ist aber nur ein Arrestant zugänglich, der für eine nicht allzu lange Frist verschickt worden ist. Ein für viele Jahre Verurteilter ist mitunter bereit, zu riskieren... Aber es kam bei uns im allgemeinen nicht vor. Ich weiß nicht, ob sie zu feige waren, oder ob die Aufsicht allzu streng oder die Lage unserer Stadt (in der offenen Steppe) allzu ungünstig gewesen ist. Ich glaube, alle diese Ursachen wirkten zusammen. Es war tatsächlich recht schwer zu entfliehen. Und doch ereignete sich zu meiner Zeit ein solcher Falclass="underline" zwei Arrestanten riskierten es, dazu noch zwei von den schwersten Verbrechern...

Nach der Absetzung des Majors blieb A–w (derjenige, der ihm als Spion im Zuchthause diente) ganz allein, ohne jede Protektion. Er war noch sehr jung, aber sein Charakter hatte sich mit den Jahren gefestigt. Er war überhaupt ein frecher, entschlossener und sogar sehr intelligenter Mensch. Wenn er die Freiheit erlangt hätte, so wäre er wohl imstande gewesen, noch weiter zu spionieren und sich durch ähnliche gemeine Dienste zu ernähren, aber er wäre doch nicht so dumm und unvernünftig hereingefallen wie bei seinen ersten Versuchen, als er seine Dummheit mit der Verschickung hatte büßen müssen. Er übte sich unter anderem auch in der Anfertigung von falschen Pässen. Dieses will ich jedoch nicht positiv behaupten. Ich habe es nur von unseren Arrestanten gehört. Man erzählte sich, daß er sich auf diesem Gebiete schon früher betätigt habe, als er noch zum Platzmajor in die Küche ging, und daß er davon entsprechende Einnahmen gehabt hätte. Mit einem Worte, er wäre wohl zu allem fähig gewesen, um sein Schicksal zu verändern. Ich hatte einmal die Gelegenheit, in seine Seele hineinzublicken: sein Zynismus ging bis zu einer empörenden Frechheit, bis zur kältesten Verhöhnung und erregte einen unüberwindlichen Ekel. Mir scheint, wenn er große Lust gehabt hätte, ein Gläschen Branntwein zu trinken und dieses Gläschen auf keine andere Weise hätte bekommen können, als daß er dazu einen Menschen ermorden müßte, so hätte er unbedingt den Menschen ermordet, wenn es nur möglich gewesen wäre, es in aller Heimlichkeit zu machen. Im Zuchthause hatte er Vorsicht gelernt. Auf diesen Menschen richtete nun seine Aufmerksamkeit der Arrestant Kulikow aus der Besonderen Abteilung.

Von Kulikow habe ich schon gesprochen. Er war nicht mehr jung, aber leidenschaftlich, zäh, stark, mit außerordentlichen und mannigfaltigen Fähigkeiten begabt. In ihm steckte eine ungebrochene Kraft, und er wollte sich noch ausleben; solche Menschen haben bis ins hohe Alter das Bedürfnis, sich auszuleben. Wenn ich mich darüber gewundert hätte, daß bei uns keine Fluchtversuche unternommen wurden, so würde ich mich natürlich zu allererst über diesen Kulikow gewundert haben. Aber Kulikow entschloß sich dazu. Wer von den beiden den größeren Einfluß auf den andern hatte, ob A–w auf Kulikow oder Kulikow auf A–w, weiß ich nicht, aber beide waren einander wert und ergänzten sich bei diesem Unternehmen in der besten Weise. Sie schlossen Freundschaft. Mir scheint, Kulikow rechnete darauf, daß A–w die nötigen Pässe herstellen würde. A–w war adliger Abstammung, aus guten Gesellschaftskreisen – dieses versprach eine reiche Abwechslung in den künftigen Abenteuern, wenn sie nur erst Rußland erreicht haben würden. Wer weiß, was für Verabredungen sie unter sich trafen und was für Hoffnungen sie hatten; wahrscheinlich gingen aber ihre Hoffnungen über die gewöhnliche Routine der sibirischen Landstreicher hinaus. Kulikow war von Natur ein Schauspieler und konnte sich im Leben viele verschiedene Rollen wählen; er durfte auf vieles hoffen, jedenfalls auf Abwechslung. Auf solchen Leuten lastet das Zuchthausleben besonders schwer. Sie verabredeten zu fliehen.

Aber ohne Mitwirkung des Begleitsoldaten konnte man nicht fliehen. Man mußte auch diesen zur Flucht überreden. In einem der Bataillone, die in der Festung lagen, diente ein Pole, ein energischer Mensch, der vielleicht ein besseres Schicksal verdiente, ein schon bejahrter, tapferer und ernster Mann. In seinen jungen Jahren war er, gleich nachdem er als Soldat nach Sibirien gekommen war, aus tiefem Heimweh geflohen. Er wurde eingefangen, gezüchtigt und für zwei Jahre in die Strafkompagnie eingereiht. Als er dann wieder ins Regiment kam, besann er sich eines Besseren, tat seinen Dienst gewissenhaft und eifrig und wurde zur Belohnung zum Gefreiten befördert. Er war ein Mensch mit Ehrgeiz und Selbstvertrauen. Er blickte und sprach immer wie ein Mensch, der sich seines Wertes bewußt ist. Ich hatte ihn während dieser Jahre einige Male unter unseren Begleitsoldaten getroffen. Auch unsere Polen hatten mir einiges über ihn erzählt. Ich hatte den Eindruck, daß sein früheres Heimweh sich in ihm in einen ständigen, dumpfen, versteckten Haß verwandelt habe. Dieser Mensch war zu allem fähig, und Kulikow hatte sich nicht getäuscht, als er ihn sich zum Genossen wählte. Sein Name war Koller. Sie einigten sich und setzten den Tag fest. Es war im Juni, in der heißesten Jahreszeit. Das Klima in dieser Stadt ist ziemlich gleichmäßig; im Sommer herrscht beständiges warmes Wetter, und das ist für einen Landstreicher sehr vorteilhaft. Natürlich konnten sie die Flucht nicht direkt von der Festung aus unternehmen; die ganze Stadt lag frei und von allen Seiten offen. Ringsum gab es ziemlich weit keine Wälder. Man mußte sich also bürgerliche Kleidung verschaffen und zu diesem Zweck in die Vorstadt kommen, wo Kulikow von früher her einen Unterschlupf hatte. Ich weiß nicht, ob seine Freunde in der Vorstadt in das Geheimnis eingeweiht waren. Es ist anzunehmen, daß es wohl der Fall war, obwohl sich dies später bei der Untersuchung nicht völlig aufklären ließ. In jenem Jahre begann in einem Winkel dieser Vorstadt ein junges, recht hübsches Mädchen, mit dem Spitznamen Wanjka-Tanjka ihre Laufbahn; sie berechtigte damals zu großen Hoffnungen, die sie später zum Teil auch erfüllte. Man nannte sie auch »Feuer«. Auch sie scheint an der Sache beteiligt gewesen zu sein. Kulikow hatte sich ihr zuliebe schon seit einem ganzen Jahr ruiniert. Die Gesellschaft richtete es des Morgens beim Abmarsch zur Arbeit so ein, daß man sie mit dem Arrestanten Schilkin, einem Ofensetzer und Maurer, schickte, um die leeren Bataillonskasernen, aus denen die Soldaten für den Sommer in ein Zeltlager gezogen waren, neu zu tünchen. A–w und Kulikow wurden ihm als Handlanger mitgegeben. Koller ließ sich ihnen als Begleitsoldat beigeben, da aber drei Arrestanten nach den Vorschriften zwei Wachsoldaten erfordern, so gab man dem Koller als einem alten Soldaten und Gefreiten einen jungen Rekruten mit, damit er ihn im Wachdienste unterweise. Unsere Flüchtlinge haben also einen außerordentlich starken Einfluß auf Koller haben müssen, wenn dieser kluge, solide und berechnende Mann sich nach einer so langjährigen und in der letzten Zeit so erfolgreichen Dienstkarriere entschlossen hatte, ihnen zu folgen.

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